18. Dezember 2015

"Spur der Asche (Kreuzwege 1)" von Peter Erikson

Es ist das Jahr 1095. Das Abendland wird von fortwährenden Kriegen, Plünderungen, Seuchen und Hungersnöten ausgezehrt. Der Kampf zwischen Papst und Kaiser scheint kein Ende nehmen zu wollen.

Fern von den Schlachtfeldern, wächst Jonah im Findelhaus des Klosters von Hallberg auf, wo er den Mönchen bei ihrer Arbeit im Spital hilft. Am Totenbett eines Fremden nimmt er einen scheinbar harmlosen Gegenstand zur Aufbewahrung an und findet sich ungewollt zwischen den feindlichen Fronten wieder.

Immer tiefer wird er in eine Verschwörung fanatischer Priester und dunkler Magier hineingezogen, die die Macht im Kaiserreich an sich reißen wollen. Will Jonah seine Freunde und das Kloster vor dem sicheren Untergang retten, muss er ein ungeliebtes Erbe akzeptieren und sich Mächten entgegenstellen, deren Existenz er noch vor Kurzem noch für reinen Aberglauben hielt.

Gleich lesen: Spur der Asche: Kreuzwege 1

Leseprobe:
Prasselnd klatschte der Regen gegen die rissigen Holzläden, die den eisigen Wind kaum abhielten, der seit dem späten Abend um die Ecken des Klosters jagte. Fröstelnd zog Jonah die Kutte enger um sich, die vor ihm jemandem mit deutlich breiteren Schultern und längeren Beinen getragen hatte. Die Tage mochten schon sonnig und warm sein, doch nachts war von Frühling wenig zu spüren, und seit Beginn der Fastenzeit fachten die Mönche kein Feuer mehr an, um den Krankensaal zu wärmen. Nur der Rauch von verbrannten Kräutern, die die Luft von üblen Krankheiten säuberten, hing im Saal.
Behutsam trat er an das Bett des Verwundeten und stellte den Eimer mit Lappen und frischem Wasser auf dem steinernen Boden ab. Als er sich über den Mann beugte, schlug ihm säuerlicher Gestank von verschüttetem Wein, Erbrochenem und Pisse entgegen. Seine Rücksicht war unnötig gewesen, nicht einmal die Ratten, die über das Bett huschten, um an dem Erbrochenen und den verstreuten Essensresten zu fressen, hatten den Ritter in seinem Rausch geweckt.
Den Holzteller mit dem Kerzenstumpf stellte er auf den Schemel am Kopfende des Bettes und schlug mit dem feuchten Lappen nach den Ratten, die nur widerwillig von ihrer Mahlzeit abließen. Erst als die Letzte in ihr Versteck huschte, kniete er sich auf den kalten Boden und zog den Eimer zu sich heran. Vorsichtig begann er, dem Mann Schmutz und Schweiß aus dem Gesicht zu waschen. Die meisten Menschen, die im Spital um Hilfe baten, waren alt, arm und halb verhungert. Gebete und einige gute Mahlzeiten brachten sie meist schnell wieder auf die Beine. Doch der Ritter war jung, vermutlich nur wenige Jahre älter als er selbst und gut genährt. Feste Muskeln zogen sich über seine Arme, die aussahen, als seien sie es gewohnt, lange Stunden mit dem Schwert zu üben.
In dem wenigen Licht, das der Kerzenstumpf hergab, betrachtete Jonah den Verband, den die Mönche am Morgen um den Schwertarm des Ritters gebunden hatten. Der Stoff war verkrustet von eingetrocknetem Blut und Eiter. Es war an der Zeit, ihn zu wechseln. Jonah löste die Schnüre, die den Verband um den Arm hielten, und zog den Lappen behutsam von der Haut. Er pfiff leise durch die Zähne, als die Verletzung zum Vorschein kam. Das Fleisch um die kreisförmige Wunde hatte sich schwarz verfärbt und nässte. Die Ränder glühten rot, und gelblicher Eiter quoll zäh hervor. Vor dem Gestank, der daraus aufstieg, drehte er den Kopf zur Seite und holte tief Luft, bevor er begann, die Wunde mit klarem Wasser zu reinigen. Wann immer der Ritter im Schlaf stöhnte, hielt er für einige Atemzüge mit seiner Arbeit inne.
„Wie schlimm ist es?“, murmelte der Mann mit belegter Stimme, ohne die Augen zu öffnen.
„Der Verband war schmutzig. Ich bin bald fertig, mein Herr.“ Jonah blickte zu dem Mann auf. So betrunken war er also doch nicht, dass er die Schmerzen und das kalte Wasser nicht gespürt hätte.
„Stinkst du so, oder steht es tatsächlich so schlecht um mich, wie ich fürchte?“ Der Mann öffnete langsam die Augen und versuchte vergeblich, ein Stöhnen zu unterdrücken, als er sich aufrichtete. Nach einem kurzen Blick auf das faulende Fleisch ließ er sich offenbar ernüchtert auf den Strohsack zurücksinken.
Jonah antwortete nicht, sondern fuhr fort, Blut und Eiter behutsam abzutupfen. Als die Wunde sauber aussah, legte er einen neuen Lappen darüber und band ihn mit zwei Schnüren fest um den Arm.
„Wie heißt du, Bursche“, fragte der Ritter und schob den Arm unter die Decke.
„Ich heiße Jonah, mein Herr.“
„Merkwürdiger Name für einen Novizen. Bist du nicht etwas zu jung und auch zu klein, um dir hier die Nacht um die Ohren zu schlagen und dich um Tote zu kümmern?“
„Ich bin kein Novize. Das Kloster hat mich im Waisenhaus aufgenommen, seitdem helfe ich hier im Spital. Und Ihr seid nicht tot, mein Herr.“
„Das sieht meine Familie wohl anders. Alles von Wert haben sie zusammengerafft und mitgenommen. Oder siehst du irgendwo mein Schwert oder meinen Schild? Mein Pferd steht sicher auch nicht bei euch im Stall. Nein, ganz sicher nicht. Wie ich meinen Vater kenne, feilscht er schon mit dem Abt um den Preis für die Totenmesse. Und jetzt sagt mir ein dahergelaufener Bastard, ich sei nicht tot. Besser der Pfeil hätte mich gleich ins Herz getroffen, statt in den Arm!“ Er setzte sich auf, den verletzten Arm an seine Brust gepresst.

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Mehr über und von Peter Erikson auf seinerWebsite.

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