29. August 2016

'Die Sehnsucht der Albatrosse' von Karin Seemayer

Eine Frau, die nur für die Musik lebt.
Ein Mann, der für die See auf alles verzichtet.
Eine Reise, auf der beide an ihre Grenzen kommen.

Als die Sängerin Sarah nach einem Schiffbruch von einem Robbenschoner an Bord genommen wird, findet sie sich in einer harten Männerwelt wieder. Ausgerechnet hier trifft sie auf ihre verloren geglaubte Jugendliebe John Brandon, den Kapitän des Schiffes. Jenseits von Vernunft und Interessen erwachen die widersprüchlichsten Gefühle in ihr: Denn nicht nur Brandon bringt sie aus dem Gleichgewicht. Mehr und mehr fühlt sie sich zu dem Matrosen Peer Svensson hingezogen. Seine Geschichte von dem geheimnisvollen Flug der Albatrosse berührt sie ebenso wie sein Mut. Auf der Fahrt durch das stürmische Eismeer will sie mit ihrer Vergangenheit abschließen. Doch als die Robbenjagd erfolglos bleibt, kommt es zu einer blutigen Auseinandersetzung. Plötzlich steht Sarah zwischen den Fronten des Kapitäns und der Mannschaft – zwischen John und Peer …

Gleich lesen:
Für Kindle: Die Sehnsucht der Albatrosse
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
San Francisco, Januar 1904
„Du willst also tatsächlich diese unmögliche Reise machen?“
„Aber natürlich.“ Sarah strich sich ein paar widerspenstige Locken aus dem Gesicht und schenkte Kaffee nach. Das war also der Grund für den überraschenden Besuch ihrer Mutter. Sie wollte ihr noch einmal ins Gewissen reden.
„Und was ist mit deiner Tochter? Du kannst sie doch nicht einfach allein lassen.“ Elizabeths Stimme bebte vor Empörung.
„Mutter, bitte. Anne ist achtzehn Jahre alt, und sie ist nicht allein. Sie wird bei Tante Mary wohnen, solange ich nicht da bin. Eigentlich müsste dir das recht sein.“
Immerhin entsprach das Familienleben ihrer jüngeren Schwester sehr viel mehr den Vorstellungen ihrer Mutter als ihr eigenes.
Elizabeth zupfte an einer Haarsträhne, die sich aus ihrer sonst makellosen Frisur gelöst hatte. „Warum nimmst du sie nicht mit?“
Sarah seufzte leise und tauschte einen Blick mit ihrer Tochter. Um Annes Mundwinkel zuckte es, als müsse sie ein Lachen unterdrücken. „Ich kann jetzt nicht fort, Großmutter, ich bin im letzten Schuljahr.“
Unwillig schüttelte Elizabeth den Kopf. „Trotzdem. Es gehört sich einfach nicht. Noch nicht einmal dein Dienstmädchen nimmst du mit. Was sollen denn die Leute sagen, wenn es herauskommt, dass du allein reist?“
„Lass sie reden“, entgegnete Sarah ungehalten. Es war typisch für ihre Mutter, dass sie vor allem daran interessiert war, was die Leute sagten. Der Schein musste gewahrt werden. So war es schon immer gewesen. Sie hatte nicht einmal danach gefragt, warum sie fortwollte. Wahrscheinlich hielt sie diese Reise nur für eine weitere exzentrische Laune ihrer ungeratenen Tochter.
„Aber Kind! Du musst doch an deinen Ruf denken.“
Sarah stellte ihre Tasse so heftig ab, dass der Kaffee überschwappte. „Ich bin kein Kind mehr. Hör bitte auf, mich wie einen störrischen Backfisch zu behandeln. Ich werde fahren, egal was die Leute denken. Ich brauche Ruhe.“
„Damit du dich anschließend wieder halb entblößt auf irgendwelchen Bühnen herumtreiben kannst!“
Anne wandte sich ab und prustete in ihre vorgehaltene Hand, Sarah dagegen fand es überhaupt nicht komisch. „Ich zeige mich nicht ‚halb entblößt‘! Die Grand Opera ist schließlich kein Varieté!“
„Schrei mich bitte nicht an! Bei deinem letzten Auftritt hast du eine Prostituierte gespielt, und dein Kleid war sehr tief ausgeschnitten.“
„Vai a farti benedire!“, entfuhr es Sarah. „Das war die Violetta aus La Traviata, Himmel noch mal! Das ist eine Traumrolle.“
Und vielleicht meine letzte.
Unwillkürlich glitt ihr Blick zu der Zeitung, die auf einem Beistelltisch lag. Der San Francisco Call kündigte auf der ersten Seite an, in der Rubrik „With The Players And The Music Folk“ das Geheimnis um den überraschenden Rückzug der gefeierten Opernsängerin Emilia Rossi von der Bühne zu enthüllen.
Emilia Rossi alias Sarah Tanner.
Der Autor des Artikels erging sich in wilden Mutmaßungen. Von einer unglücklichen Liebe war die Rede und von der Rivalität zwischen den beiden Diven des Grand Opera House. Nichts davon entsprach den Tatsachen, und trotzdem, oder gerade deswegen, hatte dieser Text sie darin bestärkt, San Francisco eine Zeit lang den Rücken zu kehren. Sie floh. Vor den Nachstellungen der Reporter, vor dem Drängen des Direktors der Grand Opera, vor den bohrenden Fragen ihrer Kollegen.
Vielleicht floh sie auch vor sich selbst.
„Ich verstehe dich nicht.“ Elizabeth seufzte. „Warum ist dir diese Singerei nur so wichtig? Du hast es doch gar nicht nötig, dich auf die Bühne zu stellen.“
Sarah schloss die Augen. Für einen Moment zog ihr Leben an ihr vorbei, wie es ohne Musik aussehen würde. Angefüllt mit Handarbeiten, Kaffeekränzchen, Wohltätigkeitsveranstaltungen und Lesezirkeln. Ein Leben, wie ihre Mutter es führte. Sie wollte mehr. Seit sie denken konnte, war sie auf der Suche nach ‚mehr‘ gewesen. In der Musik hatte sie etwas davon gefunden. Wenn sie sang, vergaß sie ihre Umwelt, vergaß sie sich selbst. Sie legte ihre Seele in ihre Stimme und fühlte sich lebendig. Und frei.
„Du hörst mir gar nicht zu.“
Die pikierte Stimme ihrer Mutter riss sie aus ihren Gedanken.

Im Kindle-Shop: Die Sehnsucht der Albatrosse
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Karin Seemayer auf ihrer Website.



1 Kommentar:

  1. Ein Buch nicht nur für Leser von Liebesromanen. Spannend "seemaennisch" erzählt und mit vielen starken Charakteren. Habs verschlungen wie auch den Folgeband.

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