22. Januar 2016

"Mondscheinmann - Teil 3" von Wolfgang Greuloch

Das Urteil im Vergewaltigungsprozess Perper-Grau-Prozess wird verkündet. Eva Müller schreibt sich ihre Enttäuschung von der Seele.
Kommissar Holbrig kommt Janika Fargó auf die Spur und damit auch Max Fröhlich, dem Mondscheinmann, der zuvor Janika aus seinem Haus verwiesen hat. Aber er bereut es bald. Denn Janika begegnet ihrem Schicksal. Die Ermittlungen gegen den Racheengel, der das Rotlichtmilieu aufschreckt, treten in den Hintergrund, als die Lebensgefährtin des ermordeten V-Manns, Oliver Weniger, in das Präsidium kommt und dessen Aufzeichnung mit den Treffen seines Führungsbeamten mitbringt.

Die letzten Eintragungen des Ermordeten lassen nur einen Schluss zu: In der Stadt ist ein terroristischer Akt ungeahnten Ausmaßes geplant. Aber wann und wer steckt dahinter? Die Polizei steht am Anfang der Ermittlungsarbeit. Da geschieht das Undenkbare!

Gleich lesen: Mondscheinmann: Teil 3

Leseprobe:
Kommissar Holbrig fuhr langsam durch die Straße, eine schöne kleine Straße, ohne Durchgangsverkehr, nur Anlieger, große und weniger große Grundstücke, alles freistehende Häuser unterschiedlicher Ausprägung, Villen zum Teil. Eine Straße, die nach Geld und Wohlstand riecht, nach einer anderen Einkommensklasse als die von Holbrig. Na ja, ob die glücklicher sind als meine Wenigkeit, tröstete sich der Kommissar. Da drüben die Sechzehn, auf der anderen Seite die Siebzehn, er suchte die Neunzehn.
Holbrig fasste einen einsamen, ziemlich spontanen Entschluss, gegen alle Vernunft wollte er die Befragung von Janika Fargó alleine durchführen, sein Kollege Weissbaum ist mit dringenden Ermittlungen unterwegs. Er erzählte seinem Kollegen erst unterwegs von seiner Absicht. Dieser reagierte fast aufgebracht wegen der Unvernunft. Normalerweise wird eine heikle Aufgabe aus Sicherheitsgründen von zwei Beamten erledigt, aber Holbrig konnte ihn mit dem Hinweis beruhigen, an den er übrigens selbst nicht so ganz glaubte, dass die Gesuchte mit Sicherheit geflohen sei. Holbrig gab Weissbaum die Adresse durch und versprach ihm, zu jeder vollen Stunde anzurufen. Wenn das nicht geschehe, würde Weissbaum mit einem Sondereinsatzkommando vor der Wohnung der Fargó erscheinen.
Wenn die KR erführe, dass er alleine eine Aktion startete, würde er einen Rüffel bekommen, und wenn etwas schief lief, würde es ernst werden. Was ist, wenn er die gesuchte Janika Fargó doch antreffen würde? Gegenfalls könnte er sie vorläufig festnehmen, die Fotos sind bedeutende Indizien. Er handelte nach eigenem Ermessen, wie KR Burmester zu ihm sagte. Natürlich ist das nicht das Ermessen, wie sie es ihm freistellte, Holbrig wusste dies. Sein Vorgehen barg ein Risiko.
Es war einfach ihren Aufenthaltsort herauszufinden, eine Umfrage in den Meldbehörden, Ausländerabteilung, und schon bekam er Auskunft. Diese Adresse ist der Behörde im Herbst des letzten Jahres gemeldet worden. Die junge Frau ist als Hausgehilfin angestellt, besitzt eine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis. Sie ist der Meldebehörde aber erst seit vorletztem Jahr bekannt. Klar, seit sie volljährig wurde. Die vorherige Adresse muss auch noch angeschaut werden, die lautete nicht so vielversprechend, wie diese hier.
Eine Sandsteinmauer mit Pfosten und schmiedeeisernem Zaun tauchte auf, hohe Bäume dahinter. Das müsste die Neunzehn sein. Zurückgesetzt, zwischen den Bäumen eine klotzige Jugendstilvilla, klotzig, aber mit einem kräftigen Hauch von Nostalgie, dem Atem der Gediegenheit, den diese Gebäude manchmal innehaben, diesen Anschein eines Wohlfühlfaktors erweckend. Modernen Gebäuden, Wohnhäusern, geht so etwas ab, das kriegen die heutigen Architekten nicht mehr hin. Aber war das Gebäude nicht auch zu dessen Bauzeit modern gewesen? Werden die heutigen Wohnhäuser vielleicht den zukünftigen Betrachtern auch Wehmut nach einer vergangenen Epoche empfinden lassen? Wer weiß?
Andererseits ist das Gebäude ein alter Kasten, schlecht isoliert, der ein kleines Vermögen an Heizkosten verschlingt, oder schlecht geheizt wird und muffelig riecht. Holbrig zwang seine Gedanken wieder zurück. Er hielt vor einer breiten PKW-Zufahrt, versperrt ebenfalls mit einem eisernen Tor, dem man bei genauem Hinsehen etwas Patina ansah, aber das gehörte dazu. Neben dem Tor eine Pforte mit einer Sprechanlage im Pfosten. Er parkte gegenüber und ging zum Gartentor. Er spürte Neugierde, wie er sie seit langem nicht mehr gespürt hatte. Was würde ihn erwarten? Würde er das Mädchen zu Hause antreffen? Er kam natürlich unangekündigt. Angst? Er wusste nicht zu sagen, warum er keine Angst verspürte, obwohl er doch nach einer jungen Frau fahndete, die mindestens ebenso mit einer Waffe umgehen konnte wie er, vielleicht sogar besser. Wahrscheinlich besser.
Es dauerte nach seinem Klingeln bis sich eine Frauenstimme meldete.
„Kommissar Holbrig hier, von der hiesigen Polizei. Ich möchte Janika Fargó sprechen.“
Ein Moment Schweigen.
„Wie ist ihr Name?“, fragte die Stimme. Holbrig sagte seinen Spruch nochmals auf.
„Warten Sie bitte einen Moment. Ich werde den Hausherrn fragen. Bitte einen Moment.“
Den Hausherrn fragen, das passt doch, zu einer hochherrschaftlichen Villa gehört auch ein Hausherr. Dann wieder die Stimme:
„Hören Sie? Ich mache die Gartenpforte auf. Wenn Sie an der Haustür sind, drücken Sie bitte noch mal auf die Klingel.“
Augenblicklich ertönte der Öffnungssummer. Holbrig ging auf Verbundpflaster der Haustür entgegen, gesäumt von vereinzelten Rhododendronsträucher, die während der warmen Jahreszeit reizvoll aussehen müssten; der Kies bestreute Weg der breiten PKW-Einfahrt führte um das Haus herum. Holbrig sah hinter dem Haus einen wintergartenähnlichen Anbau hervorlugen, der aber sehr hoch sein musste. Eine Modernisierungsmaßnahme?
Jetzt fiel ihm auf, dass die Fenster im ersten Stock, nicht nur mit Vorhängen zugezogen, sondern regelrecht verdunkelt waren. Sonderbar, das an einem Tag wie diesem, einem ausnahmsweise sonnigen Januartag, am frühen Nachmittag.
Drei Stufen führten zur Haustür, die von einem auf Holzpfeilern ruhendem Vordach geschützt wurde, eine breite, gut gepflegte hölzerne Tür mit gläsernen Jugendstilelementen. Holbrig drückte noch mal einen Klingelknopf. Die Tür ging auf, er betrat einen geräumigen Flur, gleichzeitig Treppenhaus, gefliest, mit einem Läufer ausgelegt, eine Garderobe, ein zierliches Tischchen mit zwei Stühlen. Eine ältere Frau, schwarzgrau meliertes, aber immer noch dichtes Haar, dunkle Augen, die aber jetzt eher ängstlich blickten, kam aus dem Hintergrund herbei.
„Guten Tag Herr Kommissar. Bitte haben Sie noch einen Augenblick Geduld, Herr Fröhlich wird gleich herunter kommen. Sie können hier Platz nehmen“, sagte sie.“
„Nochmals: Frau Janika Fargó, ist nicht anzutreffen?“, fragte Holbrig. Er ahnte die Antwort, aber er bekam keine.
„Herr Fröhlich wird ihnen die Frage beantworten.“
Natürlich. Wer schießt zwei Menschen, oder besser zwei Schweine, zu Krüppel, und bleibt in seiner gemeldeten Wohnung.
Holbrig nahm Platz, schaute interessiert umher, die Frau verschwand wieder im Flur hinter der Treppe. Er brauchte nicht lange zu warten, eine junger Mann in einem dunklen Trainingsanzug kam die Treppe herunter, groß, schlank, blass, das Haar wirr um den Kopf stehend, zweifellos, der Mann wurde aus dem Schlaf gerissen. Seine rechte Gesichtshälfte trug Zeichen einer Verletzung, nicht unbedingt Narben, die Hautfarben passten nicht zusammen; die linke Hälfte des Gesichtes leuchtete fast in porzellanhafter Blässe, die andere Seite ließ deutlich die Hautverpflanzung durch eine gelbliche Tönung und einen dunkleren Rand erahnen. Eine Brandverletzungen?, ging es Holbrig durch den Kopf.

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