10. Februar 2016

"SCHOKOWEIß" von Alex Richter

Es ist nicht der erste Schnee, der in dieser Nacht fällt. Doch in dieser besonderen Nacht, mit diesem besonderen Schnee, werden besondere Träume wahr. Eine flatterhafte Schneeflocke erweckt mit ihrer Kraft zwei Schneemänner, Cas und Nic, und ihr beschauliches Leben verändert sich von Grund auf.

Als Cas bemerkt, wie krank sein Freund Nic ist, macht er kein Federlesen. Kurz vor Mitternacht beschließen sie, gemeinsam Doktor Eisenbeiss aufzusuchen. Ihr nächtlicher Streifzug führt sie an den Rand des Kaspaladawaldes. Dort kriechen sie unter einem Büff hindurch. Das ist ein besonderer Baum. Bei den ihnen bevorstehenden Abenteuern, in dem unergründlichen Kaspaladawald, wird ihre Freundschaft auf eine eisharte Probe gestellt.

Neben süßen Häschen jagen auch hungrige Wölfe hinter dem magischen Licht Nabor her. Und alleinig ein Schaumgeborener kann das gestohlene Licht der Schneefee Fenella zurückbringen. Doch der mächtige Eisparator Neistron und das Wetter arbeiten gegen sie. Wird Nic seine Scheunenfrau wiedersehen? Werden Cas und Nic es rechtzeitig durch den Schnee zum Doktor schaffen?

