24. Februar 2016

'Fremdes Kind' von Verena Dahms

Isabelle, erzogen in einem strengen und konservativen Elternhaus, sucht nur eines: Freiheit. Mit ihrem ehrgeizigen Ziel, als Autorin und freie Journalistin Fuß zu fassen und etwas zu bewegen, stößt sie häufig an Grenzen und gerät auf Irrwege. Doch gerade diese Umwege führen sie zu ganz neuen Lösungen und zu einem lang gehegten Geheimnis, das sie endlich aufklären kann ...

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Leseprobe:
Die Bar lag an der langgezogenen Hauptstraße am Ende des Dorfes. Bar Restaurant Les Oiseaux stand in großen Lettern an der Frontseite über dem Eingang geschrieben. Links und rechts vom Eingang standen irdene Kübel, in denen allerlei Grünzeug wucherte. Auf der einen Seite befand sich eine Terrasse, welche mit Natursteinen umrandet war. Die Tische und Stühle lehnten zusammengestellt an der Hauswand und warteten auf Sonnenschein und Wärme.
Das Haus war niedrig gebaut, der Dachfirst flach. Ein mächtiger Schornstein ragte in der Mitte des Daches in den Himmel. Die grüne Farbe der Fensterläden war durch Regen und Sonne stark in Mitleidenschaft gezogen worden. An einigen Stellen blätterte die Farbe und das Holz, das auch schon verwittert war, kam zum Vorschein. In der oberen Hälfte der Eingangstür war eine Fensterscheibe eingelassen und weiße Spitzenvorhänge verwehrten den Einblick uns Innere. Rote Backsteine und unregelmäßig geformte gelbe Natursteine umrahmten Tür und Fenster.
Isabelle blieb stehen. Sie hatte eingekauft, nur das Notwendigste, das sie in den nächsten Tagen in der Einsamkeit auf den Klippen benötigen würde. Es ging ihr etwas besser. Das Klopfen in der Hand war nicht mehr so heftig und sie konnte wieder schlafen. Mireille brachte ihr jeden Morgen zwei frische Eier.
„Dass Sie wieder zu Kräften kommen, Kindchen“, hatte sie gesagt. Immer nannte sie sie Kindchen! Irgendwie mochte sie die alte neugierige Frau ein klein wenig.
Sie hängte ihre volle Einkaufstasche an den linken Arm und öffnete mit der Rechten die Tür. Eine Mischung aus abgestandener Luft, Männerschweiß und Anis schlug ihr entgegen. Verstohlen musterte sie die Einrichtung: Poster von Fischerbooten an den Wänden, staubige Kunstblumen auf den vereinsamten Tischen.
Das Leben spielte sich an der Bar ab, das sah sie gleich. An der Wand hinter dem Tresen waren Flaschen aufgereiht, links die übliche Sammlung von Sirups von Pfefferminz bis Grenadine, rechts die Kräuterliköre, Obstbrände, Cognac, mehrere preiswerte Whiskysorten und Rum.
Drei Männer in verschmutzten Overalls lehnten am Tresen und genehmigten sich ihren Pastis, eine milchige Flüssigkeit in Wassergläsern. Das polternde Patois konnte Isabelle nicht verstehen. Wie auf Kommando drehten sich alle drei nach ihr um und musterten sie schweigend.
Einer brummte etwas, das sich wie „ Eh beh! Touriste“ anhörte. Es klang abfällig. Isabelle wurde sich ihrer durchgestylten Aufmachung plötzlich sehr bewusst: Die künstlich und sehr teuer auf alt getrimmte Jeans, das Band-T-Shirt und die Lederjacke, das schrie ja förmlich Städterin.
Hinter der Theke stand der Wirt und scheuerte mit einem schmutzigen Lappen die Tischplatte. Er nickte ihr kurz zu und murmelte, „komme gleich“, dann wandte er sich wieder seiner Tischplatte zu.
Sie setzte sich an einen Bistro-Tisch nahe am Fenster und legte ihr Handy auf den Tisch. Hier hatte sie kein Funkloch so wie gestern auf den Klippen, aber es blieb stumm. Kein Mensch wollte wissen, wie es ihr ging.
Nachdenklich schaute sie auf die Straße. Hier würde sie also in den kommenden Jahren leben. Es gab zwar alles, was man so zum Leben brauchen würde. Einen Tante-Emma-Laden, in dem nebst Wurst, Obst und Gemüse auch Strumpfhosen angeboten wurden und eine Boulangerie mit herrlich duftendem Brot und sagenhaft aussehenden Torten. Sie hatte bei ihrem Einkauf staunend vor der Auslage gestanden.
Ihre Einkäufe müsste sie zu Fuß erledigen. Aber das war nicht das Problem, sie würde nicht viel brauchen. Aber hier am Ende der Welt? Wollte sie wirklich hier leben?
Nach anfänglichem Zögern war sie Feuer und Flamme gewesen, als Danielle das Haus in der Normandie angeboten hatte. Hier würde sie vergessen können, hatte sie gedacht. Hier würde sie endlich Zeit und Ruhe finden, ihr Buch zu schreiben. Ein lang gehegter Wunsch. Aber jetzt? Ihr Daumen pochte. Sie würde in nächster Zeit nicht schreiben können. Also herumsitzen, entweder im Haus oder hier in der Bar, wo sich die Arbeiter einen Pastis genehmigten, und sie wie eine Außerirdische anstarrten, weil sie so anders aussah, und wo die Einwohner über sie tuscheln würden. Sie würde keinen Anschluss finden.
Und von was sollte sie leben, wenn sie ihre Ersparnisse aufgebraucht hatte? So viel war nicht auf der hohen Kante.
Sie war sich inzwischen nicht mehr so sicher, ob es die richtige Entscheidung gewesen war. Sie war irgendwie doch noch nicht bereit, sich in der Abgeschiedenheit zu vergraben. Im Grunde genommen wollte sie ausgehen, tanzen, lustig sein. Hier würde das niemals möglich sein, in diesem Kaff!

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