11. November 2015

"Machtfaktor" von David Jonathan

Während der jüngste Abgeordnete des Deutschen Bundestages sich noch orientiert und vorsichtig an einer Karriere arbeitet, ertrinkt sein Vorgänger in einem Kanal. Zeitgleich entdeckt ein Lobbyismus-Beobachter, dass belastende Dokumente, die er im Internet aufspürt, kurz danach verschwinden oder manipuliert werden. Eine Journalistin versucht, die undurchsichtige Arbeit des Forum Neuer demokratischer Weg zu durchleuchten und ein Whistleblower will aufdecken, weshalb eine unbescholtene Frau in Washington auf offener Straße von Sicherheitskräften erschossen wurde.

Behutsam verknüpft David Jonathan die losen Enden dieser für sich schon spannenden Episoden zu einer Geschichte, bei der es um weit mehr geht, als nur einzelne Schicksale. Der alte Spruch von John Lennon: „Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen“, erhält eine neue Bedeutung. Denn wer macht eigentlich Pläne für uns, während wir leben?

„Machtfaktor“ ist ein Thriller über das Bestreben von Menschen, ihren Weg in einer Welt zu finden, die eigene Interessen verfolgt und dafür Handlager benötigt. Aber hat der Einzelne überhaupt eine Chance?

