4. Dezember 2014

"Schattensprünge sind nicht die Leichtesten" von Simone Gütte

Die 29jährige Jane wird im wahrsten Sinne des Wortes ausgebremst. Nach einer Fahrt durch die Nacht findet sie sich samt Fahrrad und gebrochenem Schienbein im Unterholz von Hannovers Stadtwald wieder. Im Krankenhaus wird ihr Bein gerichtet und sie bekommt Zeit, neu laufen zu lernen. Und das im doppelten Sinne. Ihr Bein muss heilen, sie selbst in ihr Leben zurückfinden. Das verändert sich gerade grundlegend: in ihrer Firma, dem Rundblick, geschehen merkwürdige Dinge, die sie ins Grübeln bringen.

Während sie diese aufzuklären versucht, gewinnt sie auch Klarheit über ihre Wünsche und Ziele. Fehlt nur noch ein gezielter Sprung über den eigenen Schatten, um sie in Angriff zu nehmen. Und nicht nur sie steht vor solch einem Schattensprung, stellt Jane fest.

Gleich lesen: Schattensprünge sind nicht die Leichtesten

Leseprobe:
Peter Marks erhob sich und schaute in die Runde. Er griff zu seinem Glas und wandte sich seiner Tochter zu. Der Abend war fortgeschritten, die kleine Feierrunde hatte ausgiebig gegessen und noch etwas mehr getrunken. Ihr Vater fand es an der Zeit, sein Kind hochleben zu lassen.
„Meine liebe Tochter, liebe Familie und Freunde! Keine Angst, das soll keine große Rede werden, aber eines muss ich an diesem Abend unbedingt sagen: Ich bin stolz auf Dich, meine Tochter, dass Du hier und heute Deinen Abschluss feierst, den Du so gut bestanden hast! Master of Arts im Medienmanagement ... Du bist auf dem besten Wege, Deine Zukunft und Dein Leben zu gestalten. Das Ende des Wintersemesters bedeutet den Anfang einer neuen Karriere, Deines beruflichen Neustarts. Wir werden noch viel von Dir hören.“
Peter Marks legte eine kurze Pause ein, er schien gerührt von seinen eigenen Worten, den Blicken, die alle auf ihm ruhten, vielleicht auch von dem vollmundigem Burgunder.
„Deine Mutter und ich sind so glücklich, so erfreut, so … Unsere Große wird bald Geschäftsführerin eines bedeutenden Zeitungsverlages sein! Alles Gute für Dich mein Kind, Prosit, erhebt die Gläser.“
Es klirrte und klingelte am ganzen Tisch.
Tom stieß mit seiner Schwester an. „Glückwunsch, Jane, Du alte Streberin! Und Leiterin eines bedeutenden Zeitungsverlages!“ Er grinste frech und steckte Jane damit an.
„Bedeutender Zeitungsverlag ist wirklich gut! Papa hatte wohl ein bisschen viel Burgunder.“, kicherte Jane. „Kleiner Wochenzeitungsverlag wäre wohl angebrachter. Und ich werde ihn bald leiten.“, flüsterte sie fröhlich ihrem Bruder zu.
„Klar wirst Du das, ich bin wirklich stolz auf Dich!“ Er drückte ihr übermütig einen Kuss auf die Wange. „Lieblingsschwester von allen!“
„Du hast ja auch nur mich!“
Ihr kleiner Bruder, mit seinen 19 Jahren zehn Jahre jünger als sie, war gleichzeitig ihr bester Freund.
„Entschuldigung, dass ich störe, aber ich möchte Ihnen ebenfalls gratulieren. Herzlichen Glückwunsch zur bestandenen Prüfung.“
Jane drehte sich erstaunt um. Hinter ihr war ein junger Mann an den Tisch getreten. Ein sympathi-sches, fast schüchternes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Er prostete ihr zu. „Alles Gute!“, ergänzte er.
Jane schaute ihn an und bemühte sich um eine Antwort, doch ihr fiel keine ein.
„Danke!“, erwiderte Tom stattdessen. „Das ist meine Schwester Jane Marks, angehende Journalistin und Kommunikationsexpertin und ich bin Tom, der kleine Bruder. Und Sie sind …?“
