31. Mai 2016

'Die Wolfselbin: Der Dämon' von Susanne Ferolla

In der Wasserfallstadt Thoran steht das Schicksal der jungen Wolfselbin Jerelin auf dem Spiel. Sie gerät mitten in eine uralte Fehde, die über das Schicksal ihrer Welt entscheiden wird. Helfen kann ihr nur ihr Menschenbruder Florin, ein Außenseiter – wie Jerelin. Doch Jerelin umgibt ein schreckliches Geheimnis. Als Florin es entdeckt, verschweigt er Jerelin die Wahrheit aus Angst, sie würde daraufhin ihre gemeinsame Heimat verlassen. Genau diese Angst muss er aber überwinden, als ein zum Dämon gewordener Kriegsherr hinter ihrer Seele her ist, um wieder zum Menschen werden zu können – oder Jerelin ist verloren …

Gleich lesen: Die Wolfselbin: Teil 1 Der Dämon (Fantasy-Roman)

Leseprobe:
Vor siebzehn Jahren im Hügelland von Koroth

Das Heulen der Wölfe raubte Abelka den Schlaf. So tief hatten sie sich noch nie ins Tal gewagt.
Die Dorfköter kläfften sich heiser.
Abelka schlang ihre Arme um Derk und lauschte seinem gleichmäßigen Herzschlag. Wie immer war er sofort eingeschlafen.
Ausgelassenes Lachen drang von den Ställen herüber.
Fulko war es gelungen, die Männer im Dorf aufzuhetzen und mit ihm nach den Pferden der Wolfselben zu suchen.
Als die Männer johlend zurückkehrten, ritt Fulko in einem schwarzen Sattel aus feinstem Leder. Er freute sich wie ein Kind über die kunstvollen Verzierungen. Stolz jagten sie die drei temperamentvollen Pferde über den Dorfplatz. Deren schweißnasses Fell glänzte im Schein der Fackeln, ängstlich bäumten sie sich auf, bis sie vor Erschöpfung aufgaben und sich in den Stall führen ließen.
Derk wollte keines der Pferde haben, das wertvolle Zaumzeug rührte er nicht an. Er hatte eine Weile zugeschaut, wie Fulko feierte und lachte, dann hatte er sich im Bett verkrochen.

Morgen würde sich Abelka das Trinkleder zurückholen.
Allein.
Derk und die anderen Fallensteller hatten sich schon vor dem Morgengrauen auf den Weg in den Wald gemacht.
Abelka wartete ab, bis die Nacht einem verschwommenen Grau wich. Ihren leichten Bogen fest in der Hand, die Pfeile in ihrem Köcher griffbereit, stahl sie sich aus dem Dorf. Wenn sie sich beeilte, war sie vor dem Höchststand der Sonne wieder zurück.
Sie verschmolz mit dem erwachenden Wald, wich den Hirten aus, die ihre Tiere zusammentrieben, und erklomm auf Umwegen die Hügel von Koroth.
In der kühlen Morgenluft hing bereits ein süßlich fauliger Hauch, der in den nächsten Tagen die ganze Umgebung verseuchen würde. Abelka umging das Plateau, auf dem die Toten lagen, und schlich sich durch das hohe Gras weit unterhalb daran vorbei.
Endlich schafften es die ersten Sonnenstrahlen über das Tlerúr-Gebirge, wo die Pforte zum Innern der Erde lag, die das Wasser des mächtigen Korothá verschlang. Ein unwirkliches Rot ergoss sich über die Hügel und brachte die verdorrten Halme zum Leuchten. Der letzte Ruf eines Käuzchens verhallte. In der Ferne pfiff ein Hirte nach seinem Hund, der kläffend die Herde zusammenhielt.
Abelkas Herz fing an zu klopfen. Weniger als ein Steinwurf von ihr entfernt hatte jemand die Nacht unter dem Dornengestrüpp verbracht. Die Zistrose glühte im Licht der aufgehenden Sonne.
Ihr war, als würde der Strauch sie ansehen, als wäre soeben etwas in ihm erwacht und öffnete die Augen. Ein Rauschen lag in der Luft, ein leises Knistern, als hörte sie heimliche Gedanken. Sie schüttelte den Kopf und schalt sich einen Dummkopf. Trotzdem beschlichen sie Zweifel, ob es richtig gewesen war, hierher zurückzukommen. Wäre der Verletzte noch am Leben, bräuchte er ihre Hilfe. Es gäbe niemanden, dem sie sich anvertrauen könnte. Einem Ji’harbi würde niemand helfen, egal was er zu sagen hatte. Auch Reija nicht. Bekäme Fulko spitz, was sie tat, würde er dafür sorgen, dass man sie bestrafte.
Noch war Zeit umzukehren, noch würde niemand sie im Dorf vermissen und Fragen stellen. Sie biss sich auf die Lippen und verfluchte ihre Neugierde. Göttin Dan hatte sie hierher geführt, ermutigte sie sich. Vielleicht wollte sie ihr etwas zeigen. Es würde die Göttin betrüben, kehrte sie aus Feigheit um.
Ein tiefes Knurren schreckte sie auf. Sie duckte sich. Blitzschnell zog sie einen Pfeil aus dem Köcher und spannte den Bogen.
Etwas Dunkles, das vorhin noch nicht da gewesen war, huschte hin und her.
Als Abelka näher schlich, entdeckte sie einen Köter, der an dem Rosengestrüpp erregt schnupperte. Er hatte Abelka längst bemerkt, hob den Kopf und fletschte die Zähne. Als sie nicht näher kam, beachtete er sie nicht mehr.
Abelka hoffte, dass er abziehen würde, doch der bittere Verwesungshauch, den selbst ihre Menschennase wahrnahm, berauschte ihn. Sein struppiges Fell sträubte sich, sein Knurren wurde lauter und bedrohlicher. Er zog immer engere Kreise vor den Ranken, bis er plötzlich mit klackenden Kiefern vorsprang, nur um im nächsten Augenblick wieder zurückzuweichen.
Ein faustgroßer Stein schnellte aus dem Strauch und streifte das Tier an der Seite.
Mit einem ohrenbetäubenden Kläffen machte es seiner Wut Luft. Ein zweiter, ein dritter Stein folgten, was den Hund umso rasender machte. Nicht mehr lange, und er würde angreifen.
Wut wallte in Abelka auf. Sie spannte den Bogen, fixierte die Brust des Köters und ließ die Sehne los.
Der Pfeil fand sein Ziel.
Winselnd brach der Hund zusammen, von einem kurzen, heftigen Krampf erfasst.
Ein erschrockenes Stöhnen drang aus dem Strauch.
Abelka erstarrte. Der Pfeil hatte sie verraten.

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Mehr über und von Susanne Ferolla auf ihrer Autorenseite beim Verlag.

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