29. August 2015

"Ungesagte Worte" von Laura Gambrinus

Carlotta schwärmt schon so lange sie denken kann für Damiano Mantovani. Seine Bücher, allesamt Bestseller, füllen ihre Regale. Das Schicksal hat den berühmten Schriftsteller schwer getroffen. Nun will er wieder schreiben, will wieder leben. Carlotta soll gemeinsam mit ihm an seinem neuen Buch arbeiten Aber – kann sie das überhaupt, wenn sie ihre wahren Gefühle vor ihm verbergen muss?

Damiano ist auf Anhieb von Carlotta fasziniert. Sie könnte die Richtige sein, um ihn bei der Arbeit zu begleiten. Und weit darüber hinaus. Denn er fühlt sich zu ihr hingezogen. Schnell entwickeln sich tiefere Gefühle zwischen den beiden. Doch die Schatten von Damianos Vergangenheit lauern bereits im Verborgenen ...

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Leseprobe:
„Du musst Carlotta sein“, sagt eine dunkle Stimme neben mir.
Ich fahre mit einem leisen Schreckenslaut herum und starre in ein vom Leben gezeichnetes, aber immer noch verdammt attraktives Gesicht. Der Mann, der zu diesem Gesicht gehört, ist größer, als ich ihn mir vorgestellt habe, und hat eine ungeheure physische Präsenz. Er streckt mir die Hand zur Begrüßung entgegen. Nach kurzer Schockstarre greife ich hastig danach. Ganz nebenbei schäme ich mich dafür, dass meine Finger schweißnass und glitschig sind.
„Ich wollte dich nicht erschrecken“, sagt er und duzt mich weiterhin ganz selbstverständlich. Da taucht auch schon Ambra auf.
„Ah, du hast sie also schon gefunden.“ Sie begrüßen sich herzlich wie zwei alte Bekannte, während ich nervös von meinem Barhocker rutsche.
„War ganz leicht“, lächelt er sie an. „Du hattest deine Freundin wirklich gut beschrieben.“
Ambra lächelt zufrieden zurück, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie sich schon längst mit ihrem Kollegen verbündet hat. Das kann ja heiter werden.
Aber ich kann noch immer ablehnen.
„Setz dich“, fordert meine Freundin ihn nun auf und deutet auf den Tisch, der für uns gedeckt worden ist. „Raffaele kommt auch gleich, dann können wir uns vor dem Essen noch ein bisschen unterhalten.“
Mantovani gleitet auf den Stuhl mir gegenüber. Ich starre auf die sorgsam gefaltete Serviette vor mir und versuche, meinen fliegenden Atem unter Kontrolle zu bekommen. Hoffentlich bemerkt er nicht, wie meine Hände zittern. Er muss mich ja sonst für eine komplette Idiotin halten.
„Du bist also meine neue Lektorin“, höre ich ihn sagen und finde das beinahe frech.
Keinesfalls will ich mich so einfach von ihm überfahren lassen. Ich hätte außerdem, fällt mir leider erst jetzt ein, Ambra darüber befragen sollen, was genau sie ihm über mich gesagt hat. „Was? Nein! Darüber müssen wir erst noch reden! Ganz so einfach ist das nicht, es gibt noch viel zu viele ungeklärte Fragen.“
„Tatsächlich?“, fragt er halblaut und sieht mich aufmerksam an.
Ich bemerke ein Netz von feinen Fältchen um seine Augen. Ob ihm aufgefallen ist, dass ich eine direkte Anrede vermieden habe? Ich schaffe es einfach nicht, ihn so aus dem Stand heraus zu duzen, wie er das ganz selbstverständlich macht. Er spricht nicht weiter, weil Ambra sich zu uns setzt und auch Raffaele an unserem Tisch Platz nimmt. Der Maître schenkt uns Wein ein und stellt eine Karaffe Wasser auf den Tisch. Ich beobachte alles wie durch einen Schleier und fange voller Unbehagen einen nachdenklichen Blick von ihm auf.
Zum Glück retten mich meine Freunde, und wir schaffen es, ein einigermaßen gelöstes Abendessen hinter uns zu bringen, weil die beiden völlig unbefangen die Unterhaltung bestreiten und dabei auch mich und mein Gegenüber mit unverfänglichen Fragen einbeziehen. Raffaele hat viel zu erzählen und tut es auf eine angenehm lockere Art. Ambra hat mir mal von seiner Stimme vorgeschwärmt, und ich muss zugeben, sie hat nicht übertrieben. Allerdings ist es nicht Raffaele, der mir mit seinen Worten gelegentliche Schauer über den Rücken jagt, sondern Damiano. Er klingt noch tiefer und nicht so samten wie Raffaele, nicht so weich und verführerisch wie er. Das ist eher eine klassische Reibeisenstimme. Er hat eine faszinierende Gestik und ich starre immer wieder wie gebannt auf seine ausdrucksstarken Hände. Es sind schöne, schlanke, aber kräftige Finger. Einen Moment lang vergesse ich alle Vorsichtsmaßnahmen und stelle mir diese Finger auf nackter Haut vor, doch ich rufe mich schnell wieder zur Ordnung.
Wenn er doch nur irgendetwas hätte, das ich auf den ersten Blick abstoßend finden könnte! Etwas, das mich enttäuscht, das mir missfällt. Aber da ist nichts, zumindest noch nicht. Er entspricht keineswegs dem Bild, das ich mir vor langer Zeit von ihm gemacht habe – er übertrifft meine Erwartungen vielmehr bei Weitem, das ist etwas, womit ich nicht gerechnet habe, und es verunsichert mich.
Ich atme tief ein und erinnere mich an meine Selbstdisziplin. Ich werde zu allem Nein sagen und jedem Gedanken an einen Lektoratsauftrag widerstehen, egal wie verlockend er auch sein mag. Ich könnte mit Sicherheit nicht objektiv arbeiten, könnte keine klare Trennung zwischen meiner privaten Bewunderung und technischer Kritik an seiner Arbeit vornehmen. Und wenn ich eine schwache Leistung abliefere, wie steht dann Ambra vor Damiano da? Das könnte auch noch meine Freundschaft zu ihr gefährden, und das will ich nun wirklich nicht riskieren …

Im Kindle-Shop: Ungesagte Worte

Mehr über und von Laura Gambrinus auf ihrer Website.

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