27. November 2014

"Hallo ROSI!: Dorfgeschichten mit Herz und Humor" von Heidi Hensges (Hrsg.)

Die Autorinnen Heidi Hensges, Beatrix Hötger-Schiffers, Renate Janssen und Eike Wuscher der Schreibgruppe "Texterados" haben gemeinsam dieses eBook mit Kurzgeschichten veröffentlicht.

Rosi Pütz ist 52, wohnt in einem nordrhein-westfälischen Dorf und arbeitet im Kiosk mitten auf der Hauptstraße. Ständig will irgendwer Hilfe von ihr, der tollpatschige Ex-Mann Freddy nervt genauso wie die Wechseljahres-Beschwerden, und dann tauchen auch noch Außerirdische auf. Zum Glück muss Rosi die Turbulenzen des Landlebens nicht alleine ertragen. Ihr jüngerer Freund und Physiotherapeut Frank und Pudeldame Püppi sind immer dabei.

Die Autorinnen Heidi Hensges, Beatrix Hötger-Schiffers, Renate Janssen und Eike Wuscher lernten sich in einem Krimikursus kennen. Alle vier haben bereits einige Kurzgeschichten veröffentlicht und gründeten 2011 die Schreibgruppe „Die Texterados“. 15 lustige, schräge und herzerwärmende Geschichten, nicht nur für Frauen um die 50.

Gleich lesen: Hallo ROSI!: Dorfgeschichten mit Herz und Humor

Leseprobe:
Roswitha Pütz war extra um sechs Uhr aufgestanden und mit der Bahn zum Last-Minute-Shopping nach Düsseldorf gefahren. In den letzten, verkaufsoffenen Stunden des Heiligabends wollte sie die Zeit nicht mit der Suche nach einem Parkplatz verplempern. Und Düsseldorf musste sein, denn für den besonderen Anlass wollte sie nur das Beste haben. Die 217,80 Euro taten allerdings schon ein wenig weh. Andererseits – wann hatte sie sich das letzte Mal so etwas Schönes gegönnt? Verstohlen lugte sie in die kleinen, schicken Papiertüten. So wenig Stoff für so viel Geld … Rosi musste lächeln. „Wenn meine Kinder das wüssten“, dachte sie in sich hinein. „Und Freddy erst!“ Aus dem Lächeln wurde ein Glucksen. Das ihr gegenüber sitzende Mädchen mit den struppigen grünen Haaren und der kaputten Hose warf ihr einen bösen Blick zu. Rosis Glucksen steigerte sich zu einem hemmungslosen, lauten Gelächter. Zwei Minuten später lachte der ganze Großraumwagen und niemand wusste, warum.

Alfred „Fred“ – für die besten Freunde und die Familie auch „Freddy“ – Pütz stand miesepetrig in der Miniküche seiner Mietswohnung in Heinsberg-Oberbruch und briet Spiegeleier. So hatte er sich sein Heiligabend nicht vorgestellt. Schöne Geschenke hatte er besorgt. Besonders stolz war er auf den einen Meter großen Plüschfrosch für sein Enkelkind Marie. Rosi, mit der ihn zwei Jahre nach der Scheidung eine Art geschwisterlicher Freundschaft verband, sollte ein Fläschchen ihres Lieblingsparfums „Tosca“ bekommen. Und nun? Seine Tochter feierte mit Mann und Kind bei den Schwiegereltern, sein Sohn mit Freundin in der Karibik und Rosi hatte irgendwas von „mit Ute einen gemütlichen DVD-Abend machen“ erzählt. Die Dame, die sich vor vier Wochen auf seine letzte Kontaktanzeige gemeldet hatte, suchte nur ein Abenteuer. „Fred Pütz ist kein Mann für eine Nacht!“, war seine empörte Antwort darauf gewesen. Und trotzdem hatte er vor einer Stunde noch mal bei ihr angerufen. Zu dumm, dass ein Mann ans Telefon ging.
Am nächsten Tag würde sich die ganze Familie, bis auf den elitären Sohn natürlich, beim Griechen treffen. Aber niemand wollte mit ihm Heiligabend verbringen. Er war ein einsamer, geschiedener, abgeschobener, in die Ecke gestellter und nicht mehr abgeholter, trauriger Mann. Eine kleine Träne lief ihm die Wange herunter und tropfte mitten auf ein Spiegelei.

Bevor Rosi in Geilenkirchen-Lindern aus dem Zug stieg, ließ sie fix noch die „Luxus Lingerie London“-Tüten in der „Kaiser‘s“-Tüte neben Schinken, Käse und Lachs verschwinden. Inzwischen war es vierzehn Uhr. Sie hatte noch fünf Stunden Zeit. Fröhlich stieg sie in ihren kleinen, gelben Fiat und betrachtete sich kurz im Spiegel. „Na, Frau Pütz, schon aufgeregt?“, fragte sie ihr Konterfei und grinste.
Frank Moser. Was für ein Mann. Und so schön! Und so jung! Endlich, endlich war wieder Erotik in ihrem Leben. Es kribbelte und krabbelte und kitzelte im ganzen Bauch, im ganzen Busen, sogar in den Ohren! Rosi fühlte sich trotz ihrer zweiundfünfzig Jahre wie allerhöchstens vierzig, seit Frank Moser sie das erste Mal zum Essen eingeladen hatte. Und das nicht etwa in irgendein Restaurant – nein, bei sich zu Hause! Er hatte selbst gekocht! Pasta mit Meeresfrüchten und flambiertes Eis! Freddy konnte höchstens unfallfrei eine Dose Suppe öffnen und heißmachen, ohne dass man hinterher den Topf wegwerfen musste. „Was er heute Abend wohl macht?“ Rosi verscheuchte den Gedanken ganz schnell wieder, startete den Motor, schaltete das Radio an und düste beschwingt und „Last Christmas“ singend nach Hause gen Kirchrath.

„Reiß‘ dich gefälligst zusammen! Du bist ein Kerl und kein verdammtes Mädchen!“, beschimpfte Fred Pütz sein Spiegelbild. „Du rufst jetzt deine Kumpels an!“ Wenn Frauen sich einen gemütlichen DVD-Abend machen konnten, konnten Männer sich einen derben Männerabend machen, jawoll! Jupp und Manni waren dafür genau die Richtigen – auch so verlassene Gestalten und immer Bier und Korn im Haus. Um siebzehn Uhr hatte er nicht nur mit Jupp und Manni, sondern auch mit Tommy, Hotte, Mattes, Totte, Jürgen, Joschi, Schorschi, Pitt, Rolle und Ralle telefoniert. Kalle war ja schon vor Urzeiten nach Hamburg ausgewandert. Es war zum Hasenmelken! Wer noch nicht wieder mit der Exfrau oder schon wieder mit einer Neuen zusammen war, war entweder sturzbetrunken, auf dem Weg in den Urlaub oder in den Puff. Hotte war vor zwei Jahren sogar schon mal tot gewesen, erfuhr er bei der Gelegenheit.
Trübsinnig guckte Fred zum Fenster hinaus. Es schneite wie bekloppt, im Wohnblock gegenüber leuchteten die Weihnachtsbäume und Lichterketten, und er saß hier gemeinsam mit einem Riesenfrosch. Im Fernsehen lief nur Mist: „Das Winterfest der Volksmusik“ vom Jahr zuvor, „Rocky 1“, „Stirb langsam 2“, „Sturm der Liebe, Teil 974“. „Und nun?“, fragte er in Richtung Frosch. Doch der wusste auch keine Antwort.

Im Kindle-Shop: Hallo ROSI!: Dorfgeschichten mit Herz und Humor

Mehr über die Schreibguppe Texterados auf ihrer Website.

26. November 2014

"Souverän und sicher bei Akquise und Verkauf" von Christine Naber-Blaess

Wie gewinne ich neue Kunden und überzeuge sie von meinen Leistungen? Wie trete ich im Verkaufsgespräch souverän und professionell auf? Wie kann ich Preisverhandlungen erfolgreich abschließen? Diese Fragen stellen sich fast alle Existenzgründer, Solo-Selbständigen und Freiberufler, und oft genug ist der Gedanke an Verkaufsgespräche und Preisverhandlungen mit einem unguten Gefühl verbunden, denn den Wert seiner Arbeit selbstbewusst anzupreisen und offensiv die eigene Leistung zu bewerben ist für so manchen weit schwieriger als seine eigentliche Tätigkeit. Das Übungsbuch wendet sich an alle, die sich auf Akquise- und Verkaufsgespräche effektiv vorbereiten und diese in Zukunft erfolgreich meistern wollen, ohne dabei an Authentizität einzubüßen.

Dabei richtet sich der Blick nicht nur auf das konkrete Verhalten im Gespräch, sondern insbesondere auch auf die innere Haltung dazu – denn Gefühle wie Angst oder Lampenfieber verschwinden nicht einfach so, man kann jedoch sehr wohl lernen, gelassen und konstruktiv mit ihnen umzugehen. Christine Naber-Blaess beleuchtet in ihrem Buch die verborgenen Gedanken und Einstellungen, die ein Gespräch prägen und macht Mut, diese positiv zu nutzen. Sie lenkt den Blick jedoch ebenso auf den Gesprächspartner und erklärt, wie man mit unterschiedlichen Kommunikationsstilen umgeht.

Das Buch ist für eine praxisbezogene Verwendung gedacht und lädt dazu ein, es anhand einer eigenen, konkreten Gesprächssituation durchzuarbeiten. Dazu gibt es zahlreiche Übungen sowie ausreichend Raum für die eigenen Notizen.

Gleich lesen: Souverän und sicher bei Akquise und Verkauf: Ein Trainingsbuch für Solo-Selbständige und Existenzgründer

Leseprobe:
Selbständigkeit! Ein Traum für viele Menschen. Sei es, endlich sein eigener Chef zu sein oder endlich einen Sinn in seiner Tätigkeit zu finden. Sich selbst verwirklichen, voll und ganz hinter seinen Leistungen und Fähigkeiten stehen, die eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen für andere Menschen nutzbringend einsetzen, das ist es, was viele Männer und Frauen sich von ihrer Selbständigkeit erträumen.
Es gibt viele Gründe, warum Sie und ich uns selbständig gemacht haben oder warum Sie diesen spannenden Lebens- und Berufs-Weg jetzt beginnen möchten.
Ich habe seit dem Beginn meiner Selbständigkeit 2005 mit vielen anderen selbständigen UnternehmerInnen und Freiberuflern über ihre Träume, ihre Ziele und Wünsche gesprochen. (Fast) alle waren hochmotiviert und in ihrem Fachgebiet auch absolut versiert.
Was viele dieser Frauen und auch Männer gemeinsam hatten, das war die Ablehnung der (Kalt-)Akquisition, dem gefühlten Anbiedern ihrer Leistung, den nervenaufreibenden Preisverhandlungen, den Gesprächen mit abwertenden Kunden, die nach dem Motto „Geiz ist geil“ alles geschenkt haben wollten und nicht einsahen, Geld für eine (Dienst-)Leistung auszugeben. Die engagierten Selbständigen berichteten mir von zermürbenden Gesprächen, in denen sie sich nicht wertgeschätzt fühlten und in denen ihre Qualifikation missachtet wurde. Sie hatten Angst vor kritischen Kundengesprächen, in denen sie das Gefühl hatten, sich für ihren Preis und ihre Leistung verteidigen zu müssen.
Solche Gespräche können einem Selbständigen ganz schön die Selbständigkeit vermiesen. Ich kenne einige Selbständige, die sich wieder eine Angestelltentätigkeit gesucht haben, um der Kunden-gewinnung zu entgehen.
Andere quälen sich weiter mit Akquise- und Verkaufsgesprächen und betonen:
„Alles wäre in Ordnung, wenn ich nur meine eigentliche Arbeit zu machen bräuchte!“

Dieses Buch habe ich geschrieben, um Sie bei Ihren Kundengesprächen und Verkaufsverhandlungen zu unterstützen. Ja, klar will ich damit auch Geld verdienen. ;-) Aber genauso wie Sie wahrscheinlich Ihre Selbständigkeit lieben und es lieben, das zu tun, was Sie für sinnvoll empfinden, genauso so liebe ich es, mein Geld zu verdienen, indem ich Sie unterstütze, souveräner und erfolgreicher bei Ihren Gesprächen zu werden.

