24. September 2013

'Junimond' von Katrin Bongard

Ein sonniger Roman über Freundschaft und Liebe. Olivia, Ares und Nick sind Freunde seit dem Kindergarten, wohnen in derselben Gegend, gehen auf die gleiche Filmschule. Sie sind eine eingeschworene Freundesclique, bis Stella in ihre Gegend zieht und das sensible Gleichgewicht der Gruppe verändert. Auf einmal kommt Liebe ins Spiel und Leidenschaft. Als die vier für ein gemeinsames Filmprojekt zusammenziehen, wird schnell klar, dass jeder ein Geheimnis hat, das man selbst dem besten Freund nicht anvertrauen kann.

Das Buch spielt im Potsdamer Stadtteil Babelsberg und en passant wird einiges aus der interessanten Geschichte der Villenkolonie am Griebnitzsee miterzählt.

Leserstimmen:
»Ich liebe die Filmzitate, sie allein sind schon das Lesen wert.«
»Dieses Buch ist wie ein kleiner Independent-Film: sonnig, sympathisch und mit einer großen Liebe zur Wahrheit.«

Gleich lesen: Junimond

Leseprobe:
Ares stand am Fenster in der Küche und sah hinaus. Er aß im Stehen und dachte über die Nacht nach. Weil Nick keine Zeit gehabt hatte, war er allein von Potsdam nach Berlin Mitte gefahren und durch die Clubs und Bars gezogen. Man musste doch mal rauskommen, in die Welt gehen.
Was für eine Nacht! Und das alles nüchtern. Und das Mädchen seiner Träume hatte er auch nicht gefunden. Vermutlich hatte Nick Recht: Seine große Liebe traf man mit Sicherheit an Orten, an denen man nicht nach ihr suchte. Man öffnete ihr zum Beispiel die Tür, weil man auf ein Päckchen von Amazon wartete. Und sie wollte Gesundheitstee verkaufen oder eine Versicherung oder hatte sich in der Haustür geirrt. Und dann stand man ihr einfach gegenüber. In irgendeiner schlabbrigen Jogginghose. Unrasiert und unausgeschlafen. Oder man sah sie im Supermarkt. Sie kaufte Erdbeeren und Champagner für ihren Verlobten. Und man selber war vermutlich mit einem Wagen voll leerer Bierflaschen unterwegs und konnte ihr nicht erklären, dass man den Pfand beim Ching-Chang-Chong gewonnen hatte und ihn sich abholte, weil das Teil des Spiels war. Und eigentlich hatte man gar nicht gewonnen, sondern verloren und das würde sie natürlich sofort durchschauen. Oder sie war eine Krankenschwester, die ihm die blutigen Kleider vom Körper schälte, nachdem er sich mit dem Motorrad hingelegt hatte. Immerhin hatte man es schon so weit gebracht. Ein eigenes Motorrad, eine Enduro natürlich. Und sie musste einen komplett ausziehen, was während ihrer langen Beziehung immer ein Thema sein würde: »Du warst ja so verlegen und dann bist du in Ohnmacht gefallen. Wie ein Mädchen.«
Ja, ja.
Kurz: Auf diese Begegnung würde er sich nicht vorbereiten können. Sie würde unerwartet, am falschen Platz und zur falschen Uhrzeit eintreten und mit Sicherheit in den falschen Klamotten. Also: relax. Über diese Begegnung brauchte man sich definitiv keine Sorgen zu machen. Er konnte sich einfach weiter auf seine Karriere konzentrieren.
Ares sah zu dem leer stehenden Nachbarhaus. Hier, wo alles beginnen würde. Begonnen hatte. So stand es doch immer in den Biografien. In dieser Gegend, dem legendären Villenviertel von Babelsberg, das schon immer Künstlergeschichte geschrieben hatte. Oder besser Filmgeschichte. Was nicht so gut passte. Aber er konnte mit seinem Erfolg darauf leider keine Rücksicht nehmen. Wenn er Musik machen wollte, dann war es das, egal, auch wenn sein Vater ihm gerne seine Produktionsfirma vermachen wollte. Falls er das überhaupt vorhatte. Ares war sich da noch nicht mal sicher. Eher sah er seinen Vater noch mit neunzig Filme produzieren. Alt, leicht gebeugt, aber hundertprozentig konzentriert auf das, was er wollte und wie es gemacht werden musste. Also war es ganz okay, wenn Ares das alles nicht interessierte.
Die Band. Das war der Plan. Die Band, der Übungsraum, alle Erfolgsgeschichten fingen in Garagen oder Kellern oder an anderen schäbigen Orten an. Das stimmte schon mal.
Und der Keller im leerstehenden Nachbarhaus, den Nick und er aufgebrochen hatten, war ideal. Eine Punkband brauchte einen besonderen Ort, etwas Verbotenes, etwas Verwegenes.
Ares öffnete das Fenster und sah zu Nicks Haus auf der anderen Straßenseite. Sie hatten da so ein Spiel oder besser eine Wette. Wenn bei einem von ihnen mal ein Mädchen übernachten würde, dann wollten sie eine Fahne aus dem Fenster hängen. Nicks Zimmer ging nach vorne heraus. Keine Fahne. Wie erwartet. War überhaupt schon jemand wach da drüben? Keiner im Vorgarten. Ruhe, Stille. Auch auf der Straße nichts, was für eine Gegend.
»Ares?«
»Ja?«
Sein Vater saß müde in die Küche.
»Hast du Lust mir einen Kaffee zu machen?«
»Klar.«
»Mit Milch bitte. Und – nicht die Sojamilch.«
Seine Mutter vertrug keine richtige Milch, irgendeine Laktose-Sache, der halbe Kühlschrank war voll mit Spezialprodukten. »Wie war es? Wo warst du überhaupt?«
»In Mitte. War ganz gut.«
»Und sag mal ... ist Helena gestern Nacht noch nach Hause gekommen?«
»Ja.«
Es war gelogen, aber Ares würde seine Schwester niemals verraten. Außerdem war sie gerade achtzehn geworden und konnte sowieso machen, was sie wollte. Was sie im Übrigen immer schon getan hatte.
Ares stellte einen Becher unter die Espressomaschine, füllte Kaffee in das Sieb, schraubte es unter den Durchlauf und drückte dann auf Start. Eigentlich gab es keinen Grund, warum sein Vater das nicht selber tun konnte. Vermutlich war er das einfach von seinem Alltag im Produktionsbüro so gewohnt, dass ein anderer, wer auch immer, das übernahm. Die Praktikanten vermutlich. Und Ares tat es gern. Er liebte den Geruch von frischem Kaffee. Er stand für eine Welt, die sich ihm erst als Erwachsener vollständig eröffnen würde. Eine Welt der Gelassenheit und Stärke wie sie die alten Männer besaßen, die im Süden vor den kleinen Bars saßen und ihren Espresso tranken. Mafiabosse vermutlich. Die hatten etwas. Irgendetwas, was er manchmal an seinem oder Nicks Vater beobachten konnte. Macht, Einfluss, Autorität und vor allem die Sicherheit, einen Platz in der Welt gefunden zu haben, von dem sie ihr Imperium leiten konnten.
Sein Vater trank den Kaffee ohne Zucker. Und wenn er in einer laufenden Produktion steckte, dann musste es immer diese Tasse sein. SUNRISE-Produktion. Filmleute waren abergläubisch, auch wenn das meist nur die Schauspieler zugaben.
Das Arbeitszimmer seines Vaters war mehr oder weniger eine Video- bzw. DVD-thek. Regale voll mit Filmen und in der Mitte ein mit Drehbüchern überladener Schreibtisch, in dem regelmäßig die wireless mouse verloren ging. In Zeiten, in denen Filme im Internet heruntergeladen wurden, eigentlich schon ein Mausoleum. Ares stellte den Kaffeebecher auf ein aufgeschlagenes Drehbuch, es war die einzige einigermaßen ebene Stelle auf dem Schreibtisch.

"Junimond" im Kindle-Shop

Mehr über und von Katrin Bongard auf ihrer Website.

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