7. Januar 2015

"Das Tagebuch der Maren Brückner" von Fiona Lewald

Felia Brückner ist alleinstehend, aufgeschlossen und erfolgreich - Ganz anders als ihre Mutter Maren. Auch als diese bei einem Autounfall unerwartet ums Leben kommt, lässt die junge Frau sich nicht davon aus der Bahn werfen. Sie überzeugt ihren Vater in eine Mietwohnung umzuziehen, neu anzufangen, und nimmt selber nur aus Pflichtgefühl zwei Wochen Urlaub. Kurz nach der Beerdigung jedoch findet sie in ihrem Elternhaus Marens Tagebuch. Neugierig wie sie ist, nimmt sie es mit und beginnt, darin zu lesen.

Aus den ersten wirren Worten wird schnell eine tragische Geschichte über Angst und Verzweiflung, die Felia immer tiefer in die zerrüttete Vergangenheit ihrer Mutter entführt. Schließlich liegt es an ihr, die Familienfehden zu schlichten und mit ihrer Mutter Frieden zu schließen. Die Geschichte von zwei Frauen. Die Eine selbstbewusst und stark, die Andere herzensgut, verletzlich und von Teufel Angst persönlich heimgesucht.

Gleich lesen: Das Tagebuch der Maren Brückner

Leseprobe:
Wie es sich wohl anfühlen musste, herzlich zu lieben, bedingungslos, ohne Zweifel? Diese und andere Fragen stellte sich Jens Taubner immer häufiger. Sehnsucht und Neugier schlängelten sich wie ein roter Faden durch sein Leben, aber da er ihnen nie folgte, würde er wahrscheinlich auch keine Antworten bekommen.
Was mochte es für ein Gefühl sein, sich aufopfern zu wollen? Jemanden zu lieben, bis es wehtat. Er wusste es nicht.
Er selbst hatte bisher niemals so gefühlt. Liebschaften hatte er hin und wieder zwar gehabt, hier und da hatte eine schöne Frau ihn mit ihrem Aussehen geblendet und um den Finger gewickelt, aber unter richtiger Liebe verstand er etwas anderes. In seinen Gedanken umflatterte sie ihn zart, wie ein Schmetterling von unvorstellbarer Größe.
Göttlich sollte diese Liebe sein.
Schnell schüttelte Jens den Gedanken beiseite und seufzte. Wie gerne, hätte er jemandem seine Träume anvertraut, jemandem offenbart, wie er sich sein Leben vorstellte, aber es gab niemanden, dem er sein Herz ausschütten konnte.
Nicht mehr.
Am Ende blieben ihm nur wieder seine Tagträume und Luftblasen, denen er sich genüsslich hingab.
Kräftig atmete Jens die Winterluft ein, die ihm in die Wangenknochen stach. Es war bereits Mitte November, die Herbstluft stand schon in der Abendblüte, und man konnte bereits die ersten schneeschweren Wolken am Himmel entdecken, Auch die Bäume waren kahl. Die Hauptstraße war an diesem Morgen dicht befahren. Schlipsträger pendelten zur Arbeit und auf dem Gehweg kamen ihm Leute mit Einkaufstaschen und Hunden entgegen. Keiner grüßte. Die Zeiten, in denen man sich kannte, waren vorbei.
Als er das Schild des Bücherladens sah und die Straßenseite wechselte, ahnte er noch nicht, dass sich an diesem Tag sein Leben verändern sollte. Eigentlich war er nur mit einem guten Freund verabredet, um das Regal daheim mit frischem Futter zu bestücken, und danach einen Kaffee trinken zu gehen.
Harry Buchwalds roter Haarschopf tauchte wie verabredet Punkt dreizehn Uhr zwischen der Menschenmeute auf. Er war ein kluger, aber sehr spezieller Mann. Er war belesen. Ihm fielen immer Argumente und Erklärungen ein, wenn man ihn etwas fragte, und ein guter Gesprächspartner war Harry obendrein, aber mit seiner verzottelten Art, dem schiefen Lächeln und seinem stets ungepflegten Dreitagebart kam nun mal nicht jeder zurecht. Jens jedoch kannte ihn seit der Kinderstube, sie waren Nachbarsjungen gewesen. Er wusste, dass man sich auf den seltsamen Kauz immer verlassen konnte.
Er begrüßte Harry, stemmte die Tür zur Bücherei auf und lächelte zufrieden, als der Duft von frisch bedrucktem Papier ihm in die Nase stieg. Er inhalierte den Geruch, wie eine Medizin. Die Männer nickten sich zu, es war eine gewohnte Absprache, die keine Worte brauchte, dann streunten sie in zwei Richtungen zwischen die hohen Regale.
Eine Reise in die Welt der Literatur. Er verehrte Fontane, Schiller und Camus, aber am allerliebsten war ihm doch die Liebeslektüre der vielen Unbekannten, die er erst noch entdecken musste.
Jens Taubner stapelte gerade den vierten Wälzer auf einem kleinen Tritthocker neben sich, als ihn eine Verkäuferin ansprach, was an sich nichts Ungewöhnliches war, aber in seinem speziellen Fall der Auslöser einer ganzen Reihe von Kettenreaktionen war.
„Kann ich Ihnen helfen? Suchen Sie ein bestimmtes Buch?“ Sie lächelte freundlich mit stahlblauen Augen, und strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr.
„Ich schaue mich erst um.“, murmelte er zurück. „Danke“ Er hob den Kopf gerade soweit aus den Seiten, dass er die junge Frau über den Buchdeckel betrachten konnte und fast hätte er dabei das Namensschild, das sie an der Bluse trug, überhaupt nicht bemerkt.
Jens erschrak beinahe zu Tode. Obwohl er im ersten Moment nicht genau wusste, woher das Gefühl kam, das ihm so plötzlich durch die Glieder fuhr, musste er schlucken. Erst als er das zweite Mal auf das Namensschild blinzelte, dämmerte es ihm.
Frau M. Brückner.
Der Name stand in fein geschwungenen Buchstaben darauf, und darunter klebte in höchstens halb so großer Schrift der Hinweis 'ich berate sie gerne'.
Brückner. Maren Brückner.
Konnte das sein, war das vielleicht seine Maren?
Jens zwinkerte. Sein Hals war plötzlich trocken. Die Hände kribbelten ihm, wie immer, wenn er nervös wurde, denn wenn es wirklich seine Maren war, die Frau, mit der er die schönsten Gedanken seines Lebens eisern verband, obwohl er sie nie gesehen hatte, dann musste er handeln, bevor der Moment zerfloss und ihm wie Sand aus den Fingern glitt.
„Maren Brückner“, stammelte er hinter hervorgehaltener Hand, als wollte er niemanden beim Lesen stören, aber in Wahrheit war es die Stimme, die ihm versagte.
„Ich bin es, Jens. Jens Taubner.“
„Tut mir Leid, der Herr, da müssen sie mich verwechseln.“ Sie schaute ihn freundlich an, zuckte mit den Schultern und widmete sich dann schnell wieder den Etiketten, mit denen sie seit geraumen Stunden die Mängelexemplare auf dem Tisch auszeichnete.
Er wusste sofort, dass sie die Wahrheit sagte. Er hatte auf einen erstickten Aufschrei gehofft, auf Tränen und eine überschwängliche Umarmung, aber nichts passierte. Natürlich nicht. Seine Maren lebte Kilometer weit von hier entfernt.
Jens biss sich auf die Unterlippe. Er nuschelte eine Entschuldigung, aber sein Herzschlag beruhigte sich nicht.
Es mochte nicht seine Maren sein, aber es hatte die Erinnerungen aufgebrochen, die er irgendwo in einer Ecke seines Kopfes versteckt und weggesperrt hatte. Jetzt bröckelte die Fassade ab, wie Rost, den man von einem Schmuckstück abkratzte.
Immer noch starrte er die Verkäuferin an, die sich mittlerweile weg gedreht hatte. Es konnte kein Zufall sein, viel eher war es ein Zeichen, ganz sicher. Eine Vorsehung.
Die Idee nistete sich in ihm ein, wie ein Parasit.
Von diesem Moment an war Jens Taubner wie ausgewechselt. Er verabschiedete sich von Harry, der ihm bloß kopfkratzend nach blickte, und rannte aus der Bücherei.

