22. Oktober 2014

"Ich Kann Dich Hören" von Fiona Lewald

„Stell dir vor, du erfährst, dass du adoptiert bist. Stell dir vor, du kannst nicht mehr schlafen, weil eine Stimme in deinem Kopf dich wach hält. Stell dir vor, dein Spiegelbild gehört nicht dir alleine. Und niemand glaubt dir.“

Als Kari die bernsteinfarbenen Augen das erste Mal sieht, ahnt sie noch nicht, welche Folgen der nächste Blick in den Spiegel haben wird. Viel zu sehr ist sie mit sich selbst und ihrer ersten großen Liebe beschäftigt. Doch aus der vermeintlichen Einbildung wird schon bald bittere Realität. Zu spät erkennt Kari, wer wirklich hinter dem Spiegelmädchen steckt.

Wird sie den Fluch beenden können, bevor sie stirbt?

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Leseprobe:
Im Traum lief das Mädchen durch einen langen Flur. Die Kerzenleuchter, die links und rechts von den Mauern hingen, strahlten gerade weit genug, dass sie einige Meter sehen konnte, ansonsten waren die Steinwände mit Dunkelheit verhangen, hinter der sie die Konturen der goldenen Bilderrahmen nur erahnen konnte. Das Licht wurde einfach davon verschluckt. Und einen Ausgang gab es offenbar auch nicht.
Wortlos sog sie die Szene auf, bis ihr übel wurde, dann setzte sie beharrlich weiter einen Fuß vor den Anderen.
Sie schlich die Mauer entlang und erreichte schließlich eine Treppe, die sie noch tiefer hinunter in einen Korridor führte, die plötzlich mehr an einen Keller erinnerten, als an das Gewölbe einer alten Burg. Es war feucht, der Putz an den Wänden bröckelte und Spinnenweben vernetzten die Decke über ihrem Kopf, wie eine dürre Gardine aus Seide. Kurz glaubte das Mädchen, feine Augen wären darin eingewebt, die sie beobachteten, aber sie schob den Gedanken beiseite.
Der Gang war kalt und nicht weniger verworren. Er hatte sich über sie gestülpt, wie eine Kuppel und hielt sie gefangen. Er schloss sich wie eine Astgabel zusammen.
Sie drohte zu ersticken. Sie drohte in Ohnmacht zu fallen und von den Steinen erdrückt zu werden. Es drohte sie zu töten. Panik kochte heiß in ihr, also rannte sie.
In ihrem Bett drehte sich ihr Körper unruhig auf die andere Seite. Eine makellose Figur zeichnete sich unter dem orangefarbenen Laken ab. Sie windete sich.
Schrie.
Endlich erreichte sie eine Tür aus dunklem Holz. Zwei aufgebrochene Schlösser verrieten, dass der Raum dahinter wertvoll gewesen sein musste. Jetzt aber fand sie dahinter nur noch einen verlassenen alten Saal, der zu allen vier Seiten mit massiven Regalen ausgekleidet war, in denen sich Bücher stapelten. Eine Bibliothek.
Der Drang packte sie, einen der ledergebundenen Wälzer herauszuziehen und darin zu lesen, aber das Licht des Kronleuchters war zu fahl, und sie konnte nicht einmal den Titel richtig erkennen. Sie legte es zurück und dachte nach. Nicht ein einziger ihrer Muskeln zuckte, ausgenommen ihres Herzens, das lauthals hämmerte.
In der Mitte des großen Saals stand ein Spiegel. Das Glas, das in der oberen Ecke gesprungen war, war in demselben Holz gefasst wie die Regale, und auf dem Boden davor lag eine Feder. Sie war lang geschwungen und an den Spitzen ein Wenig versengt, als hätte eine Kerze zu nah daran gestanden. Unmöglich konnte sie einem Vogel gehören. Erst starrte sie nur, dann ging sie doch noch einen Schritt näher.
Halb erstaunt, halb entsetzt, stellte sie fest, dass die Feder sich nicht spiegelte. Und nur mit einer noch größeren Verwunderung sah sie ihr eigenes Spiegelbild an.
Bernsteinaugen starrten aus dem Glas zurück. Es konnten nicht ihre Augen sein.
Wie in Zeitlupe hob das Mädchen die Hand und beobachtet, wie ihr Widerschein genüsslich dasselbe tat, als wollte sie überprüfen, dass sich alles genauso abspielte, wie es sich für einen Spiegel gehörte. Millimeter um Millimeter näherten sie sich. Doch bevor ihre Finger das Glas berührten, ließ ein dumpfes Poltern ihre Gedanken in sich zusammenfallen. Neugier wich Furcht. Gemeinsamkeit wich dem Alleine sein.
Das Mädchen fuhr herum. Zwei dicke Bücher waren aus dem hintersten Schrank gekippt und auf den Steinboden gefallen, ein drittes Buch folgte. Dann erst merkte sie wirklich, was passierte. Ein Sturm wehte. Der Wind pfiff durch den schmalen Korridor, durch den sie gekommen war. Rechts neben ihr wankte das Regal und krachte in sich zusammen. Bretter und Buchseiten schmetterten durcheinander. Als nächstes stürzte ein Teil der Decke ein und verschüttete die Tür. Auch der Spiegel klirrte. Er vergrub die Feder unter sich, und eine Blutlache, die von dort aus gerann, ließ das Mädchen einen Augenblick zweifeln, ob es wirklich nur ein Spiegelbild gewesen war, dass sie gesehen hatte. Die Scherben raschelten im Takt des Bebens. Die Melodie ließ sie schaudern. Weinen.
War das Blut ihres? War sie überhaupt am Leben?
Das Mädchen wollte schreien, aber ihre Kehle war zugeschnürt. Sie wollte fliehen. Sie wollte aufwachen, aber als der Boden unter ihren Füßen wegbrach, fiel sie in ein schwarzes Loch. Es fraß sie auf, wie der Schlund eines hungrigen Tieres. Es fing sie ein und trug sie fort, und bald würde sie feststellen, dass das Loch ihre Seele war.

Augen flogen auf. Ihre Hände kribbelten, ihre Gedanken rasten, nur ihr Atem war erstaunlich ruhig und auch ihr Herz schlug gemächlich, als wäre nichts geschehen. Sie lauschte dem Blut in ihren Venen und wartete, dass die Müdigkeit zurückkam. Dann drehte sie sich gähnend um und schlief weiter.
Dieses Mal traumlos.

Im Kindle-Shop: Ich Kann Dich Hören

Mehr über und von Fiona Lewald auf ihrer Website.

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