24. Juni 2016

'Café Morte' von Billie Kibitz

Die frischgebackene Zwanzigerin Lea kennt sich aus mit enttäuschten Erwartungen. Ihre Eltern, die erfolgreiche Wirtschaftsanwältin Hanne Walsh und der angesehene Professor für keltische Geschichte Seamus Walsh, hätten es für ihre Erstgeborene lieber gesehen, hätte sie ihr Jurastudium beendet. Dass sie stattdessen im angesagten Café Forte als Kellnerin jobbt, stand jedenfalls nicht auf der elterlichen Wunschliste.

Lea andererseits hatte ganz sicher nicht erwartet, infolge eben dieses Schritts schnurstracks zurück in die elterliche Anwaltskanzlei geführt zu werden. Aber es hilft nichts: Wenn sie nicht vor sich selbst als komplette Versagerin dastehen will, muss sie die Unschuld ihres unter Mordverdacht geratenen Freundes und Arbeitskollegen Torben beweisen. Und dazu braucht sie leider die Unterstützung des auf irritierende Weise ihren Vorstellungen von einem Anwalts-Schnösel widersprechenden Sven.

Als wäre nicht alles schon kompliziert genug, führt ihre Libido offenbar ein Eigenleben und lenkt ihre Aufmerksamkeit immer wieder von der privaten Mordermittlung ab. Doch wenigstens in dieser Hinsicht hat Lea die Lage schnell wieder voll im Griff.

Oder wie?