„Oh, sorry, tut mir leid, ich bin Leon. Leon von Hohenstein, ich habe zufällig die Rede Eures Vaters mitgehört.“
Tom nickte. „Wollen Sie mit uns anstoßen? Jane würde sich freuen, nicht wahr, Jane? Jane!“
Jane nickte automatisch und drehte sich zu ihrem Tisch um, nur um in das strenge Gesicht ihres Vaters zu blicken. Leon hatte ihr Nicken als Aufforderung verstanden, sich dazu zu setzen und strahlte Familie Marks an. Jutta, Janes Mutter, rang sich ein Lächeln ab und suchte den zustimmenden Blick ihres Mannes. Da dieser ausblieb, bestellte sie ein weiteres Sektglas. Jane betrachtete angestrengt den kleinen Schluck Weißwein in ihrem Glas. Was war das für ein gut aussehender Kerl neben ihr? Interessierte er sich wirklich für ihr Studium? Oder für sie mit ihren langen blonden Haaren? Die vor Stunden mühevoll gedrehten Locken fielen ihr um diese Stunde schon etwas wirrer über den Rücken. Als das Sektglas gebracht wurde, wandte sie sich Leon zu und straffte die Schultern. Ein Lächeln grub sich in ihr Gesicht und wollte nicht wieder verschwinden.
Er strahlte zurück. „Alles Gute für Sie und Ihre Zukunft, Jane!“, wiederholte er.
„Vielen Dank!“, schaffte sie immerhin zu sagen.
Tom grinste und betrachtete seine Eltern. Sie versuchten die Szene zu ignorieren und unterhielten sich mit den Großeltern, mit Janes Studienkolleginnen Maike und Roswitha sowie mit Larissa, Janes bester Freundin, die ebenfalls von Leons hingebungsvollem Lächeln abgelenkt war.
Tom beugte sich nach vorn und erzählte: „Jane hat gerade ihre Prüfung mit einer Supernote bestanden. Master of Arts. Heißt das so, Jane?“
Diese nickte.
„Also, sie ist damit in der Lage, eine Firma zu führen, cool, nicht wahr? Zurzeit ist sie nur einfache Sekretärin.“ Tom wusste, wie er die Aufmerksamkeit seiner Schwester zurückbekommen konnte.
Sie drehte sich zu ihm um. „Was heißt hier einfache ? Das ist ein wichtiger Beruf!“
„Aber Du willst lieber Leiterin sein! Ist ja okay, wem’s Spaß macht!“ Tom war ruhig und locker, so richtig hatte er die Karriereabsichten seiner Schwester nie verstanden. Er schielte zu seinem Vater hinüber. Der Meister. Er hatte die Ambitionen seiner Tochter unterstützt, begleitete und trieb sie voran auf ihrem Weg. Außerdem hatte er sie ermutigt, sich um die freigewordene Position der Geschäftsführung beim Rundblick zu bewerben. Der frühere Geschäftsführer war im wohlverdienten Ruhestand und nun wurde ein neuer Partner für den verbliebenen gesucht. Jane fand den Zeitpunkt genau richtig, sie wollte es wagen!
,Du möchtest doch schließlich nicht Dein ganzes Leben lang Sekretärin bleiben‘, hatten ihre Eltern angemerkt, zumal sie das Studium finanziert hatten.
,Nein, natürlich nicht‘, hatte Jane sich beeilt zu sagen, ‚das sollte nicht umsonst gewesen sein.‘
„Was machen Sie beruflich?“, fiel ihr endlich ein Thema für ihren neu aufgetauchten Tischnachbarn ein.
„Ich habe Sportwissenschaften studiert und …“
„Oh, wie toll!“, ließ sich Larissa vernehmen, die endgültig das Hinüberstarren aufgegeben hatte und sich dichter zu Jane und Leon setzte. „Sie sehen ja auch so sportlich aus! Ist sicher total interessant!“
„Aber so was von total!“, lachte Tom.
Larissa sah ihn ärgerlich an. Tom nervte. Und es nervte auch, dass Leon darüber grinsen musste.

Im Kindle-Shop: Schattensprünge sind nicht die Leichtesten

Mehr über und von Simone Gütte auf ihrer Profilseite bei Autorenwelt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen