12. Juli 2016

'schwarz - rot - tot' von Eddy Zack

Zürich. Eine behäbige, beinahe spießige Stadt. Aber hinter der Fassade der heilen Bürgerlichkeit brodelt es. Immer wieder verschwinden Frauen. Alle waren jung, niemand vermisst sie, denn sie sind Ausländerinnen und Huren. Die Polizei steht vor einem Rätsel.

Gleich lesen:
Für Kindle: "schwarz - rot - tot"
Für Tolino: Buch bei Thalia








Leseprobe:
Psychiatrie ist Scheiße. Wenn Sie da hineingeraten, egal aus welchen Gründen, werden Sie erst einmal entmündigt. Ich meine nicht im juristischen Sinn, sondern so ganz praktisch. Sie entscheiden nichts mehr selbst. Wäre es möglich, würden Ihnen die Ärzte vorschreiben, wann Sie pissen und kacken. Es mag ja sein, dass manch einer dort gut aufgehoben ist, sich vielleicht auch ganz wohl fühlt, weil er den Unterschied zwischen drinnen und draußen nicht mehr erkennt. Ich habe hinter den Gittern diverser Klappsmühlen gelernt, dass viele dort hineingeraten, obwohl sie völlig normal sind, es zumindest vorher waren. Vielleicht hatten sie einen leichten Sprung in der Schüssel, benahmen sich manchmal eigenartig, trugen schrill gemusterte Krawatten und Unterhosen mit Röschen am Schlitz oder pinkelten in aller Öffentlichkeit an Laternenpfähle. Durch das große eiserne Tor gelangten sie, weil Familienmitglieder, Ehefrauen, Kinder oder die Justiz sie für verrückt erklären ließen. Ist man erst einmal drin, braucht es eine gehörige Portion Glück, die Anstalt wieder verlassen zu dürfen. Wenn die amtsärztlichen Fehlentscheidungen lange genug weggesperrt sind, schnappen sie in der Regel tatsächlich über. Die Ärzte haben lediglich Ursache und Wirkung vertauscht.
Es ist dort wie im Knast – alle werden zusammengesperrt. Im Knast sitzt der Handtaschendieb mit dem Serienkiller in einer Doppelzelle, in der Klappsmühle läuft auch alles durcheinander. Man kann lange rätseln, wer da von wem lernt, im Knast wie in der Psychiatrie. Beide Einrichtungen sind so eine Art staatlich geförderter Workshop, um es mal auf Neu-Deutsch auszudrücken.
Ich kam in die Psychiatrie, weil ich zu viel trank. Ich habe immer getrunken. Von meinem fünfzehnten Geburtstag an durfte ich in den großen Ferien als Getränkeboy auf den Fernschnellzügen zwischen Rom und Zürich fahren, und diese Züge waren so was wie rollende Akademien für Sauereien aller Art. Meine Mutter wohnte in einem kleinen Nest an der Strecke auf italienischer Seite, deshalb bin ich halber Italiener. Mein Vater war Franzose, so steht es in meiner Geburtsurkunde. Kennengelernt habe ich ihn nie und ich vermute, auch meine Mutter kannte ihn nur flüchtig. Gerade die paar Minuten für einen Fick oder mehrere. Das Ergebnis war ich.
Ich fuhr also von Ende Juni bis Anfang September als Getränkeboy auf den Fernzügen und das prägte mich für mein späteres Leben. Mein Bruder, er war ein Jahr älter, war ebenfalls Getränkeboy. Wir waren Halbbrüder. Er war wie ich das Ergebnis eines Gelegenheitsficks unserer Mutter.
Die Eisenbahngesellschaft hatte uns schicke Uniformen verpasst, dunkelblaue Hosen, rote, eng sitzende Jacken mit Goldknöpfen und ein fesches Käppi. Die Männer, denen wir die Getränke brachten, waren großzügig und füllten uns oft so gründlich mit Schnaps ab, dass wir den Zielbahnhof, Rom oder Zürich, nicht auf eigenen Beinen erreichten. Die Frauen hatten andere Bedürfnisse und ich für meinen Teil habe auf diesen Reisen viel gelernt. Ich vergaß zu sagen, die Züge hatten Schlafwagenabteile. Mein Bruder war der Favorit der männlichen Reisenden, ich der weiblichen. Ein Mann hat es einmal mit mir versucht, ich glaube, er hat mich in der Dunkelheit mit meinem Bruder verwechselt. Wir trugen identische Uniformen.
Als ich 18 wurde und mein Bruder 19, verließen wir die Schule, gingen normalen Berufen nach, hatten keine langen Sommerferien mehr und mit den Reisen war es vorbei, dem kostenlosen Schnaps und den gierigen Frauen.
Ich kann wirklich nicht sagen, nicht einmal schätzen, wie viele Frauen mich damals vernascht haben oder umgekehrt, wie viele ich in den engen Schlafwagenabteilen flachgelegt habe. Wenigstens war mir später auf den Matratzen nichts fremd. So ganz nebenbei hatte ich mir das Saufen angewöhnt.