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Leseprobe:
Reihe eins. Fantastisch. Ein reservierter Platz für Dennis Sprott. Er war prominent, von heute auf morgen, quasi über Nacht. Das bin nicht ich, sagte er sich, aber das Lächeln auf seinem Gesicht blieb trotzdem genau dort, wo es schon den ganzen Tag über war: ganz weit zwischen seinen Ohren.
"Hallo, Herr Neuling!"
Jemand durchbrach das gedämpfte Reden der eintreffenden Abgeordneten und Wirtschaftsvertreter. Dennis Sprott ließ sein Wahlkampfgrinsen aufblitzen und ging mit ausgestreckter Hand auf den Fremden zu. Gleich darauf ließ er den Arm eilig sinken.
"Herr Ronnberger, was machen Sie denn hier?" stieß er hervor und verbesserte sich augenblicklich: "Ich meine, schön Sie zu sehen."
Er lächelte matt, ein verlegenes Grinsen eher und strich mit seinen flachen Händen über die Aufschläge seines Jacketts.
Finanzminister Joachim Ronnberger überhörte die Unsicherheit. Er war gewohnt, einschüchternd zu wirken, das brachten Amt und Einfluss mit sich.
"Passen Sie auf sich auf, mein Junge. Als jüngster Abgeordneter stehen Sie schneller im Rampenlicht als vielleicht gut für Sie ist. Ich kann ihnen helfen, sich hier zurecht zu finden. Rufen Sie mich an."
Dennis Sprott war beeindruckt, dass der legendäre Gründer seiner Partei schon von ihm wusste. Während des Wahlkampfs hatte er vergeblich versucht, ihn für einen Auftritt in seinem Wahlkreis zu gewinnen. Jetzt befanden sie sich auf Augenhöhe. Er beglückwünschte sich zu dieser neuen Eroberung in seinem Netzwerk. Aus den Augenwinkeln beobachtete er den Minister, der selbstverständlich in der Mitte neben Kanzler Welther und Außenministerin Büdelhofer saß. Da will ich hin, nahm er sich fest vor. Ich will nicht nur dazugehören, sondern ganz nach oben, an die Spitze.
"Wir müssen wieder verstärkt die eigentlichen Werte dieses Landes in den Vordergrund unseres Handelns stellen: Arbeitseifer, innovative Kreativität, Loyalität und eine hochstehende Moral", referierte Bundespräsidentin Reim zum Tag des Deutschen Volkes an diesem zehnten Mai. Auf dem anschließenden Empfang hielt sich Dennis Sprott etwas abseits. Er beobachtete, wie sich die Damen und Herren durch den Raum umeinander herum drehten und aufeinander zu bewegten. Eine Choreographie der Rangordnung, dachte er, ein Tanz der Mächtigen. In diesem Moment wurde ihm bewusst, dass er noch sehr viel lernen musste, bevor er im politischen Ballett zum Solisten werden konnte.
"Entschuldigung, sind Sie nicht einer der jüngsten Bundestagsabgeordneten?"
Plötzlich stand die Frau neben ihm und lächelte ihn an. Das, sagte er sich, sind die wundervollen Dinge, die einfach passieren, wenn man dazugehört.
"Genau gesagt, bin ich der jüngste Bundestagsabgeordnete", antwortete er. "Dennis Sprott." Dabei streckte er ihr die Hand entgegen.
"Sehr erfreut." Sie nahm seine Hand mit einem leicht ironischen Unterton in ihrer Stimme. "Hélène Deffault."
"Eine Französin?" platzte Dennis Sprott überrascht heraus.
"Halbfranzösin väterlicherseits", korrigierte sie spielerisch beleidigt.
Blonde Locken umrahmten ihr Gesicht und legten sich verspielt auf ihre Schultern. Sie trug eine Jeans, einen Rollkragenpullover und eine hüftkurze Jacke - alles in schwarz. Einfach unpassend in dieser Umgebung, überlegte Dennis Sprott, der vergeblich versuchte, sie irgendwie einzuordnen. Da schob ihn eine schwere Hand zur Seite.
"Finger weg, mein junger Freund. Sie wollen sich doch nicht gleich bei ihrem ersten großen Auftritt unbeliebt machen."
Er stolperte unbeholfen ein paar Schritte. Danach sah er, wie Joachim Ronnberger die junge Frau am Arm zu seinen Gesprächspartnern führte. "Machen Sie sich nichts daraus."
Der Mann am anderen Ende seiner Drehung war höchstens Mitte dreißig, hatte blonde mittellange Haare, gerötete Haut und einen nicht zu übersehenden Bauch. Durch sein offenes Lachen wirkte er auf den ersten Blick sympathisch.
"So bleibt sie immerhin in der Partei", witzelte Dennis Sprott bemüht.
"Trotzdem eine Niederlage", stichelte der andere freundlich.
"Sagt wer?" konterte Dennis Sprott.
"Der jüngste Abgeordnete der vergangenen Saison", lachte der Blonde. "Nils Wittstock der werte Name."
"Dann habe ich Sie sozusagen von ihrem Podest gestoßen."
"Könnte man sagen. Aber ich bin nicht nachtragend. Darf ich Sie einladen?"
"Kein großes Ding, wo hier doch alles umsonst ist."
"Kostenlos, wenn schon. Wir sollten dennoch gehen, meine ich. Lassen Sie mich Ihnen ein wenig von Berlin zeigen."
"Danke, ich habe schon eine Stadtbesichtigung mitgemacht", lehnte Dennis Sprott höflich ab.
"Nicht meine", blieb der andere beharrlich. "Ich führe Sie ein in das Berlin der Politiker und Lebenskünstler."
"Was, bitte, soll das sein?"
"Warten Sie ab und kommen Sie mit", lockte Wittstock.
Der Minister legte eben seine Hand auf die Schulter der Frau und zog sie näher zu sich heran. In der Gruppe gab es großes Gelächter. Kanzler und Außenministerin stellten sich gerade dazu und stimmten ein. Die Bundespräsidentin war von einer Menschentraube umgeben und gab eine Anekdote zum Besten. Einige Abgeordnete standen abseits oder bildeten eigene Gruppen. Kronleuchter tauchten den Raum in strahlendes Licht. Gelegentlich wechselte jemand zwischen den Gruppen. Der jüngste Bundestagsabgeordnete taxierte die Szene und überlegte, wo er sich dazustellen könnte.
Nils Wittstock, der seinen Augen gefolgt war, lächelte undurchsichtig.

Im Kindle-Shop: Machtfaktor

Mehr über und von David Jonathan auf seiner Website.

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