28. April 2014

'Curry, Senf und Ketchup' von Friedrich Wulf

Kommissar Max Berger muss einen ersten Mord lösen, zu dem es viele Zeugen, aber weder Spuren noch Motive gibt. Professor Liedvogel ist während einer Vorlesung erschossen worden. Der zweite Mord ist grässlicher als der erste und führt Max Berger und seine Assistentin Clarissa Klabund in die Skinhead-Szene. Wer grotesken Humor mag, der wird schmunzeln, wenn nicht lachen über den halbverrückten Buchhändler Bernhard Schwarz.

Ein Mörder geht um in Paderborn. Mordet er um des Mordens willen? Willkürlich, weil er einen Rekord aufstellen will? Was treibt den Mörder an? Es scheint, als ob die Opfer wahllos abgeschlachtet würden. Auf den ersten Blick gibt es nichts, was sie miteinander verbinden könnte. Professor Liedvogel ist während einer Vorlesung erschossen worden. Ein zweiter Mord liefert fast poetische, jedenfalls hochsymbolische Spuren, aber der Ermordete passt nicht zum ersten Fall. Das dritte Opfer ist eine Politikerin, also wieder eine prominente Person.

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Leseprobe:
Zur Besprechung mit Liedvogel federte er den Korridor hinunter, als käme er gerade aus einem Seminar über die glückbringende Wirkung von Mimik und Bewegung. Und was verriet sein Gesicht mit der messerscharfen Nase? Grinse außen, dann grinst du auch innen. Seminarziel erreicht!
Die Faust von Liedvogel reichte bis in Roberts Eingeweide. Sein Magen eine zusammengepresste Blechdose. Alle verwünschten Liedvogel, aber alle hingen auch an seinen Lippen und lechzten nach seinem Lob und nichts weniger als das erwartete Zimmermann für seinen Aufsatz.
Ganz außerordentliche Ergebnisse hatte er zutage gefördert. Sah sich schon in der „Kulturzeit“, hörte die einführenden Worte von Zobel: „Eben erschien in Paderborn eine sensationelle Untersuchung. Zu Gast heute Abend im Studio der Medienwissenschaftler Robert Zimmermann. Bevor wir über Einzelheiten sprechen, möchte ich Sie bitten, die Ergebnisse Ihrer Studie kurz vorzutragen. Schon der Titel ist ein Knaller.“
„Ja gern, Herr Zobel. Mein Aufsatz heißt: Das Fernsehen als lebensförderndes Palliativum für Senioren.“
„Sehr schön, ganz famos, sensationell!“, sagte Zobel.
Vor der Tür zum Liedvogelschen Büro zögerte Robert einen Wimpernschlag lang und seine Haare gaben preis, welche Unwetter sich in seiner Kuppel entluden. Sie standen zu Berge und flirrten wie Kolibriflügel. Doch, doch der Aufsatz war ein kolossaler Wurf! Die Sprache kernig und männlich wie bei Schopenhauer. Und dann erst die Ergebnisse, so überraschend wie neu; der Durchbruch war da! Gedanken wie Axthiebe! Sein Anklopfen entsprach dem anschwellenden Sturm in seinem Hirn.

„Zimmermann, na endlich!“ Liedvogel blickte auf seine Uhr. „Wegen der zehn Minuten brauchen Sie die Tür nicht gleich einzuhämmern. Hier Zimmermann!“
Liedvogel warf ihm einen Aufsatz zu. „Mist! Überarbeiten!“ Zimmermanns käsiges und hagerknochiges Gesicht verfärbte sich, wurde nicht gerade puterrot, aber immerhin bekamen seine Wangen etwas Rosiges.
„Wie bitte?“
„Setzen Sie sich mit Nieljung zusammen, so geht das nicht. Er lieferte schon gestern und ist uneinsichtig, sieht nicht, welche Plattitüden er da aneinanderreiht. Und die Sprache, sie müssen da mit dem Hobel ran Zimmermann. Nieljung ist ein Schwachkopf. Selbst bei Orkan fällt der Apfel eben nicht weit vom Stamm. Ich habe ihn rausgeworfen. Aber das hier erledigen Sie noch zusammen mit ihm.“
„Nieljung rausgeworfen?“
„Wollen Sie ihn weiterhin mit durchziehen, Zimmermann?“
„Hat der Stamm schon angerufen?“
„Nein!“
„Macht er denn noch mit, nach dem Rauswurf. An dem Aufsatz meine ich?“
„Er glaubt noch nicht so richtig dran, machen Sie mal. Und nun zu ihren Geistesblitzen. Nachtarbeiter wie?“
An einem Dutzend Stellen pappten Zettel zwischen den Seiten seines Aufsatzes. Ein gutes Zeichen, ein bedrohliches Zeichen? Waren das die Stellen mit den kräftigen Thesen oder den noch kühneren Folgerungen?
„Setzen Sie sich. Kommen Sie her!“ So nah, so nah war Zimmermann unheimlich, und schon hatte er sich gestochen an der Liedvogelschen Au, Au, Aura.
Gemeinsam schauten sie in den Aufsatz. Pluszeichen hielten den Fragezeichen die Waage. Auf den ersten beiden Seiten. „Zimmermann, das hier“, Liedvogel tippte auf unterschlängelte Stellen, „das ist gut, wirklich stark.“
Wie bitte? Zimmermanns Geist machte dicht. Was? Wie? Wo ist das Aber? Kommt kein Aber? Das sei gut, sei gar stark?
„Aber“, fuhr Liedvogel fort, „um Himmels willen, erfinden Sie eine authentische Quelle. Zum Beispiel eine Umfrage unter Senioren, nehmen Sie meinetwegen Ihre Großmutter, aber verweisen Sie doch nicht auf einen Roman als Belegmaterial für ihre Thesen.“
Eine Großmutter wollte Robert wohl erfinden, eine Kleinigkeit. Die Rettung aus der stachligen Aura trat ins Büro. Chrissi Hains überreichte Zimmermann eine Kopie seines Aufsatzes und so konnte er Reißaus nehmen aus der Liedvogelschen Stachelaura.

Liedvogel nahm den Seiteneingang zum Hörsaal, denn schon eine Viertelstunde vor dem Beginn der Vorlesung waren auch die Treppenstufen des Saals besetzt. „Durch die Katakomben“, wie er es nannte. Zimmermann hörte etwas anderes hindurch, Liedvogels Eitelkeit, seine Enttäuschung darüber keinen Auftritt zu haben, nicht die Treppe hinuntertänzeln zu können.
Chrissi und Robert warfen die Maschinerie in Gang. Robert fuhr die Leinwand hinunter, Chrissi legte die DVD ein, positionierte den Beamer und drehte am Objektiv, bis das Bild scharf war. Liedvogel war ein Liebhaber des Details, das Große und Grobe bekamen auch die Doofen mit, aufs Feine und Kleine kam es ihm an und auf den Subtext, besonders den Subtext und den ironischen Blick.
Und was wurde gegeben? Hier wurde nichts gegeben! Liedvogel hielt eine Vorlesung mit dem Titel: „Paradoxie und Selbstreferenz im modernen Film.“
Nach der ersten Szene, ein hysterisches Pärchen überfällt ein Restaurant, stoppte Chrissi den Computer und Liedvogel erklärte, was alle gesehen, aber im feinen Detail eben doch nicht gesehen hatten. Denn Studenten sahen nun mal nichts, dazu brauchten sie die Augen eines großen Gelehrten. Erst der setzte ihnen Augen ein. Und wer sähe mehr und tiefer als ein deutscher Denker?
Zimmermann sah allerdings kaum etwas, dazu war ihm viel zu warm, zu wohlig, so dämmersüchtig zumute, so zum Gähnen gemütlich! Vier Schüsse reißen seinen Kopf hoch. Aus tiefem Traum erwacht, kann er noch gerade sein letztes Traumbild mit in den Hörsaal herüberzerren: Charles Bronson mit Mundharmonika. Doch kein Mundharmonikaspiel-mir-das-Lied-vom-Tod im Hörsaal. Es ist ruhig im Saal und auf den Stufen. Eine entsetzliche Stille! So still wie nach den vier Schüssen in seinem Traum. Das Bild läuft nicht mehr, Liedvogel spricht nicht mehr. Einer liegt vor der Leinwand.
Ein Pistolenschuss zurück! Zimmermann träumte noch von Cowboys im Staube von Arizona oder Utah und Chrissi, ihre Hand noch auf der Maus, wartete noch auf den Wink von Liedvogel, als ihr Harry auf die Schulter tippte. „Was machst du danach?“ „Gleich, gleich, sei still!“
Sie drehte sich wieder um und blickte zu Liedvogel hinunter. Er winkte und dann knallte es aus der erhobenen Hand und der Mann ging zur Seitentür hinaus, durch die sie vor einer halben Stunde gekommen waren. Aber es war nicht Liedvogel, der gewinkt hatte und nun hinausging. Liedvogel lag vor der Leinwand.

Im Kindle-Shop: Curry, Senf und Ketchup

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26. April 2014

'Das Trüffelschwein: Auf Gottes dunklen Pfaden' von Stefan M. Fischer

Eine skurrile Krimi-Komödie.

Der Mittvierziger Horst-Johann Doblinger gründete die Detektei ‚Das Trüffelschwein‘, um dem Hartz4 zu entfliehen. Neben seiner Arbeit steht er auf Damen jenseits der sechzig, den FC Bayern und seine Secondhand-Gummipuppe ‚Franziska Beckenbauer‘.

Sein erster größerer Fall führt ihn auf Gottes dunkle Pfade. Pfarrer Max Dominikus erhält immer wieder mysteriöse Botschaften, die im Zusammenhang mit gestohlenen Marien-Statuen stehen. Doblinger ahnt dabei noch nicht, dass das mehr mit ihm zu tun hat, als ihm lieb sein kann.

Gleich lesen: "Das Trüffelschwein: Auf Gottes dunklen Pfaden" von Stefan M. Fischer

Leseprobe:
Ich stand mit nackten Füßen im Flur vor meiner Schlafzimmertür, an die ich mit Großbuchstaben »Horst-Johanns-Spielwiese« gekritzelt hatte, und erwartete eine aufregende Zeit. Die kiwigrüne Bondage-Gesichtsmaske saß etwas eng. Die neutraleren und etwas größeren waren leider ausverkauft. Hoffentlich würden meine Haare, die ich vorhin endlich mal wieder schwarz gefärbt hatte, nicht darunter leiden. Es fühlte sich an, als hätte ich meinen Kopf in Frischhaltefolie eingeschweißt. Aber die dehne ich mir schon noch aus, dachte ich mir und versuchte, mein Franck-Ribéry-T-Shirt über meine Wampe zu ziehen. Ohne Erfolg. Ich nahm mir vor, mal wieder ein paar Pfunde abzuspecken. Als Stammtischbruder und mit meinen 45 Jahren würde es aber wohl kein Six-Pack mehr werden. Zumal ich eine selbstdiagnostizierte Sport-Allergie hatte. Wenigstens fühlte ich mich mit dem Shirt ungemein sportlich. Dafür saß meine Schiesser-Baumwollunterhose wie angegossen. Einen Dobermann hatte ich mir dort aufdrucken lassen. Lizbeth sollte schließlich vorgewarnt sein, und ahnen, dass sie es mit einem richtig großen Knochen zu tun bekommen würde.
Die Peitsche lag auch recht gut in meiner Hand, als wäre sie wie für mich geschaffen. Noch ein Blick durch die offen stehende Küchentür. Auf dem Tisch lag neben der Packung fürs Haarefärben die aufgerissene Packung aus dem Sexshop. Das Bondage-Set für Novizen. Neben dem Stuhl lagen meine Jeans und die gestrickten Socken meiner Mama. Die hätte ich am liebsten anbehalten, die Fliesen waren bitterkalt. Aber das wäre vielleicht zu abtörnend gewesen. Schon das Ribéry-T-Shirt dürfte für meine Gespielin grenzwertig sein. Naja, wenige Augenblicke, und ich würde mich ohnehin im warmen Bett mit meiner neuen Flamme wälzen und unsere Fleischeslust im Deckenspiegel bewundern können. Einmal tief durchatmen. Mmhhh! Es roch nach meinem selbst kreierten Mittagstisch: Mozzarella mit Putenbrust und Asiasoße. Mit einer Messerspitze Nougatcreme verfeinert, für die herbe Note. Es erotisierte mich. Gut so! Ich war bereit.
Einen Moment lang überlegte ich, ob ich am Türrahmen kratzen sollte. Die Bestie, die Beute witterte. Aber das wäre vielleicht etwas zu gewollt. Also riss ich ohne Kratzen die Tür auf und stellte mich breitbeinig in den Rahmen. Auf meinem Bett lag Lizbeth, eine steinalte Frau, geknebelt und gefesselt. Ihr graues, lichtes Haar war anscheinend vor einigen Jahrzehnten das letzte Mal gekämmt worden. Gegen die Falten in ihrem Gesicht dürfte der Mariannengraben wie geliftet wirken. Sie glich mehr einer Mumie als einem Menschen. Man könnte meinen, ich hätte sie mit Riechsalz wieder zum Leben erweckt, dabei hatte ich sie in einem Sexshop kennen gelernt. Sie bat mich, ihr die Gebrauchsanweisungen einiger Bondageartikel vorzulesen, weil sie ihre Lesebrille im Altersheim vergessen hatte.
Ich hoffte, die Leinen hielten, nicht dass Lizbeth den Mundknebel verschlucken und daran ersticken würde. Das Set war extrem billig, wahrscheinlich Made in Taiwan. Ich befürchtete, dass mich dieses Experiment dann ins Gefängnis bringen würde. An die Schlagzeilen im Bayerwald Echo wollte ich erst gar nicht denken. Mittvierziger Bayern-Fan quälte liebenswerte Uroma beim Sado-Maso zu Tode! Die Leute könnten glauben, ich sei pervers.

