28. Oktober 2014

"Die Erben der alten Zeit - Ragnarök" von Marita Sydow Hamann

Das Fantasy-Abenteuer „Ragnarök“ ist der dritte und letzte Teil der Trilogie „Die Erben der alten Zeit“.

Auch in diesem Band führt Marita Sydow Hamann die Leser aller Altersklassen in Welten, die auf eine unnachahmliche Art mit der nordischen Mythologie verwoben sind und die selbst für eingefleischte Fantasy-Fans viel Neues enthalten.

In „Ragnarök“ laufen die einzelnen Erzählstränge der vorausgegangenen Bände zusammen. Die einzelnen Puzzlesteine fügen sich zu einem Bild. Alles macht Sinn – und ist doch vollkommen anders, als sich der Leser bislang gedacht haben mag. Wahrlich ein Buch mit Überraschungen!

Gleich lesen: Die Erben der alten Zeit - Ragnarök


Leseprobe:
Der Wind rüttelte an den Fensterläden und trieb eisige Schneeflocken gegen das dunkle Glas. Die kleinen wirbelnden Kristalle wurden kurz vom Kerzenlicht im Raum erhellt und verschwanden dann im Dunkeln entlang der Hauswand der Bibliothek von Storby.
Es war früher Nachmittag und trotzdem stockdunkel. Und obwohl die Bibliothek mitten in der Stadt lag, war nirgends Licht zu sehen – keine Autoscheinwerfer, keine Straßenlaternen, keine Schaufensterbeleuchtung, nichts.
Es war Montag, der 29. Mai. Vormittags war es zunächst grau und neblig gewesen, doch dann hatte die Frühlingssonne die Straßen von Storby erwärmt. Saftig grünes Gras und Frühlingsblumen schienen so schnell zu sprießen, dass man fast zusehen konnte und nun …
Mindestens ein Meter Schnee und Hagel bedeckten die Straße, den Parkplatz, die Beete und den Vorhof der Bibliothek. Ein einsames Auto war unter meterhohen Schneeverwehungen und einem riesigen Ast begraben, der aus dem großen Ahorn am Parkplatz gebrochen war. Innerhalb kürzester Zeit hatte dieser unerwartete Sturm die sanfte Landschaft Smâlands in eine Tiefkühltruhe verwandelt, und es schien immer kälter zu werden. Offenbar breitete sich ein Wirbelsturm mit nie dagewesener Intensität über ganz Europa aus. Auch Teile Russlands und Nordafrikas waren bereits betroffen. Seltsamerweise schien dieser eisige Sturm sein Zentrum genau im smâländischen Storby in Schweden zu haben.
Die wenigen Menschen, die sich zu Beginn des Sturms in der Bibliothek aufgehalten hatten, harrten nun in einem kleinen Konferenzsaal bei etwas Essen und Kerzenlicht aus. Aus dem Keller war das Dröhnen eines dieselbetriebenen Generators zu hören, der dafür sorgte, dass sie nicht froren – noch nicht.
Die junge, sportliche Lehrerin Âsa saß an dem großen Konferenztisch und betrachtete besorgt ihren neunjährigen Schüler Linus, der fern aller Sorgen ein neues Automagazin von einem großen Stapel nahm und unter seltsamen, glottalen Lauten darin herumzublättern begann. Vor jedem neuen Blatt leckte er sich seinen dicken Zeigefinger ab, um auch ja keine der kostbaren Seiten auszulassen. Zwischendurch lachte er laut auf, riss die Hände in die Höhe und flatterte mit seinen fleischigen Fingern in der Luft herum. Dann zeigte er – einen suchenden Blick auf Âsa – mit dem kurzen Zeigefinger auf ein besonders interessantes Auto, wartete ungeduldig ihren aufmunternden Kommentar ab und ging im nächsten Moment wieder zufrieden dazu über, ein Bild nach dem anderen genau unter die Lupe zu nehmen. Âsa seufzte und schüttelte besorgt den Kopf. Sie schob sich die Brille auf der Nase zurecht und fuhr sich durch ihre kurzen, braunen Haare. Âsa war Lehrerin im Zentrum für Autismus und autistische Störungen in Storby. Linus Schule lag gleich neben einer Grundschule, die auch Âsas eigene Kinder besuchten.