Im Kindle-Shop: Souverän und sicher bei Akquise und Verkauf: Ein Trainingsbuch für Solo-Selbständige und Existenzgründer

Mehr über und von Christine Naber-Blaess auf ihrer Website zum Buch.

25. November 2014

"Nur zehn Tage" von M.P. Anderfeldt

Es sollte der Höhepunkt ihrer Kollegstufenfahrt auf die Kanarischen Inseln werden – ein Flug zu einer neu entstanden Vulkaninsel. Doch das Flugzeug stürzt über dem Meer ab und nur einige Mädchen schaffen es, sich auf eine unbewohnte Insel zu retten. Sie rechnen damit, dass sie bald gefunden werden, doch die Hilfe lässt auf sich warten.

Es beginnt ein Kampf ums Überleben - gegen die Natur und gegeneinander …

Gleich lesen: Nur zehn Tage: Thriller






Leseprobe:
Kein Film, stellte Midori fest. Sie hatte eigentlich damit gerechnet, dass ihr ganzes Leben noch einmal vor ihrem inneren Auge ablaufen würde, aber das war wohl auch eine leere Versprechung gewesen. War ja klar.
Nina neben ihr schrie irgendetwas und klammerte sich an ihrem Arm fest. Angesichts der Umstände konnte man es ihr wohl nicht übel nehmen, dass sie ihre langen Fingernägel in Midoris Unterarm krallte, und so verzichtete sie auf einen diesbezüglichen Hinweis. Ohnehin hatte sie keine Lust, etwas zu sagen und sah lieber nach draußen. Völlig schwarz lag das Meer unter ihnen.
Ich bin ein Sturmtaucher, der ins Meer stürzt. Kopfüber tauche ich in die Fluten. Wird es kalt sein?
Natürlich. Das Meer ist immer kalt, außer an den winzig schmalen Rändern, wo die Menschen zu Tausenden in der Sonne liegen und ein paar Meter in das fremde Element eindringen. Dumm herumplanschen und sich dann am Strand ihren Hautkrebs heranzüchten.
Es wird kalt sein und dunkel und still. Hallo, Meer. Sie zitterte.

Es rumpelte und die Insassen schrien auf, als die Maschine durchsackte. Midori spürte den Höhenverlust unangenehm in der Blase. Wie in der Achterbahn, dachte sie. Ich hasse Achterbahnfahren.
Trotz – oder gerade wegen? – des Geschreis hörte sie, wie irgendjemand etwas Monotones murmelte. Ein Gebet? Wer ist hier denn religiös? Gerne hätte sie sich umgedreht, um nachzusehen, aber die Maschine wackelte derart, dass sie aufpassen musste, dass ihr Kopf nicht ständig gegen die Scheibe knallte. Oder gegen die hysterisch schreiende Nina.
Jetzt ein Foto, dachte sie. Am liebsten wäre sie aufgestanden, hätte ihr iPhone der vorletzten Generation gezückt und alle fotografiert. Zu sehen, wie sie in einer solchen Situation reagieren, das muss doch total interessant sein. Mit so einem Foto könnte man vielleicht einen Preis gewinnen.
Naja. Eigentlich sollte ich jetzt wohl an meine Eltern denken, überlegte sie stirnrunzelnd. Na dann, macht’s mal gut. Eure Midori.
PS: Danke für dein altes iPhone, Papa.

Der Aufprall war so hart, dass ihr Kopf nach vorne gerissen wurde und der Gurt schmerzhaft in ihr Becken einschnitt. Sie klappte zusammen wie ein Taschenmesser, ihr Gesicht krachte mit Wucht auf die Lehne des Sitzes vor ihr, während gleichzeitig ihre Füße mit Gewalt nach vorne gezogen wurden. Man hörte Plastik mit lautem Knallen splittern und das Stöhnen und Kreischen von geschundenem Metall. Es regnete Kunststoffsplitter und unzählige kleine Gegenstände flogen durch die Kabine nach vorn und prasselten gegen die Cockpitwand. Einen kurzen Moment war es dann ruhig. Sie waren beinahe zum Stillstand gekommen und schaukelten auf dem Wasser. Jemand stöhnte.
Ein wenig enttäuscht fragte sich Midori, ob das schon alles gewesen war. Oder hoffte sie es? Sie erinnerte sich an unzählige Broschüren mit Sicherheitshinweisen auf unzähligen Flügen. Unter der Überschrift »Notwasserung« sah man ein Flugzeug auf dem Wasser liegen, aus dem eine gelbe Rutsche ragte. Man musste dann Schuhe mit Absätzen ausziehen und durfte die Schwimmweste erst nach Verlassen des Flugzeugs aufblasen. Als sie noch klein war, hatte Midori sich immer gewünscht, dass es zu einer Notwasserung käme und sie die lange Rutsche benutzen durfte.
Naja, eine Rutsche gab es hier sowieso nicht. Und dass Flugzeuge auf dem Wasser schwimmen können wie auf der Zeichnung, hatte sie schon länger bezweifelt.
Etwas knirschte, der Boden neigte sich nach vorne und es ging weiter. Sie sanken. Nein, sie tauchten hinab, sie schossen in die Tiefe. Midori fühlte sich benommen. Der Schlag gegen den Vordersitz hatte sie mitgenommen.
Als sie eiskaltes Wasser an ihren Füßen spürte, kam sie wieder zur Besinnung. Automatisch löste sie ihren Gurt. Sie sah neben sich. Ninas Oberkörper war nach vorne gebeugt, sie bewegte sich nicht. Die blonden Haare hingen ihr wirr ins Gesicht. Midori hob mit beiden Händen Ninas Kopf hoch und sah sie an. Ihre Augen waren geschlossen. Kein Lebenszeichen. War sie tot oder bewusstlos? Sie konnte nicht tot sein, oder?
Sie fand Ninas Gurtschnalle und zog daran, dann war das Wasser plötzlich überall. Die Strömung zog Midori nach hinten, hob sie aus dem Flugzeug hinaus. Das Heck musste abgebrochen sein. Sie wurde zum Spielball der Strömung, wusste bald nicht, wo oben und unten war.
Dann sah sie, wie der hell erleuchtete Rumpf in die Tiefe schoss. Wann wohl das Licht ausgeht? Wie war das noch in dem Film Titanic? Rund um sie herum war alles voller Luftblasen, dann wurde es schwarz und Midori schwebte in der Finsternis des Meers. Allein in der Stille.

