26. Mai 2016

'Aurora Sea' von Nadine Stenglein

Vor Jahren verschwand das Flugzeug, in dem Emmas Eltern saßen, spurlos über dem Meer. Eine Weile später wiederholt sich ein solches Ereignis. Emma wohnt seit dem Verlust ihrer Eltern bei ihrer Tante Mathilda auf Sylt und erhält plötzlich SMS-Nachrichten von einem gewissen Jamie, der behauptet Passagier der letzten Unglücksmaschine gewesen zu sein. Als sie Jamie später auf einer geheimnisvollen Insel trifft, die wie aus dem Nichts mitten im Meer auftaucht, erfährt sie, dass in den Tiefen des Meeres Gefahren lauern, die nicht nur ihr zum Verhängnis werden sollen. Zudem hat es sich der junge Evenfall, ein Meereswesen, in den Kopf gesetzt, Emma um jeden Preis zu seiner Gefährtin zu machen...

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Leseprobe:
Seit das Flugzeug meiner Eltern vor ein paar Jahren über dem Atlantik auf mysteriöse Weise verschwunden war, hegte ich ein gewisses Unbehagen dem Meer gegenüber. Nun ließ ich zum ersten Mal seit langer Zeit seine Wellen so nahe an mich herankommen, dass die auslaufende Gischt meine Füße überspülte. Ein Frösteln überlief meinen Körper und schien ihn mit Eiskristallen zu übersäen.
Nichts hatte sich geändert. Im Grunde wusste ich, dass ich dem Meer keine Schuld geben konnte, dennoch hasste ich es für sein Schweigen, für seine Unergründlichkeit und seine Weite, die ich früher geliebt hatte.
Ich war mir sicher, dass Mom und Dad zusammen mit den anderen Passagieren zu Gefangenen der Tiefen des Meeres geworden waren. Schon oft hatte ich davon geträumt. Nachtfantasien, in denen ich ihre aufgerissenen Münder sah, aus denen anstatt verzweifelter Schreie Wasserblasen stiegen, die mit mir zurück zur Oberfläche trieben. Jedes Mal versuchte ich bei Mom und Dad zu bleiben, nach ihnen zu greifen, sie mit mir zu nehmen, doch ich schaffte es nie. Der Meeresboden, in dem das Flugzeug feststeckte, hielt sie fest. Durch unsichtbare Seile waren sie mit ihm verbunden. Ich zog den Reißverschluss meiner Jacke bis zum Kinn und blickte über das Meer hinweg in das Abendrot, das sich über dem Sylter Wattenmeer ausdehnte.
Als Kind war ich hier oft mit meinen Eltern zusammen zu Besuch bei meiner Tante Mathilda gewesen, bei der ich nun bereits seit fünf Jahren wohnte. Sie war die einzige Verwandte, die ich noch hatte, und ich war ihr mehr als dankbar, dass sie mich damals nicht in ein Heim gesteckt hatte, als meine Eltern verschwanden. Da war ich gerade vierzehn geworden. Ich biss mir auf die Zunge, um die Tränen zu unterdrücken.
Heute wäre Moms Geburtstag, den wir mit Sicherheit groß gefeiert hätten. Es war ein runder, ihr Vierzigster. Ich warf eine Kusshand Richtung Himmel, da hörte ich die Stimme meiner Tante hinter mir.
»Der Sand ist doch viel zu kalt, Emma!«
Sie hatte recht, also schlüpfte ich in meine weißen Turnschuhe, ging ein paar Schritte zurück und drehte mich zu ihr um. Sie stand, bepackt mit einem Korb voller Wäsche, auf der Holzveranda ihres kleinen blau gestrichenen Hauses mit den weißen Fensterläden. Für ein paar Sekunden hielt sie inne und blickte nachdenklich in meine Richtung.
Der Wind wirbelte ihre kurzen, blonden Locken durcheinander und umtanzte ihren zierlichen Körper. Mein Herz schlug schneller. Von weitem sah sie aus wie meine Mutter, die beiden hätten Zwillinge sein können. Ich liebte sie von ganzem Herzen. Sie war eine sanftmütige Person. Auch das hatte sie mit Mom gemein, wenngleich sie nach außen hin manchmal ein bisschen schroffer wirkte.
