24. März 2016

"Spiegelspringer" von J.K. Wildling

»Ich hab gesehen, wie du verschwunden bist«, gab Daniel zu und jetzt hatte er Tränen in den Augen. Er ließ Michael los und seine ganze Verzweiflung stand ihm ins Gesicht geschrieben, als er zögerlich fragte,
»Was bist du?«
Michael setzte ein Lächeln auf und flüsterte zurück,
»Dein Freund, wenn du das noch möchtest.«

Michael hat etwas von seinem Vater geerbt, aber kein Geld oder ein Auto und auch sonst nichts, was sich ein 18-Jähriger wünschen würde. Nur eine unheimliche Gabe und eine selbstzerstörerische Frau, die einst seine Mutter war.

Zudem hat er Angst, seine Freundin Julia zu verlieren, sollte sie herausfinden, dass seine Mom dem Alkohol verfallen ist. Als er entdeckt, dass er durch Spiegel gehen kann, beginnen die Probleme erst richtig ...

Eine Fantasy-Geschichte frei von Drachen und Fabelwesen. Für Jugendliche als auch Erwachsene. (Nicht für Kinder geeignet.)

Gleich lesen: Spiegelspringer

Leseprobe:
EINMAL FREAK, IMMER FREAK

Seit der Schlägerei vor Daniels Bar waren zwei Wochen vergangen und Michael dachte nur noch selten daran, aber er musste dringend mit jemandem reden. Er wartete immer noch auf den Anruf von Onkel Joseph und hoffte inständig, dass er vielleicht doch mit dem alten Doc zu einer Übereinkunft kommen würde. Es war erst früher Nachmittag, doch Daniel hatte jetzt seine Schicht, also fuhr er gleich direkt nach seinem Besuch beim Doc zu dessen Bar. In Gedanken versunken setzte er sich auf einen Barhocker und bestellte eine Cola. Daniel beäugte ihn misstrauisch und schob ihm das Glas hin,
»Du weißt, dass ich dir sehr dankbar bin für deine Hilfe und du wirst weiterhin mein Freund sein, aber deine Anwesenheit vergrault mir die Gäste. Es wird über nichts anderes mehr geredet, seit der Schlägertrupp die Geschichte von deinem mysteriösen Verschwinden verbreitet hat.«
Michael blickte hoch und traute seinen Ohren kaum.
»Ich meine … wenn sie dich sehen, dann gehen sie wieder und ich bin auf die Einnahmen angewiesen. Sieh mal, wenn du reden möchtest, dann können wir uns bei mir treffen, wenn das für dich ok ist.«
Ihm war anzusehen, dass er sich äußerst unwohl fühlte, kaum, dass er die Worte ausgesprochen hatte und obwohl Michael eigentlich wütend sein sollte, antwortete er ganz ruhig,
»Ich hab sowas in der Art befürchtet, einmal Freak, immer Freak.«
»Mehr als das. Du solltest vorsichtig sein, jetzt haben die Leute Angst vor dir. Du weißt, wie das ist. Wenn Menschen Angst haben, wollen sie den Auslöser dafür loswerden. Egal wie. Notfalls auch mit Gewalt.«
Michael stürzte die Cola in einem Zug hinunter, gab noch ordentlich Trinkgeld wie immer und sagte im Rausgehen,
»Es tut mir leid.«
Daniel ging ihm hinterher, verließ entgegen seiner Gewohnheit die Bar und zerrte Michael hinter die Müllcontainer, wo sie unbeobachtet waren.
»Du weißt, dass sie mich dazu zwingen, oder? Wenn sie dich hier sehen … Ich meine, du weißt, dass meine Existenzgrundlage auf dem Spiel steht?«, flüsterte Daniel mit zittriger Stimme.
»Natürlich weiß ich das. Der wütende Mob hat auch schon versucht, mich kleinzukriegen und soll ich dir was verraten? Über kurz oder lang werden sie erfolgreich sein, weil ein einzelner Aussätziger so einer Menschenmenge nichts entgegenzusetzen hat. Du bist für mich wie ein Bruder, aber in Zukunft werden sich unsere Wege trennen«, mit diesen Worten nahm er Daniel in den Arm und drückte ihn fest an sich.
»Ich hab gesehen, wie du verschwunden bist«, gab Daniel zu und jetzt hatte er Tränen in den Augen. Er ließ Michael los und seine ganze Verzweiflung stand ihm ins Gesicht geschrieben, als er ganz leise fragte,
»Was bist du?«
Michael setzte ein Lächeln auf und flüsterte zurück,
»Dein Freund, wenn du das noch möchtest.«
Mehr gab es im Moment nicht zu sagen; Daniel senkte den Blick und wischte seine Tränen weg. Er schlurfte mit gesenktem Haupt zurück in die Bar und Michael ging zu seinem Auto. Wie Daniel sich auch entschied, er würde es zur Kenntnis nehmen und damit fertig werden müssen.
Sein Handy klingelte, kaum, dass er im Auto saß und sein Herz machte einen Satz, als er sah, dass der Anrufer Onkel Joseph war.
»Hallo, tut mir leid, dass ich mich erst jetzt melde, aber der Doc ist nicht mehr ganz dicht und es hat eine Weile gedauert ihn zu knacken. Wir müssen uns treffen, wann hast du Zeit?«
Michael wollte eben zu einer Antwort ansetzen, als ein wuchtiger Hammer auf seiner Motorhaube landete und das Auto zum Beben brachte. Er war beim Verlassen der Bar so in sich gekehrt gewesen, dass er die lauernden Typen gar nicht bemerkt hatte. Im Sekundentakt prasselten Schläge nieder. Er ließ das Handy kurzerhand fallen und legte den Rückwärtsgang ein. Dann trat er voll aufs Gas, gerade noch rechtzeitig, bevor der Hammer, der erneut niedersauste, die Windschutzscheibe treffen konnte. Er blieb eine Handbreit unter dem Scheibenwischer stecken und wurde seinem Besitzer aus der Hand gerissen, als Michael das Lenkrad scharf herumriss und im Rückwärtsgang mit einem Affentempo die Straße entlang jagte. Erst als er sich sicher war, genug Abstand zu haben, legte er eine Vollbremsung hin und wendete das Auto. Dann gab er wieder Gas und brauste mit überhöhter Geschwindigkeit aus der Gefahrenzone.
Sein Herz raste und seine Finger fühlten sich irgendwie taub an, als er endlich zu Hause war und mit wackeligen Beinen aus dem Auto stieg. Schon von weitem hatte er gesehen, dass hier etwas nicht stimmte, aber erst als er die Straße überquerte und auf das Haus zuging, erfasste er das ganze Ausmaß der Verwüstung. Sämtliche Fensterscheiben waren eingeschlagen, die Haustür war zerstört und der Flur voller Scherben.
»Mom! Bist du hier?«, rief Michael und verspürte eine Angst, wie noch nie zuvor in seinem Leben. Das Adrenalin strömte nur so durch seine Adern und ließ ihn zittern.
»Wir sind hier unten!«, drang die Stimme seiner Mutter aus dem Keller und Michael beeilte sich, den Flur zu durchqueren und die Falltür aufzuklappen. Wer ist wir? fragte er sich noch kurz, aber als er unten ankam, wobei er immer zwei Stufen auf einmal nahm, sah er zu seiner Überraschung den Doc. Er war anscheinend direkt nach dem Gespräch mit Onkel Joseph hier her gekommen. Seine Mutter hatte sich fest an ihn geklammert und ihr ganzer Körper bebte unkontrolliert. Die runzelige Hand des alten Mannes strich ihr unablässig übers Haar.

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