23. September 2016

'Katzensitter' von Sandra Hausser

Als Hannah Bindhoffer und ihr Kollege Jens Hartmann zu einem Tatort mit weiblicher Leiche gerufen werden, deutet zunächst alles auf einen Selbstmord hin. Ein Abschiedsbrief, zeremonielle Beleuchtung und die passende Musik untermauern den Verdacht. Doch schon bald müssen die Kommissare feststellen, dass nichts ist, wie es der erste Eindruck vermittelt. Eine perfide Mordmethode und ein Täter, der keinem Muster zu folgen scheint und das Team Rhein-Main in Atem hält.

Gleich lesen: Katzensitter: Team Rhein-Main






Leseprobe:
23. August
Im Hochhaus am Stadteingang, in das Hannah Bindhoffer gerufen wurde, blieb sie zunächst orientierungslos vor den langen Reihen der Klingelknöpfe stehen. Sie versuchte, auf den Namen zu kommen, den der Kollege ihr mitgeteilt hatte. Nach kurzem Grübeln fiel es ihr ein, Reinheimer. Vermutlich ein Suizid, der wie alle Selbstmorde polizeilich bestätigt werden musste, hatte Schneider ihr gemeldet und gelangweilt geklungen. Sie verabscheute es, wenn jemand aus der Dienststelle sich anmaßte, Untersuchungen zu einem Freitod wie lästige Fliegen auf der Marmelade zu betrachten. Hannahs Empathieempfinden war so ausgeprägt, dass sie damit beruflich wie privat oft an Grenzen stieß. So mancher Scherz, gepaart mit Spott der Kollegen, zielte auf diesen Umstand. Doch sie weigerte sich, auch nur einen Schritt von ihrer Einstellung abzuweichen. Die Gefühle anderer Menschen außer Acht zu lassen, fand in ihrer Sichtweise zum Leben keinen Platz.
Die Herkunft einiger Familiennamen erahnte sie mühelos. Hannah stellte erneut fest, dass das alte HL-Hochhaus, wie es noch immer von etlichen Einwohnern der Nachbarstadt Raunheim genannt wurde, ein gutes Beispiel dafür war, wie viele unterschiedliche Nationen im Ort ein Zuhause fanden. Nachdem ihre Augen ein drittes Mal die immense Anzahl von Namen erfolglos überflogen hatten, drückte sie gegen die Eingangstür. Sie schnappte mit einem Klick auf und Hannah trat in den Flur. Auf dem Fußboden vor den Briefkästen lagen Stapel von Reklameblättchen, die ihren Weg in die Kästen nie gefunden hatten. Das ausgeblichene Farbbild und die Daten zu den Erscheinungswochen zeigten ihr, dass hier eine geraume Zeit nicht mehr aufgeräumt worden war.
Einige Postkästen quollen über und erweckten den Anschein, als seien die Besitzer seit Wochen verreist.
„Oder sie liegen tot in ihrer Wohnung und es bleibt einfach unbemerkt“, dachte sie niedergeschlagen. Keine Seltenheit, dass die Polizei von Nachbarn gerufen wurde, die einen unangenehmen Geruch meldeten. Wann sie ihren Mitbewohner das letzte Mal gesehen beziehungsweise gesprochen hatten, konnten sie häufig nicht beantworten.
„Verdammte Anonymisierung“, wisperte sie mit Blick auf die Briefkästen. Endlich fand sie den gesuchten Postkasten und las an den Gruppierungen ab, in welches der elf Stockwerke sie sich begeben musste. „Neunte Etage. Treppensteigen fällt aus, ich nehme den Lift!“
Als sie aus dem Fahrstuhl trat, schepperten laut die Bässe eines Heavy-Metal-Songs. Sie bog nach links in den schummrigen Hausflur und blieb an der letzten Tür der Reihe stehen.
Die Haustür der Familie Reinheimer war nur angelehnt. Die Kommissarin ging nach einem kurzen Klopfen, und ohne eine Antwort abzuwarten, hinein. Jens Hartmann stand mit einem Kollegen am Esstisch und diskutierte.
„He, Hannah, da bist du ja. Die Frau liegt im Badezimmer. Ist da vorne rechts“, erklärte er und drehte sich wieder weg.
„Moin, Hardy. Gibt es Erkenntnisse?“
„Schau sie dir erst einmal an, ich möchte wissen, was du denkst, bevor ich mich äußere.“
Er grinste. Jens Hartmann arbeitete bereits einige Monate mit Kommissarin Bindhoffer zusammen und zu Beginn von Ermittlungen vertraten sie oft unterschiedliche Meinungen. Der Kommissar liebte es, ihre Diskussionen lautstark vor den Kollegen auszutragen. Was in keinerlei Hinsicht etwas daran änderte, dass die Zusammenarbeit ausgezeichnet funktionierte. Dieser Umstand brachte Hartmann den Spitznamen Hardy ein, weil er beharrlich und hart seine Meinung vertrat. Hannahs andere Art, auf Dinge zu schauen und zu argumentieren, überzeugten ihn jedoch meist recht bald. Mit ihm als Partner zu ermitteln, empfand die Kommissarin als reine Wohltat, und es entsprach zudem ihrer Vorstellung von echtem Teamwork. Von Stefan Wagner, dem ihr früher zugeteilten Arbeitskollegen, konnte sie das nie behaupten. Er war unnahbar und arrogant in seiner Art und es gab keinen Zusammenhalt, sondern nur Intrigen und persönliche Ringkämpfe, die sie zermürbten. Hannah spielte zu jener Zeit monatelang mit, wartete auf eine Besserung und hoffte drauf, eines Tages als gleichwertig angesehen zu werden. Bis sie schließlich aufgab und die Versetzung nach Rüsselsheim beantragte.

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