28. Februar 2014

'Liebe tanzt Rumba' von Evelyn Sperber-Hummel

Die Reihe "Quick, quick, slow - Tanzclub Lietzensee" mit Geschichten verschiedener Autoren rund um die Welt des Tanzes geht weiter. Das Herz von Katja Römer schlägt im Rumba-Takt als sie Gaston Berraque zum ersten Mal sieht. Sie begegnet ihm beim Faschingsball des Berliner Tanzclubs Lietzensee und der Funke, der an diesem Abend auf beide überspringt, entwickelt sich zur großen Liebe. Oh, dass es ewig so bliebe …

Genau das will Katjas Vater verhindern. Er hat eine krankhafte Aversion gegen Ausländer und gegen jede Art von Musik. Gaston ist Franzose und er studiert Musik. Damit ist das sinnlose Verhalten des Vaters vorprogrammiert. Er verbietet Katja strikt den Umgang mit Gaston. Sie wird von ihm tyrannisiert und terrorisiert. So ein mieser Typ muss am Ende doch scheitern. Oder?

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Leseprobe:
Die vielen „Sie“ in seiner Rede störten Katja. „Wollen wir uns nicht duzen?“, fragte sie. Er war sofort einverstanden. Spät in der Nacht verließen sie den Tanzclub. Katja erlebte ihre erste Fahrt in Gastons Twingo. Er ließ eine CD mit Tanzmusik aus den 30er Jahren laufen. „Ich liebe diese ollen Kamellen“, sagte er.
Beschwingt und guter Laune kam Katja nach Hause. Im Wohnzimmer brannte Licht. Die Eltern hatten gewartet. Der Vater sah sie streng an und tippte auf seine Armbanduhr.
„Ich weiß, es ist später geworden, aber es war einfach toll. Und getanzt habe ich auch.“ Und dann erzählte sie von Gaston, der so fantastisch Klavier spielen konnte. Dabei glühten ihre Wangen vor Begeisterung. „Er ist Franzose und sehr charmant“, plapperte sie weiter und merkte im Überschwang der Gefühle nicht, wie sich die Miene des Vaters mehr und mehr verdüsterte.
Er unterbrach ihren Freudentaumel abrupt. „Einer, der bei Tanzveranstaltungen Musik macht? Ein brotloser Künstler und obendrein ein Ausländer! So ein Nichtsnutz kommt mir nicht ins Haus.“
Mit offenem Mund starrte Katja den Vater an. „Gaston ist kein Nichtsnutz. Er studiert an der Musikhochschule und …“ Der Vater haute mit der Faust auf den Tisch. „Du wirst diesen Kerl nicht wiedersehen.“
„Warum? Du kennst ihn doch gar nicht?“, schrie sie ihn an.
Er sprang auf, mit geballter Faust stand er vor ihr. „Ich verbiete dir den Umgang mit diesem Kerl. Basta“, brüllte er. „Schluss jetzt“, sagte die Mutter.
Auf welcher Seite stand sie? War sie der gleichen Meinung wie der Vater? Dann bin ich hier allein auf weiter Flur, dachte Katja und wusste, an das Verbot des Vaters würde sie sich ganz bestimmt nicht halten.
In der nächsten Zeit sahen sie und Gaston sich manchmal an den Wochenenden. Heimlich, denn der Vater blieb stur bei seiner stereotypen Meinung über Ausländer und Musiker. So log sie, sie gehe mit Freunden aus.
Gaston lud Katja zu Konzerten an der Musikhochschule ein, sie gingen zusammen ins Kino und er erzählte von seiner Familie und wie er sich manchmal nach zu Hause sehne. In Gastons Familie herrschte so viel Herzlichkeit. Wenn sie seine Familie mit ihrer verglich, wurde Katja melancholisch. Es war so schön, mit Gaston zusammen zu sein. Aus der Sympathie, die beide spontan beim Tanzclub füreinander empfunden hatten, entwickelte sich allmählich mehr. Amor hatte gut gezielt.
So ging das Wintersemester zu Ende. Anfang April fuhr Gaston für zwei Wochen zu seinen Eltern nach Bar-le-Duc. Nach dem Bachelor im Sommersemester wollte er anschließend auf den Master weiterstudieren.
Nach seiner Rückkehr trafen Katja und Gaston sich im Café am Neuen See. Er erzählte von zu Hause und immer wieder kamen sie aufs Tanzen zu sprechen. „Hat richtig Spaß mit dir gemacht“, sagte Katja.
„Ehrlich? Dann könnten wir das ja mal wiederholen“, war seine Antwort. An diesem Nachmittag beschlossen sie, Mitglied beim Tanzclub Lietzensee zu werden. Zum 1. Juni meldeten sie sich bei Marga Fischer an.
Nun gehörten sie schon drei Wochen lang zum Tanzkreis für Fortgeschrittene, der jeden Freitag von 20 bis 22 Uhr trainierte. Herzlich waren sie von den anderen Paaren aufgenommen worden. Katja und Gaston genossen das unbeschwerte Zusammensein und die rhythmische Bewegung beim gemeinsamen Tanz. Katja war glücklich und vergaß für kurze Zeit den familiären Ärger. Gleich am ersten Tanzkreisabend hatte es zu Hause dicke Luft gegeben, weil sie erst um 23 Uhr heimgekommen war. Der Vater wollte genau wissen, „wo sie sich rumgetrieben habe“, und er verlangte, sie müsse spätestens um 22 Uhr zu Hause sein, möglichst früher. Doch da schaltete die Mutter sich ein. Katja sei fast achtzehn, in dem Alter dürfe man abends schon mal länger mit den Freunden unterwegs sein oder Partys feiern. Der Vater reagierte grimmig und war den ganzen Abend schlechter Laune. Wüsste er, dass ich mit Gaston zusammen bin, er würde einen Tobsuchtsanfall bekommen, dachte Katja. Vorsichtshalber hatte sie den Eltern deshalb nichts vom Tanzkreis erzählt und wie bisher nur gesagt, sie gehe mit Freunden aus.
Die Einzige, die wusste, dass Katja mit Gaston beim beim Lietzensee-Club tanzte, war Marie. Sie hatte Gaston inzwischen auch kennen gelernt und fand ihn sehr attraktiv. In einer kleinen Kneipe hatten Katja und Gaston mit Marie und ihrem Freund Manuel zusammengesessen. Es war eine gemütliche Runde. Doch Manuel langte wohl zu kräftig zu beim Bier. Plötzlich hatte er angefangen zu stänkern. Marie flirte mit Gaston, behauptete er, und fast hätte es einen Streit gegeben. „Nun halt mal an dich“, hatte Katja gesagt, „wenn Marie wirklich mit Gaston flirtete, hätte ich das wohl als Erste bemerkt.“ Es gelang ihr, Manuel zu beschwichtigen. Danach hatte es kein Treffen mit den beiden mehr gegeben.
Vaters miese Laune hielt auch die nächste Zeit an und er vergiftete das familiäre Klima mit gehässigen Bemerkungen über Flittchen und missratene Töchter und über Mütter, die nicht fähig seien, ihre Kinder zu erziehen. Katja wunderte sich über die Mutter. Die schien das alles nicht zu berühren. Sie war gleichmäßig freundlich und reagierte nicht auf Vaters Beleidigungen. Es war, als höre sie gar nicht, was er von sich gab. Katja dagegen wäre bei jeder seiner verletzenden und entwürdigenden Äußerungen am liebsten aus der Haut gefahren. Wegen der Mutter beherrschte sie sich. Nur einmal gingen die jungen Pferde mit ihr durch. „Du kotzt mich an!“, hatte sie geschrien und ihn einen geistesgestörten alten Sack genannt. Er antwortete mit einer Maulschelle und es wäre schlimmer geworden, hätte die Mutter nicht dazwischengefunkt. Warum brauste die Mutter nicht auf, wenn er ihr Gemeinheiten an den Kopf warf? Liebte sie ihn so sehr, dass sie sich alles gefallen ließ? Warum wehrte sie sich nicht?

"Liebe tanzt Rumba" im Kindle-Shop

Mehr über und von Evelyn Sperber-Hummel auf ihrer Website "Wörter-Wege".

24. Februar 2014

'Im Königreich der Frommen' von Peter Boehm

Dreizehn Monate lang hat der deutsche Journalist Peter Boehm an saudischen Universitäten unterrichtet. Das ist sein Bericht. Er erzählt von Kindern, die Auto fahren dürfen, aber Frauen, die das nicht dürfen, von Luxus-Arbeitslosen und Frauen im Darth Vader-Kostüm, von Hausmädchen und ihren Horror-Geschichten, der eigentlichen Bedeutung des Gebets, von der saudischen Autogesellschaft und dem wahnwitzigen Bauboom.

Aber vor allem zeichnet Peter Boehm das detailgetreue Porträt einer islamisch-fundamentalistischen Gesellschaft, die auf der Welt ihresgleichen sucht.

Gleich lesen: "Im Königreich der Frommen" von Peter Boehm



Leseprobe:
Die saudi-arabische Hauptstadt Riad liegt mitten in der Wüste. Dort regnet es also nicht oft, auch nicht Mitte Januar. Deshalb war ich erstaunt, als ich eines Abends sah, die Wettervorhersage im Internet sagte für den nächsten Tag richtigen Regen voraus.
Früh am nächsten Morgen schon orgelten die Imame über die Lautsprecher auf den Moscheen Gebete für den Regen durch die Viertel. In den Zeitungen stand, der König habe sie nach langer Dürre angewiesen, zusammen mit den Gläubigen für das Leben spendende Nass zu beten. Bis auf einige wenige Imame in privaten Moscheen ist der König als Oberhaupt der Gläubigen derjenige, der die Imame beschäftigt und bezahlt.
Der Regen kam wie vorhergesagt. Aber er kam so dick, dass das Wasser bald kniehoch in den Straßen stand. Unsere Studenten baten uns, sie zwei Stunden früher nach hause gehen zu lassen, um nicht ins erwartete Verkehrschaos zu geraten. Wo zuvor flache, breite Straßen waren, staute sich nun weitflächig das Wasser. Von unserer Schule nach Hause bahnte sich unser Kleinbus langsam den Weg durch riesige Pfützen, kleine Seen wirklich und an machen Stellen kleine Flüsse. Vor unserem Apartmentblock stand ein paar Tage lang ein kleiner Teich, den wir weiträumig umgehen mussten, wollten wir nicht nasse Füße bekommen – bis schließlich ein Tanklastwagen kam und ihn abpumpte.
Dschidda, die Hafenstadt am Roten Meer, stand wieder einmal völlig unter Wasser. Nach starken Regenfällen im Dezember 2009 sind dort nach offiziellen Angaben mehr als 120 Leute ertrunken – die meisten jämmerlich in ihren Autos.
Warum ist das so ein großes Ding, fragte ich mich, wenn es im Königreich einmal regnet? Der Grund war einfach zu verstehen: Die Städte des Landes haben keine Kanalisation. Das Regenwasser kann also nicht ablaufen.
Aber warum war das so? Selbst nach Dutzenden von Zeitungsseiten, die die Journalisten hier schon zu dem Thema vollgepinselt haben, war mir immer noch nicht klar, warum die Städte eigentlich keine Kanalisation hatten.
Ein europäischer Bauingenieur, an den ich mich verzweifelt um Aufklärung wandte, erzählte mir, ursprünglich hätten die Stadtplaner einfach auf sie verzichtet. Wie oft regnet es schon in der Wüste! Als die Städte jedoch wuchsen, die asphaltierte Fläche zunahm und das Wasser immer weniger Platz fand abzulaufen, mussten sie ihre Meinung ändern.
In Dschidda zum Beispiel war das vor rund zehn Jahren. Nur: Die Regierungsgelder für die geplanten Abwasser-Baumaßnahmen verschwanden in den Taschen irgendeines Prinzen und/oder seiner Getreuen. Deshalb wurde keine Kanalisation gebaut und deshalb stehen die saudischen Städte heute unter Wasser, wenn der Regen kommt.
Blieb für mich allerdings noch eine Frage: Waren es wirklich die Gebete der Gläubigen, die den Regen brachten? Das fragte ich den jungen Saudi an der Rezeption unseres Apartmentblocks am Tag nach dem Guss. Er hat studiert, aber er sagte: „Der Herr lässt uns nicht im Stich.“
Ich fragte den nächsten, meinen Vorgesetzten an der Hochschule. Er hat in England studiert und acht Jahre lang dort gelebt. Er verdrehte die Augen und sprach versonnen: „Aber natürlich, das ganze Land hat ja dafür gebetet.“
Nur der Menschenrechtler Mohammed Al Qahtani winkte gelangweilt ab. Er ist so eine Art Ein-Mann-Opposition des Landes, einer der ganz wenigen Saudis, die ungezwungen mit westlichen Journalisten reden. Ohne nachzudenken sagte er: „Die Show ziehen die hier immer ab, bevor es anfängt zu regnen.“
Willkommen im Königreich der Frommen. Auf den Einen mag Saudi Arabien wirken wie eine große Show. Das Land selbst sieht sich jedoch als die von Gott gegebene Antwort auf die Frage nach der staatlichen Organisation, als irdisches Paradies der Gläubigen. Bis die Anschläge des 11. September 2001 Saudi Arabien in seinem Selbstverständnis erschütterten – fünfzehn der neunzehn Flugzeugentführer waren junge Saudis – behauptete der Klerus des Landes noch, Saudi Arabien habe das „perfekte islamische System“.

