22. August 2016

'Ratte Prinz' von Annette Paul und Krisi Sz.-Pöhls

Ich bin eine goldfarbene Ratte aus königlichem Geschlecht. Einer alten Prophezeiung nach bin ich ein verwunschener Prinz. Weil ich mich langweile, mache ich mich auf die Suche nach der Prinzessin, die mich erlösen soll.

Dabei gerate ich in ein Unwetter und werde in einen Kanal gespült. Da ich an den glatten Wänden nicht hochklettern kann, bin ich kurz vor dem Ertrinken. Zum Glück kommt das kleine Mädchen Raja vorbei und rettet mich. Allerdings erst, nachdem ich ihr versprochen habe, sie zur Prinzessin zu machen. Seitdem lebe ich in dieser verrückten Großfamilie. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, alle zurechtzubiegen und erlöst zu werden.

Gleich lesen:
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Leseprobe:
Schnell husche ich über den Weg. Das Wasser reicht mir bis zum Bauch. Nicht so schlimm, ich schwimme wie ein Weltmeister. In der Mitte der Straße ragt nur mein Kopf heraus, also paddle ich gelassen weiter. Die Strömung wird immer stärker. Wahre Sturzbäche überschwemmen alles. Im Straßengraben reißt mich die starke Strömung fort. Ich finde keinen Grund unter den Füßen. In einer Affengeschwindigkeit werde ich mit Schlamm, Dreck und Treibgut weggespült. Obwohl ich mit aller Kraft arbeite, schaffe ich es nicht, aus der Strömung herauszukommen. Mir bleibt nichts weiter übrig, als den Kopf über Wasser zu halten und auf eine gute Gelegenheit zu warten. Doch die ergibt sich nicht.
Wie ein Korken schleudere ich in eine Röhre hinein und stürze anschließend in einem Wasserfall hinab. Als ich unten wieder auftauche, bin ich ganz benommen. Erst nach einer Weile bemerke ich, dass der Sog nachgelassen hat. Ich bin in einem Kanal gelandet. Ich schwimme an den Rand, doch der hat überall nur glatte Wände. Es gibt keine Stelle, an der meine Krallen Halt finden. Und so schwimme ich herum, ohne einen Ausweg zu entdecken. Ich tauche und suche unter Wasser einen Abfluss, aber auch den gibt es nicht. Ich bin gefangen. Nicht einmal ein Stückchen Holz entdecke ich, auf das ich hinaufklettern könnte.
Erst paddele ich noch ganz entspannt herum. So ausgiebig habe ich lange nicht mehr gebadet. Mit der Zeit aber werden meine Beine müde. Stundenlang schwimme ich herum. Ich friere und meine Muskeln schmerzen. Schließlich wird es dunkel. Meine Kraft lässt nach und ich verzweifle immer mehr.
Endlich höre ich Schritte näherkommen. Das muss ein kleiner Mensch sein, so leicht wie sie klingen. Tatsächlich bleibt ein Kind am Rand des Kanals stehen. Soll ich um Hilfe rufen? Wird es mir helfen? Mein Herz klopft. Da ich nichts zu verlieren habe, rufe ich ganz laut: „Hilfe, ich ertrinke.“
Das Kind bleibt stehen.
„Ich komme hier nicht allein heraus.“
Das Kind dreht sich suchend um, entdeckt mich aber nicht.
„Ich bin im Kanal gefangen.“
„Hallo! Ist hier jemand?“ Das Kind dreht sich um, dann läuft es ein Stückchen am Kanal entlang.
„Lege bitte einen Ast von der Kante ins Wasser, dann kann ich hochklettern“, schreie ich, schon ganz verzweifelt. Hoffentlich macht es das, was ich sage.
Jetzt kniet es sich am Rand hin und schaut ins Wasser.
„Genau, hier unten“, rufe ich.
Das Mädchen lacht. „Du kannst sprechen?“
„Hilfe! Rette mich! Ich bin ein verwunschener Prinz, zum Dank werde ich dich heiraten und zu meiner Königin machen.“
Endlich schaut sich das Kind suchend um. Kann es sich nicht beeilen? Sonst ertrinke ich, bevor es einen Ast hinunterwirft. Schließlich wickelt es seinen Schal ab und hält ihn zu mir hinunter.
Ich schwimme hin und klettere mit letzter Kraft hinauf. Erschöpft sitze ich mit klopfendem Herzen und atmet tief ein und aus, bis ich endlich wieder sprechen kann. „Danke!“ Eigentlich will ich weghuschen, doch die Kleine ist schneller. Sie schließt ihre Hand und hält mich gefangen.
„Hau nicht einfach ab.“
„Tu ich gar nicht“, verteidige ich mich. Wer weiß, was sie mit mir vorhat.
„Du hast mir versprochen, dass ich Königin werde, wenn ich dich rette. Jetzt musst du dein Versprechen einhalten.“
Ich seufze. Vielleicht hat mein Bruder doch recht, wenn er meint, ich würde immer zu viel erzählen.
„Versprochen ist versprochen!“
Ich nicke ergeben.
„Ich nehme dich mit. Du siehst hübsch aus. Gar nicht wie eine Ratte, die im Dreck lebt.“
Ich hebe empört meinen Kopf hoch. „Ich lebe nicht im Dreck, sondern im Schloss. Ich stamme aus der königlichen Familie.“
„Sag ich doch.“ Die Kleine stopft mich in ihre Tasche. Und da sie trocken und warm und ganz gemütlich ist, beschließe ich, erst einmal zu bleiben. Außerdem habe ich mein Wort gegeben. Vielleicht hat die kleine Retterin eine große Schwester, die mich erlöst und meine Königin wird.
Die Kleine setzt sich in Bewegung und hopst nach Hause. Am Anfang schlägt mir ihr Gehüpfe etwas auf den Magen. Nach einer Weile läuft sie zum Glück gleichmäßiger und ich werde regelrecht in den Schlaf gewiegt.

Im Kindle-Shop: Ratte Prinz
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Annette Paul auf ihrem Blog.



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