6. April 2014

"Die Richtige Welt" von Peter Boehm

Ein Mann, eine Frau, eine 9 mm Browning … und wie es dazu kam. Ein Road-Roman und gleichzeitig die Liebesgeschichte von Tilman, einem Berliner Werber, und Katja, einer in Russland geborenen Prostituierten, erzählt von beiden in einer einzigen Nacht. Katja stellt Tilman vor die Wahl: Entweder erzählt er ihr, warum er sie ursprünglich aus einem Berliner Wohnungsbordell befreit hat, oder sie wird ihn verlassen. Dafür wird sie erzählen, wie es kam, dass sie in dem Bordell gelandet ist. Sie berichten von ihrem früheren Leben, von rasenden Verfolgungsjagden und Banküberfällen, aber letzten Endes auch von der Unmöglichkeit zu lieben in einer Welt, die nicht die Richtige ist.

Quentin Tarantino meets Arno Schmidt – das ist nichts für Hanni&Nanni-Leser.

Gleich lesen: "Die Richtige Welt" von Peter Boehm

Leseprobe:
Also, das war so, sage ich. Es war jener magische Moment am frühen Abend, die frohe Stunde, wenn die Angestellten losgelassen an die Tresen drängen wie Kühe zur Tränke. Die Bar liegt still, von Blökenden noch unbelästigt. Noch steht der Barkeep ruhig im Schutz des Dämmerlichts, entspannt lässt er die Eiswürfel klickern und das Handtuch um die Gläser ziehen. Zäh verdrückt er die Stunden.
Du rufst ihn her. Nein, du wartest noch. Erst genießt du den Moment, ehern, mit Andacht und völlig angelehnt, weil du weißt, jetzt gleich, jetzt gleich, jetzt ist es soweit.
Der erste Schluck des Tages. Golden streckt sich das Nass im jungfrauenen Glas. Es spricht allein zu dir. Es sagt: das hast du verdient, das hast du wirklich verdient. Ist es ein Wunder, wenn dich der Hafer sticht und dein Fell zu klein wird in so einem Moment?
Also, heut zahl ich, sagt der Ferdinand. Das geht heut alles auf meinen Ackaunt, sagt der Ferdinand und wirft den Kopf zurück, das mit Vivedi hat ihn nach oben gedrückt wie eine Boje. Dann wendet sich der Ferdinand zu mir und greift mich an der Schulter.
Na also. Der Ferdinand, der ist in Ordnung. Eigentlich konnte ich ihn gar nicht leiden erst. Mit seiner Hornbrille. Mit seiner Kreativenglatze und dem eckigen Kinn mit dem Bob-Mitchum-Graben darin. Wer sieht schon so aus, heutzutage. Wer schneidet schon seine Haare weg und hat ne Glatze drunter, mit Ende zwanzig. Und dabei immer schnieke. Aber vor allem: wer hat schon solche Augen. Wie sie dich anschauen, so tief und genau. So dass du sehen kannst, wie es rechnet dahinter. Wer macht schon so was, und noch mit nem offenen Mund voller großer Zähne. Aber seit das ist mit dem Wochenende, da sind wir ganz dick.
Der Ferdinand, der ist schon in Ordnung. Wie er gerade die von Vivedi runtergemeiert hat. Erste Sahne. Wie wir da schon hingekommen sind: eigenes Gebäude, neu hingeklotzt, eigenes Grundstück, vollgestellt das ganze Eck, in dem einstigen Niemandsland der toten Mitte, heute Kiez der Spione. Nur vom Reingehen und Umschauen hättest du nicht gewusst, was die da eigentlich verkaufen, nur Chrom und Holz und Polymer und Stahl.
In ihrem Briefing hieß es: Vivedi – der rapide expandierende Dienstleistungskonzern im Bereich Gesundheitswesen und Seniorenpflege. Die machen also alles von der Wiege bis zur Bahre, fehlt nur unter die Erde, denen geht es gut, wenn es dir schlecht geht.
Über unseren Pitch waren wir uns bei denen sofort einig: weg vom Stockvideo. Im Internet hatten wir einen von ihren Endlos-Filmen gesehen, von diesen strahlenden Familien, die Haare zurück geworfen im Wind, die Luft um die Nasen hellblau, Tendenz zum leuchtenden Weiß, dreht die Gesellenfamilie die Köpfe, die Augen weit, die Münder breit. So viel Glück macht krank, das wissen die natürlich, deshalb zeigen sie das ja zu jeder möglichen Gelegenheit, schon klar. Aber diesmal ging es um was anderes: ihre Altersheime, Firmensprech: Seniorenfacilitys. Sie gingen gut, konnten aber noch besser gehen, Seniorencaring boomt und da wollten sie ein bisschen nachhelfen.
Wir haben erst gelacht, der Ferdinand und ich, als Wolfgang uns das Briefing zeigte. Altersheime – war er sicher, dass wir die Richtigen dafür waren? Er aber nur, na klar, achtzig sind die neuen siebenundvierzigeinhalb, das ist ein riesiger Markt und zwar ein heißer, aktiv sterben wird das Ding der Zukunft, das ist nur noch niemand aggressiv angegangen.
Natürlich hatte Wolfgang Recht. Das haben wir schnell gemerkt: Filme für Alte, Kosmetik für Alte, Reisen für Alte, das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Wenn du heutzutage nichts für Alte im Programm hast, bist du völlig weg vom Fenster. In der generellen Produktpalette hat die Umwälzung schon stattgefunden, jetzt blieb nur noch, die Revolution auch in die Altersheime zu tragen.
Unser Büchlein trug dem ernsthaft Rechnung. Auf ne Powerpoint hatten wir bewusst verzichtet, die brauchten wir gar nicht, weil: wir hatten das gesellschaftliche Umfeld verstanden, den Code geknackt, unsere Botschaft war es, die überzeugte, wir brauchten keine großspurige Verpackung, wir hatten das Briefing genagelt, da waren wir sicher.
So traten wir auch auf. Wir waren die letzten – die letzte Präsentation ist immer die jüngste, die bleibt am wärmsten hängen, das ist immer ein gutes Zeichen. Wir waren sicher, bei Vivedi waren wir auf der guten Seite, was sollte uns schon passieren. Wir walzern also da rein, der Ferdinand, der Philipp und ich, niemand dabei von der Geschäftsführung, ihr macht das schon hat der Wolfgang gesagt, ihr seid ja keine Frischlinge, dass uns da einer das Händchen halten muss. Wir gehen da also rein, der große Konferenzraum für uns, großer Bahnhof der Angestellten um einen langen Tisch, wir also da rein und Hände durchpumpen rundherum, Philipp verteilt das Büchlein und Ferdinand und ich spielen uns die Bälle zu, wie wir das geplant haben: Flanke von links: achtzig sind die neuen siebenundvierzigeinhalb – Direktabnahme: das muss in ihren Seniorenfacilitys rüberkommen – langer Pass aus der Tiefe: aktiv sterben, in nicht so vielen Worten – Kopfball quer: diese Sachen, die die Jungschen auch machen, müssen sie in ihren Stiften und Heimen auch anbieten, Doppelpass in den Rücken der Abwehr: wir reden hier Sport, Abenteuer, Prostituierte, Lack und Leder, so was – und jetzt nur noch abstauben: das ist der Trend..., da hören wir schon die ersten gackern. Die leitenden Angestellten haben im Büchlein nach hinten geblättert und haben die Storyboards für unsere Spots gesehen. Die gehen alle nach dem selben Muster: rüstige Senioren sind auf ihrem Weg zur nächsten Aktivität, da halten sie inne und fassen sich an die Brust – aber: sie schauen auf die Uhr, da fällt ihnen ein, sie sind schon spät dran, und: schreiten entschlossen in den Sonnenuntergang. Dann kommt der Slogan: Von uns gehen? Alter, keine Zeit!

"Die Richtige Welt" im Kindle-Shop

Mehr über und von Peter Boehm auf seiner Seite bei Facebook.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen