11. Juli 2016

'Bei der Wurstfrau beschwert sich auch keiner' von Jan Colt

Meeresrauschen statt weiß-blauer Berge: Felix Rahrbach hat einen Entschluss gefasst und verlässt München für seinen neuen Job in Richtung Kopenhagen. Doch bevor ihn der Norden mit Krabbenbrötchen und Carlsberg empfängt, steht Felix eine zweiwöchige Abschiedstour quer durch Deutschland bevor.

Alte Freunde, ungeplante Bekanntschaften und das Rezept für den Weltfrieden sind dabei nur einige Faktoren, die seinen Plan für einen Neuanfang ins Wanken bringen.

Jan Colt, geboren 1984 in der ostdeutschen Provinz, lebt in Hamburg und wuchs mit den klassischen Eckpfeilern einer ordentlichen Erziehung auf: Gewürzgurken aus dem Spreewald, Frank Schöbels Weihnachtsalbum und Urlaube am FKK-Strand. Bevor es ihn in die Hansestadt an der Elbe verschlug, wurde Berlin für mehrere Jahre seine zweite Heimat. Die Lust am Schreiben zeigte sich schon frühzeitig und schlug sich in bebilderten Geschichten nieder, die keiner lesen wollte. Außer seine Eltern. Aus erziehungsrechtlichen Pflichten. Doch der Wunsch, Ideen auf das Papier zu bringen, ließ ihn nie wirklich los.

Part 1 von insgesamt drei Teilen.

Gleich lesen: Bei der Wurstfrau beschwert sich auch keiner (Part 1)

Leseprobe:
Ich habe noch nicht einmal die Stadt verlassen, geschweige denn meinen Hausflur, da steht Mark mit Katrin Arm in Arm vor mir. Die ganz eigene Wiedervereinigung der Beiden hat wohl Früchte getragen in den vergangenen Tagen. Stunden. Das Leben geht weiter.
„Noch rechtzeitig geschafft!“
Mark klopft mir freundschaftlich auf die Schulter und nimmt mir meinen Koffer aus der Hand.
„Das lasse ich mir doch nicht entgehen, dich gebührend zu verabschieden. Nachher fährst du nur um den Block und stehst hier wieder nach 20 Minuten auf der Matte. Vergiss es!“
„So charmant und so vergänglich.“, entgegne ich ihm.
„Klaro, so is er. Aber alles, wat vergänglich ist, wird auch wieder auferstehen. Verstehste?“
Ihr schmutziges Lachen hallt durch das Treppenhaus. Eine reizende Person.
„Ja, verstehe ich.“
„Wegen auferstehen un…“
„Ja, schon kapiert“, unterbreche ich sie, bevor ich mir weitere Details von Marks Phoenix aus dem Schrittbereich anhören muss.
„Süß die Kleine, oder?“
Irgendwas zwischen Stolz, aufkeimender Liebe und erziehungsberechtigte Sorgfaltspflicht liegt in der Luft.
„Mögt ihr nicht einfach die Taschen schon nach unten bringen? Ich komme gleich nach.“
„Na klar, wird gemacht.“
Gekonnt wirft sich Katrin meine Sporttasche über die Schulter und poltert die Stufen hinunter. Ein Berliner Türsteher gefangen im Körper einer 17jährigen. Liebe muss schmerzfrei sein in seltenen Momenten wie diesen.
Das war es nun. Die Dielen knarren unter meinen Schuhen als ich die Räume zum letzten Mal – und die hundert letzten Male zuvor bereits auch schon – langsam abschreite. Wenn die Wände reden könnten, würden sie keine epochalen Geschichten erzählen, keine faszinierenden Storys auftischen oder legendäre Anekdoten wiederkauen. Sie würden einfach sagen, dass es eine verdammt gute Zeit war. Ein letzter Blick in die Küche, ein prüfender Griff an die Fenster. Im Rückblick wird man immer romantisieren, welche einnehmende Wirkung eine leere Wohnung hat. Die Erinnerungen, die erst dann greifbar werden, wenn alles Überflüssige das Zimmer verlassen hat. Ehrlicherweise bleibt nicht mehr als ein kühler und leerer Raum. Kann aber auch an den undichten Fenstern liegen. Im Wohnzimmer war es immer recht frisch.
„Danke.“, sage ich in den leeren Flur und lasse die Tür ins Schloss fallen.
„Should auld acquaintance be forgot , and never brought to mind? Should auld acquaintance be forgot and days of auld lang syne?”
Auf dem Gehweg haben sich Katrin, Mark, Frauke und Anja vor meinem Auto postiert und schmettern mir ihre Abschiedsworte entgegen. Das ein oder andere Winkelement in den dänischen Nationalfarben sorgt für die optische Untermalung, was in den Händen von Katrin einem hektischen Hilfeschrei ähnelt. Im Stillen hoffe ich, es eilt uns jemand zu Hilfe herbei.
„Ok, Leute… danke… danke.“
„Nehmt Abschied Brüder ungewiss…“
Unbeirrt von dem Einwand setzen sie zur Wiederholung in Deutsch an. Einige Passanten, die sich zwischen mir und dem Rest meiner Freunde über den Bürgersteig schieben, quittieren die Darbietung abwechselnd mit einem rührenden und einem fragwürdigem Blick.
„Sternensänger… falsche Jahreszeit.“, erkläre ich einer älteren Dame, die kurz neben mir stehen bleibt. Da Frauke weiß, wie sehr ich solche Momente hasse, lasse ich ihr wenigstens jetzt den Spaß durchgehen. Die Strophe nähert sich dem dramatischen Finale, aber ich komme nicht einmal zu Wort bevor sich der musikalische Hattrick komplettiert.
„Skuld gammel venskab rejn forgo og stryges fræ wor mind? Skuld gammel venskab rejn forgo med dem daw så læng, læng sind?“
Jubelnd und fähnchenschwenkend rennt Frauke auf mich zu und fällt mir um den Hals.
„Ihr seid süß… und bekloppt.“
„Ich weiß, deswegen machen wir das ja auch extra für dich noch einmal.“, grinst sie mich an und drückt sich an meine Schulter.
„Der Abschluss soll ja nicht weniger unangenehm sein, als die Jahre zuvor.“
Anjas Beitrag war ein einziger Quell der Freude. Der flatternde Wimpel in ihrer dunklen Lederjacke wirkt wie ein fröhlicher Fremdkörper.

Im Kindle-Shop: Bei der Wurstfrau beschwert sich auch keiner (Part 1)



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