29. Januar 2013

'Ein Jahr im Frühling' von Martina Nohl

Ein romantischer Liebesroman. Emily aus Hamburg wagt einen Neubeginn in Heidelberg. Sie verliebt sich dort in den schönen Witwer Josue und stellt ihm nach, bis er ebenfalls Interesse an ihr zeigt. Auf Biegen und Brechen versucht sie, in ihm ihren Traummann Wirklichkeit werden zu lassen. Gleichzeitig wird sie mit der Beziehungsrealität einer Patchworkfamilie und der Starcellistin Camilla als Konkurrentin konfrontiert.

Emily ist blind aus Sehnsucht nach Liebe und verwechselt dabei möglicherweise ein Jobangebot als Mutter mit der großen Liebe. Ob ihr der unkonventionelle David, der Heidelberg und ihre Seele wie seine Westentasche kennt, dabei hilft, neu sehen zu lernen?

Gleich lesen: Ein Jahr im Frühling (Cappuccino-Romane 1)

Leseprobe:
Es war Markt vor dem Rathaus. Tief einatmend schlenderte sie zwischen den Ständen hindurch, genoss die Vielfalt der Gerüche und lauschte dem ureigenen Dialekt, an den sie sich wirklich erst gewöhnen musste. Ihre Wirtin hatte damals im Herbst bei ihrem ersten Besuch in Heidelberg stolz auf ihre Frage geantwortet, man spräche hier „Kurpälzisch“ und das hätte weder was mit „badensisch“ noch mit „schwäbisch“ zu tun, es sei eben etwas ganz Eigenes. Sie betrat die Heiliggeistkirche und schlagartig verstummte der Trubel der Straße. Sie setzte sich auf einen der Holzstühle im Chor und wäre gerne zur Ruhe gekommen. Es war einfach zu viel passiert. Das war sie nicht gewohnt nach ihrem eher eintönigen Arbeitsleben in Hamburg. Wieder stieg die Erinnerung an Fred in ihr auf. Jetzt wünschte sie sich, sie würde mehr an Gott glauben, vielleicht hätte es sie getröstet. Aber das einzige, was sie innerlich hören konnte, waren Vorwürfe wie: „Du bist so ungerecht und lässt die Menschen grundlos leiden!“, „Das hätte ich nicht von Dir erwartet, dass Du der Menschheit einen so tollen Mann wie Fred wegnimmst“. Und während sie innerlich vor sich hin polterte, kam sie doch nicht darum herum zu spüren, dass da etwas war. Eine Präsenz, wie jemand, der neben ihr saß und einfach nur still ihrer Wut zuhörte oder jemand, der sie behutsam auf dem Schoß hielt und wiegte, während sie wie ein kleines Kind um sich schlug. Immer noch ungläubig verstummte sie nach und nach und ergab sich widerstrebend diesem Gefühl von Ruhe und Geborgenheit. Sie sah die Staubkörnchen im Sonnenlicht tanzen und die auf den Steinboden geworfenen Lichter der Kirchenfenster, die leicht an den Rändern flackerten. Ein tiefer Seufzer schüttelte sie ein wenig, sie rieb sich die Augen und erhob sich langsam aus dem knirschenden Geflecht des Stuhls und schlenderte durch die Kirche, um einige Hinweistafeln zu den außergewöhnlichen Kirchenfenstern, den Grabmälern und der Trennmauer zu lesen.
Jetzt hätte sie sich den jungen Stadtführer an ihre Seite gewünscht, damit er ihr die ersten Fragen beantworten konnte. So langsam dämmerte ihr, dass die Stadtgeschichte wohl etwas komplexer war, als sie sich das vorgestellt hatte. Bei ihm hatte sie das Gefühl gehabt, dass alles so schlüssig und einleuchtend erschien. Aber Emily, du wirst doch jetzt nicht schon gleich wieder aufgeben, mahnte sie sich. Dennoch schien ihr das Projekt „Stadtführerin“ nun doch etwas größer als erwartet. Vielleicht sollte sie nochmal eben bei der Jobbörse in der Triplex-Mensa nach einem anderen Job schauen – nur übergangsmäßig, bis sie ihr Wissen über Heidelberg aufgebaut hätte?
Als sie die alte Kirchentür zur Seite öffnete, schlug ihr erneut der Lärm der Hauptstraße ins Gesicht. Während sie zur Mensa schlenderte, dachte Emily an ihre erste Begegnung mit Heidelberg im letzten Oktober zurück.

Sie sah sich wieder auf der alten Brücke stehen und die Nase hochziehen. Ihre Taschentücher waren nur noch nasse Fetzen. Sie war gestrandet. Sie hatte sich von den zwei Kerlen ihrer Mitfahrgelegenheit am Heidelberger Bahnhof absetzen lassen, weil sie deren Weibergeschichten und grässliche Musik einfach nicht länger ertragen konnte. Nie wieder Mitfahrzentrale! Sie hätte sich doch ein Zugticket gönnen sollen, dann wäre sie jetzt in München. Aber München oder Heidelberg, was spielte das schon für eine Rolle? Hauptsache, sie war möglichst weit weg von zuhause.
Ihre Fähigkeit, sinnvoll zu handeln, schien abhandengekommen zu sein. Innere Leere war in jede Zelle ihres Körpers gekrochen und hatte keinen Platz für vernünftige Entscheidungen übrig gelassen. Sie fühlte sich, als ob ein ferngesteuertes Programm sie überleben ließ und die wichtigsten Körpervorgänge regulierte, ohne dass sie als ganze Person daran beteiligt wurde.
Es hatte angefangen zu nieseln. Sie fror, obwohl es erst Anfang Oktober war und man hier im Süden doch einen warmen Altweibersommer erwarten sollte.
Sie hörte eine, dann zwei Kirchturmglocken schlagen, automatisch zählte sie mit. Nun war es also schon sieben Uhr. Sie schnappte ihre Reisetasche und begann sich auf die Suche zu machen nach einem Zimmer für die Nacht. Sie sah sich um, wer wohl ein Einheimischer sein könnte unter all den Touristen, die den Weg durch das Brückentor Richtung Altstadt nahmen, um dem beginnenden Regen zu entfliehen. Dort schloss ein weißhaariger Herr sein Fahrrad auf. Sie trat zu ihm und fragte, ob er wisse, wo sie vielleicht in der Altstadt günstig übernachten könnte: „Probiere Se‘s mol in der Pension vun der Fraa Bender in der Kanzleigass. Sie müsse do nuff, halte se sisch dann vorne an der Strohßelatern rechts und immer weida und dann kann ihne gar nix mehr passiere!“ Fast hätte sie gelacht, das war ja mal ein Dialekt… Aber irgendwie klangen die Worte tröstlich und bodenständig, als könne ihr wirklich nichts mehr passieren.
Sie beugte sich in dem altmodisch-gemütlichen Zimmer über die Bettdecke und schnupperte an ihr. Ja, hier konnte sie bleiben. Erschöpft ließ sie sich rücklings auf das Federbett fallen. Als sie die Augen schloss, sah sie Fred, wie er in der Badezimmertür stand und sie zum Lachen brachte, wenn sie sich schminkte, so dass sie den Lidstrich verwackelte und wieder von vorne anfangen konnte. Sie sah ihn mit seinem Kumpel Marco, die Füße auf dem Couchtisch und den Laptop auf den Oberschenkeln hingebungsvoll in CRISIS2, oder was auch immer sie so täglich spielten, vertieft. Oder sie erinnerte sich daran, wie er früher am Wochenende so gegen zwölf Uhr müffelnd aus seinem Zimmer geschlurft kam und sie ihm den Platz neben sich am Frühstückstisch freiräumte, worauf er sich ein müdes kleines Lächeln abrang.ngst bereute ich, zuerst in die Küche statt gleich in die Bibliothek gegangen zu sein. Abgesehen von der harten Arbeit konnte ich nun zwischen Strick und Galgen wählen – oder vielmehr entscheiden, ob ich lieber Lytana oder Garmal verärgerte. Auf eine Verspätung folgten tagelange Nörgeleien. Doch sollte ich Lytanas nur vordergründig als Bitte getarnten Befehl missachten, wäre der Hungertod die sichere Folge. Dem Gebot meines knurrenden Magens folgend, wandte ich mich zum Händlerhof, wo noch ein Wagen darauf wartete, entladen zu werden. Auf der Mittfeste residieren der Kaiser und sein riesiger Hof mit einem Heer von Bediensteten. Hungrigen Bediensteten, die darauf vertrauten, dass der Blumenkohl beizeiten in Lytanas Küche gelangte. Ich tröstete mich mit dem albernen Gedanken, sozusagen der Retter der Mittfeste zu sein, wenn ich nun zum Wohle aller den bösen Drachen in der Höhle des Wissens warten ließ.

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Mehr von und über Martina Nohl auf ihrer Website www.cappuccino-romane.de.

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