20. Juni 2016

'Die Prophezeihung des Apostels' von Yale Tieman

Ein Mitarbeiter des englischen Geheimdienstes verschwindet während seines Urlaubs in Mauritius auf mysteriöse Weise. Sein Kollege Jack Holborne erhält den Auftrag, ihn zu suchen. Vor Ort angekommen findet er heraus, dass sein Kollege Jonathan Green Ermittlungen im Blue-Penny-Museum angestellt hat. Dort sind zwei echte Exemplare der legendären blauen und roten Mauritius ausgestellt. Green will vor seinem Verschwinden herausgefunden haben, dass die Marken falsch sind. Gleichzeitig zog er eine Verbindung mit dem Besuch einer amerikanischen Glaubensgruppe, die auf Mauritius einen Gottesdienst abhalten will. Die ‚Pentecostal-Church‘ beruft sich auf das Markus-Evangelium und hantiert in ihren Messen mit Giftschlangen als Gottesbeweis.

Das Innenministerium schätzt die Lage wegen der verschwundenen Briefmarken, die ein Kulturgut des Landes sind, als sehr kritisch ein, und setzt ihren besten Mann zur Lösung des Falles ein: Den Polizeipräsidenten Halie Grote, der eigentlich seinen Ruhestand antreten wollte. Er gibt in diesem Fall alles. Zusammen mit Jack Holborne, erleben sie eine atemberaubende Entwicklung, die immer wieder ihrer Kontrolle entgleitet. Beginnend mit einem Mordanschlag im Museum, einem Giftanschlag auf einen Priester, gefolgt von einem weiteren Mord.

Unterdessen hat der verschwundene Green einige kryptische Spuren gelegt, die es zu verfolgen gilt. Als dann noch ein Attentat auf den Polizeipräsidenten von Mauritius durchgeführt wird, steht scheinbar alles auf der Kippe. Seltsamerweise scheint der Vatikan in Rom ein besonders Interesse an den Entwicklungen auf der kleinen Insel zu haben, erst wird der Bischof nach Rom beordert, dann wird ein Auslieferungsverfahren gegen einen Geistlichen gestellt, den Rom vor ein Kirchengericht stellen will.

Eine Wanderung zwischen Kulturen und Religionen, kombiniert mit einem spannenden Kriminalfall.

Gleich lesen: Die Prophezeihung des Apostels: Spurensuche im Land des Flaboyants - Ein Mauritius Krimi