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21. Februar 2014

'Alicia - Gefährtin der Nacht' von Kerstin Michelsen

Eine in Deutschland spielende Vampirgeschichte. Das blutdurstige Volk der Salizaren lebt im Verborgenen und ist doch so nah ...

Eigentlich sucht Isa nur eine männliche Begleitung für den Polterabend ihrer besten Freundin. Die Begegnung mit dem mysteriösen Laurean verändert jedoch alles. Als Isa hinter das Geheimnis seiner Herkunft kommt, trifft sie eine folgenschwere Entscheidung: Sie folgt Laurean in eine fremdartige Welt, in der die Menschen nur als Beute gelten.

Aus Isa wird Alicia, eine furchtlose Salizarin. Als sie von mächtigen Feinden angegriffen werden, kämpft Alicia an Laureans Seite um das Überleben ihres Volkes.

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Leseprobe:
Auf den letzten Cocktail hätte ich verzichten sollen, das wurde mir in dem Moment klar, als ich mich vom Barhocker erhoben hatte und mich sehr zusammennehmen musste, um nicht zu schwanken. Fahren konnte ich jedenfalls nicht mehr, also ließ ich meinen Wagen in der Tiefgarage der Bank stehen und nahm ein Taxi. Wenn es wenigstens ein netter Abend gewesen wäre, dann wäre mir das gleichgültig gewesen, doch ich hatte mich schlicht gelangweilt. Das war auch der Grund gewesen, weshalb ich innerhalb kürzester Zeit drei Bloody Mary in mich hineingekippt hatte. Zu allem Überfluss hatte das Getränk zu viel Wodka enthalten und nicht besonders gut geschmeckt. Unter anderen Umständen hätte ich mich bei dem Barkeeper beschwert und den Drink zurückgehen lassen, aber an diesem Abend war es mir nur recht gewesen. Normalerweise ging ich den Trinkgelagen mit den Arbeitskollegen aus dem Weg, die in schöner Regelmäßigkeit nach Büroschluss stattfanden. In der Regel war das einfach, denn ich arbeitete ohnehin meistens länger als die anderen, sodass sie mich gar nicht mehr fragten. Doch an diesem Abend hatte ich keine Wahl gehabt, denn Martin, unser Abteilungsleiter, feierte seinen Geburtstag. Er hatte kein Nein akzeptiert. Also war ich mitgegangen und hatte mir zwei Stunden lang die aufgeblasenen Plattitüden angehört, mit denen mehr oder minder erfolgreiche Männer anscheinend so gern um sich warfen: Mein Haus, mein Boot, meine Frau, meine Geliebte. Ja, genau, Jungs, wer hat den Größten, dachte ich, verkniff mir nur mühsam ein genervtes Augenrollen und bestellte den nächsten Drink.
Nicht, dass es mir an sich etwas ausgemacht hätte, die einzige Frau in unserem Trupp zu sein, im Gegenteil war ich immer stolz darauf gewesen. Ich war das erste weibliche Wesen, das es in den illustren Kreis der Abteilung geschafft hatte, von den Sekretärinnen einmal abgesehen. Dieser Aufstieg hatte mich mehrere Jahre harter Arbeit gekostet, denn die wirklich interessanten und lukrativen Jobs in dieser altehrwürdigen Privatbank waren immer noch fest in männlicher Hand. Ich hatte lange und zielstrebig darauf hingearbeitet, dass dies nicht für immer so bleiben würde. Eines Tages würde ich es bis in den Vorstand schaffen, das hatte ich mir geschworen. Der Weg dorthin führte unweigerlich über eine Position, in der man viel Geld machte, damit die dort oben auf einen aufmerksam wurden. Immerhin hatte ich es schon unter die Devisenhändler geschafft und war entschlossen, einen nach dem anderen hinter mir zu lassen. Inzwischen hatte ich mir durch einige waghalsige, aber gewinnbringende Geschäfte den Respekt der Kollegen erworben. Auch die Vorgesetzten hatten bereits mitbekommen, dass ich keine Angst vor schnellen Entscheidungen hatte. Manchmal jedoch ließen sie mich spüren, dass mir etwas Entscheidendes fehlte, um ganz dazuzugehören, nämlich das, was ihnen zwischen den Beinen baumelte. Dass ich darauf gar keinen Wert legte, schien ihnen vollkommen zu entgehen. In meinen Augen benahmen sie sich so kindisch wie kleine Jungen, die damit prahlten, wer weiter pinkeln konnte.
Als ich mich verabschiedete, war die Luft zwischen ihnen derartig mit Testosteron gesättigt, dass man sie beinahe schneiden konnte. Die lieben Kollegen waren wohl ebenso froh wie ich, als ich ging, denn für sie war der Abend noch nicht zu Ende. Ich hätte ein halbes Monatsgehalt darauf verwettet, dass sie keine halbe Stunde später in irgendeinem teuren Club halbnackten jungen Frauen knisternde Geldscheine zustecken würden. Das alles war mir herzlich gleichgültig und ich war unendlich froh, als ich die Tür zu meiner Wohnung hinter mir zumachen konnte. Eigentlich hätte ich, todmüde und etwas angetrunken wie ich war, gleich auf das Bett fallen können. Doch da war noch etwas, das mich an den Computer trieb. Im Büro sah ich grundsätzlich nicht in meine privaten E-Mails. Aber daran gedacht hatte ich, im Grunde wohl den ganzen Tag über, ohne es mir einzugestehen. Da war diese innere Unruhe gewesen, auch vorhin noch, in der Bar. Ein Kribbeln, das meinen Körper von Zeit zu Zeit durchlief. Jetzt konnte ich es nicht mehr ignorieren. Ich musste einfach wissen, ob der Fremde geantwortet hatte und versuchte mir einzureden, dass es schließlich nur um den Polterabend ging. Genau. Zwei Tage nur noch. Max. Seine Neue. Ich würde mit einem schönen Mann dort auftauchen, ich würde mich amüsieren. Dass dieser Spaß mich einiges an Geld kosten würde, das musste ja keiner erfahren.
Während die Festplatte sich leise ratternd einschaltete, grübelte ich weiter. Machte ich mich lächerlich?
Wahrscheinlich war diese Internetseite sowieso ein einziger Schwindel, das kannte man doch von den Heiratsinstituten, die früher in den Zeitungen annoncierten. Hatte ich nicht einmal einen Bericht darüber im Fernsehen gesehen und mich insgeheim über die Naivität derjenigen amüsiert, die auf diese Weise jemanden suchten, der sie lieben würde? Wie verzweifelt musste man sein, um auf diesen offensichtlichen Schwindel hereinzufallen, das hatte ich damals gedacht. Da suchten angeblich vermögende und liebevolle Herzchirurgen, mit Yacht im Mittelmeer natürlich, eine treue Ehefrau, und am Ende wollten sie einem dann den arbeitslosen Dachdecker andrehen. Oder etwas in der Art.
Ich hörte schon Lenas Stimme, die entsetzt ausrief: Im Internet, Isa, bist du wahnsinnig, das sind doch alles Perverse …
Pling. Sie haben dreiundzwanzig E-Mails. Ich durchsuchte den Posteingang. Alles nur Werbung oder Mitteilungen aus Facebook-Gruppen, bei denen ich mich nicht einmal mehr daran erinnerte, warum ich ihnen überhaupt beigetreten war. Und dann diese eine E-Mail: Liebe Isa, ich stehe Ihnen Freitagabend gern zur Verfügung. Rufen Sie mich an, die Nummer finden Sie am Ende dieser Nachricht. Für meine Begleitung berechne ich € 200,- pro Stunde, weitere Leistungen nach Vereinbarung. Gruß, L.
Ich sah auf die Uhr. Es war wieder beinahe Mitternacht, zu spät wohl, um bei einem Fremden anzurufen.
Andererseits, was wusste ich denn schon über die Bürozeiten eines Callboys? Zum ersten Mal gestand ich mir ein, dass es sich um genau das handelte, da konnte man es noch so wohlklingend Escort nennen. Dieser L. war ein Mann, der für Geld Frauen begleitete und nach Wunsch auch mehr anbot. Sex gegen Geld. Wie einsam war ich eigentlich, dass ich mich allen Ernstes damit beschäftigte, einen Mann zu treffen, den ich für seine Zeit mit mir bezahlte? Weitere Leistungen … Ich klickte auf die Seite von Champagne & More, suchte sein Foto und fragte mich, was es war, das mich an diesem Mann so anzog. Gut sah er aus, keine Frage, etwas blass vielleicht, aber das mochte auch an der Aufnahme liegen. Er hatte dunkle, mittellange Haare, das Gesicht war schmal mit auffallend hohen Wangenkochen, ohne auch nur die Andeutung eines Bartschattens, die Nase sehr gerade, darunter volle, aber nicht zu üppige Lippen und ungewöhnlich hellgraue Augen. Sinnlich sah er aus, wenn man so etwas überhaupt von einem Bild behaupten konnte. Aber das konnte nicht alles sein. Vielleicht hatte ich ihn einfach schon zu lange angestarrt. Mittlerweile kam es mir vor, als würde ich diesen Mann bereits kennen, als wüsste ich, wie seine Stimme klang und wie seine Haut sich anfühlte.
Du meine Güte, sagte ich mir, Isa, jetzt bist du denen schon auf den Leim gegangen, wahrscheinlich ist das nur irgendein Model. Wer weiß, wie der echte Mann dahinter aussieht, dieser L.? Papier ist geduldig und das Internet erst recht. Und warum nennt der nicht einmal seinen ganzen Namen?
Mein Handy lag neben der Tastatur. Ich nahm es immer mit ins Schlafzimmer, und da ich vorgehabt hatte, nur die E-Mails zu checken und dann ins Bett zu gehen, hatte ich es neben dem Computer abgelegt. Ich streckte die Hand aus. Meine Finger tippten, während mein Herz aus dem Takt geriet: Sind Sie noch wach? Ich weiß, es ist spät. Aber könnten wir vielleicht noch kurz telefonieren, bevor ich Ihnen den Termin bestätige? Sonst gern morgen Abend. Isa.

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20. Februar 2014

"Tödliche Intrige" von Eddy Zack

Ein anonymer Informant bietet dem schwedischen Journalisten Eric Larsson Informationen über die Hintergründe der Giftgasattacken in Damaskus an. Eric trifft die Quelle auf Malta – Judith, eine attraktive Israelin. Ihre gemeinsamen Nachforschungen führen sie über La Valetta, Zürich und Saudi-Arabien in den Hexenkessel von Damaskus. Auf der langen und gefährlichen Reise fragt sich Eric immer häufiger – wer sind seine Auftraggeber in Wahrheit und wer ist Judith?

Gleich lesen: Tödliche Intrige: Wir treffen uns in Damaskus








Leseprobe:
Verspätungen auf Flughäfen sind die Hölle. Nichts tun, nur warten. Zu süße, zu fettige, zu trockene Brötchen. Zu viel Kaffee und trotzdem ist man hundemüde. Und man hat zu viel Zeit zum Grübeln. Was hatte Ole Johanson beim letzten Gespräch gesagt?
»Ich gebe dir eine letzte Chance, denn deine Spürnase ist unübertroffen. Mach dich über die Giftgasstory her.«
Mit diesen Worten hatte er mir ein Blatt Papier über den Tisch geschoben. »Der Absender muss dich gut kennen. Du trainierst gerade für die Alki-Olympiade, aber das scheint er nicht zu wissen.«
Ich las den Brief. »Dafür bin ich nicht der richtige Mann«, sagte ich, »nicht mehr«, und schob ihm das Blatt zurück.
»Der Briefschreiber hat ausdrücklich dich angefordert.«
»Weil er mich nicht kennt, deshalb. Weil er nicht weiß, dass ich zu viel trinke und für so was nicht mehr tauge.«
»Sieh es doch mal von meiner Seite. Wenn dieser Brief tatsächlich mit den Giftgasangriffen in Syrien zu tun hat und du kannst die Hintergründe aufdecken, dann haben wir eine großartige Story, die wie eine Bombe einschlagen wird. Und du hast mal eben einen entsetzlichen Krieg in der Region verhindert, der sicher auch Palästina vernichten würde.«
»Was habe ich mit Palästina zu tun?«
»Laila war Palästinenserin. Ich erinnere dich nur ungern daran.«
»Manchmal bis du ein richtiges Arschloch, Ole.«
Er hatte recht, auch wenn er ein Dreckskerl war, mich daran zu erinnern.
»Du tust etwas für den gesamten Nahen Osten. Ist dir etwa gleichgültig, was dort passiert? Kannst du mir nicht erzählen. Und noch etwas. Der Brief ist mit einem jüdischen Namen unterschrieben. Immer noch kein Interesse?«
»Willst du etwa an meine vaterländischen Pflichten appellieren oder an die Sorge um den Weltfrieden? Gib dir keine Mühe, Ole. Für den Weltfrieden sind Andere zuständig und die sind derzeit nicht interessiert.« »Wenn du aufdeckst, dass es nicht Assad war - ich will mich vorsichtig ausdrücken - nicht nur Assad, dann hast du wahrscheinlich Schlimmes verhütet.« Jetzt, wenige Tage nach diesem Gespräch in der Redaktion, war ich auf dem Weg nach Malta und saß auf dem Flughafen Zürich-Klothen fest, wartete auf meinen Anschlussflug und hatte zu viel Zeit zum Grübeln. Ole war schwer in Ordnung und dieser Auftrag war nicht etwa eine Strafversetzung. Im Gegenteil.
Das geschah kurz nachdem mich abends mitten in Stockholm auf der Straße eine Frau angelächelt hatte. Im dämmerigen Licht der Straßenlaternen sah sie Laila zum Verwechseln ähnlich.
»Trinken wir etwas«, schlug ich vor.
Wir gingen in eine Bar und kippten einen Whisky auf ex. Ich hob zwei Finger und der Barkeeper füllte unsere Gläser.
Nach dem dritten, eher fünften Glas sagte sie: »Zweitausend Kronen. Dafür mach’ ich dir das ganze Programm rauf und runter. Wenn du willst und deine Kondition dich nicht im Stich lässt, die ganze Nacht. Das kostet dich ein paar Scheinchen extra. Na? Wie steht’s?«
Nicht, dass ich mich herausreden will, aber die Bar war nur spärlich beleuchtet. Wie der Flur eines Krankenhauses vom blauen Notlicht. Wie komme ich jetzt auf Krankenhaus? Vermutlich, weil ich zwei oder drei Tage nach dieser Begebenheit in der Notaufnahme des Karolinska-Krankenhauses landete.
Im Bestreben, die Preisverhandlung zu beschleunigen, rutschte die Frau, die im Dämmerlicht der Bar so fatale Ähnlichkeit mit Laila hatte, vom Barhocker und sagte: »Let’s go and fuck.«

Ich schreckte hoch und stieß mir heftig den Kopf an einer Zeltstange. Sie hatten uns kein Licht gelassen, nicht einmal eine Kerze. Das war auch nicht nötig. Grelle Blitze explodierender Bomben erhellten das Innere des Zeltes taghell und es roch unangenehm nach Explosivstoffen. Wir stürzten vor das Zelt, warfen uns sofort auf den Boden. Grelle Stichflammen erhellten das Lager und das Grollen der Explosionen dröhnte schmerzhaft in der Magengegend. Ich sah die Feuerschweife der Raketen, die in schrägen, leicht abwärts führenden Bahnen auf das Zeltlager zurasten. Das Treibstofflager außerhalb des Lagers stand in Flammen und wie lebende Fackeln taumelten zwischen den brennenden Fässern menschliche Körper ziellos hin und her, stürzten zu Boden und blieben zuckend liegen.
Zwischen den Zelten rannten Männer umher, richteten ihre Schnellfeuergewehre in den dunklen Himmel und schossen auf einen unsichtbaren Feind. Ein Ziel war nicht zu erkennen, die Feuerstöße dienten nur der Beruhigung ihrer Nerven. Schießen und Töten hatten sie trainiert. Wie man sich bei einem Bombenangriff verhielt, offenbar nicht.
So blitzartig, wie der Spuk eingesetzt hatte, so unvermittelt war er vorüber. Das Krachen der Explosionen verstummte auf einen Schlag, als hätte ein Dirigent seinen Stock erhoben und alle Instrumente erstarben. Ich hörte das unverwechselbare immer schwächer werdende Surren der Kampfhubschrauber. Eine bleierne Stille legte sich über das Lager, dann setzte das Stöhnen der Verwundeten und Sterbenden ein.
»Ich muss zu Judith«, rief ich Feisal zu und rannte los in Richtung der Frauenzelte. Nach wenigen Metern stoppte mich ein Soldat mit vorgehaltenem Gewehr, drehte es um und rammte mir den Gewehrkolben in den Bauch. Den Feind am Himmel hatte er nicht ausmachen können, mich sah er und an mir ließ er seine Wut aus. Erst als Feisal mir zu Hilfe eilte, ließ er von mir ab, und ich kroch mühsam zurück in das Zelt.

Wir gingen zu Achmeds ausgebranntem Jeep. Auf der vorderen Bank des Jeeps saß eine grotesk verkrümmte schwarz-graue Puppe. Den Mund weit aufgerissen, die Gesichtshaut spannte über dem Schädel und die weißen Zähne grinsten uns an, lachten im Todeskampf. Wir zogen Achmeds Leiche aus dem verkohlten Jeep und legten sie auf den Boden. Gekrümmt, mit angewinkelten Armen als sitze er noch hinter dem Lenkrad, lag er auf der Seite.
Wir sollten sehen, dass wir weiter kamen, aber Feisal musste seinen Bruder beerdigen. Kein noch so vernünftiges Argument würde ihn davon abhalten. In den Trümmern des verkohlten Jeeps fand ich eine Schaufel. Ich sah zur Sonne, schätzte die Himmelsrichtung, zog mit dem Schaufelstiel eine Linie in den Sand. Dann hob ich eine Grube aus, eine Schmalseite nach Osten, Richtung Mekka. Feisal saß bewegungslos neben der verkrümmten Leiche seines Bruders und starrte auf den Boden.
»Ich müsste Achmed in ein Tuch wickeln, aber es ist alles verbrannt«, sagte er.
»Wir legen ihn so in das Grab, es geht nicht anders.«
»Ja«, sagte Feisal. »Allah wird es verstehen.«
Wir schaufelten das Grab zu und Feisal kniete nieder und betete. Ich ließ ihn gewähren.
Nach einer Weile trat ich zu ihm und sagte: »Wir müssen weiter. Weißt du, in welche Richtung?«
Er nickte und kletterte vor uns die Düne hoch. Es war eine besonders hohe Düne und schwer atmend, mehr taumelnd als laufend, erreichten wir den Kamm. Feisal streckte seinen Arm aus und deutete auf einen graugrünen Schatten, wie eine tief hängende Wolke.
»Das ist die Oase?«
Er nickte und wir gingen los.
Ich weiß nicht, wie viele Stunden wir brauchten. Die Sonne versank gerade hinter dem Horizont, als wir die ersten weiß gekalkten Häuser der Oase erreichten. Ich sah Judith zusammenbrechen, wollte ihr aufhelfen, fiel selbst auf die Knie und kam nicht mehr hoch. Menschen kamen herbeigeeilt und führten uns in ein Haus. Ich weiß noch, dass ich die Stufen hoch stolperte. Drei waren es.

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19. Februar 2014

'Sophias Krieger' von Dana Graham

Ein historischer Liebesroman. Die junge Kaufmannswitwe Sophia Marwood ist verzweifelt: Ihr intriganter Schwager Marcus macht ihr das Handelshaus streitig, seit Monaten verschwinden Waren aus ihrem Lager am Hafen und ihre jüngere Schwester verweigert sich allen Heiratskandidaten. Was Sophia dringend bräuchte, wäre ein rettender Engel, doch in einer Gewitternacht kommt Duncan zu ihr – ein geheimnisvoller Krieger aus den Bergen, der durch einen alten Bluteid an die Familie Marwood gebunden ist.

