18. August 2014

"Hide: Rauchglas" von David Jonathan

Pressnik ist ein Hider - jemand, der Daten versteckt. Das ist notwendig in einer Welt, die Transparenz vorschreibt. Sein neuer Auftrag gibt ihm allerdings Rätsel auf. Wem gehört die Stimme, die er über ein historisches Telefon hört, warum muss er plötzlich „Zork“ spielen und welche Rolle spielt ein alter Macintosh? „Rauchglas“ ist der erste Teil des neuen Romans von David Jonathan. In ihm entwirft er eine Welt in nicht allzu ferner Zukunft. Eine Welt, die sich gar nicht so sehr von der heutigen unterscheidet und doch ganz anders ist. Für Pressnik stellt sich die Frage: Wird seine Gegenwart von der Vergangenheit bedroht oder ist er sogar dabei, die Zukunft zu retten?


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Es musste ein analoges Telefon sein. Das war Teil des Auftrags. Pressnik verstand diese Bedingung als Test. Er war darüber nicht erfreut, denn es bedeutete Mehraufwand und sehr wahrscheinlich kündigte sich damit auch noch ein komplizierter Job an.
Keine Zeit mehr für Megathron. Sein Lieblingsprojekt lag schon eine Weile auf Eis, weil ihm die Ideen ausgegangen waren. Wie sollte es auch möglich sein der globalen "Charta Transparency International" etwas entgegenzusetzen? Er träumte von einer neuen Welt, in der niemand mehr von einem anderen Menschen wusste als der freiwillig preisgab. Vor einem Jahrhundert hatte man das Datenschutz genannt. "Diese archaische Verhinderung des offenen Flusses aller Gedanken und Ideen behinderte die Entwicklung der Menschheit bis weit in das 21. Jahrhundert hinein nachhaltig", analysierte ein Geschichtsblog, den Pressnik für seine weltbürgerliche Ausbildung abonniert hatte. Das entbehrt nicht einer gewissen Logik, dachte Pressnik jetzt, während er sich von einem der kostenlosen selbstfahrenden Taxis zum Bahnhof bringen ließ. Die Werbung im Fahrgastraum ignorierte er weitgehend. Den Jingle, der beim Ein- und Aussteigen ertönte, kannte er allerdings nur zu gut: Neumann Entertainment Limited, sein alter Arbeitgeber, der die globale Softwareindustrie steuerte. Er lachte: Sie waren nicht wirklich zufrieden mit mir.
Manches veränderte sich allerdings nur sehr langsam. So waren Bahnhöfe schon seit Jahrhunderten Zufluchtsorte für Menschen, die unerkannt untertauchen wollten. Die Masse schützte das Individuum. Pressnik passte sich der Geschwindigkeit des Stroms an. In einer einzigen großen Welle ließ er sich zu Gleis neun treiben. Die Logik der produktiven Transparenz wird jedoch zur Angst vor Kontrolle, dachte er und rückte seine Datenbrille ein wenig zurecht, sobald man versteht, dass wirklich alle Gedanken gemeint sind.
Wie auf jedem Bahnhof der Welt war es auch hier ein wenig schäbig. Seit der großen Energieredundanz des Jahres 2035, bei der die Regierungen einstimmig alle Energieformen als wissenschaftlich unbedenklich einstuften und den Klimaschutz zur überkommenen Idee des ausgehenden Industriezeitalters erklärten, hatten sich die Ballungsräume zwar zu wahren Oasen entwickelt, deren Lebensadern transkontinentale Stromkabel waren, die aus Erzeugerländern gespeist wurden. Die Erderwärmung erreichte angenehme vier Grad und Unruhen durch Evakuierungen in Küstennähe waren längst überwunden. Doch Bahnhöfen blieb die Nostalgie des Abschieds und des Aufbruchs gleichermaßen anhaften, auch wenn kaum jemand seinen Wohnort noch für länger verließ. Die Züge verbanden vor allem die Knotenpunkte der Megazentren, in die alle Kontinente aufgeteilt waren. Wer zwischen diesen Megazentren reisen wollte, benötigte eine Sondergenehmigung. Üblich waren virtuelle Kontakte. "Persönlich regional, virtuell global", lautete die Etikette im Umgang miteinander. Jeder vermied den direkten Kontakt mit Fremden.
Das kam Pressnik im Moment sehr gelegen. Er war genau hier, weil Gleis neun einen zweiten Zugang hatte. Der war irgendwie vergessen worden und eignete sich dementsprechend, um vom Radar der globalen Transparenz zu verschwinden. Zwar unternahm er im eigentlichen Sinn nichts Verbotenes, aber seine inzwischen 35-jährige Lebenserfahrung hatte ihn gelehrt, besser vorsichtig zu sein. Vertrauensvolles Verhalten führt manchmal zu unerwünschten Ergebnissen, dachte er grimmig an seinen alten Job zurück. Nachdem er in einige Programme die Möglichkeit anonymer Nutzung programmiert hatte, gab es heftige Auseinandersetzungen, obwohl er bei jeder Teambesprechung seine Arbeit offen dargestellt hatte. Das Unternehmen genehmigte ihm sogar einen Test. Nur dass er dafür seinen Code auf alle relevanten Systeme lud und die neue Möglichkeit von Millionen Nutzern begeistert akzeptiert wurde. Es kann schon sein, dass ich meine Kompetenzen großzügig ausgelegt habe, grinste Pressnik, aber die Nerds stimmten mir zu. Was keine Rolle spielte, als er mit einem gut sichtbaren Vermerk in seiner öffentlichen Lebensakte entlassen wurde. Früher ließ die Obrigkeit Betrügern die Ohren schlitzen und Dieben die Hände abhacken, erinnerte er sich. Wir haben uns echt weiterentwickelt.

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Mehr über und von David Jonathan auf seiner Website.

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