5. Januar 2012

'Albtraum der gestohlenen Gefühle' von Annette Paul

Sieben nachdenkliche und sensible Kurzgeschichten.

Ist es wirklich so wunderbar, ewig zu leben? Ein Nachbarschaftsstreit bringt Unheil über die Beteiligten. Wie lebt es sich in einer Gesellschaft, in der es keine Gefühle mehr gibt? Sind Menschen, die perfekt funktionieren, wirklich glücklich?

Der Mehrzahl der enthaltenen Geschichten wurde in Anthologien erstveröffentlicht und ist in diesem eBook erstmals als Sammlung erhältlich.

Gleich lesen: "Albtraum der gestohlenen Gefühle"



Leseprobe:
Verzaubernde Welt
Die ganze Stadt hatte den Jahrmarkt mit all seinen Händlern, Possenreißern und Gauklern schon sehnsüchtig erwartet. Zu selten gab es eine Abwechslung vom harten Alltagsleben. Endlich war es soweit.
Jung und Alt vergnügten sich auf dem Markt, feilschten mit Händlern um Haushaltsgegenstände, bestaunten den Zwerg und die Frau mit den drei Augen. Besonderen Zuspruch fanden die Gaukler. Dieses Jahr war ein besonderer Künstler dabei. Die Leute bejubelten ihn. Er jonglierte mit brennenden Fackeln, turnte und verrenkte sich, als ob er keine Knochen im Leibe hätte.
Ein kleiner Junge konnte sich gar nicht lösen. Als abends die Händler wieder einpackten, stand er immer noch bei den Gauklern.
„Na, Kleiner, willst du nicht nach Hause?“, fragte der Künstler.
„Nein, ich will mit euch ziehen. Wie bist du Gaukler geworden?“
„Ich bin, solange ich denken kann, von Jahrmarkt zu Jahrmarkt gezogen. Ich habe schon als kleines Kind angefangen.“
„Das will ich auch“, sagte der Junge.
Der Gaukler zeigte ihm, wie er mit drei Bällen jonglieren könne.
„Wenn wir nächstes Jahr wiederkommen, zeigst du mir, was du gelernt hast. Kannst du es, zeige ich dir weitere Kunststücke, und wenn du groß bist, kannst du mit uns mitkommen. Aber du musst jeden Tag üben“, sagte der Gaukler.
Der Junge versprach es.
„Wo kommt du her?“, fragte er weiter.
„Vom roten Stern“, antwortete der Fremde.
„Und wo gehst du hin?“
„Zum blauen Mond.“
Der Gaukler packte seinen Sack, warf ihn über seine Schulter und machte sich auf den Weg. Kräftig schritt er aus, stieg in die Luft und immer weiter aufwärts dem Mond entgegen.
Die anderen Menschen sahen ihn nicht, nur der kleine Junge beobachtete ihn staunend.

Im Kindle-Shop: Albtraum der gestohlenen Gefühle

Mehr über und von Annette Paul auf ihrem Blog.



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