Leseprobe:
AUSFLUG IN DEN REGENWALD

Kholte fuhr seinen Auftraggeber zu dem Tierpark. Holborne unterrichtete ihn unterwegs über die weiteren Entwicklungen. Kholte hörte gespannt zu. „Das wird ja immer komplexer!“, war sein Kommentar. „Ja“, bestätigte sein Beifahrer, „aber ich hoffe, dass sich die ganze Geschichte bald auflöst. Sie fuhren gerade auf dem Parkplatz ihres Zieles ein. Am Eingang stand ein Jeep, auf dem der Name der Tierärztin stand. Sie unterhielt sich gerade mit zwei Männern, sie trugen grüne T-Shirts des Vanille-Crocodile-Parks. Als sie Holborne sah, verabschiedete sie sich von ihren Gesprächspartnern und bedeutete ihm, in den Jeep zu steigen. „Das müssen Sie mir aber bitte mal näher erklären, warum Sie zu einem bestimmten Punkt an den Wasserfällen wollen?“, fragte sie neugierig, während sie den Wagen auf die Straße lenkte. Holborne erklärte ihr in einer verkürzten Version den Hintergrund. „Und Sie glauben, dass Sie dort einen Hinweis finden“, war ihre Reaktion auf Holbornes Geschichte. „Nun ja, wir haben ja auch etwas am ‚Trou aux Cerf‘ gefunden.“ Ist der GPS-Punkt denn einigermaßen gut erreichbar?“, erkundigte er sich. „Leider nicht. Ihr Bekannter scheint es gerne kompliziert zu machen. Sehen Sie, die Tamarin-Wasserfälle liegen auf einer Höhe von knapp 1000 Meter. Dort oben befindet sich ein Parkplatz. Danach geht es nur zu Fuß weiter. Die Fälle gehen in 7 Kaskaden über rund 300 Meter nach unten. Der GPS-Punkt befindet sich zwischen dem 6. und 7. Becken. Das sind alles steile Pfade, ohne Führer kommt da niemand hin.“ Wie praktisch von Green“, knurrte Holborne. „Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht!“ „Wir schaffen das in ca. 2-3 Stunden, dann sind wir wieder am Auto“, versprach ihm seine Begleiterin. Als sie nach 30 Minuten Fahrt am Parkplatz ankamen, wusste Holborne, woher der Begriff Regenwald kam: Es regnete in Strömen. Dr. Thole schaute sich kritisch Holbornes Schuhe an. Sie hatte ihn am Telefon gebeten gutes Schuhwerk zu tragen. „Damit könnten Sie es schaffen“, meinte sie nach einem prüfenden Blick. Der kaum sichtbare Pfad ging steinig und auf rutschigen Trampelpfaden durch die Wildnis. Er verlief hinter, neben, vor, und an den Seiten der Wasserfälle entlang. Nebenbei erklärte Dr. Tholy die genaue Höhe der Wasserfälle, während sie sich leichtfüßig einen Weg durch das Dickicht bahnt. Obwohl Holborne exakt in ihre Fußstapfen trat, sich an genau denselben Wurzeln und Pflanzen entlang hangelte, sah es merkwürdigerweise bei Tholy so aus, als mache sie mal eben einen Sonntagnachmittagsspaziergang, während er schon nach den ersten 200 Metern rutschend, stolpernd und nach Luft schnappend hinter ihr her ächzte. Den beiden begegnet niemand, es war menschenleer. Der Regen hatte mittlerweile aufgehört, plötzlich brannte die Sonne herunter. „Freuen Sie sich nicht zu früh, das dauert nicht lange mit der Sonne“, motivierte ihn seine Führerin. Sie waren jetzt ca. 1 Stunde nach unten geklettert, hatten das 5. Becken erreicht, als in den Bäumen kreischende Geräusche zu hören waren. Dr. Tholy sah begeistert mit dem Fernglas in die Baumkronen. „21 Tiere!“, freute sie sich. Bevor Holborne fragen konnte, um welche es sich handelte, hatte sie ihm das Fernglas gereicht. „Affen?“, fragte er erstaunt, „Wusste gar nicht, dass hier welche leben!“ „Halbaffen“, korrigierte sie ihn, „es sind Javaner, sie gehören zu den Makaken“, fuhr sie fort. „Sie wurden vor ca. 300 Jahren von Seeleuten auf die Insel mitgebracht, seitdem leben sie hier.“ Sind die menschenscheu?“, erkundigte er sich. „Nein, überhaupt nicht“, antwortete sie, „sie sind aber auch nicht zutraulich. Sie kratzen und beißen, wenn man ihnen zu nahekommt.“ Sie erreichten das 6. Becken der Wasserfälle weitere 20 Minuten später. Holborne war fix und fertig. Solch eine beschwerliche Klettertour hatte er schon lange nicht mehr erlebt. Sie packten am Beckenrand ihren Proviant aus und stärkten sich, bevor sie den Platz absuchten. „Normalerweise packen die Touristen hier ihre Badesachen aus und gehen schwimmen. Tun Sie sich keinen Zwang an!