4. September 2012

"Das Petersplatz-Komplott" von George Tenner

Als 1981 die Schüsse auf dem Petersplatz in Rom fallen, ahnen nur wenige, dass der sowjetische Geheimdienst KGB das Mordkomplott gegen den Papst geschmiedet hat. Der Pole ist den Sowjets wegen seiner freiheitlichen Einstellung, die sich letztlich gegen eine Sowjetisierung Polens richtet, ein Dorn im Auge. Sie müssen den Papst, der die neue Gewerkschaft Solidarnosc und die intellektuelle Vereinigung KOR unterstützt, beseitigen, wollen sie keinen neuen Aufstand gegen ihre Vorherrschaft riskieren. Schon Stalin hat - in Verkennung der Gefahr - spöttisch gefragt: „Wie viele Legionen hat der Papst schon?“

Es hat sich gezeigt, dass der Papst nicht Legionen, sondern ganze Völker hinter sich hat, die, käme es darauf an, gegen die Sowjetunion stehen würden. Dazu kommt die spannungsreiche Geschichte, die das Verhältnis der Polen zu den Sowjets geprägt hat. Um nicht des Mordes an einem Papst unmittelbar bezichtigt zu werden (es hätte gerade bei Wojtyla in Polen verheerende Folgen gehabt), bedient sich der KGB seiner kleineren Brüder, in diesem Falle war es der bulgarische Geheimdienst, der vor Ort die Einsatzleitung hatte.

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Leseprobe:
In der Stadt am Tiber stand die Sonne, einem feurigen Ball gleich, weiß-rot-glühend am Himmel.
Der Mann erhob sich von seinem Bett, ging zu dem abgedunkelten Fenster und schob die Läden auf. Er blinzelte in das Licht, das seine Augen für einen Moment blendete. Dann schaute er hinunter zur Straße. Mühsam bewegte sich der Verkehr. Das laute Hupen, das Schreien der Fahrer, das Gestikulieren mit den Händen, das Feilschen um angebotene Früchte unterhalb seines Zimmers, erinnerte ihn an das pulsierende Leben der Stadt.
Es ist ein Ort der Christen, dachte er, daran besteht kein Zweifel. Wie zur Bestätigung flanierten zwei Padres in schwarzen Soutanen vor dem Haus. Sie waren ins Gespräch vertieft, hatten ihre Umwelt vergessen.
Der Mann am Fenster dachte: Heute Abend werdet ihr Grund haben, miteinander zu reden. Das weiß Allah! Mustafa Karaca ließ einen Teil seines Lebens an sich vorbeiziehen. Er hatte sich gerühmt, einer von Öztürks Leuten zu sein. Mustafa hatte den Führer der MIHP als eine Art Ersatzvater akzeptiert und verehrt. Sein eigener Vater war gestorben, als er ein Knabe von acht Jahren war. Als ältester Sohn war es an Mustafa, seiner Mutter zur Hand zu gehen. Er versuchte, sich als Wasserverkäufer durchzuschlagen, damals 1966 auf dem Bahnhof seiner ostanatolischen Heimatstadt Malatya. Als er zu Öztürks Gruppe stieß, fühlte er sich zu Höherem berufen. Sie hatten in der Anfangszeit gemeinsam politische Widersacher erschlagen. Der linke Mob war aus dem Untergrund hervorgekommen, wie die Ratten bei Nacht, immer auf der Suche, die innere Ordnung des Staates zu stören und eine Gesellschaft marxistischer Prägung zu errichten. Öztürk hatte die Beliebtheit Kemal Atatürks für seine Zwecke genutzt. Und welcher junge Mann hat nicht den Willen, für ein starkes Vaterland Großes zu vollbringen? Mustafa Karaca hatte die Romane Forsythes und John Le Carrés verschlungen. Nun wollte er sein wie der Schakal, ein einsamer, von allen gefürchteter Killer.
Carlos, der glänzende Organisator des Überfalls auf die Ölminister der OPEC-Staaten bei deren Konferenz 1975 in Wien, hatte erheblichen Einfluss auf Karaca und selbst Habbash, der Führer der PFLP, nötigte dem jungen Mann Bewunderung und Anerkennung für seine Aktionen gegen den gemeinsamen Feind Israel ab.
Mit der Zeit hatte er das Vertrauen des großen Öztürks gewonnen. Das Vertrauen rechtfertigte er durch die Beseitigung des Chefredakteurs der linksliberalen Zeitung Milliyet, Nazim Muncu. Wenig später war er zum Henker der Wölfe avanciert. Er hatte das Leben der Widersacher des Führers ausgelöscht, wie andere eine Kerze ausblasen, kurz und ohne Gewissensbisse.
Seitdem er für die Bruderparteien Aufgaben im Ausland erledigte, bezog er eine Aufwandsentschädigung und eine Abschussprämie.
Er drehte sich um und schaute in den großen, geschliffenen Spiegel aus dem vorigen Jahrhundert. Spätestens morgen wird man im entlegendsten Winkel der Erde wissen, was für ein Mann du bist. Wieder dachte er an Carlos, den bekanntesten aller Terroristen, und er lächelte bei dem Gedanken, ihn zu überflügeln. Wer hat schon vorzuweisen, ein Oberhaupt der katholischen Kirche beseitigt zu haben; zuletzt war ein Papst vor vierhundertundsechzig Jahren eines unnatürlichen Todes gestorben.

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