Schon bald empfindet Sophia mehr als nur Faszination für den gut aussehenden Kämpfer mit dem aufbrausenden Temperament, und auch diesem ist sie trotz zahlreicher Auseinandersetzungen keinesfalls gleichgültig. Aber Duncan darf seine Treue nur einem Mann der Familie schwören: Marcus. Und Marcus hat seine finsteren Pläne gegen Sophia längst nicht aufgegeben …

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Leseprobe:
„Du musst ihn nicht lieben, du musst ihn nur heiraten!“ Sophia Marwood sah ihre jüngere Schwester Eleanor streng an. Sie standen in dem großen Esszimmer im ersten Stock ihres Hauses, das auch als Empfangsraum für wichtige Handelspartner diente. Doch im Augenblick waren sie alleine, und Sophia versuchte, sich ihre Ungeduld nicht anmerken zu lassen. Wie oft hatte sie diese Diskussion in den letzten Monaten mit ihrer Schwester geführt? Aber Ellie schien den Ernst der Lage immer noch nicht begriffen zu haben! In kerzengerader Haltung stand sie neben dem schweren Tisch in der Mitte des Raumes und funkelte Sophia böse an. Ihr trotzig gehobenes Kinn zeigte deutlich, dass sie auch dieses Mal nicht gewillt war, nachzugeben.
Trotz ihres Ärgers musste Sophia sich ein Lächeln verkneifen. Ellie war ihr in vielen Dingen so ähnlich! Wäre die Farbe ihrer Augen und Haare nicht unterschiedlich, könnte man sie für Zwillinge halten: Sie waren gleich groß, besaßen dieselbe schlanke Figur und feine, ebenmäßig geschnittene Gesichtszüge – und hatten leider auch den gleichen Starrsinn. Um Ellies Widerstand nicht weiter zu verstärken, setzte sie eine Spur freundlicher hinzu: „Er ist ein äußerst ehrenwerter Mann.“
„Er ist ein Langweiler“, antwortete Ellie ungerührt und fuhr mit den Fingern an der kunstvoll gedrechselten Lehne eines Stuhles entlang.
Sophia klopfte mit der Fußspitze auf den Boden. „Nein, das ist er nicht, sondern ein guter Buchhalter und Kaufmann“, hielt sie ihrer Schwester entgegen, und ihre blaugrauen Augen blitzten.
„Ah, daher weht der Wind!“ Ellies Brauen gingen in die Höhe. „Du willst ihn für dein Handelshaus.“
„Ja“, gab Sophia zu, denn sie wollte ihre Schwester nicht anlügen. „Wir brauchen dringend einen verlässlichen Mann, der sich um unsere Angelegenheiten am Hafen kümmert. Wenn er zur Familie gehört, können wir ihm vertrauen.“
Ihre Schwester schüttelte heftig den Kopf, sodass der geflochtene Zopf aus hellbraunem Haar auf ihrem Rücken wild hin und her schwang. „Ich will aber nur aus Liebe heiraten, so wie du!“
So wie ich. Sophia sah auf den schmalen Goldring an ihrer linken Hand, und die Trauer schlug wie eine gewaltige Woge über ihr zusammen und nahm ihr fast den Atmen. Ellie hatte recht. Sie hatte Lucas aus Liebe geheiratet, und ihre Liebe zu ihm machte es ihr jetzt so schwer. Es gab keine Nacht, in der sie sich nicht in den Schlaf weinte und ihn zu sich zurücksehnte. Die Geborgenheit seiner Nähe, seine Zuversicht, sein Lachen: All das war nun nicht mehr. Lucas war tot. Und es war ihre Schuld, nicht mit ihm gestorben zu sein. Warum nur war sie an diesem schicksalhaften Tag nicht mit ihm in die Kutsche gestiegen? Jetzt war sie zu einem Leben in Einsamkeit verdammt, denn einen Mann wie Lucas würde sie nie wieder finden.
Rasch wischte sich Sophia die Tränen aus den Augenwinkeln, damit Ellie ihren Schmerz nicht bemerkte. Hätte sie Lucas nicht aus Liebe geheiratet, ihre geschäftlichen Probleme wären nach seinem Tod dieselben – aber dieses beständige Gefühl, als sei ein Teil ihres Herzens herausgerissen, würde sie nicht immerzu quälen. Lucas fehlte ihr schrecklich, und Tag für Tag versuchte sie vergebens, über seinen Verlust hinwegzukommen: Sie schlief, sie aß, sie arbeitete, sie besuchte Versammlungen der Kaufmannsgilde und Bankette, doch ihr Inneres war leer, ihr Körper nichts weiter als eine Hülle. An dem Tag, an dem sie Lucas beerdigt hatte, hatte sie auch ihre Gefühle zu Grabe getragen. Das Einzige, was sie jeden Morgen wieder aufstehen ließ, war die Verantwortung für Ellie und der Wunsch, das Handelshaus erfolgreich weiterzuführen, um Lucas‘ Andenken zu wahren. Doch in beiden Angelegenheiten war sie mehr oder weniger erfolglos. Sophia spürte die Hand ihrer Schwester auf ihrem Oberarm und sah auf.
„Es tut mir leid“, sagte Ellie. Sie trat auf Sophia zu und strich ihr eine Strähne kastanienbraunes Haar aus der Stirn, die sich aus dem schlicht aufgesteckten Knoten gelöst hatte.
Sophia blickte ihre kleine Schwester liebevoll an. Sie wusste genau, wie groß Ellies Sorge um sie war. Lucas war nun zwei Jahre tot, und sie trauerte immer noch wie am ersten Tag. Ellie konnte das nicht verstehen, und so ließ Sophia es sich selten anmerken, wie sehr sie weiterhin litt. Sie versuchte, sich unbeschwert zu geben, doch sie merkte, wie hart und zynisch ihr Tonfall und wie gezwungen ihr Lachen geworden war.
„Sophia, ich werde diesen Buchhalter nicht heiraten“, beharrte Ellie. Vorsichtig setzte sie hinzu: „Wenn er dir so wichtig ist, könntest du selbst …“
Sophia verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich heirate nicht mehr“, erwiderte sie gepresst. Sie atmete tief durch und versuchte, den Schmerz in ihrem Inneren zu unterdrücken. Als sie schließlich weitersprach, war der Kummer aus ihrer Stimme verschwunden und Entschlossenheit zeichnete sich in ihrem Gesicht ab. „Und selbst wenn ich wieder heiraten wollte: Für ihn wäre ich zu alt, ich bin immerhin schon sechsundzwanzig. Aber dir läuft die Zeit davon, Ellie. Du bist letzten Monat neunzehn geworden, du musst dir schnellstens einen Mann suchen – solange du jung bist und unser Handelshaus noch einen guten Namen hat!“
Doch ihre Schwester blieb standhaft. „Nein, ich habe meine eigenen Vorstellungen“, erwiderte Ellie mit fester Stimme. „Ich will mir meinen Gemahl selbst aussuchen, und außerdem …“ Weiter kam sie nicht, denn auf der Treppe erklangen schwere Schritte, und im nächsten Moment wurde die Tür aufgerissen. Ein Mann Ende zwanzig trat ein, stämmig, mit kurzen roten Haaren und wässrig blauen, dicht beieinanderstehenden Augen. Er durchmaß mit großen Schritten den Raum, und eine verschüchterte Dienstmagd schloss eilig die Tür hinter ihm. Vor Sophia und Ellie blieb er stehen und musterte sie mit herablassender Miene.
Beim Anblick des Mannes verhärteten sich Sophias Gesichtszüge. Marcus Marwood war Lucas‘ jüngerer Bruder, doch mit ihrem verstorbenen Ehemann hatte er weder äußerlich noch charakterlich irgendwelche Gemeinsamkeiten. Das Einzige, was sie und Marcus miteinander verband, war ihre gegenseitige Abneigung seit dem Tag, als Sophia Lucas kennengelernt hatte. Sie seufzte. Wenn Marcus so zu ihnen hereinstürmte, konnte das nichts Gutes bedeuten. Aufgrund seiner Unhöflichkeit verzichtete sie auf jede Begrüßung. „Was führt dich in mein Haus, Marcus?“, fragte sie kühl.
„In dein Haus, Schwägerin?“, erwiderte er spöttisch. „Wir wissen doch alle, mein Bruder hat dieses Haus gekauft. Du warst bettelarm, bevor du ihn vor sieben Jahren vor den Traualtar gelockt hast.“
Bei seinen beleidigenden Worten verfinsterte sich Sophias Miene weiter. „Was willst du?“, wiederholte sie in eisigem Tonfall.

"Sophias Krieger" im Kindle-Shop

Mehr über und von Dana Graham auf ihrer Website.

12. Februar 2014

'Nicht von gestern' von Ingrid Glomp

Eine Krimikomödie. Während sie schlief, wurden ihre Kinder erwachsen. Sie jedoch leider nicht.

Carola Giovane erwacht nach 15 Jahren aus dem Koma und muss sich in ihrer Familie, einem veränderten Deutschland und in dem Körper einer Frau Anfang 40 einleben. Doch damit nicht genug. Denn Mitpatientin Vanessa gerät in die Klemme, und um ihr zu helfen, muss die umtriebige Carola einen Mord aufklären.

„Während du schliefst“, so lautet der Titel eines bekannten Films mit Sandra Bullock. Was aber, wenn jemand länger „schläft“ und erst nach 15 Jahren in einer völlig veränderten Welt wieder aufwacht? Die Kinder (beinah) erwachsen und alles kostet nur noch die Hälfte – na ja, fast. Jennifer Garner wurde in ihrem Film „30 über Nacht“. Wie muss sich da die ausgeflippte Carola Giovane fühlen, als sie aus dem Koma erwacht und plötzlich 42 Jahre alt ist? Die Antwort gibt dieser Kurzroman.

Gleich lesen: "Nicht von gestern: Krimikomödie" von Ingrid Glomp

Leseprobe:
Eine Klinik in einer Stadt irgendwo im Ruhrgebiet.
In einem der Krankenzimmer fragt eine Frauenstimme: „Fertig?“
Eine Hand mit Handy schiebt sich ins Bild.
„Und jetzt sag Ameisenscheiße.“
KLICK. Auf dem Display des Handys erscheinen: Carola strahlend, Vanessa zaghaft lächelnd. Ein wenig wie das berühmte Polaroid-Foto von Thelma und Louise. Vanessa van Alt ist etwa über 20, trägt eine altmodische Brille und sitzt im Rollstuhl.
Carola Giovane (Anfang 40) ist sehr jugendlich gestylt und steht hinter dem Rollstuhl. Sie steckt das Handy in die Tasche, umfasst die Handgriffe des Rollstuhls und schiebt ihn zur Tür. Dabei ruft sie: „Ladies and Gentlemen, fasten your seatbelts.“
Sie öffnet die Tür des Krankenzimmers und los geht‘s im Laufschritt.
Im Flur treffen sie auf Dr. Raimund Berger, einen jungen, gutaussehenden, dynamischen Arzt.
„Hallo, Dr. Berger“, ruft Carola. „Alles im Lot auf dem Boot? Heute schon Leben gerettet?“
Sie umkreist ihn mit dem Rollstuhl.
Vanessa, die aussieht, als ob ihr gleich übel wird, flüstert: „Guten Tag.“
„Sieh an, unsere beiden Prominenten“, sagt Berger, als er sich von dem ungewohnten Anblick erholt hat. „Was haben Sie denn heute vor?“
„Och, nichts Besonderes“, sagt Carola, während sie Vanessas Rollstuhl vor- und zurückbewegt wie einen Kinderwagen mit einem gerade einschlafenden Baby.
„Wie schön“, sagt Berger geistesabwesend.
„Oder gibt‘s noch jemanden zu erwecken?“, will Carola wissen.
Aber Berger ist schon weitergeeilt. Versonnen blickt Carola ihm nach.
„Wow, wenn Kevin Costner ‘ne 10 ist, ist der mindestens ‘ne 9,5.“
Der Pfleger Jens Held, Mitte bis Ende 20, groß und schlaksig, kommt den Flur entlang, entdeckt die beiden Frauen und gesellt sich zu ihnen.
„Frau van Alt, geht es Ihnen besser?“, fragt er und beugt sich zu Vanessa hinunter. Dann schaut er Carola streng an und sagt: „Frau Giovane, ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ...“
Doch Carola unterbricht ihn: „Vanessa, Caro. Seien Sie nicht so förmlich, Jens.“
Und dann schiebt sie den Rollstuhl an, denn sie hat ein neues Ziel ins Auge gefasst. Der Pfleger blickt ihnen nach, teils besorgt, teils verärgert.
„Ist das dahinten nicht dein Bruder?“, fragt Carola Vanessa und ruft dann: „Hallo-oo, Herr van A-aalt.“
Sie winkt mit der Rechten und der Rollstuhl kippt bedenklich zur Seite.
„Hoppla.“ Schnell umfasst Carola den zweiten Griff wieder und stabilisiert den Rollstuhl, während Vanessa etwas blass um die Nase wird und sich an den Armlehnen festklammert.
Inzwischen ist Roger van Alt aus ihrem Blickfeld entschwunden.
„Weg isser. Na, egal”, sagt Carola und zuckt die Achseln. „Wo möchtest du jetzt hin?“
Von der Decke hängen Schilder mit Aufschriften wie „Orthopädie“ und „Spezialambulanzen“. Schwungvoll biegt Carola um eine Ecke. Eine Tür auf der linken Seite mit dem Schild „Schlaf-EEG“ steht ein wenig offen.
„Schlaf-EEG“, murmelt Vanessa. „Was bedeutet das wohl?“
„Schauen wir doch nach“, schlägt Carola vor und klopft. Die Tür öffnet sich noch ein Stück weiter.
„Also ich weiß nicht“, meint Vanessa.
Nachdem niemand antwortet, beschließt Carola zu handeln. Sie stößt die Tür auf.
„Ta-daa“, ruft sie und hält die Tür einladend geöffnet.
Im Inneren des Raums befinden sich mehrere Betten, jeweils mit Messapparaturen und Computern.
„Keiner da“, sagt Carola. „Entspann dich.“
Vanessa will Carola etwas mitteilen, doch ihre Stimme versagt. Stumm deutet sie nach rechts.
Auf dem Boden vor einem Bett liegt ein zerbrochener PC-Monitor und daneben, auf dem Bauch, ein Mann mittleren Alters.
„Oh, äh. Entschuldigung“, stammelt Carola verblüfft. „Suchen Sie was?“
Während Vanessa hervorstößt: „Der schöne Monitor.“
Carola schiebt den Rollstuhl näher an den am Boden Liegenden heran. Erst da erkennen sie eine blutige Wunde an der von ihnen abgewandten Seite des Kopfes.
„Ach du heiliges Kanonenrohr“, entfährt es Vanessa. „Das ist Herr Soll.“

"Nicht von gestern" im Kindle-Shop

Mehr über und von Ingrid Glomp auf ihrer Website.

11. Februar 2014

'Tanz bei offenen Türen' von Marion Pletzer

Eine weitere Geschichte aus der Reihe "Quick, quick, slow - Tanzclub Lietzensee", einem Gemeinschaftsprojekt verschiedener Autoren rund um die Welt des Tanzes.
Marga Fischer arbeitet mit Leib und Seele als Bürokraft für ihren Tanzverein und leistet so manche unbezahlte Überstunde. Ihrem Mann Udo gefällt das gar nicht. Häufig gibt es deswegen Streit ...

Gerade als Marga eine Möglichkeit findet, ihrer Arbeit und Udo gerecht zu werden, kommt es im Verein zu einem Wasserrohrbruch. Und das kurz vor einem Turnier. Nun ist Margas ganzer Einsatz gefordert. Wie wirkt sich das auf ihre Ehe aus?

Gleich lesen: > > > Auf dem Kindle

Leseprobe:
Marga zog die leichte Jacke über. Am Abend, wenn sie nach Hause fuhr, hatte die Luft sich bestimmt abgekühlt.
„Hast du nicht Dienst an der Bar heute?“ Udo stand mit einem Mal in der Wohnzimmertür.
Marga nickte und kramte in ihrer Tasche nach dem Handy. Sie vergaß es oft, wenn sie es zum Aufladen hingelegt hatte.
„Und dann willst du schon los?“, fragte Udo und schaute auf die Uhr. „Dein Stundenkontingent hast du diesen Monat doch längst erfüllt.“
„Wie oft willst du mir das noch vorhalten? Du weißt genau, dass ein Verein ohne Ehrenamtliche nicht funktioniert. Jeder leistet seinen Beitrag.“
„Du bist aber angestellt. Minijobberin.“
„Udo, bitte.“ Marga küsste ihn leicht auf die Lippen. „Bis später. Das Essen steht auf dem Herd. Musst du nur warm machen.“
Die Haustür fiel hinter ihr ins Schloss. Wenig später stieg sie aus der U-Bahn, ging jedoch nicht gleich zum Tanzverein. Ihr erstes Ziel war ein Supermarkt. Dort kaufte sie verschiedene Säfte, Knabbereien und Obst ein. Außerdem landeten nach kurzer Überlegung zwei Tafeln dunkle Schokolade im Einkaufswagen. Der Abend würde lang werden. Besonders ohne Naschereien. Schließlich verließ sie den Laden mit vier Tüten. Viel mehr, als sie eigentlich hatte kaufen wollen. Das Vereinsgebäude war nicht weit entfernt. Dennoch musste sie die Tüten zweimal absetzen und verschnaufen, bis sie schließlich ächzend die Tür des Haupteingangs mit dem Ellenbogen aufdrückte.
Eine Tangomelodie schallte ihr aus einer offen stehenden Tür entgegen. Heute waren doch die Square Dancer dran. Dazu passte die Musik nicht. Im Vorübergehen warf sie einen Blick in den Tanzsaal. Ines Grube gab einem der Standardpaare Einzelunterricht.
„Warte, Marga, ich helfe dir!“ Lydia Aydemir eilte auf sie zu und nahm ihr zwei Tüten ab. „Alles an die Bar?“
Marga nickte erleichtert. „Danke dir. Die Säfte kannst du gleich in den Kühlschrank stellen.“ Mit einem tiefen Seufzen stellte sie die beiden anderen Tüten auf den Tresen. Ihr Herz begann heftig zu klopfen und sie spürte, wie ihr die Hitze in den Kopf stieg und sich über ihren Oberkörper ausbreitete.
„Puh!“ Marga zog die Jacke aus und legte sie zur Seite. Schweiß befeuchtete die Haare im Nacken und am Haaransatz. Sie strich sich mit dem Handrücken über die Stirn.
„Ich finde, so allmählich reicht es mit den Hitzewellen. Zwei Jahre plage ich mich bereits damit.“
Lydia lächelte mitfühlend, erwiderte jedoch nichts, sondern packte die Einkäufe in die Schränke. Dann richtete sie sich auf. Ein paar rote Haarsträhnen hatten sich aus dem locker gebundenen Knoten gelöst und lockten sich neben ihren Wangen.
„Warum bittest du nicht Hinnerk oder Robert, die Einkäufe zu erledigen? Die jungen Männer haben doch viel stärkere Arme“, sagte sie.
„Ich wollte gar nicht so viel einkaufen. Aber als ich im Laden stand, fiel mir ein, dass wir dies und das noch gebrauchen können.“ Die Hitzewelle ebbte ab. Zurück blieb ein feiner, feuchter Schweißfilm, so als wäre sie durch einen dichten Nebel gegangen. Er trocknete innerhalb von Sekunden.
Lydia hatte sich für das Square Dance Training bereits umgezogen. Flott sah sie aus in dem rot-weißen Rock über dem Petticoat, und der weißen Bluse. Marga beneidete sie um ihre Figur. Lydia war schlank und besaß trotzdem hübsche Kurven an den richtigen Stellen. Und sie bewunderte sie für ihren Mut, sich auch im Alltag flott zu kleiden und ständig ihre Haarfarbe oder die Frisur zu ändern. Lydia machte sich nichts daraus, was andere sagten. Hauptsache, ihr gefiel es. Marga strich mit der flachen Hand das schlichte, hellblaue T-Shirt glatt. Manchmal wünschte, sie könnte genauso denken.

Im Kindle-Shop: Tanz bei offenen Türen (Quick, Quick, Slow - Tanzclub Lietzensee 5)

Mehr über und von Marion Pletzer auf ihrer Website.

10. Februar 2014

'Die Zauberlinie' von Christian Zeitmann

»Das Wagnis der Liebe ist das einzige auf dieser Welt, das sich lohnt.«

Bjarne und Antonia sind wie füreinander geschaffen. Es ist für beide die große Liebe, die ein Leben lang andauern wird. Aber was ist, wenn sich dieses Leben von heute auf morgen dramatisch ändert?

Ein schwerer Schicksalsschlag stellt ihre Liebe auf eine harte Prüfung. Bjarne verunglückt bei einem tragischen Unfall und fällt ins Koma. Kann seine Liebe zu Antonia auch die Grenzen des menschlichen Daseins überwinden?

Eine ganz besondere Liebesgeschichte, die Hoffnung und Trost spendet und zeigt, was Liebe bewirken kann. Mit einem überraschenden Ende, das zu Tränen rührt.

Gleich lesen: Die Zauberlinie

Leseprobe:
Ich erreichte die Giftbude, das Stelzenhaus, und wunderte mich kaum, dass schon die meisten Fahrer und eine Vielzahl von Schaulustigen eingetroffen waren. Die Giftbuden waren die Restaurants und Strandkorbvermietungen in Sankt Peter-Ording, die so charakteristisch für das Erscheinungsbild des Ordinger Strands waren. Ihren Namen hatten die Buden von dem englischen Wort gift, Geschenk - für manchen Besucher oder Urlauber mochte das zunächst befremdlich klingen. Ich hielt Ausschau nach meinem Wattläufer II. Holger hatte sich bereit erklärt, ihn mit seinem Anhänger zum Strand zu transportieren. Und er hatte Wort gehalten. Der Wagen stand zwischen den anderen Seglern, die von einer Gruppe Zuschauer umringt waren. Ich hatte meinen Segelwagen gelb gestrichen und den Namen mit schwarzen Lettern aufgetragen. Es war die selbst gebaute Weiterentwicklung meines ersten Wagens. Die besondere aerodynamische Form war immer wieder ein Blickfang für Kenner und für Neulinge. Mit dem Wattläufer II hatte ich schon einige Rennen gewonnen, aber bei einer Europameisterschaft anzutreten war eine ganz andere Sache.
Ich schaute erneut auf die Uhr. Schlagartig spürte ich die Aufregung wieder in der Magengrube – bis zum Start war es keine Stunde mehr. Andächtig klopfte ich auf den filigranen Kohlefaserrumpf und machte mich auf den Weg zur Anmeldung.
»Bjarne Bendixen«, sagte ich und blickte den Mann an, der in der Giftbude hinter dem schmalen Tisch saß. Sein Finger fuhr eine lange Liste entlang, dann verharrte er, und er machte einen Haken.
»Willkommen!«, sagte der Mann, der ein schmales Gesicht hatte und eine viel zu große Brille trug, mit freundlichem Lächeln und reichte mir ein Merkblatt, das alles Wissenswerte zum Wettkampfablauf enthielt, sowie meine Startnummer. »Du kannst dich dort drüben umziehen. Der erste Lauf startet in fünfundvierzig Minuten.«
Ich nickte und ging in die Umkleidekabine, um mich umzuziehen. Neoprenhose, wasserfeste Schuhe, blaue Windjacke. Vor dem Waschbecken warf ich einen letzten Blick in den Spiegel. Kurze hellbraune Haare, braune Augen und ein breites Kinn mit Grübchen. Mein kleiner Mund versteckte sich ehrfürchtig unter der breiten Nase. Ich betrachtete mich selbst nur als durchschnittlich gut aussehend. Aber es hatte gereicht, um Antonia zu erobern.
Ich ging nach unten und hielt nach meinen Vereinskameraden Ausschau. Martin Classen grinste, als er mich sah. »Du scheinst dich gut zu erholen im Studium«, sagte er und begrüßte mich mit Handschlag. »Ich hatte schon befürchtet, du wärst blass und pickelig geworden vom vielen Lernen.«
»Das überlasse ich den Kommilitonen«, gab ich zurück. Martin hatte nie viel vom Lernen gehalten. Ich kannte ihn bereits seit Schulzeiten, und er hatte immer davon geträumt, dort zu arbeiten, wo er sich am liebsten aufhielt: im Watt. Er machte inzwischen regelmäßige Führungen hindurch und war für die Wartung des Leuchtturms zuständig. Seine Haut besaß einen bronzenen Ton, und es überraschte mich kaum, dass er mit nacktem Oberkörper vor mir stand. Seine Augen waren stahlblau. Kinn und Wangenknochen stachen hervor, wodurch sich sein Gesicht nicht nur bei den Mädchen einprägte. Er war ein Naturbursche durch und durch.
»Wo hast du Toni gelassen? Hat sie endlich einen vernünftigen Kerl gefunden?« Martin schmunzelte herausfordernd.
»Ja hat sie«, erwiderte ich und erblickte hinter Martin die anderen bekannten Gesichter aus dem Club. »Und sie wird bald hier sein, um den Kerl ordentlich anzufeuern.«
»Ich bin froh, dass du hier bist«, gab Martin zu. »Und wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, wer außer dir den Pott holen sollte.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Wir werden sehen. Komm, ich will den anderen noch Hallo sagen.«
Martin folgte mir, während ich meine Vereinskameraden begrüßte. Sogar mein erster Segellehrer war anwesend. Er hatte mir die Grundlagen des Strandsegelns beigebracht. Ich wechselte eine paar Worte mit ihm, bevor ich Holger begrüßte. Holger war einen Kopf kleiner als ich. Haare besaß er schon lange nicht mehr, und seine Nickelbrille saß leicht schief auf der Nase. »Grüß dich.« Sein Händedruck war kräftig und herzlich.
»Hast einen gut bei mir«, sagte ich.
»Vergiss es«, sagte er. »Ist doch selbstverständlich.« Holger war im Vorstand des YCSPO. Wenn er einem Mitglied irgendwie helfen konnte, tat er das. Aufgrund seiner schlechten Augen fuhr er selbst schon seit zwei Jahren keine Rennen mehr.
»Die Kiste müsste laufen wie geschmiert.« Holger rückte seine Brille zurecht. »Ich habe im Vereinsheim noch mal alles überprüft.«
»Heute Abend gehen wir einen trinken. Alle zusammen.« Ich sehnte mich danach, mit meinen Vereinskameraden mal wieder richtig einen draufzumachen.
Holger klopfte mir auf die Schulter. »Konzentrier dich jetzt erst mal aufs Rennen. Dann sehen wir weiter.«
Das Rennen. Beinahe hätte ich es vor lauter Wiedersehensfreude vergessen. Der Strand um mich herum war mein Revier. Ich kannte jeden Winkel und war schon Hunderte Rennen gefahren. Aber eben noch keine Europameisterschaft. Die Bedingungen waren ganz andere - die Fahrer kamen aus ganz Europa, und es waren einige große Namen dabei. Doch gerade diese versuchte ich gedanklich auszuschalten. Mein Fokus sollte auf der Strecke liegen. Die Qualifikationsläufe waren ein guter Test gewesen, und ich hatte alle mit Bravour bestanden. Doch jetzt wurde es ernst. Die Qualifikation war nicht mehr als ein Warm-up gewesen.
Überall um mich herum flatterten die Banner der Sponsoren, und die Segel der Wagen knallten, wenn eine Windböe sie erfasste. Sonne und Wind hatten die letzten Schleierwolken vertrieben, und der Himmel strahlte in einem satten Blau. Ein Mann mit Sonnenkappe sprach in ein Megafon und gab letzte Hinweise und Erklärungen. Es fiel mir schwer, mich auf seine Worte zu konzentrieren. Ich versuchte ruhig zu werden und mich zu fokussieren. Das Stimmengewirr und das bunte Treiben um mich herum verschwanden im Hintergrund. Nur zwei sanfte Hände, die sich plötzlich von hinten auf meine Augen legten, konnten mich noch aus meiner Konzentration reißen. Es war Antonia. Ihre langen blonden Haare flogen im Wind. Ihr kleiner Schmollmund presste sich ohne Vorwarnung auf den meinen und sie küsste mich leidenschaftlich. Sanft löste ich mich: »Wow, was für eine Begrüßung!«
»Ich dachte schon, ich komme zu spät«, sagte sie. Ihre hellen Augen leuchteten in der Sonne wie zwei Kristalle. Ihre Wangen waren gerötet, und ein seidiger Glanz lag auf ihrer Haut. Ich fand sie in diesem Augenblick so unendlich hübsch, dass ich sie gleich noch einmal küssen musste.
Wir studierten beide Geologie und Mineralogie. Es hatte nicht lange gedauert bis klar wurde, dass mein Interesse erwidert wurde. Von da an waren wir fast jede freie Minute zusammen, und inzwischen weiß ich, dass sie die Frau meines Lebens ist. In ihrer Nähe fühle ich mich geborgen.
Antonia, die von ihren Freunden Toni gerufen wurde, kam aus Flensburg, wo sie mit zwei älteren Brüdern aufgewachsen war. Bei den dortigen Schwimmmeisterschaften holte sie dreimal den Titel über zweihundert Meter Freistil. Das war erstaunlich, denn ihre Statur war nicht die einer typischen Schwimmerin. Aber in ihren dünnen Armen steckten eine Menge Kraft und Ausdauer.
»Du bist aufgeregt«, bemerkte sie. »Ich sehe es dir an.« Sie piekste mich mit dem Zeigefinger neckisch in den Bauch und legte ihre Arme um meinen Nacken. »Du schaffst das! Ganz bestimmt.«
Ich lächelte. »Du solltest Wahrsagerin werden.«
Holger und Martin begrüßten Antonia. Sie waren beide solo, und ich musste mir eingestehen, dass ich Antonia mit Stolz neben mir wahrnahm. »Und ich dachte, du hättest endlich gemerkt, was für ein Versager Bjarne ist«, neckte Martin sofort wieder. Er konnte seine große Klappe einfach nicht halten. Antonia ging nicht darauf ein, sie schmiegte sich an mich und lächelte lediglich vielsagend.
»Wer jeden Tag Wattwürmer streichelt, kann kein Mädchen abbekommen«, gab ich zurück.
»Wir sehen uns nach dem Rennen«, sagte Martin, ohne auf meine Spitze einzugehen und wandte sich ebenfalls zum Gehen. »Hau rein, Alter. Zeig denen, wo das Segel hängt!« Ich zwinkerte ihm zu und nahm Antonias Hand.
Die Fahrer gingen zu ihren Fahrzeugen. Es wurde hektisch. »Ich muss jetzt zu meinem Wagen«, sagte ich. »Von dort drüben hast du mit deinen Freundinnen einen guten Blick auf die Strecke.« Ich deutete auf einen Punkt rechts vom Gifthaus.
»Ich drücke dir die Daumen!« sagte sie, dann küsste sie mich, und ihre Lippen wanderten weiter zu meinem Ohr. »Ich liebe dich!«
Zärtlich küsste ich ihre Stirn. »Ne mohotatse«, hauchte ich. Ich zwinkerte kurz, küsste sie erneut, machte ein paar Schritte und warf ihr noch eine Kusshand zu. Dann ging ich zu meinem Segelwagen.
Das Rennen sollte in zehn Minuten beginnen.

Im Kindle-Shop: Die Zauberlinie

Mehr über und von Christian Zeitmann auf seiner Website.

6. Februar 2014

'Die Priesterin der Kelten (Eifel-Saga 1)' von Sabine Altenburg

Eine Geschichte von Liebe, Krieg und Hoffnung, die zwei Jahrtausende überbrückt. Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen: in der Gegenwart und zur Zeit des Gallischen Krieges in der Eifel.

Die junge Malerin Hannah zieht sich aus Köln auf einen alten, einsam gelegenen Hof im Herzen der Eifel zurück, um eine gescheiterte Beziehung zu verarbeiten und sich ganz dem Malen zu widmen. Als sie meditiert, um ihre Kreativität anzuregen, taucht sie plötzlich in eine zweitausend Jahre zurückliegende, vergessene Welt ein. Sie schlüpft in die Rolle der keltischen Priesterin Amena und erlebt mit, wie deren Stamm von den römischen Legionen unter ihrem Feldherrn Gaius Iulius Caesar angegriffen wird und sich verzweifelt zur Wehr setzt.

Zunächst sträubt sich Hannah gegen die seltsamen Erfahrungen, die sie während der Meditation macht. Bald jedoch läßt sie sich von den dramatischen Ereignissen in ihren Bann ziehen und wird Zeugin, wie Amena und ihr Geliebter, der junge König Ambiorix, allen Widerständen zum Trotz entschlossen versuchen, den Untergang ihres Stammes abzuwenden. Doch Caesar ist der mächtigste Feldherr seiner Zeit, und auch der machthungrige Druide Lovernios arbeitet gegen Ambiorix und trachtet ihm sogar nach dem Leben ...
Der historische Hintergrund des Romans beruht auf Tatsachen.

Die Eifel-Saga umfasst bislang zwei historische Romane, die in der Eifel angesiedelt sind. Sie sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden. Der zweite Band der Eifel-Saga ist unter dem Titel "Die Heilerin der Kelten" erhältlich.

Gleich lesen: Die Priesterin der Kelten. Historischer Roman (Eifel-Saga 1)

Leseprobe:
Amena fröstelte und hüllte sich fester in den warmen dunkelblauen Umhang, den sie über ihrem schlichten Kleid aus ungefärbter Wolle trug. Die magischen Symbole aus dünnem Goldblech, die auf das Tuch des Ritualmantels aufgenäht waren und seine Trägerin als Priesterin ihres Stammes auszeichneten, klirrten bei jedem ihrer Schritte leise gegeneinander. Sie fühlte die Feuchtigkeit des Morgennebels auf Gesicht und Haaren und streifte die Kapuze über den Kopf. Je tiefer sie in den Wald vordrang, der die Stadt umgab, desto kälter wurde es, und Amenas Atem bildete flüchtige weiße Wölkchen in der frischen Luft des erwachenden Tages.
Der Weg, der sich in der unmittelbaren Umgebung der Siedlung durch Wiesen und Viehweiden schlängelte, setzte sich inmitten der Stämme zunächst als ebener Pfad fort, ehe er in seinem letzten Teil steil anstieg. Amena war rasch hinangeschritten. Nach einer Weile blieb sie stehen, um Atem zu schöpfen, und blickte zurück.
Unter ihr, im ersten fahlen Licht des anbrechenden Morgens, lag Atuatuca, das größte Dunom der Eburonen. Zwischen den strohgedeckten Dächern der Häuser drangen vereinzelte, dünne Rauchfahnen hervor, aber die Wege und Plätze waren noch menschenleer. Nur ein paar kleine, sich bewegende Punkte konnte Amena ausmachen: Hunde, die in den Abfallgruben nach Nahrung stöberten.
Ach, so friedlich, dachte sie. Doch wie lange noch?
Bislang ahnte keiner der Menschen, die dort zu ihren Füßen in ruhigem Schlummer lagen, etwas von der tödlichen Bedrohung, die sich gleich einem Gebirge aus erdrückenden, dunklen Wolken über der Stadt und ihren Bewohnern auftürmte. Amena stellte sich ihre Stammesgenossen vor, Männer, Frauen und Kinder, Greise und Säuglinge, unter wollenen Decken aneinandergeschmiegt, lebendig und warm vom Schlaf, ihre Eburonen. Ihr Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen beim Gedanken an die furchtbare Gefahr, in der sie alle schwebten.
Lang vor Sonnenaufgang war sie aus einem tiefen, tranceähnlichen Schlaf erwacht. Sie hatte geträumt, beunruhigende, verstörende Bilder. Und schließlich erhob sie sich, hüllte sich in ihren Umhang und verließ das Haus. Ihrer Dienerin Resa, die nahe der Tür schlief und aufgewacht war, bedeutete sie wortlos, liegen zu bleiben. Sie wünschte allein zu sein, und sie durfte mit niemandem sprechen, damit keine störenden Worte die Erinnerung trübten. Manche Träume enthielten Visionen, Botschaften der Götter, und obwohl dieser nur wenige Augenblicke gewährt hatte, schien er ihr von besonderer Bedeutung. Sie wollte die Göttin befragen, um vollkommen sicherzugehen. Und wenn sich ihre Befürchtungen als zutreffend erwiesen, musste noch am selben Tag der Rat der Krieger einberufen werden.
Sie riss den Blick los, wandte Atuatuca den Rücken und eilte weiter bergauf, immer tiefer in den Wald hinein. Ihr Gang war energisch und würdevoll zugleich, wie es sich für eine Priesterin der Großen Göttin geziemte. Ihre Schritte federten auf dem weichen Waldboden, und das erste Laub des frühen Herbstes dämpfte die Geräusche, sodass sie sich lautlos vorwärtsbewegte. Hier oben, im letzten Abschnitt des Weges, standen die Bäume dicht beieinander, ein beinah undurchdringliches Bollwerk aus mächtigen alten Stämmen gleich den steinernen Säulen, mit denen die Römer ihre Tempel zu versehen pflegten - abweisend, feindselig, ein natürlicher Schutz des heiligen Ortes, der sich in ihrem Innersten verbarg. Als sich Amena zwischen ihnen hindurchschlän¬gelte, griffen dürre, niedrig hängende Zweige nach ihrem Umhang wie knochige Finger menschlicher Wächter, und sie musste mehrere Male anhalten, um den Stoff vorsichtig aus ihren Klauen zu befreien.
Dann hatte sie das Nemetom erreicht. Es war ein Heiliger Hain, eine kleine, mit Gras bewachsene Lichtung, unerwartet in diesem unwegsamen Teil des Waldes, jedoch von der Natur erschaffen und von keiner Menschenhand verändert, in deren Mitte zu Füßen einer uralten Eibe eine Quelle entsprang. Dieser Ort bildete das zentrale Heiligtum der Eburonen. Wie an jeder Quelle wurde in erster Linie die Höchste Göttin verehrt, die Erdmutter, Spenderin des Lebens und der Fruchtbarkeit, die Beschützerin des Landes, denn Wasser, das aus der Erde sprudelte, entströmte Ihrem Schoß. Doch auch die unzähligen anderen bedeutenden und weniger bedeutenden keltischen Gottheiten wurden hier angebetet. Denn, wie Amena wusste, waren letztlich alle Unsterblichen eins, und jeder einzelne Gott, jede Göttin stellte nur eine Facette der einen Großen Göttin dar, die über das Schicksal alles Lebendigen waltete.
Am Rande der Lichtung blieb Amena stehen. Ganz in der Nähe erklang das heisere Krächzen eines Eichelhähers, und ein zweiter, entfernterer, griff die Warnung auf und trug sie weiter. Ein leichter Wind streichelte die Wipfel der Bäume, das Laub raschelte leise, und ein Schauer Tropfen regnete auf Amena nieder. Sie legte den Kopf in den Nacken und blinzelte. Die Blätter verfärbten sich bereits in den warmen Tönen des Herbstes, golden, rostrot, kupferbraun, und bei jedem Windhauch lösten sich einige und segelten lautlos zu Boden.

"Die Priesterin der Kelten (Eifel-Saga 1)" im Kindle-Shop

Mehr über und von Sabine Altenburg auf ihrer Website zum Buch.

3. Februar 2014

'Depressiv leben - lerne zu verstehen' von Dennis Will

Dieses E-Book soll Angehörigen von depressiven Menschen und Interessierten die Krankheit Depression näher bringen und darüber informieren. Außerdem soll dieses E-Book den Menschen die unter einer Depression und Ängsten leiden Mut machen und ihnen zeigen, dass sie mit ihren Gefühlen und Gedanken nicht alleine sind. Der Autor Dennis Will ist selbst an einer Depression erkrankt. Er weiß, wie schwierig es für Außenstehende und Angehörige ist, die Krankheit Depression zu verstehen und nachvollziehen zu können. Aus diesem Grund schreibt er in seinem E-Book über sein nicht immer einfaches und sehr bewegendes Leben mit seiner Depression.

Er erzählt über seine Kindheit, in der die Krankheit Depression bei ihm bereits präsent war, setzt sich kritisch und hinterfragend mit seiner Vergangenheit auseinander und gibt mit Hilfe von nachdenklichen Texten und Gedichten Einblicke in die Gedankenwelt eines depressiven Menschen. Er schreibt über seine negativen Gedanken, seinen Grübelzwang und seine Zukunftsängste.

Zusätzlich beschreibt er die Abläufe, seine Erlebnisse und Eindrücke während seiner Zeit in einer psychosomatischen Kurklinik und in einer teilstationären Psychotherapie in einer Tagesklinik.
Dennis gewährt den Lesern mit seinem E-Book interessante Einblicke in das Seelenleben depressiver Menschen, schreibt über Rückschläge und alltägliche Hindernisse, die durch die Krankheit Depression im alltäglichen Leben auftreten können. Zudem schreibt er offen und ehrlich aus der Sicht eines Angehörigen über seine frühe Begegnung mit Suizid und schwere Schicksalsschläge, die er in seinem Leben erfahren musste.

Des Weiteren beschreibt er in seinem E-Book den langen Weg den er mit seiner Krankheit gehen musste, über die nicht einzuordnenden Gefühle und Gedanken aus seiner Kindheit, die verzweifelte Suche nach sich selbst, die Diagnose, die Ausblendung seiner Depression, bis hin zur Akzeptanz seiner Erkrankung. Darüber hinaus geht Dennis in seinem E-Book auf sehr wichtige Punkte ein, die aus Übungen und Veränderungen bestehen, die ihm dabei geholfen haben sich mit seiner Depression zu arrangieren und dadurch ein angenehmeres und bewussteres Leben zu führen.

Gleich lesen: > > > Auf dem Kindle

Leseprobe:
Schon in meiner Kindheit lebte ich im verschlafenen Gödringen. Es ist ein wirklich kleines Dorf und das einzige Highlight, was dieses Dorf mir in meiner Kindheit zu bieten hatte, war der Bolzplatz. Es verging kaum ein Tag, an dem ich nicht auf dem Bolzplatz war. Tag für Tag zog es den kleinen rothaarigen Burschen zum Fußballspielen dorthin. Ich hatte den Traum, den vermutlich Millionen andere Jungen auch träumen, ich wollte Fußballprofi werden. Ich lag jeden Abend im Bett und stellte mir vor, wie es doch sei, in einem großen Stadion vor Tausenden von Leuten zu spielen.
Nach meiner Einschulung mussten meine Eltern und ich schnell feststellen, dass die Schule nicht so meine Welt war. Hier musste ich ewig still sitzen, dies fiel mir sehr schwer. So kam es schon am Tag der Einschulung, an dem wir eh nur wenige Stunden hatten, dazu, dass ich im Unterricht ständig fragte, wann denn Pause sei. Wir mussten schnell erkennen, dass auch Hausaufgaben nicht so meine Welt waren. Ich sollte nach dem ersten Schultag meine Schultüte malen. Ich dachte mir: Am ersten Tag gleich Hausaufgaben aufbekommen? Gibt’s doch nicht! Ich war fest davon überzeugt, diese Aufgabe unter den Tisch fallen zu lassen, da es schließlich etwas Wichtigeres gab: Fußball spielen. Allerdings sahen meine Eltern das anders und so musste ich mich meinem Schicksal fügen. Ich begann nach langem Theater, eine Schultüte auf das Blatt zu kritzeln und malte diese dann, ich würde mal sagen grob, aus.
Ich war immer froh, wenn es mit dem Bus nach Hause ging, raus aus der Schule. Da ich schon früher ein cleveres Kerlchen war, zog ich aus dem Vorfall mit der Hausaufgabe vom ersten Schultag meine Schlüsse. Fortan meldete ich meinen Eltern, dass wir kaum noch Hausaufgaben auf hatten. Ich muss aber eingestehen, dass ich mir von dieser Argumentation mehr versprochen hatte. Meine Eltern durchschauten die Aktion nach kurzer Zeit und ich bekam ein Hausaufgabenheft, in dem der Lehrer jeden Tag abgezeichnete, was ich mir an Hausaufgaben in der Schule notierte.
Nach der Schule und den Hausaufgaben war es dann soweit, ich konnte auf den Bolzplatz. Solange ich auf dem Bolzplatz war, bestand auch für meine Eltern kein Grund zur Aufregung. Ok, es kam schon öfter mal vor, dass ich mit Blessuren und Tränen in den Augen nach Hause kam. Ich denke aber, dies ist völlig normal in diesem Alter.
Anders sah es jedoch aus, wenn wir mal nicht auf dem Bolzplatz waren und uns die Flausen in den Kopf stiegen. Meistens endete der Tag dann mit einer verärgerten Ansprache meiner Eltern, weil Nachbarn und Anwohner sich über unsere vielen Streiche bei ihnen beschwerten.
Es standen die üblichen Dinge wie Klingelstreiche auf dem Plan. Nur neigten wir Kinder oft dazu, noch einen drauf zu setzten und die Leute, die die Tür öffneten, mit Wasserpistolen, Wassereimern oder Wasserbomben nass zu machen. Auch der berühmte Hundehaufen, der in brennendem Zeitungspapier eingewickelt war, befand sich in unserem Repertoire. Leider hat dieser nicht allzu oft geklappt. Oder vielleicht sollte ich lieber zum Glück sagen, denn sonst hätte es wieder Stubenarrest gegeben - den ich als äußert unangenehm empfand!
Ich denke, dass ich in der Kindheit nicht umsonst von vielen - mehr oder weniger liebevoll - Satansbraten genannt wurde. Ich muss ehrlicherweise gestehen, dass dieser Ausdruck es in vielen Situationen auf den Punkt brachte. Ich hatte viel Mist im Kopf und man konnte sicher sein, dass es mit mir nie langweilig wurde, wenn wir Kids wieder einmal loszogen, um unsere Ortschaft unsicher zu machen. Leider besaß ich auch ein Merkmal, welches dafür sorgte, dass mich die Leute schnell erkannten. Ich hatte feuerrote Haare. Anfangs kannte kaum jemand meinen Namen, es wurde nur von dem Rothaarigen gesprochen.
Doch ich hatte nicht nur Mist im Kopf, sondern hatte auch meine lieben und fröhlichen Seiten, die gerade in den Situationen sehr hilfreich waren, in denen verärgerte Nachbarn vor dem Haus meiner Eltern standen. Ich nutzte dann mein unschuldiges, liebevolles Lächeln, um die Dinge, zumindest bei meinen Eltern, wieder in Ordnung zu bringen.
Ich interessierte mich schon immer sehr für die Natur. Meine Oma väterlicherseits, Oma Ruth, arbeitete in einer Gärtnerei, wo ich sie oft besuchte. Später verdiente ich mir in den Ferien dort sogar mein erstes Geld. Die meiste Zeit war ich ein lebensfrohes Kind. Auffällig war jedoch, dass mich schon zu dieser Zeit in meiner Kindheit, in der ich eigentlich völlig unbeschwert war, ein Gefühl innerer Traurigkeit beschlich. Doch es war nicht nur das, ich hatte auch damals schon Stimmungsschwankungen. Mal war ich melancholisch, ein anderes Mal war ich hibbelig, überdreht und teilweise verhielt ich mich aggressiv. Klar tun dies viele kleine Kinder, doch ich hatte dabei dieses komische Gefühl - dieses Gefühl, das mich in ähnlicher Weise noch heute begleitet. Ich kann es schwer beschreiben, es war so erdrückend, als wenn ich tief in mir eine schwere Last mit mir herumtrug. Ich hatte eine andere Wahrnehmung von Situationen und Dingen, als andere Kinder in meinem Alter. Mir fiel auf, dass ich ängstlicher als andere in meinem Alter war und dass ich sehr sensibel auf Streitigkeiten oder auf andere Menschen reagierte. Gerade im Dunkeln war ich sehr verängstigt und bildete mir ständig ein, dass mich jemand wegfangen könnte oder ich vielleicht nicht mehr lange lebe. Ich hatte schon immer Angst vor schweren Krankheiten. Auch Trennungen von Freunden oder mir nahestehenden Menschen nahmen mich mehr mit, als ich es bei anderen Kindern beobachtete. Dies stellte ich auch fest, als ich die ersten Freundinnen hatte. Mich plagten ständig Verlustängste. Nur konnte ich damals überhaupt nichts damit anfangen, ich konnte meine Ängste und die damit verbundenen Gefühle nicht einordnen.
Mittlerweile kann ich die damaligen Gefühle gut einordnen, denn ich kenne sie aus meinem jetzigen Leben. Ich bin mir sicher, dass schon meine damaligen Gefühle und Gedanken mit meiner Depression zu tun hatten.

