19. Dezember 2014

"Geh nicht dorthin" von Marc Pain

Geh nicht dorthin, so nennen die alten Mansen das Gebiet um den Kholat Syakhl, dem Berg der Toten. Eine Expeditionsgruppe kommt 1959 unter mysteriösen Umständen bei einer Wanderung ums Leben. Was ist den sieben Männern und zwei Frauen zugestoßen? Bis heute gibt das Unglück am Djatlow-Pass einige Rätsel auf und konnte bislang nicht lückenlos rekonstruiert werden.

Dies ist eine fiktive Geschichte, die eine mögliche Theorie beleuchtet.

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Leseprobe:
Es gab kein Entkommen. Geräuschlos und rasend schnell verfolgte sie die Gefahr. Zitternd vor Angst und zitternd vor lauter Kälte, standen die neun Wanderer vor dem kleinen Feuer, das jeden Moment auszugehen drohte. Etwas Schemenhaftes huschte am Waldrand vorbei, etwas das auf der Suche nach ihnen war. Zinaida unterdrückte einen Panikschrei und umklammerte Igors Arm.
„Lass uns von hier verschwinden! Wir sollten zurück ins Lager“, hauchte Zinaida, mit vor Entsetzen aufgerissenen Augen und weinerlicher, heiserer Stimme.
„Zina hat recht“, stimmte Igor der jungen Studentin zu und wandte sich dabei an die anderen Gruppenmitglieder, „Wir müssen zurück ins Lager, ansonsten erfrieren wir hier draußen. Nicht mehr langte und das Feuer erlischt und dann sind wir der Kälte schutzlos ausgeliefert.“
„Man wird uns umbringen, wenn wir den Wald wieder verlassen! Wir sind tot, noch bevor wir das Lager erreichen. Hier im Wald sind wir immerhin vor dem Wind geschützt“, stieß Alexander hervor und sprang währenddessen auf der Stelle auf und ab.
„Alex hat recht, wir sollten hier bleiben und versuchen das Feuer am Leben zu halten, um uns warmzuhalten“, flüsterte Lyudmila.
„Ja, wir sollten hier bleiben. Da draußen wartet der Tod!“, sagte Nicolas.
„Ebenso wie hier! Ich bin dafür zum Lager zurückzukehren“, hielt Rustem dagegen.
„Ich werde hier sicherlich nicht erfrieren! Wir müssen zurück ins Lager, um unsere Kleidung und Ausrüstung zu holen. Ich spüre meine Füße bereits nicht mehr“, sagte Igor und rieb sich die eigenen Schultern, „Zina, Rustem und ich werden zum Lager gehen und mit Kleidung zurückkehren. Ihr werdet hier warten und darauf achten, dass das Feuer nicht ausgeht.“
Alle nickten zustimmend.
„In Ordnung lasst uns gehen“, sagte Igor und marschierte los. Bereits nach kurzer Zeit verschwanden sie aus dem Blickfeld der anderen. Ihre Schritte, das Knirschen des Schnees, war noch eine Weile länger zu hören, bis von ihren Freunden weder etwas zu sehen noch zu hören war.
Die Flammen strahlten kaum noch Hitze aus und die sechs Wanderer rückten dichter an das kleine Feuer heran. Sie versuchten sich mit allen verfügbaren Mitteln warmzuhalten, um der Eiseskälte trotzen zu können.
Um die Durchblutung anzuregen, rubbelten sie sich gegenseitig die Körper und Beine ab. Ununterbrochen rieben sie die eigenen Hände aneinander, hielten sie sich vors Gesicht und hauchten hinein, traten und sprangen auf der Stelle oder machten gar Kniebeugen. Einfach alles wurde versucht, um die Körpertemperatur vor einem tödlichen Sturz zu bewahren.
Plötzlich war es da. Die lautlose Gefahr, ein wahrgewordener Albtraum, der blanke Horror – das manifestierte Böse. Wie aus dem Nichts tauchte es vor der kleinen Gruppe auf.
„LAUFT!“, schrie Alexander und rannte blindlings in den dunklen Wald hinein.
Die restlichen Gruppenmitglieder folgten ihm. Alle bis auf Georgy und Doroshenko. Wie gefesselt, vollkommen erstarrt vor lauter Entsetzen, blickten sie ihrem sicheren Tod entgegen.
Erst als es längst zu spät war, kehrte der natürliche Fluchtinstinkt zurück. Unentschlossen sahen die jungen Männer sich um.
„Los auf den Baum“, rief Doroshenko und deutete auf die Kiefer, unter der sie Schutz gesucht und das Feuer entzündet hatten. Von der Furcht gepackt versuchten sie sich an den Ästen des Baumes hinaufzuziehen. Die meist sehr dünnen Äste brachen unter dem Gewicht der Männer und beim Hinabstürzen rissen sie sich die Haut ihrer unbekleideten Körper, an der rauen Rinde des Nadelbaumes, auf. Nur Georgy gelang es schließlich den Baum zu erklimmen, während sein Freund nach dem letzten Sturz erschöpft und regungslos liegen geblieben war.
„Doroshenko! Steh wieder auf, komm schon! Yuri?“
Doch Yuri Doroshenko zeigte keine Regung mehr und blieb auf dem kalten Waldboden liegen. Georgy klammerte sich an den Stamm der Kiefer und schluchzte verängstigt. Seine Hände schmerzten fürchterlich und allmählich verließen ihn die Kräfte.
Abwechselnd führte er seine Hände zum Mund und hauchte sie an. Er versuchte seine Finger zu bewegen, seine Hand zu einer Faust zu formen, doch das Gefühl wollte nicht zurückkehren.
Verzweifelt biss sich Georgy in die Hände, in der Hoffnung die Durchblutung damit zu verstärken. Dabei riss er sich das eigene Fleisch aus den Handrücken, die so taub und blutleer waren, dass er davon nicht einmal etwas mitbekam. Aufgelöst schaute Georgy auf den Waldboden hinab. Nur mit Unterwäsche bekleidet, lag Doroshenko leblos vor dem Stamm der Kiefer, unweit der Feuerstelle, die inzwischen erloschen war. Georgy trug ebenfalls nichts außer seiner Unterwäsche. Fluchtartig hatte die Gruppe ihre Zelte verlassen müssen, anderenfalls hätte man sie umgebracht, daran hatte es keinen Zweifel gegeben.
„Doroshenko komm schon, jetzt steh endlich auf“, schluchzte Georgy verzweifelt. Vom Baum wieder hinabzuklettern traute Georgy sich nicht. Er spürte, dass die Gefahr noch nicht gebannt war, sie lauerte im Dunkeln und wartete auf ihn. Kurz vor seinem Ende erinnerte er sich an die Worte von Alexander, daran welchen Namen das alte Mansenvolk diesem Ort gegeben hatte.
„Wir hätte hier niemals hergehen dürften“, bereute Georgy und wünschte sich an einen anderen Ort.
Ein brennender Schmerz zog plötzlich durch sein linkes Bein. Es fühlte sich an, als würde jemand ein Messer in seinen Oberschenkel rammen oder ein glühendes Eisen auf seine Haut pressen. Mit einem schmerzerfüllten Schrei lockerte Georgy ungewollt den Griff und stürzte die gut fünf Meter, die er erklommen hatte, wieder hinab. Dabei zog er sich weitere Verletzungen zu und brach einige Äste ab. Zuletzt schlug er mit dem Kopf auf das Ende eines zuvor abgebrochenen Astes. Durch die Kraft des Sturzes bohrte sich das abgebrochene Astende tief in sein Gesicht und riss einen Teil seiner Nase ab. Danach schlug Georgy auf den Waldboden auf.
Nicht weit von seinem Freund entfernt, fand auch das Leben von Georgy ein grausames Ende. Ein Ende in lähmender Kälte und in der absoluten Ungewissheit darüber, warum er sterben musste.

Im Kindle-Shop: Geh nicht dorthin

Mehr über und von Marc Pain auf seiner Website.

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