27. April 2015

"Das Glück der Stille" von Johanna Wasser

»Und sie lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage ... «

Was aber, wenn das berühmte Happy End dreißig Jahre zurückliegt und das Leben aus dem wilden Kerl von einst einen stillen Pantoffelhelden gemacht hat? Wie viel genau erträgt eine Familie - so wunderbar sie auch sein mag - und wie lange hält eine große Liebe, die am Schweigen zu zerbrechen droht?

Das Buch erzählt die Geschichte eines klassischen Antihelden, der sich über die Jahre selbst aufgegeben hat. Zugleich dreht sich der Roman um das Leben einer Familie und der Menschen, die ihr äußeres Universum ausmachen.

Johanna Wasser wurde bekannt durch Liebesromane, deren Helden romantisch bis dramatisch nach dem Glück forschen. Das trifft im Kern auch auf dieses Werk zu. Allerdings schlägt die Autorin in ihrem fünften Glück-Buch einen völlig neuen Ton an.

Gleich lesen: Das Glück der Stille

Leseprobe:
Auch nach fünf Jahren Ehe mit einem Russen fiel es Anna in Anwesenheit ihres Schwiegervaters schwer, nicht in Klischees zu denken.
Mit seinem überlangen Schnurrbart und der Körperfülle, die sich hauptsächlich auf seine Leibesmitte konzentrierte, sah Juri wie ein gut genährter Seelöwe aus. Machte er zudem seinen Mund auf, dachte Anna unwillkürlich an zweierlei: bayerische Heimatfilme und russische Touristen.
»Dass ich nicht lache!«, sagten seine Augen. Er selbst sprach kein Wort, popelte ein Stück Fleisch aus der durchsichtigen Glibbermasse, steckte es sich in den Mund und begann daran zu kauen. Sein Blick schweifte zwischen den unzähligen Vorspeisen hin und her, so als überlegte er, was er als Nächstes essen wollte.
»Ach komm schon. Vadim war erst dreißig und ein guter Schwimmer!« Viktor stellte beide Ellenbogen auf den Tisch neben seinem Teller ab und starrte zu Juri herüber. Schon seit zehn Minuten versuchte er ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Sein Vater reagierte, indem er einfach weiter aß und vor sich hin grinste. Die linke Augenbraue rauf, die rechte runter. Der Schnurrbart bequemte sich in die Senkrechte, bevor er sich wieder nach unten bewegte. Dass er über die Beerdigung nicht reden wollte, konnte seit zehn Minuten jeder am Tisch sehen. Doch sein ältester Sohn dachte nicht daran, locker zu lassen. »Ihr werdet doch mit irgendjemandem geredet haben?«
Anna setzte das Baby in den Hochstuhl, band sich die Haare zusammen und begann den Gemüsebrei umzurühren. Gegen die Gelassenheit eines Brauereipferdes kommt die Hartnäckigkeit eines Jack Russells eben nicht an, dachte sie und schmunzelte in sich hinein. Nichts für ungut, Goldfisch, dachte sie und sah zu der winzigen Promenadenmischung mit dem schiefen Gebiss, die neben der Küchentür in ihrem Körbchen vor sich hin schnarchte. Dann sah sie zu Emma, die gerade mit zwei dampfenden Schüsseln hereinkam, sie abstellte und ihrer zweijährigen Enkelin mit einem Lächeln die Schöpflöffel abnahm.
»Er meint das mit den Gerüchten um den unnatürlichen Tod von Vadim«, klärte Anna ihre Schwiegermutter auf. Emmas Aufwand für jedes ihrer Sonntagessen verstand sie bis heute nicht. Dabei kam doch nur die Familie zusammen. Anna sah zu Juri, der zufrieden vor sich hin schmatzte, und wusste wieder die Antwort. Es gab keinen Zweifel, dass Juri nicht nur Emma heiß und innig liebte, sondern auch ihre Kochkünste.