Eine ältere Dame mit runden, freundlichen Augen und einem ebensolchem Gesicht lächelte Âsa beruhigend zu und reichte ihr eine neue Tasse Kaffee.
Mit einem »Danke, Kaisa« nahm Âsa die dampfende Tasse entgegen. Kaisa nickte und ließ ihren Blick durch den Raum gleiten. Er blieb an der Tür hängen, durch die Roger, ein junger Student, vor kurzem mit einem gemurmelten »Bin gleich wieder da« verschwunden war. Mitgenommen hatte er das kleine Radio – ihre einzige Verbindung zur Außenwelt. Kaisa wusste, dass er nach Empfang suchte, um die neuesten Nachrichten aus aller Welt zu hören.
Eva, die Bibliothekarin, war klein und zierlich und hatte kurzes, strubbeliges Haar, das wie ein goldener Haufen Stroh in alle Himmelsrichtungen stand. Ihre wachen, blauen Augen betrachteten einen Bär von Mann, der gedankenversunken mit einem Buch am Fenster stand und nach draußen starrte. Seine muskulösen, sehr kräftigen Oberarme quollen aus einem T-Shirt mit der Aufschrift falsch trainiert hervor, das sich quer über seinen prallen Bierbauch spannte. Tätowierte Schlangen wanden sich seine Arme hinauf, und ein Feuer speiender Drache wickelte sich um seinen Bizeps. Über dem T-Shirt trug er eine Lederweste. Die viel zu großen Füße steckten in abgetragenen, schmutzigen Lederstiefeln. Einige sorgenvolle Runzeln waren auf der Stirn des Mannes erschienen, die nahtlos in eine Glatze überging. Seine rotbraunen Haare trug er stattdessen im Gesicht, dem eine große, knubbelige Nase eine besondere Note verlieh. Die treuen Bernhardineraugen, die Eva so mochte, waren erstarrt.
Jonas sah ins Leere. Nordische Mythologie war auf dem Rücken des Buches zu lesen, in dem er gedankenverloren blätterte. Die rissige, harte Haut, die von harter körperlicher Arbeit zeugte, verursachte ein leises, kratzendes Geräusch auf dem Papier und schien ein einziges Wort aus dem Text herausschaben zu wollen: Ragnarök.
Ein kalter Schauer lief Eva über den Rücken. Sie öffnete den Mund, doch bevor sie etwas sagen konnte, eilte Roger zur Tür herein. Er zog sie hastig hinter sich ins Schloss, trotzdem konnte Eva die Kälte spüren, die wie eine eisige Hand nach ihnen griff.
Alle im Raum – bis auf Linus, der begeistert seine Autos betrachtete – sahen den Studenten mit einer Mischung aus Hoffnung und Angst an.
Roger wechselte einen hastigen Blick mit Jonas, der sich aus seinen Gedanken losgerissen hatte und dem dunklen Fenster den Rücken zukehrte.
»Also …« begann Roger zögernd. Dann holte er tief Luft, als würde er sich wappnen wollen. Er räusperte sich.
»Der Sturm hat ganz Europa, große Teile Afrikas und Asiens in seinem Griff. Jetzt fegt er über den Atlantik und erreicht bald die Küste Kanadas.«
»Was?«, entfuhr es Âsa, die ganz blass geworden war. Roger nickte.
»Es ist überall das Gleiche: Schnee, Hagel, eisige Luft und natürlich Stromausfall und kein Handyempfang, da die Masten umgestürzt sind. Festnetzverbindungen funktionieren offenbar vielerorts noch und die guten alten Radiowellen auch. Internet und viele digitale Geräte gehen dagegen nicht. Keiner weiß warum. Es gibt allerdings auch eine gute Nachricht. Der Sturm hier bei uns lässt nach, also hoffen jetzt alle, dass dieser Albtraum bald ein Ende hat.« Roger verstummte. Jonas spürte, dass er etwas verschwieg.

Im Kindle-Shop: Die Erben der alten Zeit - Ragnarök

Mehr über und von Marita Sydow Hamann auf ihrer Website.

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