Gleich lesen: Café Morte: Lea Walsh ermittelt 1

Leseprobe:
Klara überflog die Zeilen und sah auf. Sie runzelte die Stirn. »Das ist ja unglaublich.«
»Und das ist noch nicht mal alles. Die haben Torben verhaftet, kannst du dir das vorstellen?«
»Torben? Dein Torben aus dem Café?«
Lea zuckte zusammen. »Er ist doch nicht ›mein‹ Torben! Wir arbeiten zusammen, mehr nicht. Er ist doch auch überhaupt nicht mein Typ.«
»Darum geht’s doch hier gar nicht!« Klara fuchtelte mit ihrem Brötchen herum. Beinahe fiel eine Gurkenscheibe runter, sie musste sie mit einem Klecks Frischkäse wieder ankleben.
Aber sie hatte ja recht. Schuldbewusst zog Lea die Schultern hoch. Sie wusste selbst nicht, warum sie sich über solche Nebensächlichkeiten Gedanken machte, wo sie eigentlich darüber nachdenken musste, wie sie Torben helfen konnte.
»Hier steht, ein Tatverdächtiger ist gestern Abend verhaftet worden. War das während oder nach der Arbeit?«
»Danach. Wieso ist das wichtig?«
Klara zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Ist mir nur so durch den Kopf gegangen. Warst du denn dabei? Als die Polizei kam, meine ich.«
»Klar war ich dabei. Wir haben Schmidtchen doch zusammen gefunden. Eigentlich hab sogar ich ihn zuerst entdeckt, falls man das so nennen kann.«
Und während Klaras Augen immer größer wurden, erzählte sie ihr, wie das gestern Abend alles abgelaufen war. Wie Torben sich auf die Spritztour mit seinem neuen Auto gefreut hatte, wie sie sich im dunklen Hof zurechtzufinden versuchten und wie sie dann buchstäblich über Schmidtchens Leiche gestolpert war.
Klara stand der Mund offen. »Wahnsinn! Ist ja wie in einem dieser Grusel-Krimis im TV. Wie hat er ausgesehen? Wie war seine Körpertemperatur? Hatte die Leichenstarre schon eingesetzt?«
»Ist das dein Ernst? Seh ich aus wie ein Gerichtsmediziner? Ich hatte ganz andere Sorgen in dem Moment. Es war das erste Mal, dass ich meinen Chef tot aufgefunden habe!«
Lea verzog das Gesicht. Es war sogar das erste Mal, dass sie überhaupt einen Toten gesehen hatte. Im Nachhinein war sie fast ein bisschen überrascht, dass sie dabei so ruhig geblieben war. Obwohl sie vor allem viel zu durcheinander gewesen war, um sich irgendwie aufzuregen. Und als der Gedanke, dass der tote Kerl da vor ihr Schmidtchen ist, endlich eingesickert war, fühlte sie sich eher taub als erschrocken.
»Tut mir leid. Berufliches Interesse halt.« Klara hob in halbherziger Reue die Hände. Sie neigte den Kopf zur Seite. »Hattest du keine Angst?«
»Angst?« Verwirrt dachte sie darüber nach. Nein, gefürchtet hatte sie sich nicht. Aber in dem Moment hatte sie kaum denken können. Ihr Chef war tot und er lag auf dem Parkplatz seines Cafés herum. So etwas passierte, Menschen starben. Auf die Idee, Schmidtchen könnte einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein, wäre sie nie im Leben gekommen. Aber nach den Vermutungen im Schmierblatt schien es genau so zu sein.
Ihr Herz schlug einen Purzelbaum. »Meinst du etwa, der Täter lauerte noch irgendwo in der Nähe, und wir waren gestern selbst in Gefahr?!«
Klara schenkte sich zum dritten Mal Kaffee und Milch nach. »Nee, glaub ich nicht. Dann hätte er kaum seelenruhig abgewartet, bis die Polizei auftaucht.«
Sie trank einen Schluck und sah Lea über die Tasse hinweg an. »Mit anderen Worten, du gehst davon aus, es stimmt, was die Zeitung schreibt? Dein Chef ist wirklich ermordet worden? Ich meine, es könnte ja auch einfach ein Unfall gewesen sein oder er hatte einen Herzinfarkt.«
Darüber zerbrach sie sich nun selbst schon die ganze Zeit den Kopf. Woher nahm die Zeitung ihre Vermutungen? Wusste die Redaktion etwas, das man Lea auf dem Präsidium vorenthalten hatte? Oder stocherte die Presse nur ein bisschen im Trüben, in der Hoffnung, irgendetwas würde dabei aufgerührt und trieb an die Oberfläche?
Ihr Klingelton riss sie aus den Gedanken.
Unbekannte Nummer.
Wieder klopfte ihr Herz schneller. War das die Polizei? Hatten sie noch mehr Fragen an sie? Lea hatte wirklich nicht die geringste Lust, noch einmal alles wiederzukäuen.
Aber dann war es doch nicht die Polizei, es war Torbens Mutter. Frau Echterbrink sprach schnell und aufgeregt, Lea verstand kaum ein Wort. Offenbar hatte man sie von Torbens Verhaftung unterrichtet. Mitten im Satz brach ihre Stimme und sie fing an zu weinen. Lea schaute Klara hilfesuchend an. Ihre Mitbewohnerin hob ratlos die Schultern.
»Deine Mutter ist doch Anwältin. Sie muss uns doch helfen können! Ihr seid doch befreundet, du und Torben, nicht wahr?«
Aus ihrem Mund hörte es sich schon wieder so an, als wären sie zusammen. Wie kamen nur alle auf diese Idee? Aber bevor sie sich schon wieder ablenken ließ, unterbrach sie den Wortschwall. »Tut mir leid, Frau Echterbrink, meine Mutter ist keine Strafverteidigerin.«
»Oh.«
Das hatte ihr offenbar den Wind aus den Segeln genommen. Sie schniefte, Lea hörte ein Rascheln, dann ein lautes Schnäuzen. »Verzeihung.«
»Ich kann sie aber bitten, einen Kollegen aus ihrer Kanzlei damit zu beauftragen, wenn Sie möchten. Das wollte ich sowieso tun.«
»O ja, bitte, das wäre wunderbar! Das Geld werde ich schon irgendwie auftreiben. Notfalls muss ich eben wieder mehr Wochenend- und Nachtschichten übernehmen.«
Aber Sie haben doch das Geld aus der Erbschaft, wollte Lea schon sagen, aber eine innere Stimme hielt sie davon ab. Das war nicht der richtige Zeitpunkt und besprach sich auch besser von Angesicht zu Angesicht. Aber eigenartig war es schon.

Im Kindle-Shop: Café Morte: Lea Walsh ermittelt 1

Mehr über und von Billie Kibitz auf ihrer Website.

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