28. September 2015

"Mondscheinmann - Teil 1" von Wolfgang Greuloch

Ist in Max Fröhlichs Stadt ein terroristischer Anschlag geplant?

Eine nackte Frauenleiche liegt am Flussufer, das Opfer scheint aber eines natürlichen Todes gestorben zu sein. Wer hat die Tote wie Müll entsorgt? Warum hilft Max Fröhlich der jungen Prostituierten Janika aus der Gewalt ihrer Peiniger zu fliehen? Er, der durch eine extrem seltene Krankheit gezwungen ist, ein Leben im Licht des Mondes zu führen. Er nimmt das Mädchen bei sich zu Hause auf und unterstützt sie ihre Drogensucht zu überwinden.

Sie erlernt den Umgang mit Schusswaffen, wird zum Racheengel. Nicht ahnend, welche dramatische Ereignisse sie damit auslöst. Und was ist mit der Journalistin Eva Müller, die Max obsessiv beobachtet? Sie verfolgt bei Gericht einen Vergewaltigungsprozess und gerät in eine verhängnisvolle Affäre.

Gleich lesen: Mondscheinmann: Teil 1

Leseprobe:
Liliána Fargó zitterte. In wenigen Augenblicken wird es soweit sein. Dieser Augenblick, wie lange wartete sie schon darauf, jahrelang, nein, eine Ewigkeit. Eine quälende Zeit, voller Bangen, Hoffnungen und Enttäuschungen, eine Zeit voller Gram, voller Sorge und wirtschaftlicher Not. Sie kämpfte für diesen Augenblick, mit aller Kraft. Sie engagierte Detektive, die Erfolge vortäuschten, sie um ihr mühsam erspartes Geld betrogen.
Wie viele Beamte hatte sie bestochen, um Hinweise auf den Verbleib dieses Mannes zu bekommen? Sie wird ihm gegenübertreten und in seine Augen blicken, in seine kalten Augen. Sie wird ihm nicht viel sagen, sie wird ihn nach ihrer Tochter fragen. Die kleine Janika. Wenn sie keine Antwort erhält, dann wird sie eine haben. Sie umklammerte ihre umgehängte Handtasche.
Sie wusste, wo er saß. Sie kannte das Gebäude, ein unauffälliges Industriegebäude, umgeben von einem Drahtzaun, typischer Gewerbebau in Schnellbauweise. Der Hof mit Gebrauchtwagen zugestellt, die meisten älteren Typs, bereitstehend für die lackmäßige Auffrischung, äußerliche Verschönerung, um sie anschließend nach Osteuropa zu verscheuern. Aber dieses Geschäft bedeutete Tarnung, das wusste Liliána Fargó. Er betrieb andere hintergründige Geschäfte, lukrativere als diese Autoschieberei, bei der sich auch ab und zu ein geklauter Wagen befand.
Manchmal kamen Wohnmobile auf den Hof gefahren, junge Dämchen stiegen aus, mit kurzen Lederröckchen, engen Tops, dunklen Strümpfen, hochhackigen Schuhen, und verschwanden im Gebäude. Ein amerikanischer Sportwagen, ein Kerl mit längerem Haar und Sonnenbrille, ganz in braunes Leder gekleidet, folgte ihnen meistens nach.
Liliána Fargó marschierte nicht drauflos, sie kannte das Grundstück, kannte das Vordertor, die Kamera, wusste aber auch von dem verborgenen Hinterausgang, eine Fluchtmöglichkeit, wenn die Polizei auf den Hof fahren würde. Sie wusste in welchem Büro er saß, im oberen Stock, meistens brannte dort spätabends noch Licht. Wurde die Lampe ausgeschaltet, verließ er Minuten später in seinem Wohnmobil das Gelände.
Sie stand seit zwei Stunden in der kühlfeuchten Nacht am Rand eines schmalen Seitenwegs, der zwischen anderen Gewerbegrundstücken hindurchführte, an einer Seite von Bäumen gesäumt, die Sichtschutz boten. Aus dem Nachtschatten der Bäume und Sträucher konnte sie das Eingangstor im Zaun des Geländes beobachten. Zu diesem Zeitpunkt haben die Autofrisöre längst Feierabend und den Hof verlassen. Sie zählte in den letzten Tagen sechs Mitarbeiter, die regelmäßig ein und aus gingen, heute haben sieben Gestalten das Gelände verlassen. Und durch den Hinterausgang, den sie manchmal auch beobachtete, sah sie bisher weder jemand das Gebäude betreten noch verlassen. Ist aber nicht ausgeschlossen, dass einer, vielleicht aus Bequemlichkeit, durch die Hintertür kam und das Gelände durch das Vordertor am Abend wieder verließ. Es gibt also noch mehr Kerle, aber darauf wollte sie jetzt keine Rücksicht nehmen. Im oberen Stock, im Büro, brannte Licht.
Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen!
Sie warf die Plastiktüte mit der Wasserflasche zwischen die Bäume, zu dem anderen Müll, der dort lag. Herausgeputzt mit ihren besten Kleid, aus Kunstfaser, das sie jünger erscheinen ließ, ihrer teuersten Jacke, aus Kunstleder, und halb hohen Schuhen, die frisch gewaschenen Haare mit Lockenwickler zu einer welligen Frisur geformt, ging sie langsam über die Straße auf das Tor zu. Sie schlug den Jackenkragen nach oben, zog eine Sonnenbrille aus der Tasche und setzte sie auf.
Jetzt beruhigten sich ihre Nerven, endlich war es soweit. Sie drückte den Klingelknopf, es gab keine Rufanlage, aber die Kamera an der Gebäudewand beäugte sie. Nach wenigen Augenblicken ertönte der Türsummer, sie drückte gegen die Stahlgittertür, die Tür gab nach, fiel hinter ihr automatisch zurück ins Schloss. Sie schritt über den Hof, auf die Gebäudetür zu, im Blickfeld der Kamera. Eine starke Lampe leuchtete auf. Sie vermied es, in die Kamera zu schauen. Was jetzt kam, wusste sie nicht. Nochmals eine Klingel? Sicherlich. Eine Sprechanlage? Wahrscheinlich. Für diesen Fall würde sie barsch ein ‚Mach auf’ in das Mikrofon rufen und hoffen. Aber nichts dergleichen war notwendig. Ein Schritt vor der Tür ertönte nochmals ein Summer, sie betrat unbehelligt das Gebäude, ohne einen Gedanken über diesen Umstand zu verschwenden. Ihrem Ziel ganz nah. Ruhig, ganz ruhig; nur noch die Treppe hoch in einen Flur, und das übernächste Zimmer ist das, in welchem abends immer Licht brannte. Sie tastete nach dem Lichtschalter für den Treppenraum, fand ihn schnell. Sie nahm die Brille ab, ging langsam die Treppe hinauf, durch eine weitere Tür, in den Flur, an dem ersten Zimmer vorbei, das nächste Büro auf der linken Seite ist es. Licht fiel unter dem Türspalt hindurch auf den Flurboden, wies ihr den Weg. Diesen Augenblick hundertmal erhofft und vorgestellt, und jetzt doch so anders. Sie klopfte an und betrat sofort den Raum. Ein großzügiger Büroraum. Die Möbel wirkten modern, ein Schreibtisch stand schräg in der Ecke vor dem Fenster, Aktenschränke, eine Sitzgruppe, alles besaß den Anschein eines normalen geschäftlichen Wirkens. Aber sie wusste, nur den Anschein.
Der Schreibtischsessel stand mit der Rückenlehne zu ihr, eine ziemlich hohe Lehne. Es schien als ob er leer wäre, dann erkannte sie das eisgraue Haar. Der Sessel schwang herum.
„Du kommst spät, ich habe schon auf dich gewartet.“, sagte Roman Kalinsky.
Überrascht blieb Liliána stehen, und starrte ihn an. Etwas fülliger geworden, das Gesicht, der Kopf, der Hals, vom guten Leben aufgequollen, aber die Augen unverändert, Augen ohne jeglichen Ausdruck.
„Du hast auf mich gewartet?“, fragte sie, ohne zu bedenken, dass sie ihre Überraschung verriet.
„Du bist lange genug ums Areal geschlichen“, sagte er, und: „Du siehst gut aus“, versuchte er ihr zu schmeicheln.
Die Überraschung ist fehlgeschlagen. Er hat sie in sein Nest gelassen, in sein Rattenloch, mit Absicht. Vorsicht, Vorsicht! Was hat er vor? Egal! Ob überrascht oder nicht. Das Ziel bleibt das Gleiche. Sie spürte ihr Herz bis zum Hals schlagen. Der Schmerz in ihrer linken Brustseite kehrte zurück.
Einige Augenblicke herrschte Schweigen zwischen ihnen.
„Was willst du?“, fragte er dann.

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