1. November 2014

"2500: Eine Zukunfts-Novelle" von Marc Pain

Wir schreiben das Jahr 2500 und befinden uns auf der Erde. An dem Morgen, an dem diese Geschichte beginnt, steht Pan auf und plötzlich ist nichts mehr so, wie es mal war. Pan besitzt die Macht der freien Gedanken. Eine Macht, die sowohl Fluch als auch Segen ist.

Umgehend versuchen die staatlichen Organe ihn zu fassen und Pan ergreift die Flucht. Mit seinem neuen Bewusstsein eröffnet sich ihm eine hoffnungsvolle und zugleich Furcht einflößende Welt.

Wie wird Pan mit der neu gewonnenen Erkenntnis umgehen? Und wird es ihm gelingen, sein Bewusstsein vor den Fängen des Systems zu schützen?

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Leseprobe:
Das Signal ertönte und Pan öffnete seine Augen. In einer flüssigen und zugleich steif wirkenden Bewegung richtete er sich auf. Zeitgleich setzte er mit beiden Füßen auf dem Boden auf und erhob sich vom Bett. Die Arme legte er eng an den Körper und mit strammer Haltung stand er vor seinem Bett. Zwischen dem Ertönen des Signals, dem Aufwachen, dem Wachwerden und dem Aufstehen waren nicht mehr als fünf Sekunden vergangen. Seine Bewegungen wirkten beinahe wie die einer Maschine, die eines Humanoiden aber eben nicht wie die eines Menschen.
Normalerweise wäre Pan ohne zu zögern ins Bad gegangen, um sich in wenigen Schritten für die Arbeit in seinem Sektor fertigzumachen. Viel Zeit ließ er dabei für gewöhnlich nicht verstreichen. Jeder Tag war aufs Genauste durchstrukturiert und bot keinen Raum, um sich Zeit bei etwas lassen zu können. Pan tat das, ausschließlich das, was seiner Aufgabe diente. Immer wenn das Signal ertönte, stand er auf und genau 10 Minuten später verließ er seine Wohnzelle. Zehn Minuten nach dem Erklingen des Signals verließen alle Arbeiter ihre Wohnzellen und machten sich auf den Weg zur Arbeit. Sie taten dies jeden Tag. Woche für Woche, Monat für Monat und Jahr für Jahr und das ihr Leben lang.
Doch nun, zum ersten Mal in seinem Leben, tat Pan etwas Ungewöhnliches, etwas das nicht der Vorschrift entsprach. Pan tat nämlich gar nichts. Er stand vor seinem Bett und wartete. Warum er wartete und worauf er wartete, das wusste er nicht. Bisher fehlte nicht nur die Zeit zum Nachdenken, er konnte schlichtweg an nichts anderes denken, als an das, was für seine Aufgabe von Nöten gewesen wäre. Und dennoch stand er vor seinem Bett und fragte sich: Warum soll ich zur Arbeit gehen?
Schockiert schlug er sich die Hand vor den Mund, in der Hoffnung seine Gedanken damit zum Schweigen zu bringen. Er hatte noch nie etwas hinterfragt. Absolut niemand tat das – und das niemals, zu keiner Zeit. Es war Zeitverschwendung und kontraproduktiv. Obendrein war es verboten und zugleich unmöglich.
Doch jetzt konnte Pan es und hinterfragte des Weiteren: Wieso nur hab ich diese Gedanken? Warum kann ich mir diese Fragen stellen? Was hat das alles zu bedeuten?
Die neuen Gedanken überforderten Pan und sie machten ihm Angst. Nichts hatte ihn bislang überfordern können. Er hatte nie etwas tun müssen, von dem er nichts verstand. Seine Aufgabe warf weder Fragen auf noch ängstigte sie ihn. Durch seine Aufgabe definierte sich Pan, er lebte für seine Arbeit, ohne sich jemals gefragt zu haben: warum, wofür und weshalb? Es war gar so, als wären all diese Fragen nur unterdrückt worden und im Geheimen hatten sie sich zu einer gefährlichen Last angehäuft. Und jetzt brachen sie über ihn herein und erschlugen ihn regelrecht.
Es war die Flut an Fragen, welche ihm Angst bereitete. Pan verspürte zum ersten Mal Angst. Seine neu gewonnen Gedanken lösten dieses Angstgefühl in ihm aus. Es war eine andere Welt, die er nach dem Aufstehen betreten hatte. Eine Furcht einflößende, fremde Welt, deren Grenzen er nicht einmal erahnen konnte. Warum hatte man ihn sein Leben lang dieser Gedanken beraubt? Und warum hatte man sie ihm jetzt gegeben?
Wie kann ich diese Gedanken wieder loswerden?, fragte er sich, ohne sich darüber bewusst zu sein, zu welch seltenem Besitz er über Nacht gelangt war. Jetzt, da Pan sich Fragen stellen konnte, schien sein Gehirn nichts anderes mehr tun zu wollen.
Er stand bereits seit mehreren Minuten vor dem Bett und beschäftigte sich allein mit seinen Gedanken. Nur schwer konnte er sich losreißen und zog sich geistesabwesend seine Hose an. Verwirrt, wie er war, vergaß er an diesem Tag das Duschen und folgte nicht dem minutengenau vorgegebenen Tagesablauf.
Das akkurat zusammengelegte Hemd lag auf der ebenso perfekt gefalteten Hose. Beides befand sich in dem obersten Fach eines Spinds. In dem Fach darunter lagen ein Sockenpaar und eine frisch gewaschene Unterhose. Im untersten Fach standen seine Arbeitsschuhe und auf einem Bügel fand eine Jacke platz. Jeden Tag nach der Arbeit, warf Pan seine getragene und verschwitzte Kleidung in einen Wäscheschacht und jeden Morgen fand er sie gereinigt und feinsäuberlich sortiert in seinem Spind vor.
Bislang hatte er sich darüber keinerlei Gedanken machen müssen, genauso wenig über die stets geputzte Wohnzelle, der selbstreinigenden Dusche und seinem gemachten Bett. Seine Haare wurden einmal die Woche auf pflegeleichte drei Millimeter gestutzt und sein Bart rasiert, beides erledigte eine Robotereinheit. Alles war darauf abgestimmt, dass Pan ungehindert seiner Arbeit nachgehen konnte.
Jetzt schien dies nicht mehr möglich zu sein. Seine Gedanken machten ihm einen Strich durch die Rechnung. Die Arbeit und seine Aufgabe hatten ihre Wichtigkeit über Nacht verloren.
„Ich will das nicht! Ich darf das nicht!“, warnte er sich und versuchte lautstark die Stimmen aus seinem Kopf zu verbannen. Sie ließen sich aber nicht einfach verscheuchen oder fortwünschen, doch wusste er das nicht. Die Gedanken fühlten sich verboten an. Sie überforderten ihn zunehmends, ähnlich wie es bei einer Maschine der Fall gewesen wäre, deren Bedienung man nicht beherrschte oder deren Zweck man nicht verstand. Es kam einer Neugeburt gleich, die Pan gerade durchlebte.

Im Kindle-Shop: 2500: Eine Zukunfts-Novelle

Mehr über und von Marc Pain auf seiner Website.

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