27. Oktober 2014

"Die Zehnte - Symphonie des Schreckens" von Martin Krüger

Die große Premiere rückt näher: Die Uraufführung der jüngst entdeckten zehnten Symphonie Ludwig van Beethovens, ein Ereignis, auf das die halbe Welt hinfiebert, liegt nur noch vierundzwanzig Stunden entfernt. Doch jemand trachtet danach, die Aufführung zu sabotieren. Ein Wahnsinniger hat Musiker und Sänger entführt, die Partitur gestohlen, und fordert den Dirigenten zu einem tödlichen Spiel in der Nacht im Opernhaus. Musikdirektor Frederic Mallory wollte den Vorabend der Premiere eigentlich in aller Ruhe bei einem Glas Rotwein verbringen, bis ihn ein Anruf aufschreckt: Ein Unbekannter erzählt ihm, er habe die Partitur der Symphonie gestohlen und die besten Orchestermusiker entführt, darunter Rebecca Orosco, eine gefeierte Sopranistin.

Keine Polizei, lautet die Drohung des Unbekannten, sonst wird sie als Erste sterben. Er fordert Mallory auf, in der Nacht das Opernhaus zu betreten und sich ihm in einem tödlichen Spiel zu stellen … sollte der Maestro sich weigern, so fährt der Unbekannte fort, dann werden zu jeder vollen Stunde Mitglieder des Ensembles sterben und die Partitur, Beethovens zehnte Symphonie, in Flammen aufgehen …

Gleich lesen: Die Zehnte - Symphonie des Schreckens (Horror / Mystery / Schauernovelle)

Leseprobe:
Die junge Frau auf den Stufen der Kirche lächelte. Ihr kastanienbraunes Haar flatterte im Wind. »Beeil dich! Wir kommen noch zu spät!«
Frederic Mallory blickte zu ihr hinauf, dann eilte er die Stufen in ihre Richtung empor. Seine Beine waren schwer, wie mit Blei gefüllt. Er kannte diesen Ort: eine reetgedeckte Kapelle, irgendwo an der Nordseeküste. Hier hatte seine Schwester ihre Hochzeit gefeiert. »Frederic, alle werden über uns lachen, wenn wir nach Braut ankommen!«
Wen kümmert das?, dachte er und mühte sich weiter die Treppenstufen hinauf.
Als er erneut aufblickte, erkannte Mallory, dass an Maries Stelle dort nun eine Reihe schwarz gekleideter Männer stand. Sie trugen einen Sarg. Dies war nicht Claras Hochzeit, begriff er, es war eine Beerdigung.
Er beugte sich vor und spähte in den Sarg hinein. Vor ihm, im offenen, mit rotem Samt ausgeschlagenen Sarg lag er selbst, bleich und hohlwangig. Sein Magen sackte ab, schlingerte wie im freien Fall. Zu spät? Wie könnte ich denn zu spät zu meiner eigenen Beerdigung kommen? Und gerade als er eine Hand ausstrecken und nach der fahlen Haut greifen wollte, die sich über seine eingefallenen Wangen spannte, schlug sein totes Ebenbild die Augen auf.
Die Augen waren schwarz und besaßen keine Pupillen.

»Nein!«
Frederic Mallory schrak aus dem Albtraum hoch. Er atmete schwer. Mit den Fingern rieb er sich die Augen, dann die Stirn. Auf seiner Haut stand kalter Schweiß. Sein Nacken schmerzte. Als er an sich herabsah, stellte er fest, dass er vor dem Kamin im Sessel eingeschlafen war: Das Feuer war zu einem winzigen Haufen Glut herabgebrannt.
In der Ecke machte sich das Telefon mit einem dumpfen Klingeln bemerkbar. Noch benommen vom Traum schlurfte er hinüber und nahm den Hörer ab.
»Hallo?«
»Ich suche den großen Maestro«, sagte eine Männerstimme.
Mallory versuchte, die Benommenheit abzuschütteln. »Hier … hier ist Frederic Mallory.«
»Sie müssen herkommen.«
»Was?« Erneut rieb sich Mallory die Augen mit den Fingerknöcheln, danach warf er einen Blick auf seine Armbanduhr. Es war achtzehn Uhr fünfzig. »Wer ist da? Mit wem spreche ich?«
»Sie sind Frederic Mallory, Chefdirigent, Musikdirektor. Der große Maestro. Wer ich bin, spielt keine Rolle. Wichtig sind nur meine Taten.«
»Hören Sie, wenn das ein Scherz sein soll, dann weiß ich nicht, was Sie damit be–«
»Es ist kein Scherz. Ich kann am Telefon nicht alles verraten, denn das würde die Überraschungen vorwegnehmen, nicht wahr? Sie müssen herkommen und es sich ansehen. Es ist einfach großartig.«
Mallory seufzte. Wahrscheinlich war der Anrufer ein verzweifelter Komponist, vielleicht auch ein Musiker, dem die Aufnahme in ein großes Orchester verwehrt geblieben war. Alle paar Monate tauchte einer von ihnen auf und drängte Mallory, sich doch einmal seine Werke anzusehen, in der Hoffnung, er könne ihnen zum Durchbruch verhelfen. Die verkannten Wolferls, so nannte er sie manchmal. »Sagen Sie nicht, Sie hätten irgendetwas komponiert. Wissen Sie überhaupt, was morgen los ist? Wissen Sie –« Mallory hielt inne. Seine Festnetznummer stand nicht im Telefonbuch und doch hatte ihn der Unbekannte über diesen Anschluss erreicht. »Wie sind Sie überhaupt an diese Nummer gekommen?«
»Ah, das war leicht. Eine gute Freundin hat sie mir verraten. Ich weiß sehr wohl, was morgen geschehen soll. Wenn Sie mir jedoch nicht zuhören, großer Maestro, könnten Umstände eintreten, die die Premiere unmöglich machen. Sie müssen herkommen.«
Die Premiere. Allein die Erwähnung ließ Mallorys Puls in die Höhe schnellen. Der Tonfall des Mannes auf der anderen Seite der Leitung beunruhigte ihn. Die Art, wie er das Wort Umstände ausgesprochen hatte …
»Genug davon.« Mallory gab sich nicht länger die Mühe, höflich zu bleiben. »Wer immer Sie sind, ich habe im Augenblick weder die Zeit noch die Nerven, mich mit Ihnen und diesen Scherzen auseinanderzusetzen. Rufen Sie nicht mehr an.«
Er hängte auf. Der Hörer wackelte auf der Gabel des alten Telefons und brauchte eine Weile, um wieder zur Ruhe zu finden. Mallory blickte zum Sessel hinüber und überlegte einen Moment, ob er erneut würde einschlafen können, vielleicht das Feuer neu anzünden sollte. Dann verwarf er den Gedanken. Der Traum hatte ihn zu sehr aufgewühlt. Er ging durch den mit Eichenholz getäfelten Flur hinüber in die Küche und bereitete sich einen Rooibostee zu, stark, wie er ihn mochte. Durch die Fenster, die nach hinten auf den Garten gingen, fielen die letzten dunkelroten Strahlen der untergehenden Spätseptembersonne und warfen bunte Flecken auf die Marmorfliesen.
Während er den Tee trank, war es ihm, als könnte er das große viktorianische Haus am Westrand des Waldes atmen hören. In den Wänden gluckerten die Rohre. Irgendwo in der Ferne plärrte eine Polizeisirene. Er betrachtete sein Spiegelbild in den Fenstern. Erste graue Strähnen durchzogen sein Haar, sein Gesicht war etwas bleich und irgendwie ungesund – er wurde unvermeidlich alt. Unaufhaltsam, dachte er melancholisch, streben wir jenem einen entgegen, das alles Vergängliche anzieht: unserem Ende.

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Mehr über und von Martin Krüger auf seiner Website.

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