15. Juni 2016

'Geliebte Mörderin' von Eddy Zack

Valencia - spanische Metropole am Mittelmeer. Wer ist die junge Frau, die an einem sonnigen Herbsttag tot am Strand liegt? Der Journalist Pierre Schneider kannte die Tote. Er weiß, dass es Mord war und kein Unfall, wie die Polizei behauptet. Die Frau musste sterben, weil sie einem gefährlichen Geheimnis auf die Spur gekommen war.

Ein russischer Astrophysiker hat sich auf ein gewagtes Spiel eingelassen. Er verfügt über Informationen, die er gegen ein hohes Gut eintauschen will – Freiheit für sich und seine Familie.

Seine Spurensuche führt Pierre weit in die Vergangenheit, bis in den spanischen Bürgerkrieg und den Exodus spanischer Kinder in die Sowjetunion der Stalin-Ära. Bald wünscht er sich, die Suche nie begonnen zu haben.

Gleich lesen: Geliebte Mörderin: Die Kinder von Valencia

Leseprobe:
Valencia, Herbst 2003
Ich bearbeitete handschriftliche Notizen, schrieb Kurzgeschichten, manchmal auch Kolumnen für eine französische Zeitung, für die ich früher schon gearbeitet hatte. Ich verdiente nicht viel, aber ich lebte einigermaßen sorgenfrei. Wenigstens immer so bis zum 25. des Monats, die restlichen Tage waren stressig, auch deshalb, weil weder die Zeitung noch der Verlag pünktlich zahlten. Meistens kam das Geld erst am 3. bis 5. des folgenden Monats und an den Tagen gab's dann keinen Vino tinto.
Es ging in den Spätherbst und abends wurde es spürbar früher dunkel. Der Weg zum Strand war ein gemütlicher Spaziergang von einer viertel Stunde. Ich ging bis zur Mole, wo der Hafen anfängt. Dort setzte ich mich auf einen großen Stein, zündete mir eine Zigarette an und sah zufrieden in den abendlichen Himmel. Das Leben war gar nicht so schlecht, wie ich es mir eingerichtet hatte.
Ein Mädchen kam den Strand entlang, direkt auf mich zu. Sie hüpfte und tänzelte spielerisch in der Gischt, den die Wellen im Sand hinterlassen, wenn sie zurückfließen. Höchstens vierzehn, dachte ich, als sie vor mir stehen blieb. Sie schien im Wasser gewesen zu sein, das bunte Baumwollkleid klebte an ihrem nassen Körper. Die langen blonden Haare waren nass und hingen ihr wirr um den Kopf. Sie bemerkte meinen Blick und fuhr sich mit den Fingern durch die strähnigen Haare.
»Hast du eine Zigarette?«, fragte sie.
»Dafür bist du noch zu jung«, sagte ich.
»Wie alt muss ich dafür sein?«
»Ich weiß nicht. Sechzehn?«
Sie kicherte. »Das ist gut. Ich bin sechzehneinhalb.«
Ich musste lachen. »Das glaube ich dir nicht. Wenn ich dich reden höre, scheinst du achtzehn oder zwanzig zu sein, aber du siehst aus wie vierzehn.«
»Kann man das irgendwie feststellen?«, fragte sie.
»Natürlich. An deinen Titten. Das kann ich fühlen.«
Sie trat dicht vor mich hin und sagte: »Dann fühle. Fürs Anfassen bekomme ich aber eine Zigarette.«
»Wie heißt du?«, fragte ich.
»Immer schön der Reihe nach. Meinen Namen sage ich dir für eine zweite Zigarette.«
Ich stand auf und legte meine Hände auf ihre Brüste. Sie waren hart und fest, ich fühlte ihre Knospen. Ich bewegte langsam meine Finger und ihre Knospen wurden fester.
»Setz dich neben mich«, sagte ich, zog die Packung Zigaretten und Streichhölzer aus der Tasche und gab ihr eine Zigarette.
»Ich bekomme zwei Zigaretten. Du hast beide Brüste angefasst. Wie alt bin ich nun?«
»Achtzehn oder zwanzig. So fühlen sich deine Titten an.«
Ich gab ihr eine zweite Zigarette und wir saßen auf den warmen Steinen und rauchten. Nach einer Weile sagte sie: »Ich heiße Carmen und wie heiß du?«
»Muss ich dir eine Zigarette für deinen Namen geben?«
»Wenn du mir deinen sagst, nicht. Dann ist es ein Tausch.«
»Ich heiße Pierre.«
»Klingt französisch.«
»Mein Vater war Franzose. Ich bin Deutscher. Dein Name ist viel schöner. Carmen, das ist Flamenco und Tanz, heiße Sonne und Rotwein.«
»Ich kann Flamenco tanzen«, sagte sie, stand auf, stemmte die Arme in die Seite und machte ein paar stampfende Schritte.
»Hier auf dem Sand geht das nicht. Zum Tanzen brauche ich harten Boden. Wenn du mich zu einer Tasse Kaffee einlädst, tanze ich für dich.«
»Ich weiß nicht recht. Vielleicht bist du ja doch erst vierzehn. Ich müsste dich ohne Kleid sehen.«
Sie stand auf, hüpfte ein paar Tanzschritte von mir fort und drehte sich um.
»Aber nicht gucken. Du darfst mich nackend sehen, aber nicht, wie ich mich ausziehe.«
»In Ordnung.«
Ich wandte mich zum immer dunkler werdenden Himmel und hielt mir die Hände vor das Gesicht.«
»Jetzt darfst du mich ansehen.«
Sie reckte die Arme hoch über den Kopf und drehte sich in tänzelnden Pirouetten. Sie hatte die Figur einer Tänzerin, nicht ganz so jung, wie ich gedacht hatte, aber viel zu jung.
»Es ist gut«, sagte ich. »Ziehe dein Kleid wieder an. Wir trinken Kaffee und vielleicht möchtest du auch ein Brötchen.«
Über den breiten Sandstrand gingen wir zur Promenade, und Carmen tänzelte mit spielerischen Flamenco-Schritten neben mir her. Touristen kamen im Spätherbst nicht mehr in die Stadt, und die meisten Lokale hatten um diese Tageszeit geschlossen. Nur die Cafeteria neben dem Hotel Neptuno hatte noch geöffnet.

Im Kindle-Shop: Geliebte Mörderin: Die Kinder von Valencia

Mehr über und von Eddy Zack auf seiner Website.

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