Im Kindle-Shop: Nur zehn Tage: Thriller

Mehr über und von M.P. Anderfeldt auf seiner Website.

12. November 2014

"Marie zwischen den Welten: Die Wächterin Pharea" von Eon Lylac

Nachdem ihre Mutter in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert worden ist, lebt Marie bei der von ihr ungeliebten Tante und deren Familie. Seither hat sich Marie verändert: ihr Haar ist weiß, die Haut fahl und ihre Augen sind schwarz geworden. Es scheint, als wäre jegliche Farbe von ihr abgefallen. Ansonsten verläuft ihr Leben auch nicht besonders gut: sie kämpft mit der rüden Art ihrer Tante, ihre Mitschüler setzen ihr zu und sie träumt regelmäßig von diesem beängstigenden grauen Haus.

Eines Tages taucht ein Mann auf, der ihr weissagt, sie habe eine große Aufgabe vor sich. Marie kann das anfangs nicht glauben, aber dann überschlagen sich die Ereignisse. Mit ihrem neuen Freund Aron, den sie in der Schule kennenlernt, geht Marie bald auf eine abenteuerliche Reise.

Nach und nach erhält Marie Antworten auf einige ihrer Fragen. Jedoch tauchen immer mehr Rätsel auf, die unmittelbar mit ihrer Existenz zu tun haben: gibt es tatsächlich Parallelwelten? Wer sind diese Kinder, die sie finden soll? Und was ist mit ihrer Mutter wirklich geschehen?

Ein All-Age-Fantasy-Roman ab 10 Jahren.

Gleich lesen: Marie zwischen den Welten: Die Wächterin Pharea

Leseprobe:
Wie ein Geist glitt das Mädchen aus dem Nebel, stolperte vorwärts und versuchte sich zu erinnern, wo es war. Es dauerte ein paar Augenblicke, bevor das Mädchen Marie all die schwer greifbaren Fäden ihrer Gedanken zusammengerafft hatte, um sich bewusst zu machen, was sie hier tat. Benommen, aber wieder auf ihr Ziel konzentriert, folgte sie dem Weg.
Wie jeden Morgen ging Marie die Straße entlang, die von ihrem Haus zur Schule führte. Wie sie es hasste, früh aufzustehen. Ihr Herz schlug für die Nacht. Sobald es dunkel wurde, wuchsen ihre Lebensgeister, bis sie wieder ihre volle Größe angenommen hatten. Also immer dann, wenn es in der normalen Welt Zeit war, zu Bett zu gehen. Seltsame befremdliche Welt, dachte sie. Warum läuft in meinem Leben alles verkehrt?
Der feuchtkalte Nebel, der die gesamte Umgebung in ein fahles Grau getaucht hatte, konnte ihre Verwirrung und ihre Lustlosigkeit nicht im Geringsten verbessern. Marie schüttelte den Kopf und öffnete krampfhaft die Augen, um ihre tiefsitzende Müdigkeit zu vertreiben. Es war eisig kalt. Sie zog sich rasch den Kragen über die Nasenspitze und stopfte ihr langes, dunkles Haar noch tiefer unter ihren Mantel. Eine unbestimmte Angst war das Einzige, was ihren Puls schneller schlagen ließ. Dieser Tag verhieß nichts Gutes. Müdigkeit, Kälte und Angst. Eine abscheuliche Kombination, die ihr die Entscheidung nicht gerade leichter machte, welchen jener drei Geister sie zuerst loswerden wollte.
Marie schaute sich um. Diese unbestimmte Angst ließ sich nicht abschütteln. Sie sah die lange Reihe der Häuser entlang. Ihr Blick schweifte über die ganze Umgebung, als sie in der Ferne eine Person erblickte. Vier Häuser weiter erkannte sie eine Gestalt. Marie kniff die Augen zusammen, um genauer zu erkennen wer da auf sie zukam. Mitten auf der Straße ging ein Mann und kam langsam näher. Obwohl er nur leichte, weiße Gewänder trug, schien er nicht zu frieren. Er winkte freudig und lachte über das ganze Gesicht. Eigentlich sah er ganz sympathisch aus, befand Marie. Doch Erwachsenen konnte sie nicht trauen.
Sofort verstärkte sich das seltsam anmutende Gefühl, das sie immer dann überkam, wenn Erwachsene vorgaben, etwas Gutes für sie tun zu wollen. In der Regel artete dieser Versuch in eine große Enttäuschung für sie aus.
Nichts wie weg, dachte sie und beschleunigte ihre Schritte. Wenn ich ihn abhänge, dann brauche ich mich erst gar nicht mit ihm zu beschäftigen.
Marie drehte den Kopf und stellte erleichtert fest, dass dieser eigentümliche Mann enttäuscht aufgab, hinter ihr her zu gehen. Er hatte offenbar wirklich versucht sie einzuholen.
Es ist besser so, dachte Marie. Wieso sollte ein wildfremder Mann versuchen, mit mir auf offener Straße zu sprechen? Erleichtert wendete sie sich wieder ihrem tatsächlichen Ziel zu.
Wie so oft war Marie in Gedanken versunken, als ihr Blick auf das graue Haus direkt vor ihr am Ende der Straße fiel. Ihre Nackenhaare stellten sich auf, und der Anblick ließ die gefühlte Temperatur um ein paar Grade sinken. Dieses graue Ungetüm verlor nicht an Bedrohlichkeit, obwohl Marie beinahe jeden Tag daran vorbei ging. Warum hatte dieses alte, verlassene Gebäude eine solche Macht? Keiner wusste, was es damit auf sich hatte. Viele Bewohner aus der Nachbarschaft konnten so manch schauderhafte Geschichte darüber erzählen.
Am harmlosesten erschienen noch die Erzählungen von Verstorbenen, die sich von der Angst der Menschen nährten und jeden aussaugten, der dem Haus zu nahm kam.
Jedes Mal, wenn sie an diesem grauen Haus vorbei ging, hatte sie jedoch das unbestimmte Gefühl, sie müsse hineingehen. Als ob das Haus sie rufen würde.
In Gedanken versunken stand Marie nun direkt vor dem verfallenen Bauwerk. Ihr Blick wanderte über die unebene Fassade, die trüben Fenster und die verwitterten Fensterbretter. Eine Veranda erstreckte sich über den größten Teil der Front. Der Anblick wirkte beinahe einladend, wären nicht die dunklen Schatten und morschen Balken gewesen, die sich zu bewegen schienen. An den vergilbten Holzbrettern, die die gesamte Fassade überzogen, klebten vertrocknete Ranken einer Pflanze, die früher einmal versucht hatte, diesem Haus etwas Leben einzuhauchen. Marie beobachtete das graue Gebilde, das eine Seele zu besitzen schien. Ihr schauderte ein wenig und sie war gerade im Begriff ihren Weg fortzusetzen, als sie der Drang, dieses Haus von innen zu erkunden, neuerlich überkam. Obwohl es unheimlich war, hatte Marie Zeit ihres Lebens immer mehr Furcht vor Menschen verspürt als vor Geistern und Schauergeschichten. Sie beschloss, jeder Vernunft abzuschwören. Eine aufkommende Neugierde verdrängte ihre anfängliche Angst nahezu gänzlich.
Langsam hob sie einen Fuß und setzte ihn behutsam auf die erste Stufe des Treppenaufgangs. Voller Aufregung blickte sie zur Haustüre hinauf, die sie lautlos, aber nachdrücklich ins Innere des Hauses einlud.
Alles an diesem Haus war grau. Marie stellte sich vor, wie es mit etwas Farbe aussehen würde. Mit jeder Stufe stieg ihre Zuversicht und verwandelte sich zunehmend in erregte Begeisterung.
Wenige Schritte von der Haustüre entfernt hielt sie inne, um sich umzusehen. Neben der Türe sah sie ein Schild, auf dem in schwarzen Lettern etwas geschrieben stand. Neugierig, wem dieses Haus gehören könnte, kniff sie die Augen zusammen, um die Schrift besser lesen zu können. Langsam schienen sich die Buchstaben zu verändern und mit einem Mal konnte sie die Schrift ganz deutlich lesen.
»ZONYAHAMAR - Herrschaftshaus der Zonjasy«, stand da geschrieben. Vibrierend hallten diese Worte in ihrem ganzen Körper nach. ZONYA-HA-MAAAR. Marie zuckte zusammen. Schleichend wurde ihr bewusst, dass sie sich davor gefürchtet hatte, dieses Haus zu betreten. Ihre Angst loderte erneut auf. Eine geheimnisvolle Macht griff nach ihrem Herzen und presste es langsam, beinahe genüsslich, zusammen. Marie stockte der Atem. Tränen flossen über ihre Wangen. Sie empfand eine mächtige Welle des Schmerzes und der Trauer. Dunkle Gesichter und Gestalten tauchten vor ihrem inneren Auge auf. Dieser Schmerz stammte nicht von ihr. Eine unbestimmte Kraft hielt sie zurück, als sie flüchten wollte. Plötzlich strich ihr etwas über den Rücken. Eine leichte Bewegung, die ihr die Nackenhaare erneut aufstellte. Hastig blinzelte sie die Tränen fort und sah sich um.
Sofort setzte sie sich in Bewegung, direkt auf die Haustüre zu, die sie instinktiv anzog, um dort in Deckung zu gehen. Ihre ersten Schritte waren etwas unbeholfen, als wäre sie stundenlang bewegungslos dagestanden. Mit aller Macht zwang sie sich vorwärts, um dieser beklemmenden Situation zu entkommen. Bleischwer fühlten sich ihre Beine an, zogen sie hinab, als wollten sie ihr Vorankommen verhindern.
Schließlich stand Marie vor der Haustüre. Sie klopfte zaghaft. Abermals verstärkte sich der Druck dieser kalten Klauen in ihrer Brust. Nach Luft ringend hämmerte sie panisch an das morsche Holz. Stockend und knarrend öffnete sich die Tür. Marie blickte sehnsüchtig auf diesen dunklen Spalt in der Hoffnung, er möge sich vergrößern und dem Ganzen ein Ende setzen.
Kaum hörbar vernahm sie ein leises Klingeln. Sie blickte sich hastig um. Wo kam es her? Allmählich wurde das Klingeln lauter und plötzlich saß sie schweißgebadet in ihrem Bett. Sie benötigte ein paar Augenblicke, um zu sich zu kommen.
Verdammt, schon wieder dieser schreckliche Traum! Doch so weit wie diesmal war sie noch in keinem Traum an das Haus herangekommen.

Im Kindle-Shop: Marie zwischen den Welten: Die Wächterin Pharea

Mehr über und von Eon Lylac auf ihrer Website.

11. November 2014

"30 Unzen Gold" von Bea Milana

30 UNZEN GOLD ist eine mörderische Erzählung über die Verkäuferin Jolanta. Sie rettet ihrem Mann das Leben, doch dann entdeckt sie mehr als nur ein dunkles Geheimnis.

"Entschuldigen Sie sich nicht zu spät, es kann sie das Leben kosten."

