13. Juni 2016

'Daniel's Gate: Der Lauf der Welt' von Marlena Noah

Es war eine Verkettung schlechter Entscheidungen, tragischer Unglücke und unbeherrschbarer Situationen. Doch wer trägt die Schuld?

Die junge Amerikanerin Samantha Keller lebt zurückgezogen in New York City, bis ein nächtlicher Telefonanruf alles verändert. Denn am anderen Ende der Leitung wartet ihre Vergangenheit auf sie und Samantha muss sich entscheiden, ob sie endlich bereit ist, ihre Dämonen zu besiegen oder weiter davonlaufen will.

Und dann ist da noch Timothy - Samanthas Jugendliebe; der eine Mann, den sie einfach nicht vergessen kann. Je mehr die beiden sich wieder einander annähern, desto härter werden ihre Gefühle füreinander auf die Probe gestellt.

Gemeinsam versuchen sie ihrem Leben und ihrer Liebe eine neue Chance zu geben, doch die dunklen Geheimnisse der Vergangenheit und die ewige Frage nach der Schuld, drohen alles mit sich in den Abgrund zu reißen.

Gleich lesen: Daniel's Gate: Der Lauf der Welt

Leseprobe:
Timothy musterte die junge Frau neben sich.
Wenn er die Augen schloss, dann sah er noch immer das Mädchen vor sich, in das er sich vor einer halben Ewigkeit verliebt hatte.
Auch jetzt war sie unbestreitbar schön in all ihrer Tragik.
Aber mit dem leicht verrückten, unordentlichen, lebensbejahenden Mädchen von damals, das ihm vom ersten Augenblick den Atem geraubt hatte, konnte sie nicht mithalten.
Er fragte sich, wie viel von diesem Mädchen noch übrig geblieben war und ob das überhaupt wichtig war.
Samantha war zurück, aber Dinge waren vorgefallen, die niemand ändern konnte. Sie hatten nicht die Macht, die Zeit zurückzudrehen.

Es war noch keine Stunde verstrichen, seit Timothy mit Sally telefoniert hatte, die ihm von ihrem Gespräch mit Samantha an jenem Morgen berichtet hatte.
An jedem ihrer Worte hatte er gehangen, hatte gelauscht, was Sam ihrer wiedergefundenen Freundin für Erklärungen angeboten hatte.
Seine bohrenden Fragen waren nicht verstummt.

Die Fragen, die ihn jahrelang Nacht um Nacht gequält hatten, tobten durch seinen erschöpften Kopf. Wo war Samantha gewesen? Wieso war sie gegangen? Warum hatte sie sich nicht von ihm verabschiedet?
Und noch wichtiger - Weshalb war sie zurückgekommen?

"Kann ich dich etwas fragen, Samantha?"
Timothy sah, wie sie bei der Benutzung ihres Namens getroffen zusammenfuhr, sich aber schnell wieder fing.
"Natürlich. Du kannst mich alles fragen."

Erinnerungen schossen durch Timothys Körper wie heiße Blitze eines stürmischen Sommergewitters. Erinnerungen an eine Nacht vor langer Zeit, als Sam ihn schluchzend anrief und ihn bat, sie an Daniel's Gate zu treffen.
Er erinnerte sich wie er aus dem Wagen stieg und sie ihm um den Hals fiel, bettelnd dass er sie festhalten möge, während er die blutigen Risse auf ihren Armen anstarrte.
Es war die Nacht vom 15. Juli 2008 gewesen. Damals waren sie kaum ein paar Wochen zusammen gewesen.
Er hatte leise gemurmelt, ob er ihr eine Frage stellen dürfe und sie hatte sich die Tränen abgewischt und zum ersten Mal gesagt, er dürfe sie alles fragen.
Dann hatte sie ihr dunkles Familiengeheimnis enthüllt.
In der gleichen Nacht hatte er Sam geschworen, immer für sie da zu sein.
Du darfst mich alles fragen. Du darfst mich alles fragen.
Alles.


Mit Macht schon Timothy die Erinnerungen beiseite.
"Wieso bist du abgehauen? Ich meine den wirklichen Grund, Samantha. Nicht den Unsinn, den du Sally erzählt hast."
Perplex starrte Sam ihn an. Offensichtlich hatte sie nicht damit gerechnet, dass Sally auch ihn bereits über die Vorfälle unterrichtet hatte.
Er sah wie sie mit sich rang.
"Macht das noch einen Unterschied?", fragte sie leise. "Ich bin doch wieder hier."
Timothy biss sich von innen auf die Lippen, bis sie einen harten Strich bildeten.
Sechsunddreißig Monate lang hatte er gebetet, dass sie zurückkommen möge.
Nun wusste er nicht, wie er mit ihr umgehen sollte.
"So einfach ist es nicht", presste er hervor.
Gedankenverloren nickte Sam. "Wahrscheinlich nicht."

Einige Augenblicke war es still auf dem Friedhof.
"Ich fühle gar nichts, weißt du?", sagte Sam irgendwann.
Timothy sah sie fragend an.
"Wie traurig ist das denn? Dort liegt meine Mutter begraben", sie deutete auf die moderige Erde, "aber ich spüre gar nichts. Keine Trauer oder...oder Betroffenheit. Es interessiert mich nicht einmal, wer Schuld an ihrem Tod hat. Sie ist mir einfach...gleichgültig."
Dass Timothy bei ihren Worten kurz zusammenzuckte, überging Sam, sich nicht weiter darüber wundernd.
Es wunderte sie auch nicht, dass er ihr keine Antwort gab.
Irgendwann drehte sie sich um und ging davon.
In der aufziehenden Dämmerung ließ Samantha den Mann, den sie einst geliebt hatte, am Grab der Frau zurück, die sie hasste.

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Mehr über und von Marlena Noah auf ihrer Website.

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