3. Februar 2016

"REISEZIEL: Indien - Gefährlicher Mythos" von Finja Falk

Leonie hat einen Traum. Nach ihrem Abitur möchte sie bei einer Hilfsorganisation in Indien arbeiten und endlich die Welt kennenlernen. Am Tag ihres Abflugs in Frankfurt ist sie sehr glücklich. Während sie mit ihren Eltern am Flughafen eine letzte Tasse Tee trinkt, bemerkt sie einen Mann, der sie aus einiger Entfernung zu beobachten scheint. Er wirkt sehr vornehm, trägt einen schwarzen Turban und einen dunkelblauen glänzenden Seidenanzug.

Nachdem sich Leonie von ihren Eltern verabschiedet hat, steht der geheimnisvolle Inder plötzlich ganz dicht neben ihr. Sie hört das leise Knistern seines Seidenanzuges, als er sich sanft zu ihr umdreht. Auch einen würzigen Hauch von Rosenholzöl steigt ihr, im Trubel der Menschenmenge, unaufhaltsam in die Nase.

Von der Nähe des mysteriösen Fremden ist Leonie wie gelähmt. Unter einfühlsamen Komplimenten, streift er ihr einen wunderschönen silbernen Armreif, mit einem herrlichen Türkisstein, über ihr Handgelenk. Danach verschwindet er zwischen den Abfluggästen. Leonie ist über diesen außerordentlich schönen Schmuck sehr überrascht, doch er gefällt ihr sehr gut.

Ab diesem Zeitpunkt jedoch, beginnt ihr Leben eine schicksalhafte Wendung zu nehmen. Sie fällt in einen Sog unglaublicher Ereignisse, die sie zu tiefst beunruhigen. Einen Weg zurück nach Hause, scheint es nicht mehr zu geben. Dann geschieht etwas Unglaubliches. Leonie und die Kinder der Hilfsorganisation GHL werden von einer militanten Gruppe indischer Soldaten überfallen und in den indischen Dschungel verschleppt.