“, ermunterte sie ihn. Holborne schüttelte müde den Kopf. Ich habe einen langen Tag hinter mir, und nach dieser Tour muss ich noch ins Polizeipräsidium, man interessiert sich dort dafür, was ich hier finde oder nicht finde.“ Er unterdrückte ein Gähnen. „Wie lange suchen Sie mittlerweile nach ihrem Bekannten?“, fragte sie. „Fast zwei Wochen, es gab bisher nur kryptische Spuren.“ Holborne hatte sein Sandwich gegessen, etwas getrunken, seine Lebensgeister kehrten langsam zurück. Er schaute sich am Rand des Beckens um. Dr. Tholy hatte mit ihren GPS-Tracker mittlerweile den gesuchten Punkt markiert. An dieser Stelle stand lediglich ein Baum von ca. 3 m Höhe. Beide schauten langsam den Stammverlauf entlang, als sie plötzlich rief: „Auf dem Ast dort hängt etwas!“ Jetzt sah es Holborne auch. Das Objekt war in ca. 2 m Höhe, es handelte sich offenbar um einen Gegenstand aus Metall. „Ich bin ganz gut im Klettern“, sagte sie und verschwand im Astwerk. Nach einer Minute hatte sie das Objekt erreicht, rüttelte etwas daran und warf es zu ihm herunter. Es war ein Vorhängeschloss! Darauf war eine Gravur angebracht. Als er es las, stand Dr. Tholy wieder neben ihm. ‚Jonathan Green – Maria Domores trotz aller Widerstände glücklich verlobt!‘ Holborne blieb der Atem weg. „Das war alles Green?“, keuchte er nach Luft ringend. Dr. Tholy konnte nicht anders, sie musste laut loslachen, entschuldigte sich aber sofort. „Sorry, das ist so obskur“, sagte sie, immer noch grinsend. 90 Minuten später erreichten Sie den Parkplatz, Dr. Tholy setzte ihn wieder am Eingang des Tierparks ab, wo bereits Kholte auf ihn wartete. Er bedankte sich herzlich bei seinem Guide, gab ihr den vereinbarten Betrag und ein Trinkgeld und verabschiedete sich. Er stieg bei Kholte ein und bat ihn zum Polizeipräsidium zu fahren. „Bitte stelle keine Fragen, ich kann nur so viel sagen, wenn Green hier wäre, würde man mich wegen Mordes verhaften müssen.“ Kholte zog die Augenbrauen hoch. „So schlimm?“, fragte er bedauernd. Am Präsidium angekommen, traf er Grote, der bereits wieder seit einer Stunde im Büro war. Grote bemerkte die Niedergeschlagenheit seines Mitstreiters. „Es lief nicht gut bei dir, was?“, fragte er. Holborne schüttelte tonlos den Kopf und legte das Schloss auf den Tisch. Grote besah sich das Stück, dann sagte er ohne weitere Regung: „Das passt zu dem, was ich von der Familie von Domores erfahren habe. Demnach hat Sie Green kurz nach seiner Ankunft hier kennengelernt, als er einen hinduistischen Tempel besichtigte. Die beiden verliebten sich und wollten wohl heiraten. Die Familie ist aber dagegen. Es hat aber primär nichts mit dieser Familie zu tun, Verbindungen zwischen verschiedenen Glaubensgemeinschaften sind in Mauritius tabu. Sie ist zuhause ausgezogen, Green ist untergetaucht, damit sie beide zusammenleben können. So leid es mir tut Jack, aber der Fall Green ist für mich abgeschlossen. Es gibt keinen kriminalistischen Hintergrund.“ Holborne dachte lange nach, dann nickte er langsam. „Ja, offenbar ist es so gelaufen“. „Hat er denn Familie in England?“, erkundigte sich sein Gegenüber. „Nein, Green war immer Single. Philatelisten sind nun mal keine gesuchten Heiratskandidaten“. „Ich nehme an, du wirst jetzt nach England zurückkehren, dein Auftrag ist ja erfüllt?“, erkundigte sich Grote. Wieder überlegte Holborne lange, dann sagte er „Weißt du, der Auftrag ist eigentlich erfüllt. Aber nur eigentlich. Es kann durchaus sein, dass Green wegen seiner Bekanntschaft untergetaucht ist, aber bevor er das tat, hat er eine hervorragende Ermittlungsarbeit geleistet: Er hat die Fälschungen der Briefmarken herausgefunden und wusste von dem Besuch der Amerikaner. Und offenbar gehörte das bei ihm zu ein und demselben Fall“. Jetzt überlegte Grote lange, dann nickte er bedächtig. „Ja, man verliert das immer wieder aus den Augen: Das Museum, die Briefmarken, der Besuch der Amerikaner.“ Es war spät geworden, sie verabredeten sich auf den nächsten Tag, an dem das Verhör des Museumsdirektors, seines Vertreters und dem Techniker der Sicherheitsfirma stattfinden sollte.

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