6. August 2015

"Lauf einfach! Marathontraining zwischen Job und Familie" von Kerstin Lingemann

Seit einigen Jahren läuft die Autorin regelmäßig und nimmt an Laufveranstaltungen und -wettbewerben teil. Das Training spielt eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Motivation und Ziele sind erforderlich, um am Ball zu bleiben, doch muss auch der Sport in den Alltag integriert werden. Das ist nicht leicht, vor allem dann, wenn Beruf und Familienarbeit kaum Zeit für ein aufwändiges Hobby lassen.

Wie sie es dennoch schafft, ein monatelanges Marathontraining zu absolvieren, schildert Kerstin Lingemann in diesem Tagebuch, das sie während eines Laufjahres geführt hat.

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Leseprobe:
Sonntag, 28. Oktober 2012 – Frankfurt Marathon

Ich suche den großen weißen Ballon mit der „Mövenpick“-Aufschrift. Dort ist mein Startblock. Ich bin früh dran, es ist zehn Minuten vor zehn.
Punkt zehn Uhr fällt der Startschuss für die Eliteläufer; zehn Minuten später startet die zweite Welle. Ich friere, ziehe mein Schlauchtuch über Gesicht und Ohren. Um mich herum stehen zwar viele andere Läufer, aber nicht genug, damit mir warm wird. Die anderen frieren auch; manche haben sich Decken umgehängt oder alte Pullover, einige tragen blaue, zurechtgeschnittene Müllsäcke, um sich vor der Kälte zu schützen. Der mühsam aufgewärmte Körper muss vor dem Auskühlen bewahrt werden, damit die Muskeln beim bevorstehenden Lauf besser vor Verletzungen geschützt sind. Ich habe mich nicht aufgewärmt. Ich habe mich von meiner Familie verabschiedet und bin zur Startaufstellung gegangen. Und da stehe ich jetzt. Meine Nervosität, die ich am frühen Morgen noch hatte, ist verflogen. Gespannt warte ich auf den Startschuss des Frankfurt-Marathons. Ich will endlich loslaufen, damit mir warm wird. 1° C: Die Kälte trifft mich, ich bin zu dünn angezogen. Doch noch ehe meine Fingerspitzen rot werden, fällt auch für die zweite Welle von Läufern der Startschuss. Die Menge setzt sich in Bewegung. Ich trabe im Fluss der Läufer mit bis zur Startlinie, überlaufe die Matten für die Zeitnehmung und aktiviere meine Stoppuhr: Los geht‘s! Ich laufe. Endlich. Mir ist heiß vor Aufregung. Ich bin langsam, laufe gleichmäßig und rhythmisch; wenn das so bleibt, kann ich mit einer guten Zeit rechnen. Mein Ziel: unter vier Stunden. Das ist ehrgeizig, aber machbar. Jetzt bloß nichts verkehrt machen, vor allem auf den ersten Kilometern nicht zu schnell werden, damit am Ende die Kraft reicht. Meine Beine fühlen sich stark an, ich spüre, dass ich nur auf Sparflamme laufe. Da geht noch was! Trotzdem zwinge ich mich, mein langsames Tempo beizubehalten: 10,4 km/h. Ganz schön schnell, denke ich. Aber ich habe das Gefühl, es geht noch schneller. Mach langsam, hämmere ich mir ein. Aber das ist nicht leicht. Die Massen geben mehr oder weniger das Tempo vor und ich schwimme im Strom mit. Nur bei den Bergaufpassagen lasse ich mich bereitwillig überholen. Nicht umsonst habe ich im hügeligen Gelände, in den Feldern vor Niederursel trainiert. Jetzt zahlt es sich aus. Ich fühle mich kraftvoll und überlegen. Ich vergesse die Zeit, merke nur wenig von dem, was um mich herum geschieht; ich laufe, da ist nichts als Zufriedenheit.
Die Musik an der Strecke hebt meine Stimmung, die Leute sind gut drauf. Ich halte Ausschau nach Oliver und den Kindern, nach meiner Mutter, aber seit dem Start habe ich niemanden mehr gesehen. Inzwischen bin ich bei Kilometer acht. Wow, denke ich, schon bei Kilometer acht, und es war kein bisschen anstrengend bisher. Das kenne ich auch anders. Acht Kilometer können verdammt lang sein. Heute nicht. Bis jetzt war es ein Spaziergang. Bei Kilometer 14 erinnert mich die Musik der Toten Hosen daran, dass ich ,an Tagen wie diesen noch ewig Zeit habeʻ. Das passt, denke ich und genieße den Moment. Wenn du dir Zeit lässt, bist du am Ende schneller. Jeder, der schon einmal an einem Laufwettbewerb teilgenommen hat, weiß, was ich meine. Es kommt auf die richtige Krafteinteilung an, sonst erwischt dich der Mann mit dem Hammer. Aber davon ist nichts zu spüren. Ich erhöhe leicht das Tempo und nehme mir vor, bis zur Marke des Halbmarathons nicht schneller als 5:38 min/km zu laufen. Das klappt auch, aber nach dem Überschreiten der Halbmarathon-Marke gibt es kein Halten mehr. Ich bin motiviert und optimistisch, dass ich es unter vier Stunden schaffen kann. Ich erhöhe das Tempo, laufe jetzt 5:20 min/km und es fühlt sich gut an. Ich fühle mich verdammt schnell. Ich renne, was das Zeug hält, lasse mich von den Menschen am Straßenrand vorwärtstragen, da ist nichts als Glück. Und es hält an, lange, sehr lange.
Bis Kilometer 28 – da bekomme ich plötzlich Schmerzen im rech-ten Knie. Es fühlt sich an, als hätte mich jemand mit einer Stein-schleuder getroffen, mit voller Wucht. Ich schaue nach unten. Scheiße, fluche ich. Unverzüglich drossele ich mein Tempo, gehe ein paar Meter. Nachdem ich mich wieder gefangen habe, laufe ich langsam weiter, überlege, was ich machen soll. Ans Aufhören will ich nicht denken. So weit ist es noch nicht. Also verabschiede ich mich von der Vier-Stunden-Mauer und nehme mir vor, einfach bis zum Ziel weiterzulaufen. Wenn nur die Mainzer Landstraße nicht wäre. Hier ist es ziemlich öde: kaum Zuschauer, wenig Stimmung, das Läuferfeld zieht sich auseinander. Fast zehn Kilometer geht das so. Vielen sieht man die Strapazen an, jede Menge Läufer gehen, manche humpeln, einige dehnen ihre angestrengten Muskeln. Auch ich gehe immer wieder kurze Strecken. Hier sieht mich keiner, hier feuert mich keiner an, niemand merkt, wie sehr mich das Brennen im Knie einschränkt. Aber ich kann nicht ewig gehen, es ist noch zu weit. Und mir wird kalt.

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