12. Juni 2012

'Wolf-Rüdigers schwerer Gang zum Arbeitsamt' von R.D.V. Heldt

Oh je, plötzlich arbeitslos. Wolf-Rüdiger ist ratlos, kopflos, mutlos. Die Mühlen der Bürokratie setzen ihm zu. Im Wandel der Gefühle erlebt er Scham, Hoffnung und Wut. Dieses Buch zeigt die Irrungen und Wirrungen eines unscheinbaren Finanzbuchhalters auf dem Weg durch die Instanzen. Auch arbeitslos zu sein muss gelernt werden.

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Leseprobe
Wolf-Rüdiger Meier, ein unscheinbarer Typ, mit dunkler Hornbrille und präzise gezogenem rechten Scheitel, in seinem braunen, nun schon mit einigen grauen Strähnchen durchzogenem Haar. Das auffälligste an ihm war sein Vorname. Wolf-Rüdiger war ein bescheidener Mann, mit 48 Jahren noch ledig, der mit seiner Mutter in einer 3-Zimmerwohnung eines Mehrfamilienhauses in Berlin-Wilmersdorf lebte. In einem mittelständischen Betrieb hatte er eine kaufmännische Ausbildung absolviert und arbeitete nun schon seit mittlerweile 30 Jahren als Finanzbuchhalter in derselben Firma.
Sein Leben verlief farblos und monoton, doch er war zufrieden. Er war gesund, hatte einen festen Arbeitsplatz, ein Dach über dem Kopf und ein monatliches Einkommen, mit dem er zwar keine großen Sprünge machen konnte, womit er aber auskam. Kurzum, er machte sich keine Zukunftssorgen bis, ja bis eines Tages die Firma verkauft wurde und neue Chefs das Sagen hatten. Wolf-Rüdiger war plötzlich nicht mehr geeignet – er war veraltet. Dies wurde ihm inoffiziell gesagt, offiziell hieß es Personalabbau aus wirtschaftlichen Gründen. Ehe er begriff wie ihm geschah, wurde er entlassen und war arbeitslos.

Diese Situation überforderte ihn. Er, der sich nie etwas hatte zu Schulden kommen lassen, der immer fleißig und zuverlässig war, saß plötzlich auf der Straße. Was sollte er nun tun? Ja, was musste er tun? Fragen über Fragen und keine Antwort. Eines war ihm aber klar, er musste zum Arbeitsamt. Ein Weg, den er sich nie vorstellen konnte, musste nun beschritten werden, damit es irgendwie weiterging.
Schweren Herzens betrat er das rote Backsteingebäude. Dabei, in der rechten Hand, seine braune, abgenutzte Aktentasche, die seine Entlassungspapiere und das Zeugnis, welches in seinen Augen ehr nach einem Toilettengang zu benutzen war, beinhaltete. Vor einer großen Informationstafel blieb er stehen. >Ah, da steht etwas von Arbeitslosenmeldung, da bin ich wohl richtig< dachte er bei sich und merkte sich den 2. Stock, Zimmer 286. Mühsam stapfte er die Treppen hoch, denn einen Aufzug konnte er nicht finden. Einige Minuten später stand er vor der Tür. Zaghaft wollte er anklopfen, als sich hinter ihm eine Stimme meldete:
„He, Nummer zieh´n und hinten anstellen. Nich einfach vordrängeln, hier herrscht Ordnung.“
Wolf-Rüdiger zuckte zusammen, entschuldigte sich, zog am Automaten eine Nummer und setzte sich brav auf einen leeren Stuhl, zu den anderen „Arbeitslosen“.
Nach einer geschlagenen dreiviertel Stunde wurde seine Nummer aufgerufen. Wieder zaghaft trat er ein. Hinter einem alten Holzschreibtisch saß ein junges Mädchen, das kurz zu ihm aufblickte, aber erst noch weitere Eingaben an ihrem PC vornahm und erst als sie damit fertig war, Wolf-Rüdiger aufforderte doch Platz zu nehmen. Das hätte er sich jetzt auch sparen können, denn nachdem er ihr mitgeteilt hatte, dass er sich arbeitslos melden wollte, holte sie einen Packen Formulare hervor, drückte sie ihm in die Hand und erklärte, dass er diese erst ausfüllen musste, um sie dann mit allen erforderlichen Papieren wieder herzubringen.
Was war das denn? Dafür musste er so lange warten, um dann nach zwei Minuten, beladen mit einem Haufen Papier wieder nach Hause zu gehen?
Doch was blieb ihm anderes übrig. Er war schließlich arbeitslos und musste gehorchen.
Auf dem Flur des Arbeitsamtes musste er an einer Schlange wartender Menschen vorbei, die sein Schicksal teilten.
>Na wenigstens geht es mir nicht alleine so< dachte er.

Zu Hause angekommen erwartete ihn seine Mutter.
„Na Wolf-Rüdiger, wie ist es gelaufen?“ wollte sie wissen.
„Heute noch gar nicht“ antwortete er „ich muss erst den Antrag ausfüllen und dann noch einmal hin.“
„Dann mach das gleich“ forderte sie ihn auf.
„Was sollen wir machen, wenn am nächsten Ersten die Miete fällig wird und nur meine Rente da ist? Sieh zu, dass Du bis dahin Arbeitslosengeld kriegst, damit wir über die Runden kommen. Oh Gott, wenn dies Dein Vater noch erlebt hätte, dass Du arbeitslos bist. Weißt Du, ich hasse so leicht keinen Menschen, aber diesen Suppe hasse ich. Wie konnte er Dir das antun?“
„Mutter“ meldete sich nun Wolf-Rüdiger „der heißt Soupee´ und es bringt gar nichts wenn Du ihn hasst. Er hat nun einmal die Firma übernommen und mich entlassen. Erfreut bin ich auch nicht darüber, aber muss mich mit der Tatsache abfinden. Bestimmt hab ich bald eine neue Anstellung und dann geht alles seinen alten Gang. Mach Dir also nicht so viele Sorgen.“
Die Worte, mit denen er seine Mutter tröstete, glaubte er selbst nicht. Innerlich war er aufgebracht und gleichzeitig am Boden zerstört. >Dieser Mistkerl. Nach dreißig Jahren setzt der mich auf die Straße. Nun renn ich als Bittsteller zum Amt und komme mir vor wie ein Schnorrer. Erst mal muss ich aber die Papiere fertig machen und sie einreichen. Oh Mann, wie ich das hasse<.
Frustriert holte er den Papierstapel aus seiner Tasche und fing an sich durchzuarbeiten. Es war ein Paragraphenwust und Fragen, bei denen er sich nicht vorstellen konnte, dass es überhaupt erlaubt war, sie zu stellen.
Nach einer Weile schmiss er den Kugelschreiber auf den Tisch und sagte laut und verärgert:
„Der gläserne Mensch ist ein Scheißdreck dagegen. Was die alles wissen wollen.“
Zum Glück hörte seine Mutter ihn nicht. Sie war in der Küche damit beschäftigt, das Mittagessen zu machen.
Angewidert nahm er den Kugelschreiber wieder in die Hand und machte fleißig seine Kreuzchen oder trug handschriftlich die geforderten Antworten ein. Es nahm einfach kein Ende. Das Mittagessen war eine erfreuliche Ablenkung von dieser Fleißarbeit. Nach vollen drei Stunden war er fertig. Der Tisch sah aus, wie nach einem Bombenangriff. Überall lagen verstreut Papiere herum. So hat sein Schreibtisch in der Firma niemals ausgesehen, aber da wusste er ja immer was zu tun war und arbeitete sorgfältig nach seinem Schema. Dies hier war jedoch etwas ganz anderes. Abschließend sortierte er den ausgefüllten Antrag den Seitenzahlen entsprechend, steckte die Blätter mit einer Büroklammer zusammen und verstaute alles wieder in seine Aktentasche.

Im Kindle-Shop: Wolf-Rüdigers schwerer Gang zum Arbeitsamt

Mehr von R.D.V. Heldt auf ihrer Website.

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