20. November 2015

"Erkül Bwaroo und der Mord im Onyx-Express" von Ruth M. Fuchs

Als Erkül Bwaroo mit seinem Freund Dr. Artur Heystings im „Onyx-Express“ reist, geschieht ein Mord. Natürlich macht sich Bwaroo mit seinen kleinen grauen Zellen schnell daran, den zu finden, der die blutige Tat vollbrachte. Außer Bwaroo und Heystings fahren noch zwölf weitere Fahrgäste in diesem Zug. Alle kannten den Toten, dessen Verlobte sich vor einigen Jahren umbrachte. Jeder hat ein Motiv. Möglicherweise wollte die Mutter der Verlobten ja Vergeltung üben. Oder die Schwester der Toten beging den Mord, um Rache zu nehmen. Vielleicht war es aber auch die kapriziöse Operndiva, die so schlecht auf ihren Eiderdaunendecken schlief? Ist die Pianistin, die Heystings den Kopf verdreht, wirklich so harmlos, wie sie scheint? Und was versucht der kämpferische Zwerg zu verbergen?

Der Elfendetektiv und sein Freund finden sich bald in einem Netz von Geheimnissen, Skandalen und Intrigen wieder, als sie versuchen, den Täter zu entlarven. Zwölf Verdächtige, zwölf Motive. Ein Mörder. Oder ist doch alles ganz anders?

Gleich lesen: Erkül Bwaroo und der Mord im Onyx-Express (Erkül Bwaroo ermittelt 4)