Gleich lesen: > > > Auf dem Kindle










Leseprobe:
Es war das fehlende Geräusch, das Jolanda am frühen Morgen weckte. Ihre Nerven hatten sich während des Schlafes vollkommen auf die Tür konzentriert. Wie ein Tier mit gespitzten Ohren. Sie hatten gehorcht, ob das feine Geklimper von Metall, das die beiden Umdrehungen des Schlüssels verursachten, dieses Ich-bin-da-Geräusch erklingen würde.
Helles Licht drängte bereits durch die Ritzen des Rollos. Verschwommene Zeiger deuteten eine Uhrzeit an. Er müsste längst da sein.
Entfernt bellte ein Hund. Noch weiter entfernt antwortete ein zweiter. Sie setzte die Brille auf. Schon nach sieben. Sie raufte sich die Haare, die sie am Abend vorher gewaschen hatte, damit sie gut rochen, und zog sich das Kissen über den Kopf. Später schreckte sie hoch. Sie musste noch einmal eingedöst sein, die Tür war bereits geöffnet und er eingetreten. Sie spürte es an dem kühlen Luftzug, der zu ihr nach oben zog. Die gleichen Rituale: das Poltern der Kofferrollen auf dem unebenen, steinernen Boden; der Wurf des Schlüssels in das Körbchen auf der Ablage, doch dieses Mal flog er daneben und landete mit einem metallischen Klirren auf dem Granit der Küchenplatte; das Klacken der Schuhe, mit einem Griff ausgezogen und in die Ecke geschmissen; das Schließen der Tür, ein zweifacher heftiger Ruck, begleitet von einem leisen Fluchen. Seit seiner Abreise war sie verzogen und schloss nur noch mit Mühe.
Nicht lange danach die schweren Schritte, die die Treppe emporstiegen. Sein Atem, seine Lust. Sie wusste alles vorher. Nach achtzehn Jahren weiß man das. Man kennt die immer wiederkehrenden Bewegungen des Mannes an seiner Seite, wie den Wechsel der Jahreszeiten oder den Lauf des Sonnenlichts. Selbst wenn sie blind wäre, würde sie ihn am Rhythmus seiner Bewegungen erkennen. Wenigstens darauf konnte sie sich verlassen.
Mit dem Sex, der selbstverständlich folgen würde, verhielt es sich ein wenig anders. Erstaunlicherweise war er Schwankungen unterworfen, der Dauer der Abwesenheit, der Tageszeit, der Stimmung, des Alkoholeinflusses. Ihr Aussehen war dabei unerheblich. Selbst wenn sie sich eine Mülltüte über den Kopf stülpen würde, würde er sie lieben, oder das tun, was er darunter verstand. Vorerst das raschelnde Geräusch von Stoff, der vom Körper gezogen und fallen gelassen wurde. Auch auf den Holzrahmen des Bettes war Verlass, er knarzte. Vor fünfzehn Jahren, kurz nachdem sie das Bett gekauft hatten, war er gebrochen und von ihm wieder geflickt worden. Seitdem mieden sie heftige Bewegungen. Wer wollte schon mit Karacho auf dem Boden landen?
»Bist du wach?«, fragte er leise.
Sie spürte sein Gewicht auf der Matratze, die sich ein wenig absenkte. Aber es war nicht nur sein physisches Gewicht, sondern die Last, die Anstrengung der Arbeit, die sich an diesem Ort ablud. Bei ihr. Er zog das Kissen von ihren gesträhnten Haaren, die das Grau zu übertrumpfen suchten, und schob ihren Nacken frei. Feiner Haarflaum schmiegte sich an die von der Sonne gebräunten Haut. Seine Lippen streiften vom Haaransatz den Nacken herunter und blieben in ihrer Halsbeuge hängen. Eine empfindliche Stelle, die eine Gänsehaut hervorrief. Noch immer. Erst küsste, dann saugte er die Haut in sich hinein und gab sie mit einem Schmatzer wieder frei.
»Die Fähre hatte Verspätung», sagte er und legte sich nun neben sie. Jolanda blinzelte. Sie wusste, dass er wusste, dass sie nicht mehr schlief. Wahrscheinlich hörte er es an ihrem Atem. Und selbst wenn sie noch schlafen würde, würde er soviel Krach machen, dass sie aufwachen musste. Nun sollte sie für ihn da sein.
»Eine grauenhafte Nacht. Ich habe kaum schlafen können. Der Typ in meiner Kabine schnarchte ununterbrochen.«
Auch das war nichts Neues. Immer, wenn er mit der Fähre von seinen Auslandsgeschäften auf die Insel zurückfuhr, war die Nacht eine unruhige. Entweder die See war aufgewühlt oder die vielen Lkw-Fahrer, die Tag-ein Tag-aus dafür Sorge trugen, dass die Insel mit Waren versorgt wurde. Einige kannte er bereits. Und sie grüßten ihn mittlerweile als einen der ihren.
Sie drehte sich um und schlang die Arme um ihn. »Ich warte schon auf dich. Schon lange«, hauchte sie ihm entgegen. Alles folgte seinem natürlichen Gang. Ihre Bereitschaft ermunterte ihn. Sein Penis wurde steif.
Dieses Mal waren sie besonders lange getrennt gewesen. Sechs Wochen. Nach drei Wochen hatte sie ihn immer noch nicht vermisst, doch bis zum Tag seiner Rückkehr wuchs die Sehnsucht nach seiner Nähe, nach den Gesprächen, nach der Gewissheit füreinander da zu sein.
Sie drehte sich um und rieb ihren Hintern an seinem Geschlecht. Sie drangen ineinander ein und verschmolzen zu einem Körper, ritten zusammen auf einer Wiese, von gelben Blümchen durchtränkt, fegten durch Täler und überflogen Schluchten, schnell, immer schneller – vergessen der gleichförmige Alltagssex, der in den Tagen danach folgen würde –, sie taumelten, stürzten übereinander und zerfetzten sich die Haut, wandten sich, ihre Körper bäumten sich auf – verlassen die Sorgen, die Ängste, der Alltag, die Streitereien –, dieses Mal türmte ungeahnte Lust sich auf und trieb sie stürmend auf den Gipfel zu.

Im Kindle-Shop: 30 Unzen Gold

Mehr über und von Bea Milana auf ihrer Website.

10. November 2014

"Elfen Kurzgeschichten" von Dermot O'Shea

In der Sammlung von Kurzgeschichten wird jeweils ein Abschnitt im Leben fünf völlig unterschiedlicher Menschen beleuchtet, die Kontakt zu Elfen erlangen.
Die Geschichten wurden mit Herz und Gefühl geschrieben und sind uneingeschränkt für Kinder und Erwachsene geeignet.

Gleich lesen: Elfen Kurzgeschichten: für Kinder und Erwachsene










Leseprobe aus "Die Träne":
Peter warf mit aller Kraft die Tür des kleinen Cottages hinter sich ins Schloss und rannte so schnell er konnte den flachen Abhang hinunter, der das Haus seiner Eltern von dem kleinen Bach trennte. Tränen rannen seine mit Sommersprossen übersäten Wangen hinab aber es war ihm egal, trotzig schenkte er ihnen keinerlei Beachtung. Es handelte sich um Tränen der Wut, aus Angst hätte er niemals geweint.
Endlich erreichte der Junge seinen Platz am Lauf des friedlich dahinplätschernden Baches. Der Zehnjährige vergrub das Gesicht in seinen Händen und schluchzte. Warum nur mussten sich Vater und Mutter immer wieder streiten? Die Tränen rannen durch seine Finger und Weinkrämpfe ließen den schmächtigen Körper erzittern. Er weinte so heftig, dass einige Tränen zu Boden fielen. Eine davon traf einen Kiesel, der neben dem großen Stein lag, auf dem Peter sich niedergelassen hatte.
Auf diesen Kiesel, der unmittelbar am Rande des Bachlaufes lag, hatte sich eine Elfe gesetzt und neugierig dem Jungen zugesehen. Wie alle Elfen war sie neugierig und wollte wissen warum er so sehr weinen musste. Die Träne, die den Schmerz und die ganze Verzweiflung des kleinen Jungen in sich trug, traf sie und warf das zarte Wesen in den Bach. Vor Schreck vergaß sie darauf zu achten unsichtbar zu bleiben. Ihr graziler Körper und die filigranen Flügel waren fast ganz von Wasser bedeckt, als sie versuchte sich aus der Strömung zu befreien und das rettende Ufer zu erreichen.
In diesem Moment nahm Peter die Hände vom Gesicht, öffnete die Augen und konnte am Rande seines Sichtfeldes gerade noch erkennen, wie die Elfe vom Wasser mitgerissen wurde. Seine Augen weiteten sich und er beobachtete, wie das Wesen die Sonnenstrahlen in allen Farben zurückwarf. Peter erinnerte sich an die vielen Elfengeschichten, die ihm seine Eltern erzählten, seit er ein kleines Kind war aber er hatte zuvor noch nie eines dieser Wesen gesehen - obwohl er es sich schon immer gewünscht hatte. Abrupt richtete sich der Junge auf, sprang vom Stein hinunter, lief am Bach entlang und hielt seine Hand ins Wasser um die Elfe zu retten.
Die Elfe hingegen versucht sich ihrerseits durch Strampeln aus dem Bach zu befreien, doch die Strömung war zu stark und sie bekam nichts zu fassen um sich herauszuziehen. Vergeblich bemühte sie sich nicht in die flache Hand des Jungen getrieben zu werden. Elfen bekamen schon als Kind von ihren Eltern gesagt, dass sie sich unter keinen Umständen Menschen zeigen dürften, da viele von ihnen böse und gemein seien. Meist rissen sie den Insekten die Flügel aus und waren grausam zu ihnen. Elfen hingegen liebten die Natur und alles was in ihr kreuchte und fleuchte, sie schützen alles Leben und halfen wo sie nur konnten.
Die Angst der kleinen Elfe wurde immer größer, je näher sie der Hand des Jungen kam aber sie hatte keine Möglichkeit der Strömung des Baches zu widerstehen. Als sie schließlich erschöpft und pitschnass auf der für sie riesigen Hand des Jungen lag, kauerte sie sich schutzsuchend zusammen und erwartete jeden Moment ihre zarten Flügel ausgerissen zu bekommen.
Peter war sprachlos und starrte sie aus weit aufgerissenen und vom Weinen aufgequollenen Augen an. Wieder dachte er an die Geschichten über Elfen und Feen. Er hätte es sich nie träumen lassen einmal in seinem Leben solch ein Wesen zu sehen. Ganz langsam hob er die Hand dicht an sein Gesicht um die Elfe besser erkennen zu können. Er bemerkte, wie sie sich noch mehr zusammenkrümmte und es wurde ihm klar, dass es nicht die Kälte des Wassers war, dass sie dazu veranlasste.
»Du brauchst keine Angst zu haben«, flüsterte er ganz leise, »ich würde Dir niemals etwas tun!«

Im Kindle-Shop: Elfen Kurzgeschichten: für Kinder und Erwachsene

Mehr über und von Dermot O'Shea auf ihrer Facebook-Fanpage.

1. November 2014

"2500: Eine Zukunfts-Novelle" von Marc Pain

Wir schreiben das Jahr 2500 und befinden uns auf der Erde. An dem Morgen, an dem diese Geschichte beginnt, steht Pan auf und plötzlich ist nichts mehr so, wie es mal war. Pan besitzt die Macht der freien Gedanken. Eine Macht, die sowohl Fluch als auch Segen ist.

Umgehend versuchen die staatlichen Organe ihn zu fassen und Pan ergreift die Flucht. Mit seinem neuen Bewusstsein eröffnet sich ihm eine hoffnungsvolle und zugleich Furcht einflößende Welt.

Wie wird Pan mit der neu gewonnenen Erkenntnis umgehen? Und wird es ihm gelingen, sein Bewusstsein vor den Fängen des Systems zu schützen?