Ich schätzte sie auf 75. Lizbeth war sehr wahrscheinlich schon weit über 97, aber ich redete mir lieber die 75 ein, weil sie mir mit 97 einen Tick zu alt wäre. Aber trotz ihres stattlichen Alters fand ich sie wunderschön. Auch wenn sie etwas mehr Fleisch an den Knochen hätte haben können. Aber ich stand auf Frauen, denen man ihr Leben ansah. Mit den jungen Dingern, die über Laufstege staksten und in einem früheren Dasein als Hühnchen-Knochen geboren worden waren, konnte ich so gar nichts anfangen. Ich wollte eine Frau, die im Leben mehr gesehen hatte, als ein Maßband, die Gewichtsanzeige auf der Waage und das Grün an den Fingern, wenn sie sich hinter den Ohren kratzte. Ich wollte Lizbeth und sie war nach langer Zeit mal wieder eine Frau, die mich wollte. Zumindest ausprobieren. Ich musste mich erst bewähren. Da ich mir mit ihr eine Zukunft vorstellen konnte und ihr gerne bis ans Lebensende sämtliche Packungsbeilagen vorlesen würde, wollte ich mein Bestes geben. Auch wenn ich in Sachen Bondage ein Novize war. Hoffentlich enttäuschte ich sie nicht. Durch ihre Erfahrung durfte sie sicher schon das ein oder andere Erlebnis gehabt haben. An dem Rollator, der ihr als Gehhilfe diente und der neben dem Bett stand, waren ein dutzend Einkerbungen zu sehen. Vielleicht die Anzahl ihrer Liebhaber? Mehr und mehr verunsicherte mich das Gefühl, es hier mit einer anspruchsvollen Lady zu tun zu haben, die ich nicht damit befriedigen könnte, ein bisserl mit meinem Hundeknochen zu wedeln. Wenn ich die Leistung nicht bringen würde, die sie mal gewohnt war, wäre ich möglicherweise nicht als ihr Liebhaber bis ans Lebensende geeignet. Ich spürte, dass meinem kleinen Horst-Johannes meine Unsicherheit zu schaffen machte und er, wie ich, den Glauben an sich verlor. Daher entschloss ich mich, uns mit Viagra zu stärken. Also zog ich die Tür wieder zu und holte mir aus der Küche einen blauen Entwicklungshelfer. Die Viagra hatte ich nämlich gleich mitgekauft.

Um sicher zu gehen, schluckte ich noch eine zweite Pille. Nur blöd, dass es eine gute Stunde dauern würde, bis die Wirkung einsetzte. Aber ich konnte sie ja dafür so lange auspeitschen. Das würde Lizbeth sicher imponieren. Ein Grund mehr, nun doch Mamas Socken anzulegen. So, erledigt. Also auf ein Neues!

Ich trat ein und schwang die Peitsche. Das sah wahrscheinlich etwas unglücklich aus, aber fürs erste Mal sicherlich passabel. Sie schaute mich mit rotunterlaufenen Augen an, so, als würde sie um Gnade betteln.
»Es gibt kein Entrinnen!« Ich schickte den Worten ein Brummen hinterher und machte zwei Schritte auf sie zu. Ein wenig fühlte ich mich wie Darth Vader. Die Macht ist mit mir! Noch einmal schwang ich die Peitsche. Indiana Jones hätte das sicher nicht besser gekonnt.
»Du kannst ...« Mich unterbrach das Läuten meines Handys. Ich musste mir eingestehen, dass der Klingelton der Situation nicht gerade angemessen war. Dj-Ötzis »Ein Stern, der deinen Namen trägt.«
Als ich sah, dass das Display »Mama« anzeigte, überlegte ich einen Moment, es einfach weiter klingeln zu lassen. Aber dann stünden mir wieder Hundstage ins Haus. Sie rief nur an, wenn es etwas Wichtiges gab. Ich deutete meiner Gespielin an, dass ich da ran gehen musste.
»Tut mir fürchterlich leid, Lizbeth. Es dauert auch nur einen Moment.«
Dass das Gespräch nicht lange dauern würde, lag an der spartanischen Art meiner Mama. Sie kam immer schnell auf den Punkt, ohne Einleitung. Ich nahm die gefühlte Frischhaltefolie vom Kopf und drückte auf Annehmen.
»Sag mal, was host du dir denn wieder für nen Mist eifollen lassen?«
Im ersten Moment wusste ich nicht, was ich denn nun schon wieder angestellt haben sollte. »Hm? Was meinst du?« Ich setzte mich. Das Gezappel meiner Gespielin versuchte ich zu ignorieren.
»Du hast a Detektei gegründet? Hä?«
»Hat die Chamer Zeitung darüber berichtet?«
»Wos?! Das steht auch noch in da Zeitung?!«
»Öhm …«
»I hab in meiner Küche an Typen sitzen, dem der Kater entlaufen is. Und den Herrn Sohn will er um Hilfe bitten.«
»Ah. Ja. Ok. Das ist doch toll.«
»Toll? I geb dir gleich toll. Wieso gibst du da meine Adresse an? Bürscherl, wenn du net in fünf Minuten auf der Matte stehst und des wieder in Ordnung bringst, dann ..«
»Ja, Mama. Aber ich kann grad nicht.« Ich blickte zu meiner Mumien-Muse, deren Blicke in mir unbehagliche Gefühle auslösten. Lizbeth schien sich daran zu stören, dass ich hier gerade etwas Geschäftliches zu besprechen hatte. Dabei dachte ich immer, dass Geschäftsmänner eine anziehende Kraft auf das weibliche Geschlecht ausüben würden.
»Wenn du dich net sofort auf den Weg machst, dann mach i mich auf n Weg. Und glaub mir, das wird dann hässlich. Sehr hässlich.« Anders als ihr Stimmorgan, das wie ein Orkan daherkam, war ihr zierlicher Körper eher ein laues Lüftchen. Trotzdem war ich mir sicher, dass ich mich nicht darauf einlassen wollte.
»Ja, Mama. Ich komme gleich.« Ich legte auf und atmete einmal kräftig durch. Meiner Gespielin musste ich jetzt etwas zum Zeitvertreiben geben.
»Du«, sagte ich ihr mit schmusiger Stimme, »ich bin in einer halben Stunde wieder hier. Versprochen.« Und damit es ihr nicht zu langweilig werden würde, legte ich ihr die aufgeschlagene »Ein Herz für Tiere« vor die Nase. Den Artikel mit den Eisbären Flocke und Rasputin, die das Bad im Meerwasser genossen, dürfte sie abkühlen. Ich deckte sie noch mit meiner geliebten FC-Bayern-Bettwäsche zu und als ich ihr zum Abschied einen Kuss auf die runzlige Stirn gab, flatterten tausende Schmetterlinge in meiner Wampe. Es fiel mir schwer, sie hier liegen zu lassen und ich war tatsächlich versucht, hier zu bleiben. Aber dann hätte ich bald meine Mama hier. Und das würde sehr hässlich werden. Ein Massaker unter Schmetterlingen sozusagen.
»Tschüss, Lizbeth-Mausi« hauchte ich ihr zu.
»Hm! Hm! Hm!«, stöhnte sie zurück.
Dann machte ich mich daran, meine Jeans in der Küche einzusammeln. Irgendwie war da dann doch eine gewisse Vorfreude, denn man benötigte meine Hilfe. Ein entlaufener Kater! Das wäre zwar kein richtiger Fall. Eher eine Fingerübung, zumal es kein Problem wäre, den einzufangen. Und wenn ich auf dem Rindermarkt einen Mäusetanz aufführen müsste. Aber ja, ich freute mich darauf.

Ich zog meine Wohnungstür zu und grübelte einen Moment, ob ich mit meinem VW-Bus zu Mama fahren sollte, aber den Kilometer konnte ich zu Fuß zurücklegen, zumal es sich dort so schlecht parken ließ. Und den VW-Bus, den ich vor Jahren vor der Schrottpresse gerettet hatte, wollte ich auch nicht über Gebühr strapazieren. Zudem schien der Tag aus einem Bilderbuch gefallen zu sein. Ein paar Schäfchenwolken grasten auf der strahlend blauen Himmelswiese. Ein sommerlicher Windhauch trug mich wie eine zwei Zentner leichte Feder die Stufen hinab. Die Liebe ließ mich schweben. Da bot sich der Fußmarsch regelrecht an.

Als ich über den Steinmarkt marschierte, wurde mir plötzlich heiß und kalt zugleich. Mir war eingefallen, dass ich ja zwei blaue Pillen eingeworfen hatte. Ich schaute auf die Uhr. Es blieb mir eine dreiviertel Stunde Zeit, dann wäre eine Marmorplatte im Vergleich zu meinem Horst-Johannes eine Schaumstoffmatratze. Ich ging flotteren Schrittes und spielte in Gedanken durch, wie ich den Typen schnellstmöglich losbekommen könnte. Auch durfte ich mich nicht zu lange von meiner Mama über mein Liebesleben ausfragen lassen. Insgeheim musste ich schmunzeln. Wie aufregend das alles doch war! Mein Leben fühlte sich in diesem Moment so spannend an, wie eine Tatort-Folge. Und ich, ich war der verliebte Schimanski. Es würde nicht lange dauern und die Chamer wüssten, dass in ihren Reihen ein zukünftiger Star-Detektiv lebte, der als legitimer Nachfolger meiner geliebten Miss Marple gehandelt würde.

Ich klingelte bei meiner Mama. Theresa Baumgartner. Ihr Namensschild hatte bereits einen Riss. Es klickte in der Lautsprecheranlage.
„Ja?“, grunzte sie.
Ich war noch immer in diesem Gefühl, der berühmt berüchtigtste Tatort-Kommissar der Fernsehgeschichte zu sein und sagte deshalb auch: „Schimanski!“
„Wer?“
Leider erkannte sie mich nicht. „Ich bins. Horst-Johann. Mach auf.“

"Das Trüffelschwein: Auf Gottes dunklen Pfaden" im Kindle-Shop

Mehr über und von Stefan M. Fischer auf seiner Website.

25. April 2014

"Hilfmir - mein kleiner Freund und seine Mutmacher-Geschichten" von Monika Baitsch

"Hilfmir" ist kein gewöhnliches Kinderbuch, es ist vielmehr ein Konzept – ein Mutmacher, ein Unterstützer, ein Trostspender, ein kleiner Freund für unsere Kinder – einer, der Selbstvertrauen schenkt! Unsere Gedanken bestimmen was wir sehen, worauf wir uns konzentrieren. Wenn wir das Gute sehen, passiert uns das Gute aber leider auch umgekehrt. "Hilfmir" ist für die Kinder eine moralische Unterstützung und erinnert sie daran das Richtige zu denken, zu tun und zu erwarten.

Der kleine Hilfmir und die Hilfmir-Helden zeigen in ihren Geschichten,
- dass man erst denkt und dann handelt
- dass man niemand nach Äußerlichkeiten beurteilen sollte
- dass man schafft, was man wirklich will
- wie man sich selbst positiv beeinflusst
- wie man sich positive Erwartungen „träumt“
- dass es manchmal anders kommt, als man denkt – besser!
Empfohlenes Lesealter: ab 6 Jahre.

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Leseprobe:
Jannis geht ins Fußballcamp
Die Osterferien hatten begonnen. Jannis war nach der Schule nach Hause gekommen und hatte den Schulranzen in die Ecke gefeuert.
"Verdammt! Drei lange Wochen Osterferien, und mein bester Freund fliegt für eine Woche in den Urlaub. So ein Mist!", donnerte er wütend.
Seine Mutter streckte den Kopf aus der Küche und hob die Augenbrauen. Heute gab es Pfannkuchen, das Lieblingsessen von Jannis. Man konnte es schon an der Haustür riechen. "Was ist denn los?", wollte sie wissen.
"Ach, nix. Der Basti fliegt in den Urlaub nach Spanien und ich muss die ganze Zeit zuhause rumsitzen und mich langweilen", meckerte er weiter.
"Jetzt komm erst mal rein und iss zu Mittag, dann sieht die Welt schon wieder ganz anders aus", versuchte seine Mutter ihn zu beruhigen. Jannis setzte sich auf seinen Platz und aß. Die Pfannkuchen waren, wie immer, lecker, aber seine Laune wurde nicht besser. Als er fertig gegessen und seinen Teller in der Spülmaschine verstaut hatte, knurrte er: "Bin in meinem Zimmer", und weg war er.
Seine Mutter konnte ihn gut verstehen und hatte auch schon einen Plan, wie sie ihn wieder aufheitern konnte. In der Zeitung hatte sie heute Morgen eine Anzeige gelesen:
Fußball-Camp in den Osterferien
für Kinder von 8 – 16 Jahre
Beginn: Montag um 9 Uhr
an der Turnhalle - Restplätze frei!!!
Anmeldung bis Freitag 19 Uhr möglich!
Telefon 0211/ 43 16 56 bei Martin
Inzwischen hatte sich Jannis oben in seinem Zimmer auf das Bett geworfen. "Mann, ist die Welt so ungerecht zu mir!", brummelte er vor sich hin und versank dabei in Selbstmitleid. Es war normalerweise nicht seine Art, aber die Vorstellung eine Woche ohne Basti! Unvorstellbar! Sie machten doch ansonsten auch alles gemeinsam.
Sein Hilfmir lag vor ihm auf dem Bett. Er nahm ihn und sagte: "Mensch Hilfmir, wie kann sowas nur sein? Wieso geht der Basti in den Ferien nach Spanien und ich muss zuhause bleiben? Es ist ungerecht, dass er mich alleine lässt! Mit wem spiele ich denn die ganze Zeit? Immer ich! Alle gehen in den Urlaub, aber wir nicht!"
Dass sie in den Faschingsferien eine Woche im Skiurlaub waren, hatte er in diesem Moment einfach vergessen!
Er jammerte noch eine Weile vor sich hin, aber dann besann er sich! "Lieber Hilfmir, jetzt kannst Du mal zeigen, was du drauf hast! Ich will mich die nächste Woche nicht langweilen! Ich brauche einen Plan, was ich tun kann. Bitte schicke mir eine Idee oder so was!", forderte er Hilfmir heraus.
Eigentlich wusste er, dass man so keine Wünsche an Hilfmir formulierte, aber ein bisschen wütend war er eben immer noch.
"Jannis, kommst du bitte mal nach unten?", hörte er in dem Moment seine Mutter an der Treppe rufen.
"Was denn? Warum soll ich denn jetzt schon wieder kommen?", brummte er. Er hatte jetzt bestimmt keine Lust, auch noch den Müll rauszubringen oder so was.
"Würdest du jetzt bitte mal kommen, wenn ich dich rufe?", antwortete seine Mutter. "Ja, ich komm‘ ja schon", er erhob sich von seinem Bett und steckte Hilfmir in die Hosentasche. Als er in der Küche ankam, telefonierte sie gerade.
"Super! Warum soll ich kommen, wenn sie jetzt telefoniert?", dachte er.
"Du Jannis, ich habe gerade Tante Petra am Telefon und sie sagt, dass der Paul nächste Woche gerne zu uns kommen würde. Sie muss arbeiten und er hat ja auch Ferien und wäre sonst alleine. Das ist doch okay für dich, oder?"
Ausgerechnet Paul! Paul war ein Jahr jünger, als er und konnte nicht mal richtig Fahrradrennen fahren. Jetzt sollte er auch noch den Babysitter spielen! Jannis dachte das, sagte aber: "Mhm, wenn's sein muss!" Er wusste, dass es schon eine beschlossene Sache war und er nichts mehr dagegen tun konnte.
In Gedanken beschwerte er sich bei Hilfmir:
So habe ich mir das aber nicht vorgestellt. Wieso habe ich jetzt auch noch Paul an der Backe? Hättest du nicht was Besseres finden können? Der kann ja noch nicht mal mit dem Fahrrad richtig fahren, und außerdem ist er sowieso noch ein Baby. Jannis war wieder richtig sauer! … Hey, wie geht's?", fragte Paul, als er Jannis sah, nahm seinen Lederball und war auch schon wieder draußen im Garten.
"Was soll das denn jetzt?", fragte sich Jannis. "Der fragt mich was und wartet keine Antwort ab. Na warte!" Jannis ging Paul hinterher, der schon mit seinem Ball beschäftigt war. "Wie lange schaffst du es, den Ball oben zu halten? Ich schaffe es bis 47", sagte Paul. "Ist doch Baby-Kram. Gib her!", forderte Jannis Paul heraus.
"Hilfmir, hilf mir!", dachte Jannis nur kurz, aber gegen eine zu große Klappe, konnte selbst Hilfmir nichts tun! Jannis musste nach einer Weile zugeben, dass Paul es besser konnte, als er.
"Macht nix", sagte Paul, "ich habe auch lange trainiert, bis ich es bis 47 geschafft habe. Komm wir wechseln uns ab."
Der ist eigentlich richtig nett geworden, schoss es Jannis durch den Kopf und dann übten die Beiden, bis seine Mutter zum Essen rief…

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Mehr über und von Monika Baitsch auf ihrer Website.

24. April 2014

"Zufällig Hawaii" von Sabine Landgraeber

Ein Reiseabenteuer. Luisa hat ihr Leben satt. Sie sitzt stundenlang am Computer, hängt nur noch im Internet rum und hat jeglichen Kontakt zum wirklichen Leben verloren. Ihr Freund Alex, den sie auch nur von Facebook kennt, lädt sie ein, ihn zu besuchen und so landet Luisa zufällig auf Hawaii. Doch anstatt mit einem Mai Tai und einem gut aussehendem Mann in Waikiki am Strand zu sitzen, findet sie sich unter einer Autobahnbrücke wieder, überfallen und ausgeraubt.

Luisa versucht Anja, ihrer ehemals besten Freundin, zu erreichen. Vergeblich. Der wortkarge Polizist Beni Korea will ihr helfen und scheint sehr an ihr interessiert zu sein. Aber dann bekommt Luisa noch viel größere Probleme und auch Detective Korea weiß keine Lösung. Anja ist die Einzige, die ihrer besten Freundin den Weg zeigen kann.

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Leseprobe:
Ich schnappte nach Luft und öffnete die Augen.
Manchmal wacht man auf und weiß genau, dass etwas nicht richtig ist. Ich lag nicht in meinem Bett, sondern auf dem Mittelstreifen einer vierspurigen Straße. Die Autos fuhren in hohem Tempo an mir vorbei. Die warme Luft schmeckte nach Staub und Abgasen. Ich versuchte mich aufzurichten und schaute in den Himmel, aber den gab es in diesem Albtraum nicht. Über mir befand sich eine weitere Straße, von der ich nur die graue, rußverschmutzte Unterseite sehen konnte. Ich rutschte über den staubigen Boden zu einem Betonpfeiler, lehnte mich daran und schloss die Augen.
Allein das Nachdenken über diese merkwürdigen Umstände nahm mir meine ganze Kraft. Ich fühlte mich wie betrunken und mein ausgetrockneter Hals schmerzte.
"Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“
Was für eine blöde Frage. Was sollte ich darauf antworten?
Ich öffnete wieder die Augen und sah ein paar schwarze Hosenbeine, direkt vor mir.
"Können Sie mich verstehen?"
Ein riesiger Mann ging ächzend in die Hocke, ich sah die Schweißperlen auf seiner Stirn, die unter seiner Mütze hervorrannen. Sein kurzärmliges schwarzes Hemd spannte über seinem Bauch. Seine Hand berührte meine Schulter. Polizeiuniform.
"Ma'am, Sie können hier nicht bleiben. Sie scheinen einen Unfall gehabt zu haben, tut Ihnen etwas weh?"
Ich musterte meinen Körper, der sich seltsam fremd anfühlte. Einen Unfall? Ich trug meine weite bequeme Boyfriend-Jeans, die, die man sich auch ohne Boyfriend kaufen konnte. Meine Füße steckten in den grauen, schnürsenkellosen Chucks. Ich bewegte meine Zehen, kein Problem. Hose und Schuhe waren ein bisschen schmutzig, was ja auch kein Wunder war, wenn man sich mal die Umgebung ansah, in der ich saß. Auch auf meinen nackten Armen konnte ich keinerlei Verletzungen erkennen, und das blaue T-Shirt war noch so, wie es sein sollte.
"Du siehst wirklich Scheiße aus", kam es von meiner Linken. In einiger Entfernung saß ein zotteliger, dürrer Mann auf einer Decke aus Zeitungen. Ein mit Dosen gefüllter Einkaufswagen stand neben ihm.
Ich hatte Angst davor, etwas zu sagen, denn dann würde das alles hier zur Realität werden. Ich suchte die Umgebung nach Spuren eines Unfalls ab. War ich vielleicht aus einem Auto herausgeschleudert worden, das jetzt mit den Rädern nach oben im nächsten Graben lag? Ich konnte nur die Fahrspuren rechts und links von mir sehen und in einiger Entfernung einen weiteren Betonpfeiler. Ein warmer Windstoß wehte Staub und eine Plastiktüte an mir vorbei.
"Ma'am, kommen Sie jetzt mit?"
Ich nickte und versuchte mich hochzurappeln. Das war nicht so einfach, wie ich erwartet hatte. Der dicke Polizist hatte da auch so seine Schwierigkeiten, wieder in die Aufrechte zu kommen.
"Mein Name ist Officer Malawa, ich bringe Sie aufs Revier."
Ich konnte immer noch nicht sprechen und so nickte ich einfach. Der Polizist drehte sich zu dem Mann mit dem großen Dosenkontingent um.
"Tim, hast du irgendwas gesehen?"
"Nein, die saß schon da, als ich kam. Scheiße, Scheiße, Scheiße."
Er murmelte weitere unverständliche Worte vor sich hin.
"Tim lebt schon seit Jahren auf der Straße und das ist sein Platz", entschuldigte der Officer das wirre Gebrabbel des Mannes.
"Kommen Sie."
Ich folgte ihm hinter den Brückenpfeiler. Dort stand ein Streifenwagen. Er öffnete die hintere Tür und ich stieg ein. Es roch erstaunlich frisch und fruchtig.
"Wollen Sie vielleicht erst ins Krankenhaus?"
Er drehte mir den Rückspiegel so, dass ich mich darin sehen konnte. Ich rutschte vor und sah dabei auch die Ursache für den fruchtigen Duft. Auf dem Beifahrersitz stand ein geöffnetes Schälchen mit Ananasstücken.
Das, was ich im Spiegel sah, war schrecklich. Ich hatte eine Platzwunde auf der Stirn und geronnenes Blut klebte auf meinem Gesicht. Ich sah aus wie ein Zombie. Ich befühlte die Beule, aber die eigentliche Wunde schien nicht so groß zu sein, wie das viele Blut es vermuten ließ.
"Danke, kein Krankenhaus."
Ich sank zurück in den Sitz. Ich konnte es nicht mehr weiter verschieben. Das alles war kein schrecklicher Alptraum, es war real. Und dort sah sie ihn.

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16. April 2014

'Taranee: Zeiten des Zweifels' von Kristin B. Sword

Auftakt zu einer Familiensaga um Liebe, Vertrauen, Intrigen, Rache, Freundschaft, Verlust, Pflichtgefühl, Lüge, Glaube, Hoffnung und Zweifel. Der erste Band der Reihe webt, um teilweise real existierende Örtlichkeiten herum, die fiktive Lebensgeschichte der im Waisenhaus aufgewachsenen Taranee Gardner. Das Erbe ihrer Mutter, zu der sie nie Kontakt hatte, verschlägt die Achtzehnjährige im Sommer 1986 aus der Anonymität Hamburgs in die fränkische Provinz.

