29. Oktober 2012

'Lutetia Stubbs - Herz aus Stein' von Matthias Czarnetzki

Ein weiterer sarkastisch humorvoller Krimi um Lutetia Stubbs aus Schottland, die vieles ist, nur kein Menschenfreund. Lesermeinung: "Die Story steckt voller schwarzem Humor; der Schreibstil ist geschliffen."

Lutetia Stubbs sucht nicht nach Leichen - sie werden ihr gebracht; meist in praktische Plastiktüten verpackt und fertig zum Einäschern. Bedauerlicherweise kommen die Kunden in letzter Zeit mehr oder weniger ausgeschlachtet ins Bestattungsinstitut. Für Polizeichef Murdok McDuff die ideale Gelegenheit, seine Lieblingsfeindin samt Familie wegen illegalen Organhandels ins Gefängnis zu bringen. Mittlerweile hat Harold in Las Vegas die Familienburg an einen Mafiaboss verspielt. Der steht kurz darauf vor dem Burgtor - mit Schuldschein und Panzerfaust und ohne das Bewusstsein, dass seine Lebenserwartung soeben drastisch gesunken ist.

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Leseprobe:
Der nächste Vormittag begann für Kate Knightsbridge ganz normal. Das heißt, mit nicht mehr als dem üblichen Chaos. Kate war genetisch von ihrem Elternhaus mit einer ordentlichen Figur, wenig Verstand und der Unfähigkeit zum Nein-Sagen ausgestattet worden - was ihr sechs Kinder von neun verschiedenen Männern eingebracht hatte. Niemand wusste, wie das funktioniert haben sollte, aber diverse eheliche Treuegelöbnisse auf Seiten der Männer schützten Kate vor unangenehmen Nachfragen. Kate, die ihre Brut mit so viel Nachlässigkeit erzog, dass es an Ignoranz grenzte, war auf dem Weg zur Bank, um die monatlichen Alimentenzahlungen zu kontrollieren, als Lutetia ihr begegnete. Die lärmende Kinderschar wurde schlagartig still. Es gab Gerüchte, die jedes Kind in Borough kannte1. Außerdem hatte sie den großen Herd in der Burgküche reparieren lassen und es nicht versäumt, die Handwerker darauf hinzuweisen, dass der groß genug wäre, ein Kind darin zu braten.
Kate bekam davon nichts mit. Sie las die aktuelle Vanity Fair, Quell all ihrer Träume und Hoffnungen. Nichts in ihrem Leben hatte sie veranlasst, ihre Kleinmädchenfantasien aufzugeben. Sie träumte noch immer von rauschenden Festen in rauschenden Kleidern, die in einer rauschenden Matratze endeten und am nächsten Morgen nur die Erinnerung an einen Rausch hinterließen. Der Lärm der Realität erinnerte sie daran, dass meist etwas mehr als die Erinnerung zurückblieb.
"Ruhe ihr Bälger! Du da, nimm deine Schwester an die Hand! In Zweierreihen hintereinander!"
Sie zerrte den Kinderwagen in eine neue Richtung. Nummer Sechs konnte noch nicht laufen, aber das würde sich schnell ändern - spätestens wenn Sieben den Platz im Kinderwagen beanspruchte; was in zwei Monaten der Fall sein dürfte. Kate sah nicht ein, zwei Wagen zu schieben, wenn einer reichte. Sie wollte nicht einmal einen schieben und stieß den Kinderwagen an damit er allein rollte und widmete sich einem Artikel über irgendwelche Filmfestspiele. Es ging ihr nicht um Kunst oder Filmkritiken, sondern die Roben der Stars und Sternchen auf dem roten Teppich. Sie stieß den Wagen wieder vorwärts. Kate betrachtete die Fotos in der tiefen Überzeugung, dass sie auf jeden Fall eine viel bessere Figur darin gemacht hätte. Sie inspizierte ein Dior-Kleid, das an Cate Blanchett herumschlackerte wie an einer Vogelscheuche und an Stellen herunterhing, die Kate optimal ausgefüllt hätte. Automatisch schubste sie den Kinderwagen wieder ein paar Meter vorwärts. Sie fragte sich, warum einige es zu Berühmtheit, Ansehen und Geld brachten, und sie nicht - eine der großen Ungerechtigkeiten des Lebens. Mit der Rechten stieß sie den Kinderwa... Da war kein Kinderwagen. Kate sah nach vorn. Die Straße war an dieser Stelle leicht abschüssig und das Gefährt hatte bereits Fahrt aufgenommen und holperte auf die Main Road zu. Aus den Geschäften auf beiden Seiten der Straße - dem Flanierzentrum Boroughs - sahen Kunden amüsiert dem verselbständigten Baby nach, aber keiner dachte daran, es aufzuhalten. Kate sah die Kreuzung, auf die der Kinderwagen zurollte, über die ungebremst Autos und Laster donnerten und kalkulierte blitzschnell. Für Baby Sechs - Klein-Harry - kassierte sie Alimente von drei potenziellen Vätern. Kate begann zu schreien.