Zu Hause stolperte Jens durch den Flur und sprang ins Schlafzimmer, wo er sich quer über das Bett legte und nach einer schwarzen Schatulle kramte, in der er seit Jahren alle Briefe von Maren aufbewahrte.
Auch den Letzten, in dem sie sich auf einmal von ihm verabschiedet hatte.
Er strich mit dem Finger über den Rand des Blattes. Wieder bildete sich derselbe ekelhafte Klos in seinem Hals, wie an dem Morgen vor drei Wochen, als er das Papier das erste Mal auseinander gefaltet und mit aufgerissenen Augen gleich dreimal gelesen hatte. Ein Gefühl übermannte ihn, das er nicht begreifen konnte, und ihm war zum Heulen zumute. Ihm wurde plötzlich schlecht. Was, wenn sie sich etwas angetan hatte?
Hastig schüttelte er den Kopf, so durfte er überhaupt nicht denken.
„Ich werde dich finden Maren.“, flüsterte er und steckte den Brief in seine Jackentasche.
Dann machte er sich auf den Weg in das achtundachtzig Kilometer entfernte Lübeck. Er hatte ein Leben zu retten.

Im Kindle-Shop: Das Tagebuch der Maren Brückner

Mehr über und von Fiona Lewald auf ihrer Website.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen