12. April 2016

"DER UHU NAZIS RUSSKIS ELVIS BIOGRAFIE" von Erich Gröschl

Hart, schonungslos und authentisch erzählt der Autor die Geschichte der Familie Schölling zwischen 1942 und 1962. In episodenhaften Bildern schickt er den Leser auf eine Zeitreise zwischen Hakenkreuz, Hammer und Sichel und Rock´n Roll. Es war die Zeit des Niedergangs und Aufbruchs.

Rund um den ´UHU´ Eugen Schölling, der zu Kriegsende 1945 geboren wurde, während die ROTE ARMEE das Krankenhaus stürmte, entfaltet sich die mondäne Welt des Adels und die Brutalität und Selbstverliebtheit der Nazi-Bonzen. Die zerbrochene Welt der Kriegsopfer tut sich auf und die Unbeugsamkeit der russischen Besatzer. Und nach der sogenannten Befreiung regieren Verleugnung und Klüngelei. Hinter diesem Szenario erlebt Eugen eine fürchterliche Kindheit und Jugend voller familiärer Gewalt und Alkohol. Beinahe blind geboren erhält er mit drei Jahren eine Riesenbrille. Fortan nennen sie ihn UHU. Er hat noch einen spannenden Weg vor sich. Nur so viel – Elvis rettet ihn.

DER UHU - eine packende Biografie; die einen von der ersten Seite an packt. Betroffenheit macht sich breit über die Opfer einer mörderischen Zeit. Aber auch Hoffnung. Und die stirbt bekanntlich zuletzt.

Gleich lesen: DER UHU NAZIS RUSSKIS ELVIS BIOGRAFIE

Leseprobe:
Im Kupferkessel des gemauerten Herdes wisperte vertraut das siedende Wasser. Die letzten Glutnester im Ofen gaben eine angenehme Wärme ab und das fahle Licht durch das Küchenfenster durchmischte sich mit den ersten, herbstlichen Sonnenstrahlen. Es war die Zeit des kleinen, zehnjährigen Eugen Schölling, in der alles ruhig war - sogar er selbst. Durch seine riesige, runde Nickelbrille, die in zehn Jahren durch einen gewissen John Lennon zum Kult werden und eine ganze Generation Brillenschlangen gebären wird, blickte er auf den Wecker. Er tat sich schwer, schließlich entzifferte er die Zwölf und die sechs: 6 Uhr. Danach versteckte er sich unter den Zeigern von Stunden und Minuten; es war wunderbar und er verschwand in einen zeitlosen Raum. Die weißgekalkten Küchenwände, die schon längst die rechten Winkel verloren hatten, verformten sich zu einer Weltkugel. Er stürzte sich kopfüber in Abenteuer, folgte aufgeregt ihren Pfaden. Es war die Fantasie, die die Welt veränderte und die Dunkelheit vertrieb. Er konnte nur nicht wissen, dass das manchmal auch umgekehrt funktionierte. In zehn Stunden wird er es erfahren.
Das Quengeln der Tür zum einzigen Nebenzimmer holte ihn in die Realität zurück. Seine Mutter, Maria Schölling, betrat verschlafen die Küche. Sie trug ein schmuckloses Nachthemd aus Leinen, das ihren kleinen Bauch umspielte. Sie hatte die nackten Arme verschränkt, als sei ihr kalt. Lächelnd betrachtete sie ihren Erstgeborenen, wie er so dasaß - gefangen in seinen Gespinsten. Er war nicht der Größte - in seiner Schulklasse rangierte er eher als Siebter Zwerg von links - und spindeldürr wie ein Röntgenbild, aber sein blonder Haarschopf, seine blauen Augen und sein wacher Verstand machte ihn zu etwas besonderem für sie. „Ich habe ihn verloren“, dachte sie voller Wehmut.
„Guten Morgen, Uhu. Schon bereit für deinen großen Tag?“ Sie lächelte ihr gewinnendstes Lächeln, dessen sie nach dieser Nacht fähig war. Gleichzeitig ließ sie ihre Arme fallen und hässliche, blaue Flecken, die Striemen einer weiteren ehelichen Vergewaltigung, wurden sichtbar.
Eugen hob seinen Kopf. Er hasste diesen Spitznamen, er hatte ihn schon immer abgelehnt. Es gab keine Vertrautheit mehr zwischen den Beiden, eher noch verständnisvolle Distanz. Beide hatten genug gelitten unter den vielen Nächten wie der vergangenen: Das Stöhnen und Schreien, die Schläge und Hiebe, die Verwindungen und Verwundungen, eine Meereswoge voller Gewalt und Unterwerfung, vollgesogen von stinkendem Fusel und schalem Bier. Und danach – ein zufriedenes Schnarchen des Vaters nur unterbrochen von gurgelnden Hustenanfällen, mit dem er den Mist seiner unzähligen 3er-Zigaretten ausspuckte. Das leise Wimmern der drangsalierten Frau verlor sich unter der Bettdecke: Uhus Gute-Nacht-Symphonie.
„Guten Morgen Mama“, sagte er und kroch mit seinen Blicken in ihr Gesicht. Es war verhärmt und älter als ihre sechsunddreißig Jahre; viele Falten erzählten die Geschichte eines erbarmungslosen Lebens. Die blonden Haarlocken hatten ihren Glanz verloren und graue Strähnen durchzogen sie wie alte Schneezungen im Gletscher. Auch die Augen sprachen dieselbe Sprache: Dieses Leben bringt mich um!
Es war alles gesagt. Eugen verstand es zwar, wie viel eben ein zehnjähriger Bub verstehen konnte; aber er war selbst bevorzugtes Opfer seines Vaters. „Warum beschützt du mich nicht, Mama?“ Diese Frage wird immer zwischen ihnen stehen. Vater war auf Schicht in der Molkerei oder beim Branntweiner. Mutter füllte den Ofen mit Briketts, schaufelte aus dem Kupferkessel heißes Wasser in ein Lavoir und trug es zum Waschtisch. Uhu hudelte seine Morgentoilette herunter, dann musste er aufs Häusel. Es war nicht weit - so um die zehn Meter durch einen engen, dunklen Schlauch. Nach seinem Canossagang traf er die alte Nachbarin Fini, die ihn mit Wohlgefallen betrachtete. Sie kannte ihn von Geburt an und war die Einzige, die ihn nicht mit diesem verblödeten Spitznamen ansprach.
„Viel Glück Eugen. Ich werde dabei sein. Und wenn es im Sarg ist.“ Sie hatte schon ihren eigenen Humor, die kleine, runde Hexe. Er hatte keine Großeltern mehr; so war sie eine Art Großmutter-Ersatz, die ihn immer etwas zusteckte und sei es nur einen guten Ratschlag: „Lass dich von den Großkopferten nicht unterbuttern.“ Fini grinste ihr zahnloses Lächeln. Um diese Uhrzeit hatte sie ihre Dritten noch nicht angelegt. Sie drückte ihn fest an ihren Busen, dass ihm fast die Brille vom Kopf gefallen wäre: „Zeig´s ihnen!“
Schön langsam hatte der Uhu das ganze Brimborium um seine Person satt. Er soll ein Gedicht aufsagen oder vortragen, wie es so schön hieß. Na und? Es hatte ihm schon immer Riesenspaß gemacht, während seine Mitschüler sich unter den Schulbänken versteckten.
Der Tisch war gedeckt und die Mutter hatte das Radio leise aufgedreht. Walzermusik tönte aus dem alten Volksempfänger - einem Relikt aus dem Krieg. Der Reichsadler mit dem Hakenkreuz in seinen Fängen war mit Leukoplast zugeklebt. Vor einigen Monaten hatte Eugen vor lauter Neugier das Pflaster abgerissen. Sein Vater wurde wütend, er zog seinen Gürtel aus dem Hosenbund und versohlte seinen Arsch. Es war nicht das erste Mal und sein Hintern hatte sich schon mit Lederhaut überzogen. Sein Schmerz lag viel tiefer: Papa hatte ihm ein weiteres Stück seiner Seele weggedroschen. Eugen kannte seine Gründe nicht. Es hatte irgendwas mit den Nazis und Vaters toter Mutter zu tun. Im Übrigen brauchte Vater keinen Anlass um zuzuschlagen.

Im Kindle-Shop: DER UHU NAZIS RUSSKIS ELVIS BIOGRAFIE

Mehr über und von Erich Gröschl auf seiner Autorenseite bei Amazon.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen