8. Juli 2016

'Grenzenlos: Ein zeitgenössisches Märchen für Erwachsene' von Peter Kruse

Max hat genug vom farblosen Alltag. Mit seinen 24 Jahren packt ihn mehr und mehr das Fernweh und ein starkes Verlangen nach Abenteuern. Er will leben, nicht mehr gelebt werden. Kurzerhand erstellt er eine Checkliste seiner Reiseplanung in exotische Länder und Kulturen, die er immer schon entdecken wollte. Was er gerne zurücklässt, sind die gut gemeinten Warnungen und Ermahnungen besorgter Bedenkenträger seines Umfelds. Ohne langes Überlegen bricht er all seine Zelte ab und begibt sich auf eine lange, aufregende Reise, die sein Leben komplett auf den Kopf stellen wird ...

Der Autor hatte und hat die Gelegenheit in verschiedensten Ländern und Kulturen dieser Welt zuhause zu sein. Die Hauptschauplätze seiner Erzählung sind Costa Rica, Guatemala und Kuba. Sein Werdegang ist gezeichnet von extremen Höhen und Tiefen. Er war sehr vermögend und mehr als einmal im Leben ohne einen Pfennig in der Tasche, erfolgreich und depressiv, geliebt und einsam, voller Lebensfreude und dem Tod mehrere Male nur knapp entkommen. Nur so war es ihm möglich das niederzuschreiben, was GRENZENLOS ausmacht: Die Weitergabe von Erfahrungen in unterhaltsamer Form, so wie es die Märchenerzähler vergangener Tage getan haben.

Erfahrungen werden nicht vererbt, jeder Mensch muss sie selber machen. Er kann aus Fehlern lernen und reifen. Doch man hat auch die Chance, von Erlebnisberichten anderer zu profitieren und den eigenen Entwicklungsprozess damit extrem zu beschleunigen.

Gleich lesen: Grenzenlos: Ein zeitgenössisches Märchen für Erwachsene

Leseprobe:
Das Strandhaus in Kalifornien
'Kaum zu glauben, wie einfach alles gewesen ist', dachte Max, als er am Tag nach seinem 58. Geburtstag gemütlich im Schaukelstuhl auf der Veranda seines schönen Strandhauses am La Jolla Beach in San Diego Platz nahm.
Es war der 8. März 2021 und die Morgensonne erhob sich gerade erst zaghaft über dem vor ihm schimmernden Pazifik. Das zu dieser Zeit noch sanfte und gleichmäßige Rauschen des Meeres wurde nur für einen kurzen Augenblick von den Schreien einer vorbeifliegenden Schar von Zugvögeln übertönt. Er fragte sich, wo zum Teufel die so früh morgens schon so eilig hin wollten.
Seine Frau Jetzenia lag noch tief und fest schlafend im Bett. Die Geburtstagsparty der letzten Nacht und alle damit verbundenen Vorbereitungen hatten ihr einiges abverlangt. Max selber konnte nicht länger schlafen. Zu viele Gedanken kreisten an diesem Morgen in seinem Kopf.
Hatte er nur geträumt oder war wirklich alles genauso gekommen, wie er es vor vielen Jahren geplant hatte?
'Ist es tatsächlich so einfach, den Verlauf seines Lebens zu bestimmen? Oder bin ich nur ein vom Schicksal verwöhntes Sonntagskind?', fragte er sich, in Gedanken versunken.
Der letzte Gast, der sich am gestrigen Abend von ihm verabschiedet hatte, war sein ältester und bester Freund Theo. Max und Theo kannten sich schon, solange sie denken konnten. Beide waren in der kleinen Gemeinde Langförden im ländlichen Norddeutschland groß geworden und zur Schule gegangen. Gemeinsam hatten sie die erste Zigarette hinter einem großen Stapel alter Obstkisten geraucht, den hübschen Mädchen des Ortes nachgestellt und mehr als einmal große Pläne für die Zukunft geschmiedet.
Obwohl sich ihre Wege Jahre später immer wieder trennen sollten, zum ersten Mal, als sie an verschiedenen Universitäten in unterschiedlichen Städten angenommen wurden, haben sie den Kontakt zueinander nie abbrechen lassen. Beiden war es wichtig, ihre enge Jugendfreundschaft ein Leben lang beizubehalten, egal, was auch passieren sollte.
Dies war kurioserweise, und wie sich später noch zeigen wird, gerade aufgrund der großen örtlichen Distanz, die sie voneinander trennte, leichter zu gestalten, als anzunehmen.
Das letzte was Theo am Vorabend zu seinem Freund Max sagte, als er die Party verließ, war, wie sehr er ihn um das große Glück beneide, mit einer so wunderbaren Frau an seiner Seite an einem so traumhaften Ort leben zu dürfen. Es erschien ihm, als ob die beiden genau das sorgenfreie und spannende Leben genießen, wovon viele nur träumen. Max dankte ihm dafür und dachte für einen kurzen Moment, wie froh er selbst über den Verlauf der Dinge war.
Als Theo gegangen war, legte Max sich neben seine Frau ins Bett und genoss es, als diese im Halbschlaf wie jede Nacht ihren Arm auf seine Brust legte, um gleich darauf ihren warmen Körper an den seinen zu schmiegen. Er musste unwillkürlich lächeln und verspürte tiefe Dankbarkeit für das, was sein Freund Theo kurz zuvor als „großes Glück“ definiert hatte.
Aus irgendeinem Grund konnte er nicht gleich einschlafen. Da war etwas gewesen, das ihn störte.
Als er frühmorgens aufwachte, wusste er plötzlich, was es gewesen war. Es waren eben diese Abschiedsworte von Theo, die nicht in das hineinpassten, was er selbst tief im Inneren empfand.

"Glück gehabt" war, worum sein Jugendfreund ihn beneidete. Max konnte nicht verstehen, warum jemand, der ihn am längsten und besten kennt, behaupten konnte, dass Glück ihn dahin geführt haben sollte, wo er heute war. Je mehr er darüber nachdachte, umso mehr ärgerte er sich sogar über diese so leichtfertig aufgestellte Behauptung.
Wie konnte Theo so etwas sagen?! Was hatte Glück damit zu tun, wie sich die Dinge über die Jahre entwickelt hatten? War es nicht in erster Linie die konsequente Verfolgung ganz klarer Ziele und eben nicht der pure Zufall gewesen, die ihn dahin geführt hatten, wo er sich heute befand? Nicht Glück, sondern Glaube, vielleicht auch noch das Vertrauen in die empirische Wahrscheinlichkeitsrechnung und die eigene Intuition, so erschien es Max, war wohl der treffendere Grundstein für sein bisheriges Leben gewesen. Wer nicht aufgibt, eines ums andere Mal an immer neue Türen zu klopfen, selbst wenn er permanent abgewiesen wird, dem wird sich aufgrund des mathematischen Wahrscheinlichkeitsprinzips früher oder später einmal eine davon öffnen. Diese bringt den Ausdauernden anschließend wieder ein Stück weit seinem Ziel entgegen. Gleichzeitig hatte er gelernt, dass Beharrlichkeit vor dem Erfolg steht.
'Glück', dachte Max erneut, 'was ist denn eigentlich Glück?'
Es fiel ihm schwer, sich Beispiele aufzuzeigen, in denen so etwas wie Glück der entscheidende Faktor gewesen sein konnte.
War es Glück, welches den jungen William „Bill“ Gates zu dem Entschluss verleitete, sein Jurastudium an der Eliteuniversität Harvard nach 2 Jahren abzubrechen? Nur, um mit seinen Studienfreunden Steve Ballmer und Paul Allen zusammen in der elterlichen Garage technische Geräte zusammenzulöten. Apparate, von denen bislang niemand auch nur ansatzweise geahnt hatte, dass ein Leben ohne sie bald undenkbar würde. Wohl kaum!
Selbst der Jackpotknacker der Staatslotterie vom letzten Samstag, hatte der einfach nur Glück gehabt? Darf man den Umstand, dass dieser von vielen beneidete Mensch heute eine Million Euro mehr auf seinem Konto hat, wirklich einfach nur als reinen Glücksfall abtun?
Nein, sprach Max zu sich selbst. Er hat sich dieses Geld in gewisser Weise verdient, weil er daran geglaubt hat, das große Los zu ziehen. Indem er sich die Mühe machte, einen Lottoschein auszufüllen und bereit war, einen Preis dafür zu zahlen, als er ihn am Kiosk abgab. Andere haben den gleichen Betrag an diesem Abend vielleicht in ein paar Bierchen in ihrer Eckkneipe "investiert" und nicht mehr dabei gewonnen als einen kurzfristigen Rausch. Hatten diese Zeitgenossen denn keine Chance auf das vermeintliche Glück? Waren sie Pechvögel?
Glück hatte der millionenschwere Neureiche, so schlussfolgerte Max, vielleicht gehabt, wenn er sich beim Ankreuzen der sechs Zahlen versehen hatte und nur dadurch alle Ziffern korrekt angekreuzt waren. Doch selbst in diesem Fall waren die alles entscheidenden Faktoren für den Gewinn trotzdem der Glaube an den Erfolg, die Bereitschaft alles Notwendige zu tun und zu investieren.
Überhaupt mochte Max bezweifeln, ob den frischgebackenen Lottokönig sein plötzlicher Reichtum langfristig so rundum glücklich und erfüllt machen würde, wie er es in diesem Moment von ganzem Herzen für sich selbst empfand. Jedenfalls lassen die haarsträubenden Geschichten derjenigen Lottomillionäre, die nur wenige Jahre später finanziell wieder genauso dastanden wie zuvor, dies bezweifeln.
Plötzlicher Reichtum ohne die dazugehörige, im Laufe der Jahre erworbene charakterliche Reife, hält nicht lange an. Extremfälle berichten sogar von Lottomillionären, die irgendwann Privatinsolvenz anmelden und Sozialhilfe beantragen mussten. Gleichzeitig waren die vielen neuen Freunde und Bewunderer urplötzlich auch nicht mehr erreichbar. Was blieb, war die uralte Erkenntnis, dass Geld allein nun einmal nicht glücklich macht.
Glück, das stand für Max in diesem Moment ganz fest, ist nur äußerst selten der entscheidende Faktor. Glück hatte bestenfalls der auf sich selbst fluchende Wolfsburger Bandarbeiter gehabt, als er seinen über Monate hinweg ersparten Flug in den Jahresurlaub verpasste. Als er aus den Abendnachrichten von dem Absturz genau dieser Maschine erfuhr, bei dem keiner der Insassen das Inferno überlebte, konnte man ihn in der Tat als Glückpilz bezeichnen.
Hatte Max es also lediglich dem puren Glück zu verdanken, dass er heute Morgen völlig entspannt und zufrieden auf seiner Veranda sitzend aufs Meer schauen konnte?
Nein, das war ein Gedanke, den er einfach nicht akzeptieren konnte, der ihn sogar in höchstem Maße irritierte.

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Mehr über und von Peter Kruse auf seiner Facebook-Seite.



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