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Leseprobe:
„Cas, das ist doch hoffentlich ein Aprilscherz von dir? Dort hinein? Da drin kuschelt vielleicht Schneewittchen mit ihren sieben Siebenschläfern. Ich werde niemals, nicht einmal für ein leckeres Fürst-Pückler-Eis, meinen Fuß dort hineinsetzen“, bekundete Nic.
„Stell dich nicht wie eine dumme Schneegans an! Du bist doch hier derjenige, der dringend ein Medikament braucht. Entweder, wir nehmen den kürzeren Weg durch das Wäldchen hier, oder wir gehen dafür außerhalb am Waldesrand den weit längeren Weg entlang. Und wie du siehst, sind die Eisenbahngleise wohl seit der letzten Eiszeit nicht mehr fahrplanmäßig befahren worden.“ Nur eine glaszersplitterte, zeigerverwaiste Bahnhofsuhr an einer zertrümmerten Wand zeugte von einem ehemaligen Bahnhof. Fast schon wie ein Zaun sahen die im Schnee steckenden, unzählig zersplitterten Skier neben den abgegriffenen Skistöcken aus. Er rätselte, in welchen Morgen wohl die toten Schienen führen würden, und bedauerte, dass er keinen Eisenbahner danach fragen konnte.
Bildlich sah er das lebhafte Treiben auf dem Bahnhof vor sich. Elektronische Schalttafeln zeigten blinkend Orte wie Aspen, Frauenwald, Lillehammer, Oberhof oder Sankt Moritz an. Blecherne Ansagen aus dem Lautsprecher wiesen auf das heutige Winterfest hin. Ein Team von Eishockey-Schneemännern beeilte sich, ihren gleich abfahrenden Zug zu erreichen. Einer von ihnen verlor dabei seine Wollmütze. Auf dem Bahnsteig liefen Schaffner mit gezückten Lochzangen hin und her. Ihre klassisch königsblauen Schaffnermützen erweckten eine erholsame Urlaubsstimmung. Jedoch zerplatzte das Bild durch ihre schrillen Trillerpfeifen. Mit ihren Taschentüchern, in die sie auch hineinschnauften, winkten triefende Schneemänner. Herzzerreißend und tränenreich verabschiedete sich ein verliebtes Eislaufpaar. Keuchende Kofferträger mit liebesapfelroten Käppis plagten sich mit Schlitten und Snowboards ab. Ein Bahnhofspolizist hüpfte auf die Gleise und versuchte, eine verlorene Karte wieder aufzuheben. Bei genauerem Hinschauen konnte man eine Einladung lesen. Von irgendwoher kullerte ein Ball mit allerlei Schmetterlingsmotiven bedruckt vorbei. Vom quietschenden Bremsklotz aufgeschreckt flatterten zwei Weißstirntauben von dannen. Ein kleiner, nur aus zwei Schneekugeln bestehender Schneemann, hielt sich seine Ohren zu.
Lulatsche, die blinkende Eiszapfen auf ihren Köpfen trugen, schoben Schnee beiseite. Eine Eiskunstläuferin, mit einem sehr kurzen Federröckchen bekleidet, trippelte zu ihrem Abteil. Sie sah wie eine auf dem Kopf stehende Acht aus und führte einen Pinguin, wie ein Schoßhündchen, an der Leine mit. Neben ihr lief ein Schneemann mit einem langen Kescher. Auffällig tief gebückt schlurfte sein Freund hinterher. Auf seinem Rücken bugsierte er einen Korb voller Kienzapfen. Nic sah in sein Gesicht, doch der Bucklige sah ihn nicht!
Der Alte hatte die gleiche braune Farbe wie Nic. Ihr Partnerlook stach ins Auge, weil sie beide einen warnwestenorangefarbenen Schal um den Hals trugen. Vor einem geräumigen Iglu, der aussah wie ein Restaurant, waren alle Stühle besetzt. In der Nähe eines Eisverkäufers stand eine gigantische rote Kerze. Auffallend glich sie einem, mit rotem Karamell überzogenen Liebesapfel. Diese war von vielen kleineren Kerzen stufenförmig umzingelt. Die mittelgroßen strahlten weiß und die kleinen Kerzen grün. Die kleinen waren halb so groß wie Nic. Ein Potpourri-Duft aus Eiben-, Fichten-, und Birkenrinde lag in der Luft. Doch die Krönung des Ganzen war ein als Weihnachtsmann verkleideter Schneemann! Nic träumte, dass er neben Pinguinen in einem Zugabteil saß. Seine Reise würde ihn nach Ostantarktika führen und er stieg dann im Adélieland aus. Von dort aus stapfte er, als Pandabär verkleidet (damit er nicht auffiele), weiter, zu einer Kolonie von polierten Adéliepinguinen. Sie ähnelten von weitem wie schwarze Ameisen auf einen gewaltigen Reisberg. Nic wollte unbedingt diesen baumlangen Schachfiguren und den weltberühmten Sissakörnern, hautnah gegenüberstehen. Und nachher einmal einem Schachbrett, dieser seltenen Schmetterlingsart, bei ihrem Pirouettentanz im Adélieland, zusehen.
Cas rüttelte Nic aus seinem Tagtraum. „Halloo! Nic? Hast du gehört, was ich dir gesagt habe? Steh hier nicht wie bestellt und nicht abgeholt da.“
„Ja, doch“, gab Nic verärgert zurück und die Eisenbahnschienen versanken in handgroßen Schneeflocken, sie ähnelten Mozzarella Kugeln.
„Sonnige Ferienzüge oder der berühmte Polarexpress sind hier schon lange abgefahren. Und vergiss nicht, dass wir spätestens morgen früh wieder an unserem Platz stehen müssen.“ Folglich entschied Cas von sich aus, den kürzeren 92er Weg zu nehmen, um eine Menge Zeit einzusparen.
„Das ist dir doch momentan auch eisklar? In deinem jetzigen kränklichen Zustand ist dieser Weg die klügere Entscheidung.“
Mit einem „Vertrau mir, bitte“ und seinem energisch schwingenden Unterton darin, duldete sein zornig funkelndes Auge keinerlei Widerrede.
Cas Moralpredigt abwartend, entgegnete Nic: „ Jawohl mein Admiral, wenn du mich so darum bittest, ist es wohl richtig.“
„Vergiß nicht, es geht hier um deine Gesundheit!“ Und schon stapfte Cas los.
Cas wollte es Nic gegenüber nicht zugeben, doch irgendwie hatte er Schiss vor den ausgehungerten Hasen. Er wollte seine Nase auf keinen Fall ihnen freiwillig überlassen.
Sie durften es sich nicht erlauben, ein Schläfchen zu machen. Ein Schneemann kann doch ohne Nase nicht atmen. Ach was, nicht leben!

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