29. Juni 2015

"Die Frauenkammer" von Jannes C. Cramer

In einem abgelegenen, unbelebten Teil der Stadt wird eine Frauenleiche gefunden, doch die Ermittlungen liefern keine verwertbaren Spuren ‒ weder zum Opfer noch zum Täter. Wenige Wochen später sorgt eine zweite Tote für offene Fragen. Ein tragischer Unfall oder ein weiterer Mord? Wie sich schnell herausstellt, scheint es eine Verbindung zwischen beiden Fällen zu geben.

Für Kommissar Frank Holper beginnt eine mühsame Ermittlungsarbeit, für die er schon bald die Hilfe eines externen Beraters in Anspruch nimmt. Ein verhängnisvoller Fehler …

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Leseprobe:
Nachdenklich blickte Kommissar Frank Holper in die stumpfen, leblos starrenden Augen. Diesen Anblick hatte er nicht erwartet, als er über Funk zum vermeintlichen Tatort gerufen worden war. Bedauerlich. Holper schätzte die junge Frau, die hier so unnatürlich ordentlich vor ihm lag, mit friedlich auf ihrer Brust ruhenden Armen, auf höchstens zwanzig Jahre. Sie war kaum älter als seine Tochter, und für einen kurzen Augenblick hatte er ein Bild vor Augen, das ihm einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Er mochte sich nicht vorstellen, wie es sich anfühlte, das eigene Kind so zu sehen.
Die Spurensicherung war noch nicht eingetroffen, doch Holper war sich auch ohne forensische Untersuchungen sicher, dass die Frau nicht an dieser Stelle ums Leben gekommen war. Jemand hatte sie fein säuberlich hier zurechtgelegt, als wollte er ein Kunstwerk präsentieren, einen nackten Körper inmitten dieses verlassenen Kasernengeländes. Es war stockdunkel. Die uniformierten Kollegen hatten bereits kleine Scheinwerfer aufgestellt und sperrten die Umgebung ab, auch wenn an diesem Ort nicht mit Schaulustigen zu rechnen war.
»Moin, Chef!« Heinz Knecht klopfte ihm auf die Schulter. »Kann ich loslegen?«
Frank Holper wurde aus seinen Gedanken gerissen. Er musste sich erst daran gewöhnen, dass er nun für die Koordination am Einsatzort zuständig war. Nach dem tragischen Tod seines Chefs beim letzten Einsatz hatte er unerwartet früh dessen Platz übernehmen müssen. Er nickte dem Mann von der Spurensicherung zu. »Grüß dich, Heinz. Du kannst anfangen.«
Holper hatte schon einige Male mit Heinz Knecht zusammengearbeitet, und beobachtete nun, wie der Forensiker mit routinierten Handgriffen die Untersuchung der Leiche begann. Nach all den Jahren und zahllosen Fällen seiner Laufbahn bekam er dabei immer noch ein flaues Gefühl in der Magengegend.
Nach kurzer Zeit teilte Heinz dem Kommissar nachdenklich seine Einschätzung mit: »Sie wurde gewürgt, siehst du?« Er deutete auf die verfärbten Stellen am Hals der Frau. »Ich kann allerdings noch nicht sagen, ob das auch die Todesursache war. Auf jeden Fall wurde sie transportiert. Gestorben ist sie woanders.«
Frank Holper wunderte sich nicht. Dies war ein perfekter Ort, um eine Leiche loszuwerden. Spaziergänger traf man in dieser Gegend nicht, und wäre kein anonymer Tipp bei der Notrufzentrale eingegangen, hätten seine Kollegen die Tote vielleicht nie gefunden.
»Haben Sie die Vermisstendatenbank schon überprüft?« Frank Holper wandte sich an einen der Kollegen, die inzwischen mit mehreren Streifenwagen am Fundort der Leiche eingetroffen waren.
»Kein Treffer, Chef.«
Das machte die Identifizierung nicht leichter. Der Kommissar strich sich über den stoppelig sprießenden Dreitagebart. Heinz Knecht und die Kollegen der Spurensicherung hatten in der Umgebung keine persönlichen Gegenstände der Toten finden können, die ihnen weitergeholfen hätten.
Frank Holper beschlich ein ungutes Gefühl. »Wer auch immer das getan hat, weiß anscheinend, wie man uns das Leben schwer machen kann«, sprach er seine Gedanken laut aus.

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