»Habt ihr noch immer kein anderes Thema?«, seufzte Emma. Das Mädchen lief um den Tisch. Juri sah zu seiner Frau.
»Opa, essen!«, rief seine Enkelin. Emma blieb stehen und sah zu ihrem Mann, der ihr zunickte und grinste. Ansonsten machte er noch immer keine Anstalten, auf Viktors Fragen einzugehen.
»Jetzat«, sagte er stattdessen zu dessen Tochter und beugte sich hinunter. »Komm chärr, mei Zukkerrlpupperrl!« Seine tiefe Stimme weichte die Mischung aus dem harten russischen Akzent und dem, was Juri für den bayerischen Dialekt hielt, nur wenig auf. Als reichte es nicht, als Russe in Deutschland zu leben, musste es ihn ausgerechnet in ein bayerisches Dorf nahe München verschlagen haben. Hier, wo jeder, der schon hochdeutsch sprach, bereits schiefe Blicke erntete.
Das Mädchen ließ sich von seinem Großvater hochheben. Er küsste es auf die Nase, nachdem es in seinem Stuhl saß, und es lachte auf, weil der grau-gesprenkelte Schnurrbart es kitzelte.
»Und warum seid ihr nicht mitgefahren?«, brachte vom anderen Ende des Tisches eine alte Dame das Gespräch zurück, während sie sich ihren Dutt zu richten versuchte. »Dann müsstet ihr jetzt nicht so neugierig fragen.« Für neugierige Fragen bin ich zuständig, fügten ihre Augen hinzu und formten sich zu Schlitzen.
»Warte, Mama!« Emma kam aus der Küche zurück, stellte den Brotkorb und zwei Schälchen aus blauem chinesischem Porzellan mit Schmand und roter Soße auf den Tisch und eilte ihr zur Hilfe.
»Lass das!«, wies sie die Alte ab, ließ allerdings dennoch zu, dass Emma ihr die Haare durchkämmte und hochsteckte.
»Ich hätte das rausgefunden!« Sie wartete, bis ihr Teller voll war und Emma ihr die Pelmeni halbiert und die ganze Masse mit Schmand übergossen hatte. »Berta hätte es bestimmt gewusst«, sagte sie, nahm den Löffel, den ihre Tochter für sie immerzu an den Tisch schmuggelte, und begann zu kauen. Für ihre hundert Jahre war Mathilda Kurz noch erstaunlich fit. Beinahe schon zu fit, zumindest körperlich. Mittlerweile hatte sie neun ihrer zehn Kinder überlebt und bekam erst seit Kurzem ihre ersten senilen Erscheinungen.
»Berta ist tot, Mama«, sagte Emma und zerkleinerte nun auch das Essen für ihre Enkeltochter. Den Plastikteller reichte sie an ihrer Mutter vorbei zum anderen Ende des Tisches an Juri. Die Alte sah dem Teller nach, so als hätte sie vergessen, dass ihr eigener Teller noch immer vor ihr stand. »Die Letzen beißen die Hunde«, hatte Mathilda selbst mal dazu gesagt. Neben ihrem Job im Altenheim musste Emma sich seit einem Jahr auch um ihre Mutter kümmern. Zum Glück hatte Mathilda ihre eigene Wohnung, wenn auch gegenüber von der ihrer Tochter.
Die Alte unterbrach sich und sah ihre beiden Enkelsöhne nacheinander an. Juri stoppte und sah ebenfalls auf.
»Beerdigungen sind nichts für mich«, winkte Paul ab und aß weiter. Viktor legte seinen Löffel beiseite und schluckte hörbar. »Ich musste arbeiten«, sagte er. Sein Vater sah aus dem Fenster, überlegte und sagte nichts.
»Arbeiten?«, fragte Mathilda weiter. Alle Augen richteten sich nun auf Viktor, der für einen Moment verstummte. Kein gutes Thema, dachte Anna. Kommt schon, redet über was anderes!