Der Schrei gellte durch die Geräusche des vormittäglichen Einkaufgetümmels. Lutetia wirbelte herum und erfasste die Situation mit einem Blick. Sie rannte los. Aber sie wusste, selbst mit Höchstgeschwindigkeit wäre der Lieferant von Marcs & Spencers schneller - leider saß der in einem Vierzigtonner und war zu sehr mit dem Mobiltelefon beschäftigt, um den wildgewordenen Kinderwagen zu bemerken. Die Menschen registrierte sie als zu Salzsäulen erstarrte Gaffer. Die meisten hatten nicht begriffen, was los war, andere Gesichter glühten mit Vorfreude auf etwas Spannendes - die Erwartung von etwas Entsetzlichem, das jemand anderem zustoßen würde. Ein Blitzlicht flammte auf. Ein Mann löste sich aus der Menge. Sie konnte ihn nicht erkennen, denn er sprintete schnell und zielstrebig wie ein Gepard auf der Jagd auf das Kind zu. Der Mann musste ein Sprinter sein. Neben ihm schien es, als bewegten sich alle anderen in einer Atmosphäre aus Gelee. Er wäre eindeutig vor ihr und dem Vierzigtonner bei dem Kind. Sofort blieb Lutetia stehen - alles andere wäre Energieverschwendung gewesen. Der Kinderwagen war auf dem tiefsten Punkt seiner Fahrt stehengeblieben - mitten auf der Fahrspur. Klein-Harry schaute erwartungsvoll auf das große Auto, das sich ihm näherte. Ein kleines Babylächeln erschien auf seinem Gesicht, als Harry überlegte, wie er mit dem Ding spielen würde. Erst jetzt richtete der Fahrer den Blick wieder auf die Straße - und verlor schlagartig jede Farbe im Gesicht. Die Bremse kreischte, als er mit aller Kraft auf die Pedale stieg. Der Anhänger brach aus und fegte alles aus dem Weg. Noch zwei Meter.
Der Mann lief nicht mehr aufrecht. Er hatte, um dem Wind weniger Angriffsfläche zu geben, den Kopf vorgestreckt und den Oberkörper immer weiter nach unten geneigt bis er einer Rakete im Zielanflug glich. An der Bordsteinkante sprang er, katapultierte sich nach vorn, zielte mit der Schulter auf den Kinderwagen, um ihn aus der Gefahrenzone zu stoßen wie ein Quaterback seine Gegner. Die Stoßstange war einen halben Meter entfernt, als es so weit war.
Klein-Harrys Babylächeln war in die Breite gewachsen, als der Kinderwagen eine unerwartete Beschleunigung erfuhr. Mit unglaublicher Wucht wurde das Gefährt zur Seite gedrückt und ohne den Sicherheitsgurt, mit dem Kate ihre Grundversorgung absicherte, wäre Harry des Trägheitsgesetzes wegen an Ort und Stelle geblieben.
Der Mann musste seinen Sprung entweder exzellent vorherberechnet oder keine sonderliche Angst vor dem Tod haben. Als Harry außer Gefahr war, fehlten noch fünf Zentimeter zum Aufprall. Aber er hatte einen Fehler gemacht. Lutetias Wahrnehmung lieferte Zeitlupenaufnahmen. Er musste ziemlich groß sein, einen Meter neunzig vielleicht. Zu lang, um das Baby und sich selbst außer Gefahr zu bringen. Lutetia konnte sehen, wie die Füße des in der Luft schwebenden Mannes weggedrückt wurden, wie sein ganzer Körper den gradlinigen Kurs änderte und einen Bogen beschrieb, der zu einem Kreis, einer Spirale und dann einem Schleudertrauma würde.

Im Kindle-Shop: Lutetia Stubbs: Herz aus Stein

Mehr über und von Matthias Czarnetzki auf seinem Autoren-Blog.

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