Leseprobe:
In diesem Moment ertönte aus dem benachbarten Waggon ein Schrei.
Im Speisewagen war es schlagartig still, und alle schauten zum Durchgang. Nur Bwaroo war bereits aufgesprungen und eilte in Richtung des Schreis. Es ist bemerkenswert, wie schnell und wendig dieser kleine, rundliche Elf sein kann, wenn er es will. Ich stürzte hinter ihm her und sah aus den Augenwinkeln, dass Gneiß wiederum mir eilig folgte. Wir mussten nicht weit laufen. Tony stand wie vom Donner gerührt vor der offenen Tür von Kabine 4 und starrte hinein.
Ich kam praktisch gleichzeitig mit Bwaroo an, und wir blickten beide in das Abteil. Es bot ein Bild der Verwüstung – alles war durcheinander geworfen worden. Und auf seinem Bett lag blutüberströmt Moris Kreidell. Der Arzt in mir gewann die Oberhand, und ich wollte hinein um nach dem jungen Elf zu sehen. Doch Bwaroo hielt mich zurück und schüttelte sachte den Kopf. Natürlich hatte er Recht. Der glasige Blick, mit dem Kreidell ins Leere schaute, die unnatürliche Haltung und das Ausmaß seiner Verletzungen, das man selbst aus der Entfernung abschätzen konnte, ließ keinen Zweifel daran, dass der junge Mann bereits tot war.
„Hier ist ein Verbrechen geschehen, Heystings“, sagte Bwaroo leise. „Wir müssen vorsichtig sein, um keine Spuren zu verwischen.“
„Was ist passiert?“, fragte da Gneiß und schob sich neben uns. „Oh.“ Betroffen blickte er auf den Toten.
„Ich ... ich … wollte nur das Bett machen“, stammelte Tony. „Ich dachte, er wäre beim Frühstück, und ich ...“
Der Zugbegleiter zitterte am ganzen Leib.
„Kommen Sie“, kam Gneiß ihm zu Hilfe. „Sie brauchen jetzt erst einmal einen Schnaps. Ich kenn mich da aus …“ Er nahm Tony am Arm und schob ihn freundlich aber bestimmt in Richtung Speisewagen. „Die Sache hier ist bei Herrn Bwaroo in den besten Händen“, redete er dabei beruhigend auf ihn ein. „Sie können da gar nichts tun.“ Er nickte uns beiden noch über die Schulter kurz zu, ehe er endgültig mit Tony verschwand.
„Guter Mann“, meinte ich, während ich ihm nachsah. „Bewahrt einen kühlen Kopf und tut das Richtige. Da merkt man den Militär.“
Bwaroo hatte inzwischen vorsichtig den Tatort betreten und sich der Leiche genähert. Ich folgte ihm. Nachdem er Körper und Bett genauestens begutachtet hatte, nickte er mir zu.
„Sie können den Toten jetzt untersuchen. Erkül Bwaroo hat alles gesehen“, erklärte er und trat zur Seite.
Ich beugte mich über den toten Elfen und öffnete vorsichtig sein blutverschmiertes Hemd.
„Meine Güte, was für ein Gemetzel“, entfuhr es mir. „Jemand hat wie von Sinnen auf diesen Körper eingestochen! Völlig wahl- und planlos. Da sind acht ... neun ... nein, zwölf Stiche! Mindestens zwei davon waren tödlich! Zwei andere sind dafür kaum mehr als Kratzer. Es scheint, als hätte jemand die Augen geschlossen und in blinder Wut immer wieder zugestochen.“ Ich untersuchte seine Hände und Arme, die unversehrt waren. „Anscheinend hat Kreidell sich gar nicht gewehrt. Seltsam.“
Ich blickte auf und sah Bwaroo, wie er den Stock mit der aufgerichteten Kobra betrachtete. Natürlich war mir bekannt, dass Bwaroo eine Schwäche für ungewöhnliche Spazierstöcke hatte. Doch hier schien mir das doch ziemlich fehl am Platz zu sein.
„Also wirklich, Bwaroo ...“, tadelte ich.
„Oui, Heystings. Je suis d'accord“, erklärte er. „Ich bin völlig Ihrer Meinung ...“ Er machte eine schnelle Drehung aus dem Handgelenk heraus und hielt plötzlich einen kurzen Degen in der Hand, dessen hölzerne Scheide klappernd zu Boden fiel. „Es ist seltsam, dass er sich nicht wehrte. Noch dazu, da er eine solche Waffe zur Hand hatte.“
„Er wurde wohl überrascht, und der erste Stich war bereits tödlich“, vermutete ich. „Aber dann muss er den Täter gekannt haben.“
„Précisément!“, rief Bwaroo und strahlte mich an. „Ihre grauen Zellen, Heystings! Es freut mich, dass Sie gut arbeiten. Sie haben ganz recht, mon ami, Monsieur Kreidell muss seinen Mörder ohne Argwohn eingelassen haben und wurde dann durch den Angriff völlig überrascht. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass er bei dem Besuch eines Fremden so leichtsinnig gewesen wäre.“
Ich freute mich sehr über Bwaroos Lob, versuchte aber, es mir in Anbetracht der doch recht ernsten Situation nicht anmerken zu lassen. Stattdessen bat ich Bwaroo, mir zu helfen, die Leiche umzudrehen. Ich wollte sehen, ob es auf dem Rücken noch mehr Verletzungen gab. Dabei entdeckte ich einen Zettel, der unter dem Kopf des Toten lag. Ich hob ihn auf und ließ den Leichnam, der hinten völlig unversehrt war, wieder in seine ursprüngliche Lage gleiten. Neugierig las ich, was auf dem Zettel stand.
"Qu'est-ce que c'est?", wollte Bwaroo wissen. „Was steht auf dem Blatt?“
Statt einer Antwort reichte ich ihm den Zettel.
„Für Margot“, las Bwaroo laut vor.
„Was soll denn das bedeuten? Wer ist Margot?“ Ratlos sah ich ihn an.
„Je me souviens. Ich erinnere mich. Es gab da vor einigen Jahren einen Zwischenfall.“ Bwaroo blickte nachdenklich auf den toten Kreidell. „Eine üble Geschichte mit der Tochter von Richard Hilbelstein, dem Dirigenten. Das Mädchen und Moris Kreidell hatten une affair du coeur, eine Liebschaft. Doch wenn ich mich recht erinnere, waren die Eltern des jungen Mannes dagegen. Unter uns Elfen gibt es viele, die gegen Mischehen sind, wie ich leider sagen muss. Sie begründen das hauptsächlich damit, dass Elfen langsamer altern als Menschen und langlebiger sind. Natürlich nur eine Ausrede.“
„Solche Ansichten gibt es bei uns Menschen leider auch. Und die Eltern des jungen Mannes haben sich wohl durchgesetzt?“
„So könnte man es nennen.“ Bwaroo seufzte.
„Und was geschah dann?“, fragte ich gespannt.
„Das Mädchen hat sich umgebracht.“
„Wie furchtbar.“
„Es hieß, soviel ich weiß, Margot.“
„Schrecklich.“
„Mais non, Heystings. Margot ist ein sehr schöner Vorname.“

Im Kindle-Shop: Erkül Bwaroo und der Mord im Onyx-Express (Erkül Bwaroo ermittelt 4)

Mehr über und von Ruth M. Fuchs auf ihrer Website.

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