Im Kindle-Shop: Depressiv leben - lerne zu verstehen

Mehr über und von Dennis Will auf seiner Website.

1. Februar 2014

'Waffenruhe: Ein Roman der Gendarmerie Magique' von Katharina Gerlach

CSI mit Magie aber (fast) ohne Ekelfaktor - für Fantasy- und Krimi-Fans ab 14. Obwohl die neunzehnjährige Moira Bellamie nachweislich keine Magie hat, ist es ihr gelungen, einen Praktikumsplatz bei der Gendarmerie Magique, der magischen Polizei, zu erhalten. Um den hart erkämpften Job zu behalten, steckt sie all ihre Energie in die Aufklärung eines Einbruchs im Nationalmuseum, wo wertvolle, antike Waffen gestohlen wurden ...

Es war nicht vorgesehen, dass sie sich dabei in ihren Partner Druidus verliebt. Als immer mehr Menschen mit einer der gestohlenen Waffen ermordet werden, muss Moira unkontrollierbare Magie zähmen, oder die Menschen, die sie liebt, werden sterben, allen voran ihr Partner.

Gleich lesen: > > > Auf dem Kindle

Leseprobe:
Buds und Semra überließen es Moira, die Beweise ins Archiv zu bringen.
„Wenn du fertig bist, kannst du schon mal mit dem Bericht anfangen.” Buds nahm den Direktor am Ellenbogen und dirigierte ihn zu einem der Verhörräume. „In dreifacher Ausfertigung”, sagte Semra und folgte ihrem Kollegen.
Moira machte sich auf den Weg in den Gewölbekeller zum Beweisarchiv. Sie fühlte sich ausgenutzt, obwohl sie wusste, dass laut Vorschrift zwei Gendarmen bei jedem Verhör dabei sein mussten.
Auf dem Rückweg wurde sie im Treppenhaus von Commissaire Marten angehalten.
„Ich war angenehm überrascht, dass Sie die Mona Beth als Fälschung erkannt haben. Selbst Direktor du Mar hat es nicht sofort gesehen.”
Moira wurde rot und starrte auf ihre Schuhspitzen.
„Mir wäre es lieb, wenn Sie sich die Überwachungsgloben mit meinem Experten ansehen würden.”
Moiras Augen weiteten sich und sie sah auf.
„Aber ich bin nur eine Anwärterin!”
Commissaire Marten lächelte.
„Mit sehr scharfen Augen. Vielleicht entdecken Sie etwas, das meinem Spezialisten entgeht.”
Moiras Ohren brannten. Das Lob war ihr peinlich, obwohl es gut tat, nicht immer als Dummkopf dazustehen.
„Ich muss zuerst den Bericht fertig machen”, sagte sie heiser.
„Ich sage Grub Bescheid, dass Sie dann kommen.” Commissaire Marten nickte ihr zu und stieg weiter hinunter zum Archiv.
Eine Stunde später schob Moira die Tür zur Dunkelkammer auf und schlüpfte hinein. Vor ihr flimmerte ein Globus und projizierte die große Lagerhalle des Museums an die Wand.
„Da sind Sie ja”, sagte eine Stimme aus dem Dunkeln. „Machen Sie es sich bequem. Ich habe eben erst angefangen. Sie haben nichts verpasst.”
Moira tastete sich vorwärts, bis sie einen Stuhl fand, von dem aus sie das Bild an der Wand gut sehen konnte.
„Dieser Globus geht von zehn Uhr abends bis zu dem Zeitpunkt, wo Semra ihn eingepackt hat. Wir sollten also den ganzen Einbruch verfolgen können. Ich spiele ihn mit erhöhter Geschwindigkeit ab, sehen Sie genau hin.”
Lange Zeit war außer der Lagerhalle mit den Kisten nichts zu sehen. Moira überlegte schon, wie sie sich rechtzeitig zum Feierabend loseisen könnte, als ein Nachtwächter die lange Treppe herunter kam. Er ging durch eine Tür und kehrte wenig später in Zivil zurück, trug aber die Uniform in einer Tüte bei sich. Moira sah, wie er sie auf die Kisten legte, um sich die Schuhe zuzubinden. Dabei muss er die Mütze verloren haben.
Der Nachtwächter ging zu den beiden großen Rolltoren und hob beschwörend die Hände. Da das Überwachungsauge keinen Ton aufzeichnete, konnte Moira den Aktivierungszauber nicht hören, aber das linke Tor schoss gehorsam in die Höhe. Ein weißer Pfeil sauste aus der Dunkelheit dahinter auf das Überwachungsauge zu, und das Bild zersplitterte zu weißem Schnee.
„Das ist alles”, sagte Grub. „Scheint 'ne abgekartete Sache gewesen zu sein, mit dem Nachtwächter als Spion.”
„Was ist mit dem Pfeil”, fragte Moira.
„Buds hat ihn sichergestellt, einen Cupido26E. Die gibt es kistenweise an jeder Tapisto-Chargerie. Nächster Globus?”
„Ich würde diesen gerne noch einmal sehen, wenn es Ihnen nichts ausmacht.”
„Kein Problem.” Es surrte für einen Moment, und schon begann die kurze Szene von vorn.
Als der Nachtwächter die Tasche auf die Kiste legte und sich die Schuhe zuband, beugte sich Moira vor. Sie wollte das Abzeichen auf seiner Schulter besser sehen, aber der Globus gab es nur unscharf wieder. So was Dummes, dachte sie. Sie hätte zu gerne gewusst, ob der Nachtwächter ein Angestellter des Nationalmuseums war oder von einer der vielen Wach- und Schließgesellschaften, die in letzter Zeit wie Pilze aus dem Boden schossen. Sie kniff die Augen zusammen, aber das Bild wurde nicht schärfer. Moira hielt es für eine Bildstörung oder für eine schlecht verputzte Stelle der Wand, auf die das Bild projiziert wurde.
Der Nachtwächter hatte sich inzwischen aufgerichtet und ging auf die beiden großen Rolltore zu, aber die unscharfe Stelle war immer noch da.
„Kann man den Mann vergrößern?” fragte sie in die Dunkelheit.
„Aber sicher, kein Problem.” Sofort veränderte sich der Blickwinkel des Überwachungsauges, und Moira hatte das Gefühl, sie sause auf den Mann zu. Unwillkürlich klammerte sie sich an der Armlehne fest. Als das Bild zur Ruhe kam, erkannte sie das Logo des Nationalmuseums auf der Schulter des Mannes. Sie nickte zufrieden. Damit hatte sie gerechnet. Aber der unscharfe Fleck über der Schulter war immer noch da und wirkte größer als zuvor. Moira runzelte die Stirn.
„Was ist das?”
Grub pfiff leise und anerkennend.
„Das ist ein Elfenschild. Sabio hatte Recht, du hast tatsächlich einen erstaunlich scharfen Blick.”
Moira ignorierte das Lob und das vertrauliche Du.
„Sie meinen, ein Elf hätte sich eingeschlichen und den Nachtwächter gezwungen, das Tor zu öffnen?” Sie war überrascht, denn Elfen waren selten kriminell.
„Oder der Nachtwächter hat ihn eingeschmuggelt. Ich denke, Semra und Buds haben einen neuen Verdächtigen.” Das Licht flammte auf, und der Globus schaltete sich aus. „Schluss für heute, den Rest mache ich morgen. In einer halben Stunde habe ich Feierabend. Danke für die Hilfe.”
„Gern geschehen.” Moira sah sich nach Grub um, aber der Raum schien leer zu sein. Schließlich entdeckte sie auf dem Hochstuhl am Lesegerät der Globen einen Nerl, kaum größer als ein Säugling. Als er Moiras Überraschung bemerkte, verzog er seinen breiten Mund zu einem zahnreichen Grinsen und seine großen, spitzen Ohren richteten sich auf.
„Was hast du erwartet”, sagte Grub. „Einen Zentauren kann sich die Verwaltung nicht leisten.”
„Nein, ich …” Moira wurde rot. „Ich staune über Ihre Größe.”
„Da solltest du mal meinen Cousin sehen. Der geht Sabio beinahe bis an die Hüfte.” Grub klemmte sich die Schachtel mit dem Überwachungsglobus unter den Arm und kletterte von seinem Sitz. „Hast du jetzt Feierabend?”
Moira nickte.

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Mehr über und von Katharina Gerlach auf ihrer Website.