17. August 2016

'Die Sonne über dem südlichen Wendekreis' von Georg Adamah

Georg, Akademiker, Mitte vierzig, verlässt Hals über Kopf seine Frau, um sich in eine verhängnisvolle Affäre mit Susanna zu stürzen. Im Lauf dieser Beziehung manövriert er sich selbst immer tiefer in eine obsessive Abhängigkeit hinein. Als Susanna fünf Jahre später die Beziehung beendet, steht Georg am Rand eines Zusammenbruchs. Hin- und hergerissen von der Kränkung über Susannas Zurückweisung und seinen Gefühlen für sie, ist er ihr ausgeliefert und hat ihrem kalkulierten Vorgehen zunächst wenig entgegenzusetzen.

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Leseprobe:
Im Schlafzimmer meiner Großmutter, mit dem Bett, in dem sie starb, dessen Matratze natürlich inzwischen ausgetauscht wurde, dessen Laken neu und frisch gewaschen ist, ebenso neu wie die Kissen und Decken, die frisch bezogen sind mit dieser Bettwäsche mit den riesigen Rosenblüten, die nach Waschmittel und Weichspüler riecht, mit dem Armsessel, über den sich gnädig eine rotbraune Wolldecke gebreitet hat, mit dem Kleiderschrank aus gebeiztem Buchenholz, dessen kolossale Wucht dem Raum den Atem nimmt, mit dem Frisiertisch aus gebeiztem Buchenholz, in dessen Spiegel bösartige Melanome wuchern, mit den Nachtschränkchen aus gebeiztem Buchenholz, in deren Schubladen vergessene Ausgaben von „Vom Winde verweht“, „Anna Karenina“ und der Bibel verwesen, und in dem der Lavendelduft von Mottenkugeln ungestört sein Unwesen treibt, warte ich, bis meine Mutter mich endlich allein lässt. Dann greife ich zum Handy. Konstanze! Konstanze wird wissen was zu tun ist. Sie ist eine gemeinsame Freundin. Immer wenn Susanna und ich uns zankten, hat Susanna bei Konstanze Rat gesucht. Ganz bestimmt hat Susanna schon mit ihr Kontakt aufgenommen. Ich wähle Konstanzes Nummer. Freizeichen. Es dauert. Endlich zwitschert Konstanze ins Telefon:
„Hi, Dschordsch! Wie geht’s? Alles klar? Was macht ihr?“
„Hallo Konstanze, naja, es geht so. Sag mal, hast du was von Susanna gehört?“
„Nee, wieso? Was ist denn los?“
Das kann nicht sein. Lügt sie mich an? Spielt sie mir etwas vor, um Susanna zu schützen? Oder weiß sie wirklich nichts? Das ist so untypisch. Und deswegen umso beunruhigender. Einen Augenblick lang herrscht Stille.
„Dschordsch? Ist alles in Ordnung?“
Ich berichte.
„Nein, sie hat sich bis jetzt nichts von sich hören lassen“, wiederholt Konstanze, „aber sei ganz beruhigt, wenn sie sich meldet, werde ich mit ihr reden.“
Danach rufe ich Helmut an, spreche mit Bernhard, telefoniere mit Peggy, und rechne dabei fest damit, dass sie mir erzählen,
Unter uns,
hoffe, dass sie mir flüsternd berichten,
Im Vertrauen,
bete, dass sie verschwörerisch gestehen,
Aber behalte es für dich,
Susanna hätte mit ihnen gesprochen und sie hätten eine Idee, wüssten, was zu tun wäre, um sie umzustimmen, würden ihr gut zureden. Aber keiner hat von ihr gehört.
Ist das möglich? Susanna hat mit keinem von ihnen Kontakt aufgenommen? Sich mit niemandem beraten? Niemandem ihr Herz ausgeschüttet? Oder lügt mich einer von ihnen an? Wer kann es sein? Helmut vielleicht? Er ist mein Freund, mein bester Freund, zumindest dachte ich das immer. Aber hat er nicht immer hemmungslos mit Susanna geflirtet? Ich kann sein lautes Lachen hören, dieses dröhnende Johlen, das er immer hervorbrachte, um seinen eigenen Witz zu unterstützen, wenn er in Susannas Gegenwart eine zweideutige, anzügliche Bemerkung gemacht hatte, sein Lachen, das sich zwischen Susannas schrilles meckerndes Gekicher schiebt wie ein Schwanz zwischen die Schamlippen. Wäre ihm Susanna wichtiger als unsere Freundschaft? Oder weiß Konstanze doch mehr als sie zugibt? Oder hat Peggy mit Susanna Kontakt? Peggy und ich kennen uns erst seit sie mit Helmut zusammen ist. Und sie versteht sich super mit Susanna.