Gleich lesen: > > > Auf dem Kindle


Leseprobe:
Das Signal ertönte und Pan öffnete seine Augen. In einer flüssigen und zugleich steif wirkenden Bewegung richtete er sich auf. Zeitgleich setzte er mit beiden Füßen auf dem Boden auf und erhob sich vom Bett. Die Arme legte er eng an den Körper und mit strammer Haltung stand er vor seinem Bett. Zwischen dem Ertönen des Signals, dem Aufwachen, dem Wachwerden und dem Aufstehen waren nicht mehr als fünf Sekunden vergangen. Seine Bewegungen wirkten beinahe wie die einer Maschine, die eines Humanoiden aber eben nicht wie die eines Menschen.
Normalerweise wäre Pan ohne zu zögern ins Bad gegangen, um sich in wenigen Schritten für die Arbeit in seinem Sektor fertigzumachen. Viel Zeit ließ er dabei für gewöhnlich nicht verstreichen. Jeder Tag war aufs Genauste durchstrukturiert und bot keinen Raum, um sich Zeit bei etwas lassen zu können. Pan tat das, ausschließlich das, was seiner Aufgabe diente. Immer wenn das Signal ertönte, stand er auf und genau 10 Minuten später verließ er seine Wohnzelle. Zehn Minuten nach dem Erklingen des Signals verließen alle Arbeiter ihre Wohnzellen und machten sich auf den Weg zur Arbeit. Sie taten dies jeden Tag. Woche für Woche, Monat für Monat und Jahr für Jahr und das ihr Leben lang.
Doch nun, zum ersten Mal in seinem Leben, tat Pan etwas Ungewöhnliches, etwas das nicht der Vorschrift entsprach. Pan tat nämlich gar nichts. Er stand vor seinem Bett und wartete. Warum er wartete und worauf er wartete, das wusste er nicht. Bisher fehlte nicht nur die Zeit zum Nachdenken, er konnte schlichtweg an nichts anderes denken, als an das, was für seine Aufgabe von Nöten gewesen wäre. Und dennoch stand er vor seinem Bett und fragte sich: Warum soll ich zur Arbeit gehen?
Schockiert schlug er sich die Hand vor den Mund, in der Hoffnung seine Gedanken damit zum Schweigen zu bringen. Er hatte noch nie etwas hinterfragt. Absolut niemand tat das – und das niemals, zu keiner Zeit. Es war Zeitverschwendung und kontraproduktiv. Obendrein war es verboten und zugleich unmöglich.
Doch jetzt konnte Pan es und hinterfragte des Weiteren: Wieso nur hab ich diese Gedanken? Warum kann ich mir diese Fragen stellen? Was hat das alles zu bedeuten?
Die neuen Gedanken überforderten Pan und sie machten ihm Angst. Nichts hatte ihn bislang überfordern können. Er hatte nie etwas tun müssen, von dem er nichts verstand. Seine Aufgabe warf weder Fragen auf noch ängstigte sie ihn. Durch seine Aufgabe definierte sich Pan, er lebte für seine Arbeit, ohne sich jemals gefragt zu haben: warum, wofür und weshalb? Es war gar so, als wären all diese Fragen nur unterdrückt worden und im Geheimen hatten sie sich zu einer gefährlichen Last angehäuft. Und jetzt brachen sie über ihn herein und erschlugen ihn regelrecht.
Es war die Flut an Fragen, welche ihm Angst bereitete. Pan verspürte zum ersten Mal Angst. Seine neu gewonnen Gedanken lösten dieses Angstgefühl in ihm aus. Es war eine andere Welt, die er nach dem Aufstehen betreten hatte. Eine Furcht einflößende, fremde Welt, deren Grenzen er nicht einmal erahnen konnte. Warum hatte man ihn sein Leben lang dieser Gedanken beraubt? Und warum hatte man sie ihm jetzt gegeben?
Wie kann ich diese Gedanken wieder loswerden?, fragte er sich, ohne sich darüber bewusst zu sein, zu welch seltenem Besitz er über Nacht gelangt war. Jetzt, da Pan sich Fragen stellen konnte, schien sein Gehirn nichts anderes mehr tun zu wollen.
Er stand bereits seit mehreren Minuten vor dem Bett und beschäftigte sich allein mit seinen Gedanken. Nur schwer konnte er sich losreißen und zog sich geistesabwesend seine Hose an. Verwirrt, wie er war, vergaß er an diesem Tag das Duschen und folgte nicht dem minutengenau vorgegebenen Tagesablauf.
Das akkurat zusammengelegte Hemd lag auf der ebenso perfekt gefalteten Hose. Beides befand sich in dem obersten Fach eines Spinds. In dem Fach darunter lagen ein Sockenpaar und eine frisch gewaschene Unterhose. Im untersten Fach standen seine Arbeitsschuhe und auf einem Bügel fand eine Jacke platz. Jeden Tag nach der Arbeit, warf Pan seine getragene und verschwitzte Kleidung in einen Wäscheschacht und jeden Morgen fand er sie gereinigt und feinsäuberlich sortiert in seinem Spind vor.
Bislang hatte er sich darüber keinerlei Gedanken machen müssen, genauso wenig über die stets geputzte Wohnzelle, der selbstreinigenden Dusche und seinem gemachten Bett. Seine Haare wurden einmal die Woche auf pflegeleichte drei Millimeter gestutzt und sein Bart rasiert, beides erledigte eine Robotereinheit. Alles war darauf abgestimmt, dass Pan ungehindert seiner Arbeit nachgehen konnte.
Jetzt schien dies nicht mehr möglich zu sein. Seine Gedanken machten ihm einen Strich durch die Rechnung. Die Arbeit und seine Aufgabe hatten ihre Wichtigkeit über Nacht verloren.
„Ich will das nicht! Ich darf das nicht!“, warnte er sich und versuchte lautstark die Stimmen aus seinem Kopf zu verbannen. Sie ließen sich aber nicht einfach verscheuchen oder fortwünschen, doch wusste er das nicht. Die Gedanken fühlten sich verboten an. Sie überforderten ihn zunehmends, ähnlich wie es bei einer Maschine der Fall gewesen wäre, deren Bedienung man nicht beherrschte oder deren Zweck man nicht verstand. Es kam einer Neugeburt gleich, die Pan gerade durchlebte.

Im Kindle-Shop: 2500: Eine Zukunfts-Novelle

Mehr über und von Marc Pain auf seiner Website.