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Leseprobe:
Leise klopfte es an Leonies Zimmertür.
„Bist du wach?“
Leonie dachte nach. Ein Traum entschlüpfte ihren Gedanken.
„Leonie!“ Die Zimmertür wurde einen Spalt geöffnet und Jonas, ihr Zwillingsbruder, steckte seinen Kopf ins Zimmer. „Ich hab die Augen zu“, sagte er vorsichtshalber.
Nur noch kleine Eindrücke ihres Traumes schwammen irgendwo in ihrem Kopf. Kleine Fragmente, die, wenn sie daran dachte, schon in Vergessenheit gerieten. Sie hörte noch das Rattern des behäbig dahinfahrenden Zuges durch eine ihr fremde und doch irgendwie vertraute Landschaft. Ihre Fahrkarte für diese Reise konnte sie nicht finden. Sie suchte verzweifelt danach, denn der Zugführer wollte die Karte unbedingt sehen. Er trug eine ungewöhnliche Kopfbedeckung und starrte sie ununterbrochen an. Zwei Stierhörner, gleich einem Wikingerhelm, zierten seine geflochtene Mütze. Je größer ihre Angst wurde, desto bedrohlicher wirkte der absonderliche Schaffner. Doch alle ihre Taschen waren leer. Immer drängender wurde der Wunsch dieser Situation zu entfliehen.
„Könntest du bitte jetzt mal aufstehen und frühstücken? In einer halben Stunde müssen wir am Bus sein!“, maulte Jonas.
Seine eindrückliche Stimme half Leonie die Augen zu öffnen. Sie sah auf ihre sonnengelb gestrichene Zimmerdecke. Noch spürte sie ihr Traumgefühl ganz deutlich. Nur langsam entschwand der Wunsch doch noch irgendeine Tasche mit der existenziell wichtigen Fahrkarte finden zu können. Sie drehte sich ruckartig auf die Seite und wollte damit diese fesselnden Gedanken loswerden. Die Wärme unter ihrer Bettdecke tat gut, niemals würde sie dieses geliebte Bett verlassen, solange sie diese Fahrkarte nicht gefunden hätte. Doch sie täuschte sich gewaltig. Es war ja auch nur so eine Idee gewesen, zeitlos in ihrem Bett zu verharren, um von der Realität nicht eingeholt zu werden.
„Kommst du jetzt?“ Es klang nicht unbedingt wie eine Frage, eher wie ein Befehl. Jonas war zwar ihr Zwillingsbruder, aber er bestand darauf dem der Rest der Welt zu erklären, dass er der Erste war, der das Licht der Welt erblickt hatte. Folglich sei er, wie es überall auf der Welt üblich sei, der Herrscher über Leonie und ihrem Reich zu Hause in Berbendorf bei Frankfurt. Entgegen der Ansicht anderer Menschen, die glaubten, dass Zwillinge eine innere Verbindung zueinander haben, spürte Leonie nichts. Nicht, dass sie ihren Bruder nicht liebte, er war schließlich ihr Bruder, doch er und seine Denkweise waren ihr völlig fremd. Seine Welt, in der alles einen Platz oder einen Termin hatte, war für Leonie unglaublich mühsam. Es war ihr absolut unbegreiflich, wie jemand auf die Idee kommen konnte Ingenieurswissenschaften an einer Uni studieren zu wollen.
Jonas hingegen beanstandete, sie sei launisch und zickig. Er befürchtete, dass sie eines Tages etwas vollkommen Dummes tun würde, irgendetwas, das sie in furchtbare Schwierigkeiten brächte. Leonies Interesse für fremde Länder und Kulturen war ihm unverständlich und ihre stundenlange Suche am Laptop nach Reisen in ferne Länderschien ihm völlig überflüssig.
Leonie schob ihre warme Bettdecke vorsichtig beiseite und ein kalter Luftzug umspielte ihre Beine. Gegen das knallrote Leintuch stach ihre bleiche Haut ab. Kein Wunder, es war Januar und die Sommerbräune schon längst verflogen. Sie dachte mit einem Lächeln daran, dass ihre Haut bald in einem goldenen Braunton schimmern und sie ihre hellblonden Haare zu einem wilden Pferdeschwanz binden würde. Dann würde ihr echtes Leben beginnen, ein Leben voller wunderbarer Momente und endloser Abenteuer. Sie sehnte den Augenblick herbei, an dem sie ihrer Familie auf Wiedersehen sagen und in einem großen Flugzeug davonfliegen konnte. Noch einmal wollte sie heute einen Kassensturz machen und genau zusammenrechnen, wieviel Geld ihr für eine Reise zur Verfügung stand.
„Verdammt, Leonie“, vernahm sie noch, bevor Jonas die Badezimmertür zuknallte und laut die Stufen zur Küche hinabstampfte.
„Ja, auch verdammt, ich komme gleich!“, rief sie ihm hinterher. Ihr System, um morgens so schnell als möglich an den Frühstückstisch zu kommen, war sehr ausgeklügelt. Wenn sie sich abends auszog, lies sie ihre Jeans auf den Boden gleiten, alles andere kam oben drauf, nur die Unterwäsche warf sie gekonnt in den rosafarbenen Hängewäschekorb an der Tür. In jahrelange Übung hatte sie diesen Wurf durch das große, gähnende Lochperfektioniert. Dann musste sie sich nur umdrehen und ihren neuen Kleiderschrank öffnen, wo ihre Mutter die Unterwäsche im mittleren Fach farblich einsortierte. Ein Griff, und ihr Kleiderhaufen für heute früh lag perfekt vor ihr. Sie zog ein Kleidungsstück nach dem anderen an und war.mit ein paar Schritten im Bad. Das laute Surren der grün-weißen Borsten ihrer elektrischen Zahnbürste drang bis in die hintersten geheimnisvollen Winkel ihres Gehirns und zerstreute die letzte Müdigkeit. Jetzt war sie hellwach.
„Du erinnerst dich schon, dass wir heute um 13:00 Uhr über die Abi-Abschlussfeier diskutieren?“ Jonas schaute Leonie mit hochgezogener Augenbraue über den Frühstückstisch hinweg an. Das war typisch für ihn. Termine schienen ihn wirklich glücklich zu machen. Sie nickte ihm zu. Trotz seiner siebzehneinhalb Jahre sah er aus wie ein Lausbub und ganz sicher nicht wie ihr Zwillingsbruder. Seine rotbraunen Haare standen wie immer zerzaust von seinem Kopf ab und nur die klebrigen Reste seines Haargels zeigten, dass er zumindest den Versuch unternommen hatte seine widerspenstigen Haare zu bändigen. Er besaß die Locken, die Leonie völlig fehlten. Ihre Haare waren hellblond und es war, wie ihre Mutter immer sagte, höchstens Schnittlauchlocken zu entdecken. Das einzige, worin sich die Zwillinge glichen war eine kleine Schar hellbrauner Sommersprossen um ihre Nasen. Doch jetzt im Winter waren diese fast völlig verschwunden. Leonies Augen, das hatte sie im Spiegel mehrfach erkundet, waren wiesengrün mit bernsteinfarbenen Sprenkeln und umrandet von fast weißen Wimpern. Selten reichte die morgendliche Zeit, um sie mit einem braunen Kajal zu tuschen. Zu Jonas großem Ärger war Leonie etwas größer als er, gemessen an der inneren Wand des Küchenschranks, an dem ihre Mutter seit Jahren die Größe ihrer Kinder mit einem kleinen Bleistiftstrich festhielt, immerhin fünf Zentimeter.
„Länger“, sagte Jonas mit gespielter Würde, wenn sie auf dieses Thema zu sprechen kamen, „bestenfalls länger, aber keinesfalls größer.“
Wenn Leonie nicht aufpasste und ihm nicht zustimmte, konnte er sich reinsteigern und tatsächlich beleidigt sein. Obwohl sie nichts dafür konnte, war es fast wie eine Strafe für ihn und sie hoffte sehr, dass er noch einmal an Länge zulegen würde, einfach, damit endlich Ruhe war.
„Kommst du?“ fragte Leonie grinsend und griff eilig nach einer Brezel, die zart mit Butter bestrichen schon fertig auf ihrem Frühstücksteller lag. Ihre Mutter kochte morgens den Tee, deckte für die Familie den Tisch mit ihrem wunderbaren orangefarbenen Frühstückgeschirr und dachte am Vorabend immer daran allen vom Bäcker etwas Leckeres mitzubringen. Es war beruhigend und ein täglicher Beweis ihrer Liebe und Fürsorge für die ganze Familie. Das schätzte Leonie sehr.
„Hey warte“, rief Jonas ihr nach, doch Leonie war schon unterwegs Richtung Bushaltestelle. Der Bus fuhr um 7 Uhr 32 ab Haltestelle Bismarckstrasse Richtung Goldheim über das Anne Frank Gymnasium, wo sie beide die 13. Klasse besuchten. Alles war wie immer, noch war Leonies Leben ein gleichmäßiger Ablauf von Freizeit und Verpflichtungen, doch das sollte sich bald ändern. Nach dem Abi würde Jonas studieren und sie würde ein freiwilliges halbes Jahr irgendwo auf der Welt verbringen.

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