Ich muss aufpassen, sonst werde ich noch paranoid, muss ruhig werden. Jetzt bloß kühlen Kopf bewahren. Vielleicht hat sie tatsächlich niemanden aus unserem Freundeskreis kontaktiert. Vielleicht hat sie sich an eine ihrer Freundinnen gewandt, vielleicht an Karin, die mich eh nicht leiden kann, die applaudieren würde, die Susanna anfeuern würde wie die Zuschauer die Läufer beim Marathon auf dem letzten Stück der Strecke, so wie Peggy sie anfeuern würde, „Wenn was durch ist, ist es durch“, hat sie mal ihre Beziehungsphilosophie erklärt, „Das bringt dann nichts mehr, zu versuchen, das nochmal aufzuwärmen.“ Bestimmt hat Susanna Peggy kontaktiert und vielleicht war Susanna sogar bei Peggy zuhause, vielleicht war Helmut auch da, also doch, also weiß er doch mehr als er zugibt, er hat mich angelogen.
Stopp! Ich muss aufpassen, sonst werde ich noch paranoid.
Ich liebe dich nicht mehr. Nichts funktioniert. Wohin ich mich auch wende, es ist unerträglich, denn die Wahrheit ist, dass ich die Gegenwart nicht ertragen kann. Denn meine Gegenwart impliziert eine Zukunft ohne Susanna. Als wir uns kennenlernten, hat Susanna mich mit Aufmerksamkeit geradezu überschüttet. Und nach 20 Jahren Ehe war die Aufmerksamkeit einer Frau etwas, das mir abhandengekommen war. Sie pumpte mich damit voll und ich war wie auf Drogen. Ich fühlte mich großartig. Wie ein Junkie wurde ich abhängig von Susannas Begeisterung, von ihrer Zuneigung, von ihrer Anerkennung, von ihrer Euphorie. Und wenngleich ich ahnte, dass diese enthusiastische, leidenschaftliche, berauschende Aufmerksamkeit in ihrer Intensität nicht von Dauer sein würde, niemals von Dauer sein konnte, ließ ich mich doch darauf ein, denn der Versuchung nachzugeben war viel zu verlockend. Susanna wurde zu meinem Lebensinhalt, zum Zentrum meines Kosmos. Und mit einem Mal ist dieses Zentrum verschwunden.
Ich bin traumatisiert. Mein Atem rast, mein Herz trommelt gegen die Gitterstäbe meines Brustkorbs, als gelte es, das ahnungslose Rabenstein vor dem drohenden Einmarsch der Schweden zu warnen. Die kalte Angst quillt mir aus allen Poren. Ich bin unfähig, mich zu konzentrieren. Ich kann nicht lesen, ich kann nicht fernsehen. Ich kann nicht schlafen.
Ich kann nicht mehr mit dir.
Ich lege mich morgens um 2 Uhr schlafen und höre zwei Stunden später wieder auf, bin zu wach, um weiter zu ruhen, halte es im eigenen Bett nicht aus, halte es im Schlafzimmer nicht aus, halte es im Haus nicht aus, laufe.
Noch jetzt, da ich dies alles aufschreibe, erinnere ich mich ...
Ich erinnere mich an Morgendämmerungen.
Das dunkle Blau eines sternenbedeckten nächtlichen Septemberhimmels, an den sich eine hauchdünne, blasse Mondsichel schmiegt wie ein Mädchen an die Brust des schlummernden Geliebten. Das dunkle Blau, das gegen den Horizont allmählich blasser wird und schließlich übergeht in eine purpurne Röte, die von der Ankunft des neuen Tages kündet. Es ist atemberaubend. Aber was für ein neuer Tag? Was für eine Gegenwart, die nicht unerträglich ist? Egal wie erhaben sie aussieht. Jede Minute ist unerträglich, jeder einzelne Augenblick. Ich blicke auf die Uhr und warte, dass die Zeit vergeht. Worauf warte ich? Es gibt nichts, was ich tun kann.

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