»Was ist denn nun mit Vadim?«, fragte Paul, setzte seine vom heißen Dampf der Pelmeni beschlagene Brille ab und sah in die Runde. Er war es, der den Zeitungsartikel mit dem Gerücht über den mysteriösen Tod seines Großcousins als Erstes gelesen hatte. »Der Sarg war doch nicht …?«
»Pascha!« Seine Mutter sah von ihrem eigenen Teller auf und schüttelte den Kopf. Das gehört sich nicht, sagten ihre Augen.
»Du glaubst doch nicht, dass sie ihn mit Beton an den Füßen beerdigt haben?«, mischte sich Viktor ein.
»Wieso Beton?«, fragte Paul.
»Jetzt hör aber auf!« Anna sah ihre ältere Tochter an, die wie ein Vogel alle paar Minuten den Mund aufmachte. Ihr Großvater bereitete gerade den nächsten Löffel für sie vor.
»Und dein Job?«, platzte es auf Russisch aus ihm heraus. Sobald seine Enkelin zu kauen begann, angelte Juri einen Teigballen mit Hackfleischfüllung aus seinem Teller und verschlang ihn.
»Sie haben ihn aus der Isar gefischt!« Anna beschloss, die Sache mit dem vom Thema ablenken selbst in die Hand zu nehmen. Offener Sarg würde sich sowieso verbieten, wollte sie hinzufügen. Ihre Tochter war fertig und streckte ihre Zunge raus. Erst danach öffnete sie ihren Mund, um zu zeigen, dass dieser leer war. Juri beeilte sich, ihren Löffel vollzumachen. Es war ihm ein Rätsel, wie Anna es schaffte, das Baby mit Brei zu versorgen, selber zu essen und sich dabei auch noch so rege an dem Gespräch zu beteiligen. Nicht dass er unbedingt mitreden wollte. Nun aber war er dennoch gespannt, was sein Sohn ihm zu sagen hatte.
»Ist nur vorübergehend«, sagte Viktor. Dass es sich noch immer um keinen richtigen Job handelte, wollte er nicht extra erwähnen. Die Arbeit war noch immer schwarz.
»Schmäckt es dirr?«, fragte Juri die Kleine. Emmi nickte und gluckste. Nach ein paar Minuten öffnete sie erneut ihren Mund. »Horoscho, gutt machst du des«, lobte Juri, sein Blick wechselte zwischen der kleinen Emmi und ihrem Vater hin und her.
»Meeel!«, forderte sie. Vier Bissen später begann sie mit ihrem eigenen Löffel auf den Tisch zu hauen. Anna drehte ihren Stuhl zu sich. »Und es gibt Cash in the Täsch!«, grinste Viktor dazwischen. Juri unterbrach sich.
»Pah!«, rief er aus. Den Blick seiner Frau bemerkte er, aber er schien ihn nicht zu beruhigen. Seine linke Augenbraue kroch in die Höhe und blieb dort.
»So, jetzt lässt du den Opa mal essen«, sagte Anna und nahm Emmi den Löffel ab. Das Mädchen wartete nur kurz, bevor es zu protestieren begann.
»Opa, Opa«, rief sie und drehte ihren Kopf zu ihm um.
»Emmi!«, versuchte es ihre Mutter noch einmal.
»Scho gutt«, besänftigte sie Juri. »Wolln wirr Burratino lesen, Emmi?« Das Mädchen liebte das Buch über den russischen Pinocchio und seine Freundin mit den blauen Haaren.
»Bu-La-Ti-No!«, freute sie sich und begann zu klatschen.
»Wie heißt Mädle mit Blauharr?« Juri hatte ihren Stuhl wieder zu sich gedreht und seine Arme nach der Kleinen ausgestreckt. »Ma-Wi-Na!«, schrie sie, stemmte sich aus dem Stuhl und hüpfte ihm entgegen.
»Malwina, riechtich!« Er fing sie auf, ließ zu, dass sie ihre Händchen um seine Ohren fädelte, und stand auf. »Und ihrr hörrt ma besserr of, von Tott und Geld zu schwatzen«, sagte er mit dem Blick zu Viktor, drehte sich um und trottete mit der Kleinen ins Wohnzimmer, der winzige Hund hinter den beiden her.

Im Kindle-Shop: Das Glück der Stille

Mehr über und von Johanna Wasser auf ihrer Website.

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