27. November 2015

"Mondscheinmann - Teil 2" von Wolfgang Greuloch

Nach Janika’s Anschlag sitzt Roman Kalinsky schwer gezeichnet im Rollstuhl, außerstande den übernommenen Auftrag weiterzuführen. Er muss ihn an seinen Handlanger Oliver Weniger weitergeben. Dieser sieht eine Chance aus dem Milieu auszusteigen, denn er ist nicht der, für den ihn sein Chef hält. Max Fröhlich, der Mondscheinmann, findet während seines Einbruchs in die Kalinsky-Werkstatt zwei Koffer mit ungewöhnlichem Inhalt. Er entdeckt einen Hinweis auf radioaktive Eigenschaften des Kofferinhaltes und ahnt welche Pläne der Ex-Stasi-Mann verfolgt.

Und Max' heimliche Obsession, Eva Müller, kommt mehr und mehr in Bedrängnis. Wer steckt hinter der Bedrohung der Journalistin? Janika ist nicht zu bremsen. Als sie vom Tod einer Freundin erfährt, die wie sie zur Prostitution gezwungen wurde, packt sie wieder ihre Pistole ein.

Gleich lesen: Mondscheinmann: Teil 2

Leseprobe:
Hauptkommissar Holbrig und sein Kollege Weissbaum blickten auf das blasse Gesicht Roman Kalinsky’s herab, der ihnen aus seinen kleinen, grauen Augen, ohne Anzeichen von Angst oder sonstiger Emotion, entgegen sah. Holbrig stellte sich und Weissbaum vor.
„Herr Kalinsky, die Ärzte sagten uns, dass Sie vernehmungsfähig sind. Wir haben einige grundsätzliche Fragen zu den Vorgängen, die Sie hierher gebracht haben. Sie können sich an die Ereignisse erinnern?“
Kalinsky nickte, das heißt, er bewegte den Kopf ein Stück nach unten. Er lag weiterhin auf der Intensivstation, mehrfache Operationen schwächten ihn bis an seine körperliche substanzielle Basis. Das Überwachungsdisplay zeigte ein, trotz vieler Medikamentenunterstützung, schwer arbeitendes Herz, das sich mit aller Kraft auf die Heilung des geschundenen Körpers konzentrierte.
„Wer hat auf Sie geschossen?“, stellte Holbrig die entscheidende Frage.
„Weiß ich nicht“, kam die Antwort, überraschend nicht nur wegen der Aussage, sondern auch wegen der Klarheit der Stimme, ungebrochen, nicht besonders laut, aber fest.
Ein harter Brocken, dachte Holbrig.
„Wieso? Sie haben doch den Schützen in ihre Wohnung gelassen?“
„Ja schon, aber ich kannte sie nicht.“
„Eine Frau hat Sie angeschossen?“
Holbrig hörte den befriedigten Schnaufer von Weissbaum.
„Ja, eine Frau.“
„Sie kannten die Frau nicht und haben sie trotzdem zu sich gelassen?“
„Ja. Man muss nicht immer das Schlimmste annehmen, oder?“
„Was war der Zweck des Besuches?“
„Es war eine Nutte. Wofür bestellt man eine Nutte?“
Der schwerstkranke Patient verzog keine Miene, sein schmaler Mund zeigte keine Veränderung. Holbrig sah aus dem Augenwinkel, wie sein Kollege sich die Nase mit dem rechten Zeigefinger rieb.
„Und diese Dame“, Holbrig zog das Wort Dame in die Länge, „kam einfach zu ihnen hineinspaziert und verpasste ihnen fünf Kugeln und verschwand wieder?“
„So ungefähr.“
„Warum?“
„Das müssen Sie die Dame fragen.“
„Bei welchem Service oder Unternehmen haben Sie die Dienstleistung bestellt?“, fragte Holbrig unverdrossen.
„Das haben Sie schön gesagt. Ich hab’ dafür eine spezielle Adresse, die ich aber nicht preisgeben will, um die Leute, die an dieser Sache unbeteiligt sind, nicht mit hineinzuziehen“, antwortete Kalinsky, und man merkte, dass seine Kraft doch nachließ, die Stimme klang gepresst.
„Welche Waffe hat dieser Engel benützt?“, mischte sich jetzt auch Weissbaum ein.
„Eine alte Russenwaffe, eine Makarow, neun Millimeter, mit Schalldämpfer. Die Polizei wird über mich Bescheid wissen. Ich komme aus dem Staatsdienst der ehemaligen DDR und bin in diesen Dingen geschult worden. Ich sammele heute Handfeuerwaffen und habe einen Waffenschein.“
Kommissar Holbrig ging nicht darauf ein.
„Wie sah die Frau aus?“
„Geil“, sagte Kalinsky.
Weissbaum vollführte seltsame Kaubewegungen mit dem Unterkiefer.
Holbrig schaute auf den Kranken herab, aber er hütete sich vor Überlegenheitsempfindungen. Er wusste, dass dieser im Dienst der Stasi einen höheren Dienstrang einnahm, in jüngerem Alter als er heute im Staatsdienst. Der Mann besaß eiserne Nerven, einen wachen Verstand, auch in seinem jetzigen angeschlagenen Zustand, und den Drang die Dinge weiterhin zu kontrollieren.
„Wie sah die Frau aus“, fragte er in etwas schärferem Ton.
„Schwarze, glatte, lange Haare, wie gelackt, Pony in die Stirn, mit Sicherheit eine Perücke, knallrot geschminkter Mund, dunkle Sonnenbrille, roter Mantel, schwarze Strümpfe, hohe Pumps. Bevor sie schoss, nahm sie die Brille ab, sie besaß Übung im Schießen.“
Kalinsky’s Augen wanderten zum ersten Mal weg vom Gesicht des Kommissars, blickten zum Fenster, zum ersten Mal sahen die Polizisten ein Mienenspiel, Verwunderung, Erstaunen, auch so etwas wie Bewunderung. Zollte das Opfer der Schützin etwa Anerkennung wegen derer gut gezielter Schüsse? Ein verrückter Gedanke, fand Holbrig.
„Hat die Frau sofort auf Sie geschossen oder haben Sie eine Unterhaltung mit ihr gehabt? Hat sie gesagt, warum sie das tut?“
„Wir haben einige Worte miteinander gewechselt, belanglose Worte, und dann zog sie die Waffe aus ihrer Tasche. Ach ja, vorher steckte sie sich einen Kopfhörer in ihr Ohr, wahrscheinlich ein Musik-Freak, die jüngeren Leute hören heute zu jeder Gelegenheit Begleit-Musik.“
„Sie hörte Musik, während sie auf Sie schoss?“ Jetzt konnte Holbrig seine Überraschung kaum verbergen, und auch Weissbaum brummelte: „Ist ja mal ganz was Neues.“
„Haben Sie Geschlechtsverkehr mit der Dame gehabt?“
Kommissar Holbrig setzte die Befragung fort.
„Nein“, kam die knappe Antwort. „Die Dame war zu schiesswütig.“
„Sie würden die Täterin wieder erkennen?“
„Sicher, aber wie gesagt, sie war gestylt.“
„Ob gestylt oder nicht. Wir schicken in den nächsten Tagen einen Mann vorbei, der mit Ihnen ein digitales Täterbild erstellt.“
„Die ganze Geschichte klingt nach einem Racheakt?“, fragte Weissbaum in seiner bärbeißigen, angriffslustigen Tonart.
„Fragen Sie das Dämchen. Ich weiß es nicht“, sagte Kalinsky.
„Oder war es eine Strafaktion?“, Weissbaum ließ nicht locker.
„Und wenn Sie noch soviel fragen, ich kann der westdeutschen Polizei nicht mehr sagen. Es ist nun eure Aufgabe das herauszufinden.“
„Vielleicht eine Strafaktion von alten Stasi-Kollegen. Die alten Seilschaften standen später nicht immer kameradschaftlich zusammen, hörte man schon des Öfteren.“ Weissbaum wollte es wissen. „Gibt’s da irgendwelche Dinge aus der Vergangenheit?“
„Ich sage dazu nichts.“
Wie gerufen erschien ein junger Arzt, schaute auf den Monitor, und bemerkte: „Sie müssen die Befragung hier abbrechen. Der Blutdruck des Patienten ist gestiegen, sein Puls arbeitet wie bei sportlichen Aktivitäten. Er braucht jetzt Ruhe.“
„Fürs Erste sind wir fertig. Der Kollege, der wegen des Bildes vorbeikommt, bringt ein Protokoll mit, das unterschrieben werden muss. - Das kennen Sie ja.“, setzte Holbrig noch hinzu.
Die beiden Polizisten gingen ohne dem Patienten ‚Gute Besserung’ zu wünschen. Darin waren sie sich ausnahmsweise einmal einig. Als sie die Intensivstation durch die Türen der Schleuse verließen, kam ihnen ein Mann entgegen, knapp unter vierzig, groß, kräftig gebaut, leichter Bauchansatz, längere, ungepflegte, dünne Haare um den Kopf, dazu ein Drei-Tage-Bart, das linke Ohr mit einem kleinen Ring geschmückt, trotz der sonnenarmen Jahreszeit eine Sonnenbrille tragend, mit einer dunklen, engen Lederhose und einem karierten Sakko bekleidet.
Die Männer taxierten sich einen flüchtigen Moment. Der Fremde und die Beamten fassten ihre Meinungen, Holbrig und Weissbaum schauten sich an, jeder ahnte, welchen Eindruck der andere hatte.
Im Aufzug, sie standen allein darin, sagte Holbrig zu Weissbaum: „Lass den Tatort nach Spermaspuren absuchen, ich will sehen, ob der Herr die Wahrheit sagt.“

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