29. April 2015

"Golden Gerbil: Eine Berliner Liebesgeschichte" von Anna Becker

Liebeskummer und Oma Gertrude treiben die Hamburgerin Florentine nach Berlin. Die Hauptstadt empfängt die junge Frau allerdings nicht gerade mit offenen Armen. Und mit dem Schotten Nick kracht es gleich bei der ersten Begegnung im Bio-Supermarkt. Wäre nicht Püppi, Transvestit und Inhaber der Zoohandlung „Golden Gerbil“, der Florentine Arbeit und ein Dach überm Kopf gibt, könnte sie einpacken. Doch bald erlebt Florentine, wie bunt, skurril und witzig ihr neues Leben ist – und eine Rennmaus-Dame hat natürlich auch ihre Pfoten im Spiel …

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Leseprobe:
Der Zug aus Hamburg traf pünktlich in Berlin ein. Und mit ihm Florentine. Die Fahrt hatte elf Tempopackungen lang gedauert. In letzter Zeit waren Taschentücher für Florentine zu Messeinheiten geworden, die ihr die Tragweite ihres Unglücks aufzeigten. Tom oder nicht Tom – das war keine Frage mehr. Tom war Vergangenheit.
In Berlin kannst du ein neues Leben beginnen, hatte ihre Großmutter gesagt und ihr etwas Startkapital in die Hand gedrückt. Schön. Aber Florentine wäre gern unter anderen Voraussetzungen in die Hauptstadt gezogen.
Wie sollte man als heulendes Elend ein neues Leben beginnen? Mit so einer desolaten Ausstrahlung mieden einen doch alle! Genau wie die Mitreisenden im ICE es getan und sich weggesetzt hatten, weil sie von Florentines Anblick peinlich berührt gewesen waren.
Sie reihte sich in die Schlange der Fahrgäste ein, die zum Aussteigen bereit waren, und kletterte mit Koffer und Rucksack aus dem Zug.
Auf dem Bahnsteig sah sich Florentine mit einem weiteren Problem konfrontiert: Sie musste sich in diesem Ungetüm von Bahnhof zurechtfinden. Die Menschenmassen, bestehend aus Geschäftsleuten, Touristen und herumlungernden Jugendlichen, reichten schon, um die Nerven wegzuschmeißen, aber dass dieses Monster-Gebäude derart unübersichtlich war, machte Florentine komplett fertig.
Darüber hinaus roch es penetrant nach Desinfektionsmitteln und Gleisschotter; wahrscheinlich verstärkt durch das neblig-trübe, viel zu milde Wetter, das Gerüche auf Nasenhöhe drückte und nicht einwandfrei abziehen ließ. Der Februar war auch nicht mehr das, was er war.
Nach aufreibendem Durchfragen, das ihr so berlintypische Antworten wie „Weeß ick jetzt nich“ bescherte, fand sie endlich die Schließfächer und deponierte in einem davon ihren voluminösen Koffer. Bevor sie sich die Ferienwohnung in Charlottenburg nicht angesehen und für gut befunden hatte, würde sie das riesige Gepäckstück nicht durch die Gegend schleppen. Ihren Rucksack jedoch hängte sie sich über die Schulter und schaute sich um.
Nächste Etappe: Eine Informationstheke anpeilen. Schließlich musste Florentine herausfinden, wie man am besten zu diesem Bezirk fuhr. Oma Gertrude hatte dort etliche Jahre verbracht, in der Nähe des Schlosses Charlottenburg, aber die Fahrverbindung hatte sich seitdem bestimmt geändert. Das hätte sie vorher natürlich googlen können …
Eine Weile lief sie umher und stieß durch Zufall auf den gesuchten Schalter, wo sie nach der Strecke fragte. Die Frau mittleren Alters mit rosa Strähnen in der ansonsten blauschwarz gefärbten Kurzhaarfrisur schien leicht schwerhörig zu sein. Aufdringliche Duftwolken eines süßlichen, billigen Parfüms überforderten Florentines ohnehin überreizte Sinne.
„Wo woll’n Se hin?“
„Zum. Schloss. Charlottenburg“, wiederholte sie.
„S-Bahn bis Bahnhof Zoo, da fahren viele Linien hin, dann umsteigen in den Bus M45. Macht 2,70“, gab die Dame übellaunig von sich und schob ihr das Ticket hin.
„Und wie komme ich zur S-Bahn?“
„Na, da lang!“
„Danke, überaus freundlich.“ Florentine zahlte und lief in die genannte Richtung. Das fing ja gut an.
Von der Schroffheit der Berliner hatte ihr Gertrude bereits berichtet. Mach dir nichts draus, die haben eine große Klappe, sind ansonsten ganz lieb, nach einer Weile …
In der S-Bahn überlegte sie, was zu tun war, wenn ihr die Unterkunft nicht gefiel. Sich in ein Café setzen und das Tablet bemühen. Was sonst. Hätte sie erst ein Dach überm Kopf, wenn auch ein provisorisches, könnte sie den nächsten Schritt wagen: Einen Job finden. Und nachdem die Probezeit absolviert wäre, stünde es an, eine richtige Wohnung zu suchen.
Bahnhof Zoologischer Garten, berühmt-berüchtigt. Einfach schaurig, fand Florentine. Sie beeilte sich, nach draußen zu gelangen und fragte sich wieder einmal durch. Bis sie an die Bushaltestelle kam, wurde sie von einer Teenie-Gruppe angerempelt und zweimal aggressiv um ein paar Euro angebettelt.
Kaum war sie in den M45 eingestiegen, drückten sie die Nachkommenden rabiat zur Mitte des Busses. Was sich als doppelt unangenehm erwies, da sie an drei Kinderwagen samt Kampfmüttern schlecht vorbeikam.
Hanseatische Zurückhaltung war hier definitiv nicht angesagt, daher fuhr Florentine die Ellbogen aus, buchstäblich, und erkämpfte sich den Weg zur allerletzten Sitzbank, wo sie einen freien Platz ergattern konnte. Sie dampfte vor Wut. Am liebsten hätte sie laut „Ich hasse Berlin!“ geschrien. Aber so, wie die Leute um sie herum drauf waren, würde das niemanden jucken.
Einfach diese Fahrt überstehen, beschwichtigte sie sich. Versuchen, alles auszublenden, auch die Knoblauchausdünstungen des Sitznachbarn und den Schweißgeruch des Vordermannes.
Als eine Automaten-Stimme die Haltestelle des Schlosses ankündigte, hatte sich die Anzahl der Fahrgäste reduziert, und Florentine konnte dank eines abrupten Bremsmanövers des Fahrers locker zur Tür segeln.
„Nichts passiert“, erklärte sie, nachdem sie sich hochgerappelt hatte. Es interessierte allerdings keine Sau, und Florentine stieg irritiert aus.
Endlich fester Boden unter den Füssen, sie schnaufte erleichtert auf. Dem Schloss gönnte sie einen kurzen Blick, hatte jedoch keine Lust auf eine Besichtigung. Sie brauchte einen Kaffee, dringend.

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Mehr über und von Anna Becker auf ihrer Website.

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