28. November 2012

"Verurteilt als Kindsmörderin" von Aileen O´Grian

Acht mysteriöse Kurzgeschichten. Ob Rena eine alte Kate kauft, in der sie eine schreckliche Entdeckung macht? Wird Nele sich von den wunderschönen Blumen ihrer Nachbarn einen Ableger wünschen? Bekommt Inge ihre Wut auf therapeutische Weise in den Griff? Stets geschehen unheimliche, nicht erklärbare Dinge.

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Leseprobe aus "Stina vom Fischerhaus":
Voller Freude blieb Rena vor dem alten reetgedeckten Fischerhaus stehen und betrachtete es. Seit Jahren war es unbewohnt gewesen, sie würde viel Arbeit haben, bevor sie darin wohnen könnte. Dafür war es ein Schnäppchen in Seenähe gewesen. Von der Haustür konnte sie den benachbarten großen Bauernhof und etwas weiter weg den Kirchturm des Dorfes sehen. Im Hintergrund rauschte der See. Im Garten wucherten Brennnesseln und verwilderte Büsche. In ein paar Jahren würde er wieder ein blühender Bauerngarten sein.
Rena schloss die Tür auf. Muffige Luft schlug ihr entgegen. Sie öffnete das Küchenfenster. Es klemmte. Prüfend fuhr sie mit den Fingern über den Rahmen. Das Holz war gut erhalten. Die Fenster konnte sie noch eine geraume Weile benutzen. Sie mussten nur geschliffen und neu lackiert werden.
Die Wände waren trocken. Nachher würde Holger kommen und sich alles anschauen. Er hatte versprochen, ihr bei den Ausbesserungen zu helfen. Für seine Tischlerei dürfte es kein Problem sein.
Der Holzfußboden gab unter ihr nach. Vorsichtig tastete sie ihn mit den Füßen ab, bevor sie einen Schritt setzte. Sie würde ihn herausreißen. So viel Arbeit würde es nicht sein. In der Küche sollte nur Kopfsteinpflaster hinein. Auch wenn Holger sie gewarnt hatte, dass es fußkalt wäre. Aber ihr Geld reichte nicht für umfassende Erneuerungen. Der alte Kohleherd würde schon für Wärme sorgen. In der ehemaligen Stube würde sie neue Dielen legen, dazu musste sie den Boden abgraben und ein Fundament errichten. Schon am nächsten Samstag wollten ihre Freunde anrücken und ihr dabei helfen. Auf den Beton kämen dann neue Dielen.
Später würde sie irgendwann im Dach ein Schlafzimmer und im Schweinestall ein Bad einrichten. Im ersten Jahr musste das Plumpsklo im Hof reichen.
Sie lief zu ihrem Transporter und zog sich alte Jeans, T-Shirt und Turnschuhe an. Dann nahm sie einen Kuhfuß und ging zur Stube zurück. Sie setzte ihn an einer breiten Dielenfuge an und brach ein großes Stück Holz heraus. Begeistert fuhr sie fort. Bald war sie nassgeschwitzt und staubbedeckt, aber die Hälfte des Fußbodens hatte sie schon herausgeholt. Die Dielen lagen auf Holzbalken, die direkt auf der Erde ruhten. Kein Wunder, dass alles morsch und feucht war.
Gegen Mittag hörte sie Motorengeräusche und ging ins Freie. Holgers Sprinter hielt vor dem Grundstück.
„Hallo Rena! Schon fleißig gewesen?“
Holger wollte sie umarmen, hielt aber in letzter Minute inne. „Du bist mir zu staubig.“
„Ist es nicht traumhaft?“
„Ziemlich viel Arbeit.“ Holger lief langsam um das Haus herum, klopfte an die Balken, besah sich die Fenster und Türen.
„Die Bausubstanz ist noch in Ordnung. Aber willst du hier mit einer Tranlampe sitzen?“
„Der Strom wird demnächst wieder angestellt, Wasser gibt es auch. Nur kein WC.“
Holger betrat das Haus und prüfte von innen Balken und Türen. „Du hast schon ganze Arbeit geleistet. Ich besorge einen Container für den Schutt.“ Er holte eine Schubkarre aus seinem Wagen und gemeinsam luden sie das vermoderte Holz hinein und häuften es in einer Gartenecke.
„Ich komme nachher noch einmal vorbei“, versprach Holger nach zwei Stunden und verschwand.
Rena holte einen Spaten und fing an, in der Stube die Erde auszuheben. An den Rändern ließ sie etwas stehen, damit die Wände nicht einstürzten. Sie kam so schnell voran, dass ihre Freunde am Wochenende schon die Mauern untergraben und das Fundament schütten konnten.
Plötzlich stieß sie auf etwas Helles. Vorsichtig kratzte sie herum. Knochen. Lange Röhrenknochen, wie Beine. Vor Schreck ließ sie den Spaten fallen. Zitternd stand sie da.

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