»Alles okay?«, rief sie schließlich.
Ich nickte, setzte ein Lächeln auf und winkte ihr, damit sie sich keine Sorgen machte.
»Ich helfe dir dann mit der Wäsche«, entgegnete ich und merkte, wie meine Stimme am Ende leicht kippte.
»Ist nicht viel. Das schaffe ich schon. Geh du lieber mal wieder nach Tinnum zu deinen Freunden. Würde dir guttun. Mel hat vorhin angerufen, sie vermisst dich schon«, gab sie zurück und verschwand dann nach drinnen.
Der Gedanke, mal wieder mit meiner Freundin zu quatschen, war nicht schlecht, doch heute blieb ich lieber allein und schickte den Wellen noch einen Geburtstagsgruß für Mom hinterher, den sie vielleicht sogar zu ihr tragen würden. Danach lauschte ich dem Tosen der See, während der Wind noch einen Tick kühler wurde und über mein langes, schwarzes Haar strich, als wolle er mich aufheitern.
Mein Blick verlor sich in den wogenden Wellen und plötzlich glaubte ich, es wieder zu hören. Diesen melancholischen und zugleich wunderschönen Gesang, der von der Gischt zu mir getragen wurde.
Ich atmete so leise wie nur möglich, aus Angst, ihn wieder zu vertreiben, und hielt ganz still. Dieses Mal war er intensiver als sonst und mir war, als wolle er mich anlocken. Ich war mir sicher, sicherer denn je, dass dieser Gesang real war. Ich hatte mir das nicht eingebildet. Nie. Schnell machte ich kehrt und rannte auf das Haus zu.
»Tante Tilli?«
Ich eilte durchs Haus, in dem mir jeder Winkel der liebevoll im Landhausstil eingerichteten Räume vertraut war. Schließlich fand ich Tante Tilli, wie ihre Freunde und ich sie gerne nannten, in ihrem Bügelzimmer zwischen roséfarbenen Bettlaken.
Sie blies sich eine ihrer Locken aus der Stirn und hob den Blick. In ihren wasserblauen Augen lag ein besorgter Ausdruck.
»Ist was passiert? Du bist ja ganz bleich.«
Ich ergriff ihre Hände. »Der Gesang. Er ist wieder da. Komm schnell!«
»Und ich dachte schon sonst was.« Tante Mathilda stellte das Bügeleisen ab und folgte mir mit einem Seufzen.
»Er ist lauter als sonst. Dieses Mal wirst du es auch hören, bestimmt. Ich bilde es mir nicht ein.«
Zurück am Strand hielt ich gespannt die Luft an, während wir zusammen lauschten. Tatsächlich ließ der mystische Gesang nicht lange auf sich warten. Nirgends zuvor hatte ich derart klare, helle und gleichzeitig traurigere Stimmen gehört.
Gespannt beobachtete ich meine Tante. Ihre Mimik wirkte angestrengt. Dann schüttelte sie den Kopf und lockerte sich. »Tut mir leid, Emma. Ich höre nichts außer dem gewohnten Rauschen des Meeres.«
Das konnte sie doch unmöglich überhören. Enttäuscht starrte ich sie an, aber ihr Blick war eindeutig. Sie vernahm nicht einen Ton.
»Das Meer hat dieses Lied, das du zu hören glaubst, wohl allein für dich geschrieben, Emma. Aber manchmal spielen uns auch die Sinne einen Streich.«
»Ich bilde es mir nicht ein!«, flüsterte ich, während meine Tante mir sanft über den Rücken strich.
»Wir sollten Dr. Morton anrufen. Ich meine, vielleicht sind auch die Tabletten dran schuld. Er hat ja gesagt, dass sie leichte Wahnvorstellungen hervorrufen können.«
Ich schüttelte den Kopf und ließ ein wenig Sand durch meine Finger rieseln. »Ehrlich gesagt hab ich noch keine einzige von diesen komischen Pillen geschluckt. Ich brauche sie nicht. Sie können mir Mom und Dad auch nicht wiederbringen.«

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