Ich blieb in Zürich hängen. Mit meinem Bruder hatte ich später nie wieder Kontakt, und ich weiß auch nicht, wie es ihm im Leben ergangen ist. Ich trank zu viel, hatte oft keinen Job und kein Geld, landete in Asylen und psychiatrischen Einrichtungen. Es waren zumeist nur kurze Aufenthalte, ein oder zwei Wochen, manchmal einen Monat. Ich schaffte es auch, zwischen meinen Abstürzen einen Beruf zu erlernen, ich wurde Schriftsetzer in einer Buchdruckerei. Das war eine feine Sache, denn es brachte mich zur Literatur. Wir druckten alles zwischen Goethe, Schiller und Dürrenmatt auf der einen Seite und Groschenheften, Reklame und Porno auf der anderen, alles, was sich auf Papier drucken lässt. Ich druckte nicht nur, ich las auch, und es dauerte nicht lange, da schrieb ich drei Kurzgeschichten und schickte sie einem Verlag. Ich saß ja an der Quelle. Der Verlag nahm meine Geschichten an, schickte mir Geld, gerade soviel, dass ich motiviert war, weiterzuschreiben. So wurde ich Schriftsteller. Vielleicht kein richtiger, nur für Kurzgeschichten. Aber vergessen Sie nicht, auch Hemingway hat mit Kurzgeschichten angefangen und am besten gefällt mir sein Buch '49 Depeschen'. Das ist eine Sammlung seiner Reportagen. Von Hemingway habe ich viel gelernt. Der Verlag sagte mir, wie viele Seiten ich schreiben durfte. Die Zeitungen, für die Hemingway als Kriegsberichterstatter die Krisengebiete dieser Welt bereiste, räumten ihm Spalten für seine Meldungen ein. So wie Hemingway den Verlauf einer Schlacht in zwei Spalten unterbringen musste, schrieb ich das, was ich sagen wollte, auf drei oder wenn ich durfte, auch auf fünf Seiten. Einen Unterschied gab es noch – er schrieb über Kriege, ich über Frauen und Schnaps.
Soweit ließ sich das alles ganz gut an. Wenn mir nur nicht so oft der Schnaps in die Quere gekommen wäre.
Bei meinem letzten Alkoholabsturz, da war ich Ende dreißig, hatte ich, ohne es anfangs zu ahnen, Glück. Ich geriet an einen Arzt, der mich nicht nur entmündigte. Er wollte mir helfen, von dem Zeug loszukommen, und überredete mich, freiwillig in der Psychiatrie zu bleiben und mich einer gezielten Behandlung zu unterwerfen. Unterwerfung, das ist genau das richtige Wort für das, was sie dort mit mir machten.
Danach war ich einige Jahre trocken. Bis ich meine Freundin mit einem anderen Mann im Bett erwischte. Einen Moment stand ich in der offenen Schlafzimmertür und sah dem Gewusel auf der Matratze zu, hörte ihr Gestöhne. Ich drehte mich um, ging in die Küche, holte die beinahe volle Flasche Cognac für Besucher aus dem Schrank, setzte sie an den Hals und trank sie halb leer. Nach ein paar Minuten wirkte der Schnaps und ich trank den Rest. Einen Moment überlegte ich, dann fiel mir das Beil ein, mit dem wir sonst die Hühner tranchierten. Ich griff mir das Fleischerbeil vom Haken in der Küche und ging zurück ins Schlafzimmer. Ich wollte den Kerl nicht umbringen, ihm nur die Eier abhacken. Inzwischen hatte er seine Hosen wieder an und ich verletzte ihn nur an der Schulter, nichts Schlimmes, ich war zu besoffen. In meinem Suff hätte ich mich eher selbst kastriert.
Es war nicht so sehr der Betrug oder dass ich die beiden in flagranti erwischt hatte. Dass da was neben mir lief, ahnte ich schon lange. Nein, stimmt nicht. Ich wusste es, wollte es mir selbst nur nicht eingestehen. Bis ich unplanmäßig in der Schlafzimmertür stand und sah, wie sie einem Kerl den Schwanz bearbeitete. Da konnte ich es nicht länger verdrängen. Sie hörte nicht etwa auf mit ihrer Lutscherei, war entsetzt oder schuldbewusst. Im Kino sagt die Heldin an dieser Stelle – es ist nicht so, wie es aussieht oder ähnlichen Blödsinn. Nein, sie sah mich an seinem Gehänge vorbei an, grinste und lutschte weiter, grinste zu mir hoch und lutschte auf Teufel komm raus. Als wollte sie mir irgendetwas beweisen.

Im Kindle-Shop: "schwarz - rot - tot"
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Eddy Zack auf seiner Website.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen