1. Februar 2016

"DIE UN-VOLLENDETE" von Heike Adami

Wer bei UN-VOLLENDETE an Beethovens 9. Sinfonie denkt, liegt hier genau richtig. Und wer an die Vereinten Nationen denkt, ebenfalls. Beide Namen bilden den Hintergrund der Geschichte von drei jungen Männern, die gemeinsam durch Palästina und Israel touren und einem Geheimnis auf der Spur sind.

Mit Bashar, dem arabisch-stämmigen Amerikaner, Abdul, dem Sohn des Palästinenser-Präsidenten und Jonah, dem israelischen Elitesoldaten, treffen drei Kulturen aufeinander, die politisch nicht kontroverser sein könnten. Explosiv die Stimmung der ersten Begegnungen, hitzig die Diskussionen über Geschichte und Gegenwart des 'gelobten Landes'.

Doch mit dem Fund eines geheimnisvollen Briefes wendet sich das Blatt: Vorurteile stehen in Frage, Fronten brechen auf und es gibt ein gemeinsames Ziel! Kommen die drei Freunde dort an? Und was haben Fußball und Beethoven damit zu tun?

Peace! سلام! םולש ! Frieden!

Gleich lesen:
Für Kindle: DIE UN-VOLLENDETE: Eine Familiengeschichte des 21. Jahrhunderts im israelisch-palästinensischen Gebiet
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe aus Kapitel 3
Abdul zeigt seinem Besuch, dem Studienfreund Bashar aus New York, seine Heimat – Ramallah in Palästina. Im Grenzgebiet hatten sie eine Begegnung mit israelischen Soldaten.
[…] Bashar musterte seinen Freund. »Warum freust du dich nicht mit mir? Ich sagte dir doch, dass mein Cousin in Israel lebt. Und ich freue mich so sehr, ihn wiederzusehen.«
»Du hast mir nicht alles erzählt.« Abdul wandte sich von Bashar ab und ging seinen Weg weiter, ungeachtet dessen, dass Bashar noch zurückblieb.
»Bleib doch stehen, Abdul. Was hast du? Ich sagte dir, er ist Halbjude.« Bashar lief schnellen Schrittes hinterher.
Zornig drehte sich Abdul um. »Wie kann ich denken, dass von einem bahrainischen Muslim der halbjüdische Cousin zur israelischen Armee geht? Ein Halbjude geht zur Israelischen Armee und hat arabische Verwandte? Findest du das normal?«
Abduls Verbitterung stand in seinem Gesicht wie eine tiefe Wunde. […]

[…] Bashars iPhone piepste. Eine Facebook Nachricht. Bashar las laut vor. »Kurzmitteilung: Einladung für Shabbat. Hole dich im Bistro gleich nach der Grenze um 12h ab. Jonah!« Bashar war nun endgültig außer sich vor Freude.
»Hey Abdul, ist das nicht super? Das war wirklich Jonah. Und er hat mich nach all den Jahren wiedererkannt.«
»Das ist schön für dich. Damit hat sich deine Reise schon gelohnt.« Abdul versuchte, seine negativen Emotionen zu verbergen. Ein angespanntes Lächeln huschte über seine Lippen. Nach einigen Metern und vielen Minuten hörten sie den Lärm eines Fußballspiels. Sie sahen spielende Kinder in einer Seitenstraße an der Grenze. Bashar und Abdul blieben stehen und sahen sich an.
»Lust auf ein Zwischenspiel?«, fragte Bashar seinen Freund. Abdul schenkte sich jede Silbe. Seine Gesichtszüge sagten alles.
Sie rannten zu der kleinen Gruppe, in der sich Mädchen und Jungs mit Freude vereint ihrem Hobby hingaben.
Abdul und Bashar waren mindestens gleichwertige Fußballfans wie diese Kinder, die mächtigen Spaß hatten. Der Ball rollte zu Bashars Füßen. Er stoppte ihn. Stellte seinen rechten Fuß drauf und schaute auf ihn. Er blickte in die Spielerrunde. Ohne große Worte zeigten ihre Augen ein freundliches HI, mit dem sie ihn und Abdul zum Mitspielen einluden. Die Zeit verrann. Er verlor den Bezug zur Hitze. Die Mittagssonne stand noch am höchsten Punkt. Trocken wirbelte der Staub mit jedem Kick auf. Schweiß stand auf der Stirn und Bashars Shirt klebte wie Harz auf der nassen Haut. Er fühlte sich wohl und war begeisterter Mitspieler. Abduls Freude sprühte in gleichem Maß.
Mit großem Enthusiasmus schoss der kleinste Junge, über dessen rote Gesichtsfarbe sich Freude verbreitete, den Ball so fest, dass er im Aus landete. Er rollte aus. Und rollte hinaus. Ein Junge lief, um ihn zu holen. Das Spiel sollte schnell weitergehen.
Bashar folgte gebannt dem Geschehen. Er wollte seinem Blick nicht trauen. Plötzlich erkannte er die gegenwärtige Situation, die ihn an Vergangenes erinnerte. Wie aus einem Trauma losgerissen, unter Schock stehend, sah Bashar nervös den Ball und das Kind, das nicht hinterher kam. Der Ball rollte noch immer hinaus ins Feld, wo das eine Land in das andere überging.
Bashar sah ein altes Bild vor Augen. In seinen Ohren überschlugen sich Ahmets Hilfeschreie von damals. Das Bukett nach Benzin und brennenden Reifen verstopfte seine Geruchsnerven. Er wollte sich nicht auf andere verlassen. Diesmal wollte er sofort helfen. Er rannte, was seine Puste hergab. Seine Umgebung war weit weg. Abduls Rufe aus dem Hintergrund nahm er nicht wahr. Sie verhallten im Wind. Die Gegenwartsbilder vor Bashars Augen vermischten sich mit der Vergangenheit. Die grässliche und unvergessliche Situation mit seinem brennenden Bruder Ahmet und dem über die Mauer geschossenen Ball, lief wie in einem Drama vor Bashars Augen ab. Trockene Hitze, die Bashars Schleimhäute verstärkt durch den Sand betäubte, ließen ihn ohne Geschmackssinn einer Situation hinterherrennen, die nicht mehr nur in seinen Hän- den lag, um sie zum Guten zu wenden. Bashar tat alles in seiner Macht stehende, um nicht wieder der Hilflosigkeit ausgesetzt zu sein. Nicht noch einmal wollte er zu spät kommen. Zur rechten Zeit am rechten Ort wollte er sein. Bashar sah nur noch das Kind und den Ball. In seinem Fußballkopf hoffte Bashar den Ball zu erreichen, bevor das Kind der Grenze zu nahe käme. Die neuartige Abgrenzung war nur noch wenige Meter entfernt. Bashar holte das Kind ein und glaubte, den Ball stoppen zu können.
Es knallte. Ein Schuss.
Wind wehte den ausgedörrten Boden über sein Haupt. Totenstille war dort, wo noch zuvor die spielenden Kinder tobten.

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