Dort träumt sie von einer eigenen Familie an der Seite des richtigen Mannes. An Männern mangelt es nicht, doch welcher ist der richtige, wem kann sie trauen – und kann sie ihren eigenen Gefühlen trauen? Bald schon weckt sie auf ihrer Suche einen rachsüchtigen Schatten, der am Ende alles zu zerstören droht.

Gleich lesen: "Taranee: Zeiten des Zweifels" von Kristin B. Sword

Leseprobe:
Vellberg, November 2010
Mit unbarmherziger Regelmäßigkeit dröhnte und verebbte das Geräusch des Presslufthammers in Taranee Gardners Ohren. Sie kniff die Augen zusammen, vermeinte, einen Lichtblitz hinter ihren geschlossenen Lidern wahrzunehmen. Als sie die Augen wieder öffnete, stand sie im Dunkeln. Selbst die Straßenlaterne war ausgegangen.
Und dennoch spürte sie, dass sie nicht allein war, noch bevor sie aus dem Augenwinkel einen Schatten wahrnahm. Ihr blieben nur Sekundenbruchteile, um Luft zu holen, bevor sich ein sehniger Arm von hinten um ihre Taille legte und sich das kalte Metall eines Pistolenlaufs gegen ihre Schläfe presste.
»Ein einziges Wort und der Erste, der durch diese Tür tritt, um dich zu retten, wird sterben«, zischte der Mann. »Und wer mag das wohl sein? Dein zartes, unschuldiges Töchterlein vielleicht oder sogar … dein Liebster? Das würde dir nicht gefallen, oder?«
Sie gab jedwede Gegenwehr sofort auf.
»So ist es brav. Und jetzt gehst du ganz langsam, auf Samtpfoten sozusagen, wie ihr Ballerinas das so wunderbar drauf habt, mit mir zur Haustür.«
Sie nickte zum Zeichen, dass sie ihn verstanden hatte.
Zu leise ließ ihr Entführer die Haustür ins Schloss fallen, zu leise zerrte er sie zu seinem Wagen, zu leise stülpte sein Komplize ihr einen Sack über den Kopf. Einer der beiden rammte ihr etwas Hartes in den Magen, verhinderte so, dass sich ihr unvermitteltes Keuchen zu einem panischen Schrei auswuchs. Während ihr die Sicht verschwamm, empfand sie fast so etwas wie Dankbarkeit dafür. Ihr Schrei hätte nur weitere Leben gefährdet.
Als sie wieder zu sich kam, beunruhigte sie das leichte Ziehen in ihrem Bauch weit mehr als ihr dröhnender Schädel. Gewaltsam öffnete sie die Lider, erkannte zunächst nur die Umrisse des Raumes, in den man sie gebracht hatte. Sie spürte die modrige Pritsche unter den verspannten Gliedmaßen.
Nach und nach gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit und sie konnte nicht mehr nur den muffigen Geruch, sondern auch die Einzelheiten ihrer Zelle ausmachen. An der Decke nahm sie einen riesigen Flachbildfernseher wahr, auf dessen Funktion sie sich keinen Reim machen konnte, außerdem einen Lautsprecher und eine Videokamera. Ihr Blick folgte einem langen Riss im Mauerwerk, stahl sich durch die Gitterstäbe auf den Gang, an dessen Wand zweifellos auch der Schlüssel zu ihrer eigenen Zelle hing.
Sie schnellte hoch, zuckte aufgrund der plötzlichen Bewegung zu ihrer Linken zusammen, ehe sie in dem Schreckgespenst mit den wirren, blutverkrusteten Haarsträhnen und den glanzlosen Augen ihr eigenes Abbild erkannte. Ein Einwegspiegel?
Ein Kratzen ließ sie herumfahren und die Luft anhalten. Schier endlose Sekunden vergingen, ehe sie das Geräusch den zappelnden Beinen einer Ratte zuordnen konnte, deren Schnauze jetzt über den Rand der gesprungenen Toilettenschüssel lugte. Der saure, übelkeitserregende Gestank biss sich in Taras Nasenschleimhäuten fest. Neben dem Abort stand ein verdrecktes Waschbecken mit einem weiteren Spiegel. Keine Dusche.
Ein bitteres Lachen entrang sich Taras Kehle, als der Gedanke in ihr hochstieg, wie es seinerzeit begonnen hatte. Beinahe unscheinbar, in einem Badezimmer, das seinen Namen im Gegensatz zu diesem hier redlich verdient hatte. Ganz gleich, wie überzeugt sie damals gewesen war, dass sie es nicht schlimmer hätte treffen können.

Vellberg, Juli 1986
Tara hasste das Geräusch, mit dem die altrosa Klobrille ihre Oberschenkel freigab.
Sie hätte geschworen, dass sie das Haus ihrer Mutter langsam und mit gebührendem Argwohn betreten würde. Gestern noch hätte sie es geschworen, ohne Zögern. Beim Grab ihrer guten alten Mari. Bei Jonas’ Leben sogar.
Doch es gab niemanden, der sie hätte schwören lassen. Und die halbe Stunde, die Tara im strömenden Regen am Hessentaler Bahnhof auf das offenbar einzige Taxi in dieser Wüstenei von Käffern hatte warten müssen, hatte andere, primitivere Bedürfnisse in den Vordergrund treten lassen.
Sie versuchte, das Zittern zu unterdrücken, als sie den Blick durch die winzige Nasszelle schweifen ließ. Eine mit grauenhaften Veilchenapplikationen verzierte Porzellantoilette, ein nicht weniger altmodisches, lindgrünes Waschbecken unter einem halbblinden Holzspiegel und eine schäbige Duschkabine von derselben Farbe bildeten ihr Begrüßungsensemble. Das zweite an diesem verflixt verfluchten Tag, nebenbei bemerkt.
Nein, das hier war nicht die Sorte Neuanfang, die sie sich erhofft hatte. Aber es war besser als keiner. Und Tara hatte nicht erwartet, dass ihre Mutter ihr keine Steine in den Weg gelegt hatte. Womöglich war es aussichtslos.
Dennoch straffte sie die Schultern, stieg aus den tropfnassen Kleidern und unter die Dusche, drehte den Hahn voll auf und ließ das warme Wasser über ihre steif gefrorenen Glieder laufen.
Dann machte sie sich an das Wagnis, den Rest des Häuschens zu inspizieren, der aus lediglich einem weiteren Raum bestand. Und dieser Mühe definitiv nicht wert war.
Ein augenkrebserregendes Sammelsurium aus schrulligem, abgewetztem Hausrat, dominiert von einem grün geblümten Ungetüm von einem Sofa, das aus jeder Pore den Geruch von peniblem Lavendel, bitterem Kaffee und altjüngferlicher Ignoranz ausdünstete.
Die plötzliche Enge in Taras Kehle ließ ihren Blick zum Fenster fliehen.
Und dort sah sie ihn.

"Taranee: Zeiten des Zweifels" im Kindle-Shop

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15. April 2014

"Die Frau, die sich nicht umdrehte" von Elsa Rieger

Ein Erzählband. Ich spaziere durch Städte, bevorzugt durch meine Geburtsstadt Wien, und sehe zwischen den flanierenden Menschen eine Gestalt, die sonst keiner erblickt. Ich entdecke in diesem rothaarigen Mädchen eine Geschichte. Ihre Geschichte von Liebe und Qual, in der sie sich einem Mann ausliefert, sich seiner Obsession hingibt, die letzten Endes ihr Tod sein wird. Nein, ich denke, sie wird es überleben und fortan als wahre Königin durch das Leben wandeln. Warum? Weil sie zu reizend ist, um sie sterben zu lassen.

Oder ich sitze im Kaffeehaus nahe der Hofburg, und sehe nicht, dass der alte, magere Mann seine Adlernase in einen Cognacschwenker senkt, um den Duft des Weinbrands aufzusaugen, der ihm Sekunden von Erinnerungen an eine bessere Zeit schenkt, lange, ehe er von den Nazis nach Auschwitz verschleppt wurde, lange, bevor er halbnackt und abgemagert in eine Stadt heimkehrte, in der die Einwohner nur ein paar Schritte vom Kaffeehaus entfernt auf dem Heldenplatz „Heil!“ gebrüllt haben.

Ich schreibe über das, was ich nicht sehe, aber dennoch über alles, was es geben könnte. Vielleicht.

Gleich lesen: > > > Auf dem Kindle

Leseprobe aus "Amour fou":
Carlo nannte sie nur Rotkehlchen. Getauft war sie auf den Namen Rita nach der Großmutter, doch ihre Eltern riefen sie zärtlich bei diesem Kosenamen. Ihr Geliebter hatte ihn bei dem einzigen Besuch in ihrem Haus aufgeschnappt.
‚Rotkehlchen’ passte wie die Faust aufs Auge zu Rita, sie war mit einem großflächigen Feuermal auf ihrem Dekolletee zur Welt gekommen.
Diese Hautanomalie sah aus wie ein Herz, das auf dem Kopf steht, genau so, wie es diese Vogelart auf der Brust trug. Flammend rot. Der Zufall oder die Ironie wollten es, dass das Mädchen auch noch rote Haare hatte.
In der Schule zog Rotkehlchen nur hochgeschlossene Kleidung an, vom Schwimmunterricht hatte sie sich befreien lassen; keiner sollte ihren Makel sehen. Der roten Haare wegen verspottet zu werden, reichte ihr vollkommen. Sie trug sie ganz kurz, was zu ihren zarten Gesichtszügen ausgezeichnet passte.
Nun war sie zwanzig und hatte sich unsterblich in Carlo verliebt, der doppelt so alt wie sie war. Kennengelernt hatte sie ihn in einer Eisdiele. Sie las gerade Die Brust von Philip Roth und amüsierte sich königlich über die Absurditäten, während sie nebenher Pistazieneis löffelte, als ihr jemand übers Haar strich.
Nachdem sie nur wenige Menschen an sich heranließ, ihre Zeit vorwiegend damit verbrachte, zu lesen und kreuz und quer durch die Wälder rund um die Stadt zu laufen, hob sie erstaunt den Blick vom Buch.
Vor ihr stand ein eindrucksvoller Mann mit Sonnenbrille. Das Hemd fast bis zum Bauchnabel aufgeknöpft. Die breite, gebräunte Brust zierte ein Yin-Yang-Symbol an einer dickgliedrigen Kette, beides aus massivem Gold.
„Was für ein Zauberwesen“, lächelte er, „aus welchem Märchen bist du denn rausgestiegen?“

Ihre Eltern waren überhaupt nicht einverstanden mit der Beziehung, aber ihr war das egal. Nach einem fulminanten Streit zog sie daheim aus und bei Carlo ein. Er war Chef eines lukrativen Bordells, gewöhnt, von willigen Frauen umgeben zu sein.
„Ich steh total auf das Feuerherz über deinen Brüsten, Rotkehlchen“, sagte er, wenn sie Sex hatten und er diesen Fleck in Ekstase küsste. Dafür liebte Rotkehlchen ihn über alle Maßen.
Carlo hingegen hatte das junge Ding bald satt, er war es gewöhnt, sich zu nehmen, was er wollte, das brachte der Job mit sich. Deswegen sagte er nach ein paar Monaten: „Wir sollten deinen interessanten Körper nicht für uns behalten, das wäre egoistisch. Vielleicht magst du ja was ausprobieren?“
„Du meinst, ich soll als Hure arbeiten?“
Rotkehlchen war klug.
„Aber nein! Nur ein bisschen an der Stange tanzen, die Gäste erfreuen. Ist ja bestimmt langweilig, immer nur daheim herumzusitzen und auf mich zu warten, Süße.“
Verstört zog sie die Laufschuhe an und rannte in den Wald. Carlo dachte indessen über die Vermarktung des Mädchens nach.
Als Rotkehlchen erschöpft von der Enttäuschung auf einem Granitfelsen ausruhte, dachte sie über das Angebot nach. Vielleicht könnte sie ja im Freudenhaus einen neuen Mann kennenlernen, der sie wirklich ohne bösartigen Hintergedanken liebte? Es waren doch vor allem einsame Seelen, die es nötig hatten, Huren aufzusuchen. Ihr war klar, Carlo würde sie früher oder später dazu treiben, den Tanz an der Stange gegen den Tanz in der Horizontalen auszutauschen. Ihn zu verlassen, war keine Option; wo sollte sie hin? Die Eltern wollten nichts mehr von ihr wissen, gelernt hatte sie nichts, womit sie ihr Leben hätte finanzieren können, was blieb ihr übrig?
Sie hatte Carlo vertraut, ihn geliebt. Er war der erste Mann in ihrem Leben und sie hatte sich in ihrer Erscheinungsform angenommen gefühlt.
Rotkehlchen fröstelte, es wurde langsam Nacht, dennoch wollte sie auf keinen Fall heimlaufen, ehe sie eine Entscheidung getroffen hatte. Es war Ende Oktober und Nebel kroch zwischen den Baumstämmen auf sie zu.

Im Kindle-Shop: Die Frau, die sich nicht umdrehte

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14. April 2014

"Eine tödliche Story" von Matthias Zipfel

Ein fesselnder Krimi zu einem hochaktuellen Thema. Am Deininger Weiher, einem idyllischen See im Münchner Süden, wird eine weibliche Leiche gefunden. Alles deutet auf einen Sexualmord hin. Doch was zunächst wie ein Routinefall erscheint, entpuppt sich schon bald als teuflisches Verbrechen von internationalem Ausmaß.

Hauptkommissar Mark Trenkwalder und seine junge Kollegin Laura Sperling stoßen auf ein gut organisiertes Netz aus Frauenhandel, Zwangsprostitution und skrupellosen Killern. Es sind mächtige Kreise, die sie stören. Und Trenkwalder muss schon bald feststellen, dass seine Gegner nicht davor zurückschrecken, auch Hauptkommissare auf ihre Abschussliste zu setzen ..

Gleich lesen: "Eine tödliche Story" von Matthias Zipfel



Leseprobe:
Niemand hatte ihn kommen sehen, das Gebäude hinter seinem Rücken schien ihn ausgespuckt zu haben – plötzlich und unvermutet. Er knöpfte seinen kamelhaarfarbenen Kaschmirmantel auf, stellte die Reisetasche neben sich auf das Pflaster und sog die milde Herbstluft genussvoll, ja fast gierig ein, gerade so, als atme er zum ersten Mal. Dann schaute er auf seine goldene, ein wenig zu protzige Armbanduhr: Warum ließen sie ihn warten? Hatte er nicht schon lang genug gewartet, den Kopf hingehalten und geschwiegen?
Sekunden später bog eine schwarze Luxuslimousine um die Ecke und hielt vor ihm am Straßenrand. Der Mann im Kaschmirmantel ging auf den Wagen zu. Auf halbem Wege drehte er sich noch einmal um, als wolle er Abschied nehmen von den hohen Mauern und den Wachtürmen. Er lachte auf – kurz, bitter und gleichzeitig triumphierend. Im nächsten Moment wurde sein Gesichtsausdruck wieder ernst und abweisend wie zuvor. Wortlos nahm er auf dem Rücksitz Platz und wartete ungeduldig, bis der Fahrer die Tasche im Kofferraum verstaut und sich wieder hinter das Lenkrad gesetzt hatte. Endlich fuhren sie los.
Die Stille im Inneren der Limousine war unbehaglich. Der Chauffeur hatte es längst aufgegeben, ein freundliches, unverbindliches Gespräch zu beginnen. Sämtliche Versuche waren an seinem Fahrgast abgeperlt wie Tautropfen von einer Lotospflanze. Deshalb beließ er es jetzt dabei, sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Dabei sah er viel öfter in den Rückspiegel, als es nötig gewesen wäre: Wer war dieser Mann, der so beeindruckend, fast einschüchternd wirkte, obwohl er doch stumm und scheinbar teilnahmslos dasaß? Und woher hatte er diese fleischige Narbe, die sich im Zickzack über seine hohe Stirn zog?
»Wann geht der Flug?«, fragte der Mann im Fond endlich.
»Wann immer Sie wollen. Die Maschine steht auf Abruf für Sie bereit.«
»Gut, sehr gut! Dann nutzen wir die Zeit für ein bisschen Sightseeing. Wäre doch unhöflich, wenn ich mich von dieser gastlichen Stadt nicht gebührend verabschieden würde.« Er schaute auf die Armbanduhr. »Aber sorgen Sie dafür, dass wir um Punkt halb elf beim Dallmayr sind!«
Am Odeonsplatz, kurz vor der Feldherrnhalle, bogen sie rechts ab in die Brienner Straße. Der Mann im Kaschmirmantel beobachtete die Menschen, die vor den Schaufensterscheiben standen oder in den Straßencafés saßen und den sonnigen Herbsttag genossen. Besonders aufmerksam betrachtete er die jungen Frauen. Aber seine Blicke waren weder freundlich noch bewundernd oder begehrlich. Sie waren berechnend. Er begutachtete die Frauen, wie ein geiziger Käufer das vermeintliche Schnäppchen taxiert. Er hatte schon lange keine Frau mehr gehabt, denn es gab keine Frauen dort, wo er herkam. Davon abgesehen war es ihm jedoch nicht schlecht ergangen in Stadelheim, denn im Knast galt das Gleiche wie anderswo. Wer über genügend Geld verfügte, der konnte sich alle Annehmlichkeiten erkaufen: Einzelzelle, Fernsehen, Zeitungen, vernünftiges Essen statt Gefängnisfraß – kein Problem! Selbst Smartphones der jeweils neuesten Generation hatten sie ihm in den Knast geschmuggelt – verboten zwar, aber ebenfalls kein Problem. So war er stets auf dem Laufenden geblieben, hatte es sich in der Anstaltsgärtnerei vergleichsweise bequem eingerichtet und sich mit Sport und Gymnastik fit gehalten. Trotzdem, sechseinhalb Jahre hinter Gittern – eine Ewigkeit!
Um fünf vor halb elf hielten sie in der Dienerstraße.
»Warten Sie hier, in einer Viertelstunde bin ich zurück!«, sagte der Mann im Kaschmirmantel, stieg aus und betrat kurz darauf das Feinkosthaus Dallmayr. Er durchquerte das Ladengeschäft, steuerte zielstrebig einen der Stehtische an und bestellte sich eine Tasse Kaffee. Das alles hatte er die letzten Jahre nur in der Fernsehwerbung gesehen, und jetzt war es Wirklichkeit! Die Duftwolke aus Fleisch- und Wurstwaren, Obst, Gemüse und Kaffee überw.ltigte ihn fast. Aber es war nicht der Duft der Delikatessen, der ihn hierher führte.
Um zwanzig vor elf gesellte sich ein Mann zu ihm an den Tisch. »Ich habe heute in der Zeitung gelesen, dass das Wetter an der Costa del Sol momentan sehr angenehm sein soll«, sagte er mit deutlich ausländischem Akzent.
»Na, da trifft es sich doch gut, dass ich gerade auf dem Weg dorthin bin!«
»Ja, es gibt doch wirklich glückliche Zufälle! Apropos …« Der Fremde legte unauffällig einen Briefumschlag auf den Tresen, »… zufällig ich habe hier etwas für Sie, das Ihnen sehr nützlich sein dürfte. Angenehme Reise!«
Der Mann im Kaschmirmantel nickte seinem Gegenüber kurz zu, steckte den Umschlag ein und verließ das Feinkosthaus, vorbei an den Bedienungen, die im wirklichen Leben tatsächlich so adrett aussahen wie in der Werbung.
Auf dem Weg zum Flughafen, in der vertraulichen Abgeschiedenheit der schwarzen Luxuslimousine, öffnete er das Kuvert. Es enthielt seine neue Identität, gefälscht natürlich, und das ganz exzellent. Auf die Organisation war eben nach wie vor Verlass! Zum ersten Mal seit langer Zeit machte sich Zufriedenheit in ihm breit – er war wieder im Spiel! Und eines war ganz sicher: Nie wieder würde ihm ein so blöder Fehler unterlaufen wie der, der ihm sechseinhalb Jahre Knast und diese verdammte Narbe eingebracht hatte ...

"Eine tödliche Story" im Kindle-Shop

Mehr über und von Matthias Zipfel auf seiner Website.

13. April 2014

"Erkül Bwaroo auf der Fabelinsel" von Ruth M. Fuchs

Erkül Bwaroo ermittelt in seinem zweiten Fall. Graf Alexander von und zu Saragessa ist der Regent einer Insel, die vor allem von Fabelwesen bewohnt wird. Als zwei Geißenmädchen ermordet werden, spricht alles dafür, dass der einzige auf der Insel lebende Wolf der Mörder ist. Doch Alexander von und zu Saragessa ist sich da nicht so sicher und bittet Erkül Bwaroo um Hilfe. Der Elfendetektiv wappnet sich also gegen seine Seekrankheit und reist auf die Insel.

Schnell muss er erkennen, dass Fabelwesen so ihre Eigenheiten haben. Und das Morden ist noch nicht zu Ende. Auch in seinem neuen Fall steht dem Elfen mit dem stattlichen Schnurrbart und dem belgischen Akzent sein unerschütterlicher Dieners Orges zur Seite. Allerdings wird der von den amourösen Absichten einer Katzenfrau etwas abgelenkt. Und welche Rolle spielt Bernard Fokke, den man auch den Fliegenden Holländer nennt?

Die Reihe „Erkül Bwaroo ermittelt“ ist eine humorvolle Hommage an Agatha Christie und ihren berühmten belgischen Detektiv - echte Krimis, aber vielleicht auch mit ein bisschen Märchen.

Gleich lesen: Erkül Bwaroo auf der Fabelinsel (Erkül Bwaroo ermittelt 2)

Leseprobe:
Erkül Bwaroo stand an der Reling und blickte gequält in die Gischt. Obwohl die Sonne schien, hatte er drei Seidenschals um den Hals geschlungen und trug außerdem noch einen Mantel. Ja, gegen die Gefahr eines Schnupfens hatte er alles unternommen, aber was konnte man schon gegen die Seekrankheit tun? Der Elf fühlte sich überhaupt nicht wohl. Da half es auch nicht, einfach nicht daran zu denken, wie ihm sein Diener Orges geraten hatte. Erkül Bwaroo wusste, dass er seekrank wurde, sobald er auch nur einen Fuß auf ein Schiff setzte. Und genau so geschah es auch.
„Sieh mal“, hörte er da eine hohe, fast schon schneidende Frauenstimme ein Stück neben sich, „dieses helle Grün ist genau die Farbe, die mein neues Abendkleid haben soll!“
„Welches helle Grün?“ fragte jemand neben ihr, der offenbar ihr Mann war.
„Na, wie das Gesicht dieses Elfen da! Das ist genau die Farbe.“
Unwillig wandte Bwaroo den Kopf in Richtung der Stimme und gewahrte eine pummelige Frau mittleren Alters, die mit dem Finger auf ihn wies. Ihr Gatte neben ihr fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut. Ob es daran lag, dass seine Frau ein neues Kleid haben wollte oder weil ihm ihre Unhöflichkeit peinlich war, ließ sich unmöglich sagen.
„Ja, Liebling“, presste er schließlich hervor und wandte sich in die andere Richtung, um zu gehen. Aber seine Frau war noch nicht fertig: „Komischer kleiner Kerl“, sie sprach nun nur noch halblaut, doch Bwaroo hatte ausgezeichnete Ohren und verstand jedes Wort. „Guck mal, für einen Elfen ist er aber ziemlich klein. Das ist doch ein Elf oder? Mit einem Kopf wie ein Ei. Vielleicht ist er ja auch ein Mischling. Und er muss kugelrund sein. Obwohl man das ja nicht genau sagen kann, so eingemummelt wie er ist. Bei diesem herrlichen Wetter! Meinst du, der Schnurrbart ist echt?“
„Bien sûr, Madame“, wandte Erkül Bwaroo sich da direkt an sie. „Selbstverständlich ist mein Schnurrbart echt. Wie alles andere übrigens auch, einschließlich meiner Anfälligkeit für Zugluft.“
Wenn er die Absicht gehabt hatte, die Dame in Verlegenheit zu bringen, hatte er keinen Erfolg. Sie lächelte und nickte. Nur widerstrebend ließ sie sich von ihrem Mann wegführen, der zunehmend beschämt schon eine geraume Weile an ihrem Ärmel zupfte.
Der seekranke Elf nahm derweil genau in der Mitte der Bank Platz, die sich vor der Brücke des Postschiffs befand. Dort, so würde er jedem erklärt haben, der ihn danach gefragt hätte, schlingerte das Boot am wenigsten. Wobei man sagen muss, dass das Boot ohnehin nicht schlingerte, denn die See war spiegelglatt und völlig ruhig. Und Bwaroo benahm sich, als würden sie das Meer bei einem Sturm mit Windstärke 7 befahren. Dass ihn das vielleicht lächerlich erscheinen ließ, war ihm, das muss man bewundernd anmerken, völlig egal.
Erkül Bwaroo zupfte seine Seidenschals zurecht und dachte daran, wie er nur in die missliche Situation hatte geraten können, mit diesem Schiff auf dem Meer zu reisen.
Es war nun vier Tage her, dass ihn eine Winddepesche erreicht hatte. Solche Depeschen waren die neueste Mode. Man fing dazu auf magische Art einen Windhauch ein, der dann einen Brief durch die Luft transportierte. Das ging wesentlich schneller als jeder Botendienst und war inzwischen auch für Nichtzauberer nutzbar. Die verschiedenen Vereinigungen der Berufsboten hatten anfangs protestiert und ein Verbot dieser Windnutzung gefordert – mit der Begründung, es handele sich hier um nicht vertretbare Luftbewegungsquälerei. Jedoch stellte sich schnell heraus, dass so ein Wind nicht mehr als ein einzelnes Blatt tragen konnte und dass es sich insgesamt um einen Luxus handelte, den sich nur wirklich betuchte Menschen leisten konnten. Die Botendienste waren überhaupt nicht gefährdet und prompt verebbte auch die Besorgnis um das Wohlbefinden der Winde.
Der Absender der Depesche an den Elfendetektiv war in der Tat reich genug, sich haufenweise Winddepeschen leisten zu können: Graf Alexander von und zu Saragessa, Hochwohlgeboren und gewählter Regent der Insel Saragessa im Jaspischen Meer bat um einen Termin bei Erkül Bwaroo.

Als der Graf tags darauf das Büro des Elfendetektivs betrat, wirkte der eigentlich geräumige Raum plötzlich klein. Der Besucher war aber auch eine sehr stattliche Erscheinung, obwohl er seine Flügel eng angelegt hatte und den Kopf gesenkt hielt. Er versuchte gar nicht erst, auf einem der Stühle Platz zu nehmen.
Erkül Bwaroo blieb deshalb ebenfalls stehen und betrachtete Alexander von und zu Saragessa mit kaum verhohlener Neugier. Denn obwohl er bereits mit den ungewöhnlichsten Fällen und bizarrsten Orten und Wesen zu tun gehabt hatte, war er bisher noch nie einem Greifen begegnet. Und dieser hier war fürwahr ein Prachtexemplar seiner Spezies. Der Rumpf des Greifen ähnelte dem eines Löwen, der Vorderleib samt Flügeln und Kopf dem eines Adlers. Allerdings hatte er keine Vogelkrallen, sondern Hände ähnlich denen eines Menschen. Federn und Fell waren im gleichen Goldton gehalten, doch um den Hals war ein Ring aus Federn in tiefstem Blau. Auch die großen Ohren hatten an ihren Spitzen einige Federchen in dieser Farbe. Der Elf erinnerte sich daran, dass ein Greif, wie es hieß, ein Pferd mitsamt Wagen emporheben und wegtragen konnte. Das erschien ihm nun gar nicht mehr so unglaublich.
„Sie sind Erkül Bwaroo, der Detektiv?“ eröffnete der Graf das Gespräch.
„A votre service“, der Elf verneigte sich. „Womit kann ich Ihnen dienen, Graf Saragessa?“
Statt einer Antwort fragte der Greif: „Sie kennen Saragessa?“
„Ich war noch nie persönlich dort, aber natürlich kenne ich die dortigen Verhältnisse“, nickte Bwaroo.
„Gut. Dann wissen Sie auch, dass die Insel einst meinem Urgroßvater gehörte. In der schlimmen Zeit, als die Fabelwesen noch nicht als freie Bürger des Landes anerkannt waren, bot er sie den Verfolgten als Zuflucht an. Jetzt ist sie ein eigenständiger Staat, dessen Bewohner ihr Staatsoberhaupt frei wählen...“
„Wobei sie seit vielen Jahren immer wieder Sie wählen.“ Der Elf schmunzelte und fragte sich, ob der Graf sich immer so umständlich ausdrückte oder nur, wenn er nervös war. Denn nervös war er mit Sicherheit. So, wie sich die Federn an seinem Hals sträubten.
„Nun ja.“ Der Greif entspannte sich ein wenig.
„Das spricht doch nur für Ihre weise Regierung“, vermutete der Detektiv.
„Es ist nicht schwer, Fabelwesen glücklich zu machen“, wehrte der Graf in wohl einstudierter Bescheidenheit ab. Er schloss einen Moment die Augen, als müsste er sich selbst dazu zwingen, zum Grund seines Besuches zu kommen.
„Wir sind ein friedliches Volk, Herr Bwaroo“, begann er schließlich. „Wir liegen mit niemandem in Streit und auch untereinander leben wir in Frieden. Doch nun wird unsere kleine Welt von unvorstellbaren Verbrechen heimgesucht.“
Saragessa ist eine weitläufige Insel im Jaspischen Meer, das seinen Namen von den intensiven Rottönen hat, in denen es wegen einer besonderen Algenart schimmert, die dort überall in Ufernähe wächst. Auf der einzigen Insel inmitten dieses Meeres leben fast ausschließlich Fabelwesen. Diese sind sehr darauf bedacht, unter sich zu bleiben. So sind sie vor übereifrigen Großwildjägern sicher. Denn auch heute noch gibt es Personen, die glauben, dass Fabelwesen einfach nur Tiere sind, die zufällig sprechen können. Da es solche Jäger sowohl unter den Menschen als auch bei den Feien gibt, brauchen beide Völker gleichermaßen eine Besuchserlaubnis, um die Insel betreten zu dürfen.

Im Kindle-Shop: Erkül Bwaroo auf der Fabelinsel (Erkül Bwaroo ermittelt 2)

Mehr über und von Ruth M. Fuchs auf ihrer Website.

12. April 2014

"Die Erben der alten Zeit - Der Thul" von Marita Sydow Hamann

Der zweite Band der "Die Erben der alten Zeit"-Trilogie.

Der bösartige Magier Oden, der grausam über den Planeten Godheim herrscht, hat der 14-jährigen Charlie jenes magische Amulett entrissen, mit dem man zwischen der Erde und Godheim reisen kann. Während Charlie auf Godheim festsitzt, startet Oden seinen magischen Angriff auf die Erde. Gemäß einer alten Prophezeiung, soll nur Charlie ihn noch stoppen können. Doch die hat nicht die mindeste Ahnung, wie das geschehen soll.

Sie weiß ja nicht einmal, wie sie ihre in Gefangenschaft geratene Freundin Hanna aus Odens Burg Asgard befreien kann. So macht sie sich mit ihren Freunden auf die Suche nach jener jungen Frau, die ihr mehrmals in Visionen erschienen ist. Ob dies der richtige Weg ist?

Gleich lesen: > > > Auf dem Kindle

Leseprobe:
Eine finster drein blickende Gestalt stürmte durch die dunklen Gänge der Festung, die sich auf einer kleinen Felseninsel vor Vanaheims und Godheims Nordküsten erhob. Ein dunkelblauer Mantel flatterte bedrohlich um die Beine des Mannes. Seine kleinen, blauen Augen funkelten vor unterdrückter Wut und vor noch etwas viel Schlimmerem: Hass. Hass, der zu jeglicher Grausamkeit fähig war.
Wie war es nur möglich? Diese verzogene, kleine Hexe! Er würde ihr schon noch zeigen, wo es lang ging!
Voller Zorn fuhr sich Od durch sein Haar.
Aber wie? Wie sollte er es anstellen? Welche Kraft umgab diese kleine, rothaarige Hexe? Sie besaß keine magischen Fähigkeiten, das war ihm aus sicherer Quelle bestätigt worden …
Er verzog sein bärtiges Gesicht zu einer qualvollen Grimasse. Die Scham fraß ihn förmlich von innen heraus auf.
Niemand durfte es je erfahren! Solch eine Schwäche …
Wie hatte ihm das nur passieren können? Er hatte es bisher erfolgreich geheim gehalten. Es war schlau von ihm gewesen, so zu tun, als liefe alles zu seiner Zufriedenheit, als hätte er die Hexe fest im Griff. Aber die Gefahr, durchschaut zu werden, wuchs. Vielleicht sollte er vortäuschen, das Interesse an seinem Spielzeug verloren zu haben? Dann bräuchte er sich nicht mehr so oft in ihrer Nähe aufhalten … Am liebsten hätte er ihr den Hals umgedreht! Od biss hart die Zähne zusammen, als eine weitere Welle von Hass sein Inneres durchströmte. Er steckte in der Klemme. Oden hatte Gefallen an der kleinen Hexe gefunden, und das auch noch aufgrund von Ods eigener Dummheit! Er konnte sie nicht so einfach beseitigen … Er hatte sie angepriesen, sie Oden sozusagen serviert, und alles nur, um in seiner Gunst zu steigen.
Wie konnte er nun zugeben, dass er einen Fehler gemacht hatte? Wie konnte er nun zugeben, dass mit diesem Mädchen etwas nicht stimmte?
Oden würde ihn auf der Stelle zermalmen und wie einen alten, unbrauchbaren Putzlappen entsorgen. Vorher würde er ihn aber grausam bestrafen.
Schonungslos und vermutlich zu Recht …
Pure Angst floss plötzlich durch Ods Adern. Die dunklen, steinernen Gänge von Asgârd schienen immer enger zu werden. Gleich würden sie ihn zerquetschen! Die Wände kamen ständig näher! Od rang nach Luft und fummelte panisch an seinem Umhang herum, um den Druck auf seiner Brust zu lindern.
Angsterfüllt eilte er den nie enden wollenden Gang hinauf, der sich nun steil, dunkel und schmal emporwand. Fackeln warfen flackernde Schatten an die Wände. Gleich würde er da sein.
Nur noch diesen Turm hinauf, dann würde er wieder atmen können.
Seine Gedanken kehrten zu seinem Problem zurück.
Wie kam es nur, dass dieses Mädchen solch unbeschreibliches Unbehagen in ihm hervorrief?
Es war, als wäre sie verflucht. Er konnte sie nicht berühren, er hielt es nicht einmal in ihrer Nähe aus! Allein ihre Anwesenheit löste Ekel und Abscheu in ihm aus. Aber da war noch etwas. Etwas viel Schlimmeres. Ihre Nähe fügte ihm seelische Schmerzen zu! Entsetzliche Qualen, die ihn all sein Selbstvertrauen verlieren ließen. Er wurde zu einem Nichts!
Er hatte sie nie wieder berührt, nach dieser allerersten Nacht in seinem Schlafgemach. Er war voller Vorfreude gewesen, wollüstig und erregt. Er war sich so sicher gewesen, dass es so wie immer laufen würde. Vielleicht noch besser, denn dieses Mädchen hatte Feuer. Sie war nicht zurückhaltend und unterwürfig wie die anderen. Er würde sie zähmen müssen, diese entzückende, wilde Hippolektrionstute mit den hübschen, blauen Augen, den unübersehbaren fraulichen Rundungen und den rotblonden Haaren. Aber dann war alles ganz anders gekommen.
Sie hatte in seinem Zimmer gestanden, mit zerrissener Bluse und mit diesem trotzigen, extrem abweisenden Gesichtsausdruck. Das hatte seine Lüsternheit fast zur Ekstase getrieben. Doch kaum hatte er sie gepackt und zu sich herangezogen, hatte ihn ein Blitzschlag getroffen!
Entsetzliche seelische Qualen, Angst, die bis in sein Innerstes kroch und ihn fast zerrissen hätte, zwangen ihn, sie loszulassen.
Völlig überrumpelt zog er sich zurück und beobachtete sie aus dem hintersten Winkel seines Schlafgemachs. Sie stand nur da, mit einem leicht verwunderten, spöttischen Gesichtsausdruck und wartete regungslos ab. Nach einer Weile ging sie zur Tür und entfernte sich unaufgefordert mit einem letzten Blick auf ihn.
Mit ihr verschwanden auch die Qualen wie von Geisterhand. Unbändige Wut ergriff ihn. Er würde es ihr schon zeigen, hatte er sich geschworen. Kaum zur Tür hinaus, krachte er fast mit Oden zusammen, der belustigt hinter dem Mädchen hersah.

Im Kindle-Shop: Die Erben der alten Zeit - Der Thul

Mehr über und von Marita Sydow Hamann auf ihrer Website.

11. April 2014

"Operation Castus" von Ilona Bulazel

Der Thriller greift die Spekulationen über die »Glocke« der Nazis auf und zeigt, dass dahinter weitaus mehr als nur eine Fantasie stecken könnte. Mai 2017, der »Europaflughafen« nahe Mainz wird durch Explosionen beinahe dem Erdboden gleichgemacht. Die Behörden gehen von einem Unfall aus. Doch der deutsche Abenteurer Peter Kromus findet schnell Hinweise auf eine finstere Verschwörung, die bis in die Zeit des Nazi-Regimes zurückreicht. Zusammen mit dem südafrikanischen Geheimdienstler Thabo Zuma und der Französin Catherine Morel begibt er sich auf eine spannende Jagd nach der Wahrheit, die um den halben Erdball führt.

Aber ihr wahnwitziger Gegner ist bereit zu töten, und verfolgt jeden ihrer Schritte – das Schicksal der Welt steht auf dem Spiel. Eine dunkle Zukunft droht.

Gleich lesen: "Operation Castus" von Ilona Bulazel

Leseprobe:
Tagebucheintrag, 08. Mai 2017
»Operation Castus« ist gescheitert. Um 12.00 Uhr MEZ wurde das erste Ziel getroffen. Die Anlage in Grünau ist zerstört. Um 12.01 Uhr MEZ detonierten neun weitere Sprengladungen auf dem Europaflughafen bei Mainz. Die Auswirkungen waren verheerend – Terminal 1 und 2 haben schwere Schäden erlitten, während Terminal 3 fast dem Erdboden gleichgemacht wurde. Lediglich der Rohbau des neuen Terminals 4 steht noch. Auf allen Kanälen sieht man die Bilder der Zerstörung. Welch ein Anblick! Die Ergebnisse sind beeindruckend, waren jedoch so nicht geplant. Ich muss jetzt alles noch einmal durchgehen. Irgendwo steckt ein Fehler, irgendetwas habe ich übersehen … Ich muss die Tagebucheintragungen meines Vaters nochmals durcharbeiten. Ich habe ihm mein Ehrenwort gegeben und das werde ich halten. Koste es, was es wolle – wir werden siegen!

Deutschland, 8. Mai 2017, später Abend – SoKo »Europaflughafen«

»Sehen Sie das?«
Die anderen im Raum traten näher.
»Spielen Sie das noch mal ab!« Der Beamte am Computer ließ die Aufzeichnung erneut über den großen Bildschirm laufen. Erst in normalem Tempo, dann immer langsamer.
»Und das ist alles, was wir haben?«, fragte einer der Anwesenden. Der Beamte am Computer nickte. Er war erschöpft, genauso wie die anderen Mitarbeiter im Raum. Nach der Katastrophe waren sie alle hier zusammengezogen worden. Eine notdürftig eingerichtete Ermittlungszentrale, so nah wie möglich am zerstörten Europaflughafen. Sie alle waren Spezialisten auf ihrem Gebiet. Dafür ausgebildet, im Falle eines Horrorszenarios wie diesem die Arbeit aufzunehmen. Aber darauf hatte sie niemand vorbereitet. Es gab keine Spuren, keine Hinweise. Niemand wusste, was passiert war. Es gab kein Muster und keinen Anhaltspunkt darüber, was überhaupt die Detonationen ausgelöst hatte. Ein Angriff aus der Luft konnte ausgeschlossen werden. Ein Angriff von innen schien unwahrscheinlich.
In den letzten zwei Jahren war der Europaflughafen zu einem der sichersten Plätze der Welt gemacht worden. Alle renommierten Sicherheitsexperten schlossen Selbstmordattentäter oder Bombenkoffer aus. Vielleicht wäre ein Sprengstoffkoffer durchgekommen. Eine Explosion, die man nicht hätte verhindern können, aber das … Alle waren sich darüber im Klaren, dass man, was die Theorie eines Anschlags anging, komplett im Dunkeln tappte. Ein Sachverhalt, der die leitenden Beamten der Sonderkommission über einen möglichen Unfall nachdenken ließ. Eine Theorie, die man nun mit Eifer versuchte zu belegen.
Der Beamte fing an zu sprechen: »Sämtliche Kameras im Innenbereich sind ausgefallen, bis auf diese.« Er deutete mit dem Finger auf den Bildschirm, dann fuhr er fort: »Wir wissen, dass es kurz vor den Explosionen einen riesigen Energieanstieg gegeben hat, dann ist die gesamte Technik ausgefallen. Einige Außenkameras haben ›überlebt‹. Aber bis auf diese Aufnahmen aus Terminal 1 haben wir nichts wirklich Brauchbares.«
Wieder startete der Beamte die Sequenz. Die Männer und Frauen im Raum starrten reglos auf den Bildschirm. Der Anblick, der sich ihnen bot, würde sich für immer in ihre Köpfe einbrennen. Einige rangen nach Luft, hofften, dass die anderen ihren Schmerz und ihre Angst nicht bemerkten. Sie wollten stark sein für diese Aufgabe, doch die Bilder zwangen die meisten in die Knie. Auch erfahrene Ermittler schluckten schwer.
Die belegte Stimme des Beamten durchbrach das Surren der Computer: »Das Mädchen, es scheint etwas zu bemerken. Es streckt die Hand aus …« Dann brach ihm kurz die Stimme, bevor er sich räusperte und fortfuhr: »Für das Protokoll: Auf dem Bildschirm sieht man dieses Kind, vielleicht sechs Jahre alt. Es trägt eine blaue Latzhose, weiße Söckchen und kleine Turnschuhe. Die braunen Haare sind zu zwei Zöpfen geflochten. Die Anzeige auf dem Bildschirm zeigt 11.59 Uhr.« Wieder musste sich der Sprecher räuspern. Die Sekunden auf der Leinwand zählten unbarmherzig weiter, als der Beamte erneut ansetzte: »Um 12.00 Uhr dreht das Mädchen den Kopf ein wenig. Die Kamera erfasst den Blick des Kindes. Es reißt die Augen weit auf und öffnet den Mund. Dann streckt es einen Arm aus und deutet mit dem Finger in Richtung Gepäckbänder. So, als hätte es etwas entdeckt. Neben dem Mädchen steht die Mutter. Um 12.01 Uhr sieht man weiße Blitze, die Explosion.«
Die nächsten zehn Minuten vergingen für alle Anwesenden endlos langsam. Der Bildschirm blieb weiß, nur die Uhr zählte weiter. Dann konnte man wieder etwas erkennen. Den Ermittlern bot sich ein Bild der Zerstörung: Chaos, Feuer, leblose Körper und einzelne blutige Gliedmaße. Mittendrin stand das kleine Mädchen. Den Arm immer noch ausgestreckt. Es war, als hielte es etwas in seiner Hand, etwas, das tropfte. Einer der geflochtenen Zöpfe hatte sich gelöst. Das Mädchen klammerte sich mit dem anderen Arm ängstlich an das Bein seiner Mutter. Man konnte den weißen Damenpumps erkennen, die leicht gebräunte Haut; um das Knie legte sich der Rocksaum mit hübschem Blumenmotiv. Das Mädchen drückte sich ganz fest daran. Eine Beamtin konnte ein lautes Schluchzen nicht unterdrücken. Die Mutter hatte die Explosion nicht überlebt. Ihr Körper war zerfetzt worden. Alles, was von ihr geblieben war, war dieses eine Körperteil. Das Bein, das das Mädchen nun mit all seiner Kraft umschlang.

"Operation Castus" im Kindle-Shop

Mehr über und von Ilona Bulazel auf ihrer Website.

10. April 2014

"Im Schatten der Roten Mühle" von George Tenner

Mit der Falschen angelegt – die Geschichte der fürchterlichen Rache!

Die deutsche Unternehmerin Theres Wildings wird von der ‘Ndrangheta erpresst. Als sie sich weigert, schickt man ihr den Kopf ihres Hundes. Da sie trotzdem hart bleibt, wird Ihre wertvolle Stute Acola entführt, ein Karton mit einem Pferdeherz erreicht sie in ihrem Büro. Ein weiterer „Gruß“ des Paten der ‘Ndrangheta, Don Michele.

Theres Wilding ist die erste Frau im Leben des Paten, die sich seinem Wunsch widersetzt. Siegessicher fährt Don Michele zum Urlaub in sein Haus auf Kunfunadhoo Island. Doch dort ereilt ihn grausame Rache, in einer Art, die er niemals für möglich gehalten hätte.

Gleich lesen: Im Schatten der Roten Mühle



Leseprobe:
Der Tod kam überraschend. Er erreichte den achtundfünfzigjährigen Michele Antonioli in dem Augenblick, als er ein Glas gekühlter Oragenlimonade zum Mund führte. Er fühlte das Aufklatschen der Kugel an seiner Brust, das er so nur bei der Großwildjagd in Afrika erfahren hatte, konnte aber den Knall des Schusses nicht mehr wahrnehmen. Auch den zweiten Schuss, der ihn punktgenau zwischen die Augen traf, vernahm er nicht mehr.
Dafür hörte die Schüsse der Mann, der für die Sicherheit Antoniolis verantwortlich war. Mario Martelloni war gerade dabei, auf Geheiß seines Arbeitgebers den Rücken der gerade achtzehnjährigen Luciana Pellicano mit Sonnenschützöl einzureiben. Er dachte daran, wie sich Don Michele mit dieser Perle vergnügt hatte. Allein die Vorstellung und der Vergleich mit seiner eigenen Person, dessen Waschbrettbauch bei den Damen sehr beliebt war, ließen seine Fantasien ins Unermessliche steigen. Zugegeben für Martelloni war der Dienst an einer jungen Schönheit eine wesentlich interessantere Aufgabe, als die beständige Suche der Umgebung nach Gefahren. Auch, wenn das durch eine Sonnenbrille für andere Gäste nicht so aussah – es war eine zwar gut bezahlte, aber auch anstrengende Tätigkeit und wenn man glaubte, nur ein kleines bisschen Zeit für etwas anderes einsetzen zu müssen, geschah das hier. Eine solche Schweinerei passierte immer nur wegen Unachtsamkeit.
Martelloni wusste das. Und von dieser Minute an begann die Furcht vor der Vergeltung der zuständigen Cosche. Denn ihn, und allein ihn, Martelloni, würde man zur Rechenschaft ziehen. Er empfand das als ungerecht, denn er hatte nur den Befehl seines Dons befolgt, als er zum Sonnenschutzöl griff.
Kreischend waren die wenigen Menschen, die um den Pool versammelt waren, auseinandergestoben. Es waren vier. Lucio, der alte Butler des Dons, der gerade die Orangenlimonade serviert hatte, Prospera, die Köchin, die den Don auch in Plati bekochte und auf deren Kochkünste er niemals verzichten würde, die sehr junge Luciana Pellicano, die bei dem Don als ein durchaus angenehmer Zeitvertreib galt, und der Bodyguard Mario Martelloni.
Sich mit einem großen Sprung hinter einer großen Amphore in Deckung bringend, hatte Mario Martelloni die Grenzen des Grundstücks anvisiert. Aber diese Grenzen waren fließend. Mitten im tropischen Blätterwald stand nicht nur die Villa des Dons, angrenzend – und durch das dichte Grün unsichtbar – auch die zauberhaften Villen des Hotels Soneva Fushi. Sie befanden sich in einem tropischen Inselparadies vom Feinsten. Es kann als das Schönste bezeichnet werden, das die Malediven zu bieten haben. Außerdem ist das Soneva Fushi eines der wenigen Hotels auf den Inselgruppen, das über einen eigenen Weinkeller verfügt. Das Hauptrestaurant – gebaut in teils offener Bauweise mit Sandboden ist für Frühstück, Mittag- und Abendessen geöffnet und bietet zu allen Jahreszeiten internationale sowie asiatische Gerichte an. Speisen Sie à la Carte und genießen Sie an speziellen Tagen die köstlichen Buffets, heißt es in der hoteleigenen Werbung. Da das auf der Insel selbst angebauten Gemüse, Kräuter, verschiedenste Salate und Obst frischer nicht zu bekommen sind, hatte Michele Antonioli speziell das und die gute Küche geschätzt. Deshalb war er dort hin und wieder zum Essen Gast, wenn ihm ein wenig nach Unterhaltung zumute war.
Genau aus dieser Richtung kam der Schuss. Nur zu sehen war der Schütze nicht. Das grüne Ungeheuer Tropenwald verbarg ihn erfolgreich vor den Augen Martellonis. ...

Im Kindle-Shop: Im Schatten der Roten Mühle

Mehr über und von George Tenner auf seiner Website.

'Verschwörung der Schmetterlinge' von Thomas de Bur

Ein amüsanter Hamburg-Krimi.

Dies ist die Geschichte von Karl (Charly) Hummel, einem liebenswerten Chaoten, der auf seine ganz eigene Art durch einen unglaublichen Kriminalfall stolpert.

Gleich lesen: > > > Auf dem Kindle










Leseprobe:
Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob meine derzeitige Lage überhaupt dafür geeignet ist, ausgerechnet jetzt über die schnöde Vergangenheit nachzudenken, aber in Ermangelung halbwegs aussichtsreicher Überlebenschancen schwinden mir gerade die Alternativen. Vielleicht ist es auch ein bisschen Melancholie, aber ich habe mich entschieden, meine offensichtliche Ausweglosigkeit zu ignorieren und rede mir lieber ein, dass ich den passenden Schlüssel zum Lösen meiner aktuellen Realitätsverzerrungen in den Wirren längst verdrängter Dummheiten finden kann. Immerhin wirkt das kämpferisch und ist deutlich besser, als aufzugeben, zu jammern oder den Kopf in den Sand zu stecken. Da kram ich lieber in den alten Zeiten und lenke die Aufmerksamkeit meiner zaudernden Gehirnzellen in die schöne Kindheit, in der ich mich ausgiebig an meine phänomenale Anziehungskraft für katastrophale Kausalketten gewöhnen konnte. Im Gegensatz zu dem geordneten Bürger in der kleinen, ober-schlauen Geschichte weiß ich nämlich ganz genau, dass ich meistens selber schuld bin. Nur, und da liegt das eigentliche Problem, dadurch weiß ich noch lange nicht, wann, wo und wie ich welchen ursächlichen Fehler gemacht habe. Bin ich zu dumm? Zu unaufmerksam? Oder einfach nur ignorant? Das will ich jetzt noch klären.
Ich erinnere mich zum Beispiel gut an den Tag, als mein Vater seinen nagelneuen Käfer ertränkte. Er war mächtig stolz auf seinen schicken Wagen und ich vermute, er musste jahrelang sparen, um ihn sich leisten zu können. Jeden Samstag polierte er ihn blitze-blank und sonntags fuhren wir bei schönem Wetter spazieren. Dieser ungeschickte Tag, von dem ich erzählen wollte, war ein Sonntag und wir besuchten meine Großtante Else. Sie gehörte zu der Linie unserer Sippschaft, die gut kochen konnte. Sie fütterte einen dicken Silberpudel.. Der Pudel war der Grund, weswegen wir noch an die Elbe fuhren. Durch ein überaus unglückliches Zusammentreffen von Fresssucht und Spieltrieb bekam das arme Hündchen nämlich einen heftigen Brechanfall. Meine Großtante Else besaß eine große Kiste mit Spielsachen, die für die Beschäftigung kleiner Störenfriede gedacht war. Darin wartete neben einigen leer gelesenen Pappbilderbüchern und einem zerknirschten Teddybären dieser feine Brummkreisel, der regelmäßig meine gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Ich war an dem besagten Sonntag zwar schon sechs Jahre alt, aber dieses faszinierende Schwindeln, wenn man ihm beim Drehen ganz genau mit den Augen folgte, war überaus anziehend. An jenem Tag wollte ich nicht alleine zuschauen und versuchte den Pudel als Gesellschaft zu gewinnen. Ich wusste genau, wie gerne er die Salami aus dem Kühlschrank fraß und deswegen habe ich den Brummkreisel ein bisschen aufgepeppt. An einem kurzen Band befestigte ich ein Stück Wurst und das andere Ende knotete ich in einem Loch an der Seite des Spielzeugs fest. Nach dem Starten des Kreisels drehte die Salami lockend ihre Runden und es war nicht überraschend, der Pudel lief im Kreis hinterher. Ich bin nicht ganz sicher, ob die Wurst, die Rollmöpse oder die Marshmallows vielleicht zu alt waren, denn nach einer Weile torkelte der Pudel brummend von dannen. Nachdem er in die Pantoffeln meiner Großtante die unverdaulichen Speisen abgelegt hatte und die Tante Else hinein schlüpfte, weil sie den apathisch auf dem Boden liegenden Liebling an die frische Luft bringen wollte, ging der Fernseher kaputt. Ich weiß aus eigener Erfahrung wie schwer es ist, nichts umzuwerfen, wenn man vor lauter Schreck einen unbedachten Hüpfer machen muss. Meine Großtante zumindest warf die Stehlampe um und die wiederum traf den Fernseher genau auf den gewissen Punkt, an dem die Bildröhre bei zu viel Gewalteinwirkung zerspringt. Meine Eltern bekamen anscheinend Angst, dass der rote Kopf von Tante Else ansteckend war, denn wir verabschiedeten uns hastig. So kam es, das wir noch an die Elbe fuhren. Ich vermute, mein Vater war etwas unkonzentriert, weil er die ganze Zeit mit mir schimpfte. Dabei hatte ich den Fernseher oder die Lampe nun wirklich nicht kaputt gemacht und dass der Pudel sich über-fraß, war auch nicht meine Schuld. Mein Vater parkte kurz vor dem Wasser, auf der abschüssigen Straße, die zu der kleinen Fähre hinunter führte. Als wir von unserem Spaziergang zurückkamen, war der Käfer nicht mehr da und am Ufer, wo die Fähre immer anlegte, hatte sich eine große Menschentraube gesammelt. Auf beiden Seiten der Elbe war Stau, denn die Fähre konnte nicht mehr übersetzen. Der Käfer versperrte den Weg, er parkte in den braunen Fluten. Es hat Monate gedauert, bis der Wagen wieder trocken war, aber er fuhr noch. Mein Vater war zu Recht stolz auf seinen Käfer, denn wer überlebt es schon, stundenlang im Wasser der Elbe auszuharren. Die Großtante Else besuchten wir eine ganze Weile nicht. Mit den Jahren wurde mein Vater gelassener, nur meine Mutter machte sich immer mal wieder um meine Zukunft Sorgen. Die Befürchtungen waren natürlich völlig unbegründet. Oft wird auch viel zu viel Aufhebens um kleine Missgeschicke gemacht und wenn man ehrlich ist, ein bisschen Salz in der Suppe ist sogar nötig. Dabei fällt mir allerdings ein, dass es nicht übertrieben werden sollte. Ich spreche aus eigener Erfahrung, zu viel Salz kann ziemlich unangenehm sein. Ich war einmal der süße Schleppenträger an einem Vereinigungstag. Weil die heiratswütige Schwester meiner Mutter meine Patentante Gisela war, fiel die Wahl auf mich, als sie einen hauchdünnen Ingenieur fand, den ihre fehlenden Kochkünste nicht störten. Meine Mutter äußerte damals ein paar Bedenken, doch für meine Tante Gisela kam nur ich als Träger der weißen Pracht in Frage. Sie entführten mich zum hiesigen Friseur am Ende der Straße und obwohl ich versuchte, mich gegen diesen albernen Seitenscheitelschnitt zu wehren, beendete der Barbier ohne mit der Wimper zu zucken sein grausames Werk. Ich muss gestehen, dass ich ihm seine Methoden außerordentlich übel nahm, er band mich an dem Folterstuhl doch tatsächlich fest. Ich glaube, ich war der Einzige, der zufrieden lächelte, als ein Lastwagen mit flüssigem Teer in sein Schaufenster kippte und er das Haargeschäft zwangsweise aufgeben musste. Das ereignete sich allerdings erst viele Jahre später. Der dunkle, samtene Anzug für die tragende Rolle bei der Hochzeit fand mein Gefallen, am blütenweißen Hemd wallten jedoch zu viele Rüschen, so dass man überall ein tunkte und die schwarzen Lackschuhe glänzten zu sauber. Das Glänzen kaschierte ich vor meinem Auftritt in den heiligen Hallen, als ich aus Versehen in die glitschigen Hinterlassenschaften der Kirchturmtauben trat und die Schuhe im spärlich wachsenden Gras abwischte. Insgesamt habe ich meine Aufgabe an dem besonderen Tag zu allseitiger Zufriedenheit meistern können. Mir ging das alles nur viel zu schnell. Seit meinen Kindergartentagen gehöre ich eher zu den bedächtigen Gehern. Meine Tante war an dem Tag einfach zu sehr in Eile und rauschte forsch zwischen den Bankreihen Richtung Altar. Obwohl ich wegen der ungewohnten Geschwindigkeit stolperte und der Länge nach auf ihren weichen, weißen Kleiderteppich stürzte, ließ sie sich von der Heirat nicht abhalten, sondern zog mich, auf der Schleppe liegend, bis zum erstaunt gaffenden Pastor unter die Kanzel. Außer diesem kleinen Zwischenfall lief trotzdem alles glatt und ihr Auserwählter stimmte allen heiklen Fragen bedenkenlos zu. Gefeiert und gegessen wurde im Gasthaus unserer Straße. Leider konnte ich das Fest nur bis zur Hochzeitssuppe verfolgen. Ich ärgerte mich ein bisschen über den Silberpudel. Er hatte die schlechte Angewohnheit, wenn es etwas zu essen gab, grundsätzlich bei mir unter dem Tisch zu sitzen. In der aufgetischten Suppe schwammen drei dieser leckeren Mettbällchen um den Eierstich herum. Als das erste Bällchen vom Löffel kullerte, war der silberne Vielfraß natürlich schneller als ich. Um es ihm für die Zukunft zu verleiden, wollte ich das Zweite vorsichtshalber etwas würzen und griff zu Pfeffer und Salz. Beim Salzstreuer saß der Deckel leider nicht fest und bevor ich richtig reagieren konnte, hatte ich einen großen Haufen Salz in der Suppe. Ich rettete das unverdorbene Mettbällchen mit den Fingern in meinen Mund, auf dem Anderen häufte sich blöderweise das Salz zu einem weißen, körnigen Berg. Weil ich an dem Kindertisch saß, war das Gelächter natürlich groß. Ich stand entrüstet auf und wollte meine Mutter um ihre Hilfe bei der Rettung des versalzenen Fleischstückes bitten, doch kein geringerer als der Silberpudel machte mir einen Strich durch die Rechnung, denn er sprang an meinem Bein hoch und brachte mich zu Fall. Der Teller zerbrach natürlich und das salzige Bällchen kullerte über den Fußboden, bis es von einer gierigen Hundezunge aufgeschleckt wurde. Erfreulicherweise bekam ich sofort einen zweiten Teller, voll mit Suppe und drei frischen Mettstückchen, so dass ich wegen der unerwartet wohlwollenden Entwicklung in mich hineingrinsen musste. Um nicht den gleichen Fehler zweimal zu begehen, griff ich mir einen anderen Salzstreuer. Es hätte mich stutzig machen müssen, dass alle Kinder, still und gebannt, auf ihre Teller starrten. Das schallende Gelächter, als mir erneut ein riesiger Haufen Salz in die Suppe schwappte, rief logischerweise meinen gekränkten Stolz hervor. Ich fischte den Deckel des Salzstreuers zwischen dem Eierstich heraus und aß, ohne eine Miene zu verziehen, den ganzen Teller ratzekahl leer. Danach habe ich in meinem ganzen Leben nie wieder eine Hochzeitssuppe angerührt. Eine halbe Stunde nach dem Essen holte mich ein Krankenwagen mit Blaulicht ab und ich lernte die Intensivstation des Krankenhauses Hamburg – Barmbek das erste Mal von innen kennen.

Im Kindle-Shop: "Verschwörung der Schmetterlinge"

Mehr über und von Thomas de Bur auf seiner Website.

9. April 2014

Bloggen für Indies

Am letzten Wochenende hat der Klickzähler des eBook-Sonars den sechsstelligen Bereich erklommen. Das ist ein beachtlicher Meilenstein, von dem ich beim Start des Blogs nicht zu träumen gewagt hätte. Doch keine Sorge, ich werde euch mit statistischen Daten verschonen. Wer wissen möchte, wie viele Autoren mit wie vielen Büchern inzwischen im eBook-Sonar vertreten sind, der mag auf die Seite gehen und sich umschauen. Den Link dorthin gibt es aber erst am Schluss, ihr sollt ja zuvor diese Zeilen lesen. Ich will die Gelegenheit nutzen, ein paar Gedanken über das Projekt zu äußern und euch einen Blick hinter die Kulissen zu geben.

Der Beitrag ist etwas länger geraden, deshalb bitte ich ausnahmsweise darum, ihn auf meiner Website zu lesen. Hier entlang bitte:
www.lutz-schafstaedt.de | Bloggen für Indies