31. Oktober 2013

'Jahrhundertspiel' von David Jonathan

Ein Roman über Macht und Einfluss in fiktiven, realen und virtuellen Welten. Als Henner Klaasen sein Unternehmen verliert, tritt er das Erbe seines Großvaters an und beschäftigt sich mit Ahnenforschung. Was er nicht weiß: Vor 400 Jahren gehörte seine Familie zu einer Bruderschaft, die bis heute fortbesteht und aktiv in die Entwicklung der Stadt eingreift. Ein Wettlauf um Macht und Einfluss beginnt.

Verschiedene Rätsel führen Henner Klaasen dabei tief in die Geschichte Hamburgs, die durch vier Familien noch immer ungeahnt in die Gegenwart wirkt. Doch Henner Klaasen will in diesem "Jahrhundertspiel" nur das Ansehen seiner Familie wiederherstellen - und den Schatz der "Fratres coniuncti" finden.

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Leseprobe:
Das Telefon weckte Henner Klaasen. Er lag auf dem Parkettboden neben seinem Sofa, fror und war steif vor Schmerz in den Beinen und im Nacken. Als er sich auf den Bauch drehte, bekam er einen Stich im Bereich der unteren Wirbelsäule. Seine Kleidung war zerknittert und roch nach Schweiß. Der Anrufbeantworter sprang an, er hörte die Stimme seiner Frau, im Hintergrund kicherte ein Kind. Dann war es wieder still, niemand sprach auf das Band. Mühsam stemmte Henner Klaasen sich auf Händen und Knien empor. Dabei drückte er einen der über den Boden verteilten Bausteine in seine linke Handfläche und stöhnte auf. Mit drei Fingern der anderen Hand riss er das Plastikteil ab und betrachtete benommen die tiefen Abdrücke, die es hinterließ. Langsam stand er auf und schwankte ein wenig, bis sein Gleichgewichtssinn seinen Körper stabilisierte. Dann ging er ins Bad, um sich den Schlaf aus dem Gesicht zu waschen. Einen Blick in den Spiegel vermied er.
Auf dem Weg in die Küche beschloss Henner Klaasen, diesen Tag den ersten seines neuen Lebens zu nennen. Das Schwierigste daran war, dass er keine Aufgabe mehr hatte - und keinen einzigen Termin. Er konnte sich unendlich viel Zeit für seinen Kaffee lassen. Es war irritierend. Vor allem schmeckte der Kaffee nicht, ohne morgendliche Hektik. Er beschloss, einen Plan für den Tag zu machen und Aufgaben zu erstellen. Zuerst notierte er "Ahnenforschung", doch dazu fiel ihm nichts weiter ein. Deshalb setzte er noch "Einkaufen" darunter. Dann erinnerte er sich an den Anruf und legte sofort eine Liste "Rückrufe" an. Woher sollte er aber wissen, wen er zurückrufen musste? Bis vor kurzem erledigte das sein Sekretariat. Er schenkte sich eine zweite Tasse Kaffee ein und zerriss die Listen. Unsinnig, dachte er, Aufgaben zu erfinden. Seine Knie wippten auf und ab, während er auf einem Stuhl saß und diesem Tag einen Sinn zu geben versuchte.
Schließlich begann er, durch die Wohnung zu schlendern. Eher zufällig kam er dabei in die Nähe des Telefons und nur aus Neugierde blätterte er darin. Die Nummer des letzten Anrufs war scheinbar gespeichert, jedenfalls erschien auf dem Display eine Ziffernfolge, die ihm unbekannt war. Er drückte auf die "Anruf"-Taste, um zu sehen, was passieren würde und im nächsten Moment hörte er das Rufzeichen. Davon war er so überrascht, dass er nicht gleich wieder auflegte und deshalb tatsächlich verbunden wurde.
"Kreuter", meldete sich eine Männerstimme.
"Klaasen", erwiderte er automatisch, ohne darüber nachzudenken, wusste dann aber nichts weiter zu sagen. Doch das war auch nicht notwendig, weil der andere sofort die Initiative ergriff.
"Vielen Dank", begann er, "dass Sie mich zurückrufen. Ich benötige ihre Unterstützung in einer Familienangelegenheit und möchte mich deshalb gerne mit ihnen treffen."
"Kennen wir uns?" fragte Henner Klaasen zögerlich. Er war verwundert über den Anruf unter seiner privaten Nummer, die er bisher nie herausgegeben hatte.
"Nein, nicht direkt", gab der Mann zu. "Ich wende mich an Sie als den Enkel von Hinnerk Klaasen, ihren Großvater, der uns vor vielen Jahren geholfen hat."
Da war es wieder, das Gefühl, dass es nicht mehr um ihn geht, dass er nicht mehr zählt. Sogar Großvater bekommt noch mehr Aufmerksamkeit als ich, dachte er gehässig gegen sich selbst. Zugleich aber war es für ihn eine faszinierende Vorstellung, vielleicht mehr aus dem Leben seines Großvaters zu erfahren. Deshalb hörte er dem Mann weiter zu:
"Meine Familie lebt seit vielen Generationen in Hamburg. Es gibt immer wieder einzelne Teile, die abwandern, doch der Kern ist der Hansestadt schon seit langem treu. Ihr Herr Großvater hat diese Tatsache bis ins Jahr 1665 nachgewiesen. Leider verstarb er, bevor es ihm möglich war, interessante Hinweise aus noch früheren Zeiten zu sichten. Wir denken, dass sie sein Werk vielleicht fortsetzen und vollenden können."
Natürlich hatte er geahnt, dass es darauf hinauslaufen würde, seit der Fremde seinen Großvater erwähnt hatte. "Ein Mensch ist erst dann wirklich gestorben, wenn niemand mehr an ihn denkt", schrieb Bertold Brecht einst. So gesehen ist Großvater lebendiger denn je, dachte Henner Klaasen. Und er würde sich mit diesem Kreuter treffen, weil er stets neugierig war.
"Wenn Sie Zeit haben, können wir uns in - sagen wir - zwei Stunden im Atlantic treffen", plauderte der Mann in lockerer Konversation, setzte den Termin aber schon als bestätigt voraus.
Henner Klaasen spürte allerdings nicht nur die Bestimmtheit des anderen, sondern auch eine sonderbare Betonung des Wortes 'Zeit' - eine etwas andere Aussprache, ein klein wenig verzögert, ein winziger Anstieg in der Tonhöhe - die er als Missachtung empfand.
"Was weiß Kreuter über mich?" fragte er sich unwillkürlich.
"In Ordnung", antwortete er möglichst ruhig. "Ich werde kommen."
"Hervorragend. Ich freue mich darauf, Sie kennenzulernen."
Seltsamerweise glaubte ihm Henner Klaasen das. Ansonsten war er über das Telefonat mehr als irritiert. Angefangen bei seiner Rufnummer, schien der Fremde einiges über ihn zu wissen. Doch das eigentlich überraschende war die Tatsache, dass sein Großvater seinem früheren Auftraggeber scheinbar nicht all seine Forschungsergebnisse offenbart hatte. Weshalb wusste dieser Kreuter nichts von den Ahnentafeln, die bis 1351 zurückreichen?

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